Neue Technologien und die Pflege

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Beschleunigte technologische Entwicklungen

Entwicklungen im Bereich neuer Technologien gehen mit einer derart rasanten Geschwindigkeit voran, dass dadurch auch die Produkt- und Innovationszyklen deutlich reduziert werden. Bereits ein kurzer Blick in die Entwicklungen der letzten Jahre – erst recht der letzten Jahrzehnte – macht rasch deutlich, dass Vieles von dem, was kürzlich noch unvorstellbar erschien, längst alltägliche Realität geworden ist. Kann man sich heute Smartphones mit ihren unzähligen Einsatz- und Schnittstellenmöglichkeiten, Laptops, PCs, Navigationssysteme, unterschiedlichste Kommunikationssysteme usw. kaum noch aus dem Alltag wegdenken, so wissen wir zugleich, dass diese künstlichen Systeme eine Errungenschaft erst der letzten Jahre sind. Das Smartphone, von manchen ironisch mittlerweile als „Fernbedienung unseres Lebens“ bezeichnet, hatte gerade einmal vor etwa 10 Jahre das Licht der Welt erblickt. Ebenso offensichtlich ist jedoch, dass wir bei Vielem erst am Anfang stehen. Die Forschungs- und Entwicklungslabore arbeiten allerorts auf Hochtouren, um im Konkurrenzkampf neuer Innovationen Schritt zu halten oder Trendsetter zu sein. Dabei kommt diesen Entwicklungsprozessen der Umstand kumulativer Prozesse zugute: Was schon da ist, braucht nicht mehr erfunden zu werden – es kann als Grundlage für weitere Entwicklungsschritte genutzt werden. Dies beschleunigt Entwicklungszyklen etwa in den Bereichen Leistung, Effizienz, Qualität, Quantität, Miniaturisierung, Sicherheit erheblich. Rückfälle und Enttäuschungen sind freilich immer möglich und häufig die Tagesordnung, aber insgesamt weist die Richtung steile Tendenzen auf. Ob sich diese Tendenzen irgendwann abflachen werden, ist derzeit wohl nicht seriös zu beantworten. Die jeweiligen Entwicklungsschienen sind selbst für Kenner der Branche kaum noch überschaubar.

Sämtliche Lebensbereiche sind von diesen Entwicklungen tangiert, auch wenn dies den Einzelnen meist nicht bewusst ist. Das „digitale Hamsterrad“, wie es Richard David Precht einmal genannt hat, ist längst mitten im Alltag angekommen. Selbst so uralte grundlegende Unterscheidungen wie Natur und Kultur, Natur und Technik, natürlich und künstlich, Innen und Außen, Realität und Virtualität, Öffentlichkeit und Privatheit, Arbeit und Freizeit, Ich, Du und Wir werden allmählich brüchig. Von diesen Entwicklungen ist auch das Gesundheitssystem nicht ausgenommen, ja es wird hierdurch sogar neu justiert und umgestaltet. Dabei ergeben sich grundlegende Umstellungsprozesse, die sich bereits jetzt abzeichnen. Ein Beispiel vorweg: Mittels Deep Learning (oder neuronale Netze), Big Data und Content Analytics samt Artificial Intelligence lassen sich radiologische Auswertungen effizienter und treffsicherer auswerten als bisher. Ebenso kann durch künstliche Systeme Hautkrebs bereits jetzt besser erkannt werden als von Experten. Ähnliches gilt für drohende Herzinfarkte. Von Hybrid-OPs, 3-D-Druck, Bioprinting oder Roboter-OPs ist hier noch gar nicht die Rede. Laut ASVG § 133 (2) soll ja bekanntlich „die Krankenbehandlung ausreichend“ und „zweckmäßig“ sein, aber „das Maß des Notwendigen nicht überschreiten“. Vielfältige technologische Unterstützungsoptionen sollen dieses Ziel aktuell und künftig noch besser erreichbar machen. Selbst wenn Erstanschaffungen teilweise kostspielig sein mögen, rechnet sich ihr Gesamtoutput schlussendlich, insbesondere im Blick auf Qualität und Quantität von Leistungsangeboten. Zukunftsvisionen und möglichen Einsatzszenarien sind kaum Grenzen gesetzt. Wie gesagt, stehen wir bei Vielem allererst am Anfang.

Das „digitale Selbst“

Durch den enormen Zuwachs an digitalen Schnittstellen für die Interaktion des Subjekts mit der Umwelt und mit sich selbst und den damit einhergehenden Veränderungsprozessen im Blick auf Informationsbeschaffung, Informationsgenerierung und Informationsauswertung ergeben sich veritable Umstellungsprozesse für die jeweiligen Akteure im Gesundheitswesen. Wenn wir heute bereits vom „digitalen Ich“ oder „digitalen Selbst“ sprechen, dann ist dies kein Euphemismus mehr oder eine hypertrophe Selbstinszenierung futuristischer Cyborg-Vorstellungen, sondern die Nutzung vielfältigster digitaler Angebote für die eigene Lebensgestaltung. Durch das eigene Entwerfen von Lebensmöglichkeiten und Lebensrealisierungen finden immer mehr digitale Angebote den Weg zum Einzelnen in seinem Umgang mit Gesundheitsangeboten. Längst hat die IT-Industrie den kaum ausschöpfbaren Gesundheitsmarkt als ihre Domäne entdeckt und investiert Unsummen in Entwicklungen, die letztlich dem Individuum und dem gesamten Gesundheitssystem zugutekommen sollen, aber natürlich auch den ökonomischen Unternehmensinteressen. Dabei bestehen bereits jetzt enorme Möglichkeiten für den Einzelnen, gewissermaßen sein gesamtes Alltagsleben in gesundheitsrelevanter Perspektive so screenen bzw. tracken zu lassen, dass aus dieser umfassenden Analyse relevante Schlüsse für das eigene Agieren im Alltag gezogen werden können. Hierfür ist es meist schon ausreichend, wenn man ein aktuelles Smartphone mit entsprechenden Schnittstellen besitzt. Hinzu kommen aktuell kaum noch überschaubare Angebote im Bereich der Wearables, die direkt mit den entsprechenden Devices aufgrund von implementierten Sensoren kommunizieren. Dieses Setting, verbunden mit Online-Analyse-Tools und Social-Media-Anbindungen, erlaubt eine umfassende Auswertung körperrelevanter Parameter mit dazugehörigen Angeboten (bzw. Anweisungen) für eine verbesserte Körper- und Geistesleistung, also insgesamt für eine bessere Gesundheitsperformance. Mittlerweile ist hier von „Selftracking“, „Lifelogging“ und „Quantified-Selfer“ die Rede. In vielen Fällen reicht es aber auch schon, sich mit seinen gesundheitsrelevanten Fragen mittels PC, Notebook, Tablet oder Smartphone an einschlägige Foren oder Online-Auskunfts­stellen zu wenden, um einen tieferen Einblick in den eigenen Gesundheits- oder Krankheitszustand zu erhalten. Das, was am eigenen Leben messbar ist, wird auch messbar und auswertbar gemacht, in Online-Profilen gespeichert und ausgewertet und in einen Zusammenhang gebracht. Der Einzelne kann (oder sollte) fortan auf diese Auswertungen mit einem adaptierten Verhalten reagieren. Ob Gewicht, Körpergröße, Puls, Blutdruck, Herzrhythmus, Schlafphasen und ‑gewohnheiten, Nahrungsaufnahme, körperliche Ertüchtigung, sexuelle Betätigung, äußere und innere Stresssituationen oder ‑parameter, Glücks- oder Unglücksempfinden, Wohlbefinden, Menstruationszyklen, Medienverhalten, Trinkverhalten, künftig auch einfach gestaltete Blutzuckermessungen oder andere relevante – etwa metabolische Daten – alles kann online zusammengeführt und zu einem personalisierten Gesamtpaket geschnürt werden, das zu einem „gesünderen“ Lebensstil qua Selbstmanagement beiträgt.

Im Blick auf pflegerelevante Entwicklungen sind Sensoren und ihre gezielten Anbindungen und Kommunikationsstränge besonders attraktiv. Im AAL-Bereich (Ambient Assisted Living) etwa können Sensoren die Pflegeleistungen erheblich erleichtern, da beispielsweise über Stürze, Nässe, Unruhe, Medikamenteneinnahme, Flüssigkeitsaufnahme, Vitalparameter u.v.m. informiert und so eine gezielte (ärztliche oder pflegerische) Intervention durchgeführt werden kann. Umgekehrt ermöglichen diese Angebote ein zunehmend selbstständiges und selbstbestimmtes Leben für Betroffene. Optionen dieser Art sind natürlich sowohl im extra- wie im intramuralen Bereich einsetzbar. Wir kommen darauf noch zurück.

Eine heikle Frage ist indes, wie weit sich Pflegende selbst über Sensoren tracken lassen sollten, um ihre eigenen Gesundheitsfaktoren zu kennen. Denn immerhin besteht ja nach ICN-Ethikkodex und gemäß aktueller Ausbildungsverordnung des GuKG eine (Selbst-) Verpflichtung von Pflegenden, auf ihre eigene Gesundheit zu achten. Wie weit diese Verpflichtung reicht oder reichen sollte, ist freilich unbestimmt. Die zahlreichen und noch zu erwartenden digitalen Angebote lösen jedenfalls auch etliches Unbehagen aus und stellen vor ethisch wichtige Fragen. Eine zunehmende Durchdigitalisierung von Lebenswelten scheint nämlich durchaus auch die eigenen persönlichen Handlungsspielräume zu reduzieren und eine Diktatur von Zahlen und Parametern heraufzubeschwören. Irgendwann muss man sich ja dann die Frage gefallen lassen, warum man etwa auf die gesundheitsrelevanten Vorgaben von elaborierten (evidenzbasierten) Systemen verzichtet, sich also gerade nichts Gutes tun will. Die Antwort unter Rückgriff auf die eigene Selbstbestimmung, sich auch etwas Schlechtes antun zu dürfen, erscheint dann zumindest prekär – wenngleich in ethischer Hinsicht durchaus erwägenswert („Recht auf Gesundheit“ impliziert keine „Pflicht zur Gesundheit“). Zu einem gesellschaftlichen Druck zu gesundheitskonformen Verhalten könnte es hingegen sehr wohl kommen, da diejenigen, die sich stets gesundheitskompatibel verhalten, immer weniger einsehen, warum sie für die anderen permanent finanziell aufkommen sollen.

Jedenfalls wird man durchaus sagen können, dass digitale Angebote die Themen „Health Literacy“ und „Empowerment“ befördern und so zu einer gewissen Gesundheitskompetenz und ‑verantwortung beitragen – wie immer diese dann auch aussehen mag und welche Folgeprobleme damit verbunden sind. Freilich ist mit dieser Entwicklung auch eine Umstellung im Arzt-Patienten-Verhältnis verbunden, so dass ein klassischer (und hoffentlich alsbald veralteter) Paternalismus einem Verhältnis auf Augenhöhe weicht – nämlich als Partner. Dieses partnerschaftliche Verständnis, das auch für die Pflege von besonderer Relevanz ist, hat gleich mehrere Vorteile, die hier allerdings nicht erörtert werden können.

Neue Technologien und ihre Relevanz für das Gesundheitssystem

Eine kurze Auflistung soll darstellen, welche technologischen Entwicklungen derzeit und künftig beforscht werden. Dabei haben zahlreiche dieser Entwicklungen auch Folgen für pflegerisches Handeln und für den Pflegeberuf insgesamt.

  • Telemedizinische Optionen
  • Sensorik, Tracking, eHealth und Datenauswertung (auch AAL-Bereich)
  • Robotik
  • Künstliche Intelligenzsysteme, Supercomputer (Watson), Big Data, Content Analytics und alltagstaugliche Umsetzungen
  • Autonome Systeme (Fahrzeuge, Geräte, assistive Komponenten usw.)
  • Verschmelzung von Gewebe und Technologie
  • 3D-Druck und Bioprinting
  • Gentechnologische Verfahren und Synthetische Biologie (einschl. Personalisierte Medizin)
  • Brain-Computer-Interfaces, Neurochips, tiefe Hirnstimulation
  • Neuro-Enhancement, Emotionserkennung
  • Bionik, Exoskelette
  • Gamification, VR- und AR-Welten in Therapie, Ausbildung, Kommunikation usw.
  • Nanobots, smarte Tabletten usw.
  • Pharmakologische Neuansätze und Durchbrüche

Die einzelnen Bereiche, die für sich wiederum zahlreiche Verzweigungen, Vernetzungen und Überschneidungen aufweisen, können hier nicht detailliert erörtert werden. Grundsätzlich geht es stets um Effizienzsteigerung der Gesundheitsversorgung bei möglichen (aber nicht immer gewährleisteten) Einsparungspotenzialen. Damit einher gehen Umstellungsprozesse auf den verschiedenen Ebenen der Gesundheitsplayer. So werden veränderte und/oder neue Kompetenzen erfordert und ein Arbeitskräftemangel könnte durch Technologien abgepuffert werden. Ein Beispiel hierfür wäre etwa Japan, wo ein notorischer Pflegepersonalmangel durch Roboter kompensiert werden soll und kann. Vorausgesetzt ist dabei jedoch, dass Technologien, insbesondere Roboter, von allen Beteiligten gut angenommen werden. In asiatischen Ländern lässt sich diesbezüglich eine entsprechende Hochschätzung und Akzeptanz beobachten, während europäische Bevölkerungen eher distanziert auf diese Entwicklungen reagieren.

Dass Digitalisierung, die ja nun auch von der aktuellen österreichischen Regierung ganz oben auf die Agenda gesetzt wurde, auch einen erheblichen Effekt auf die Arbeitswelt haben wird, ist längst offensichtlich. Gestritten wird lediglich darüber, ob hierdurch eine Zunahme von Arbeitsplätzen oder eine Wegrationalisierung die Folge sein wird. Letzteres scheint für etliche Berufe jedenfalls nicht unwahrscheinlich. Pflegeberufe stehen hier in einem besonderen Spannungsfeld, denn einerseits ist ein Mangel an Pflegepersonal zu erwarten (z.B. durch höhere Lebenserwartung), der durch künstliche Systeme abgefedert werden könnte. Andererseits bestehen durchaus Befürchtungen um künftige Pflegearbeitsplätze. Nun ist es freilich so, dass Menschen die grundlegende anthropologische Veranlagung mitbringen, mit anderen Menschen zu tun haben zu wollen. Das menschliche Gegenüber, hier repräsentiert durch die Pflege, ist für Pflegebedürftige geradezu ein Must-Have. Pflegeberufe zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass sie diejenigen sind, die am intensivsten und intimsten mit Patienten zu tun haben. Darum kommt ihnen eine eminente Rolle im zwischenmenschlichen Umgang mit Patienten zu. Vor diesem Hintergrund könnte es durchaus sein, dass gerade diese Kompetenzen künftig vermehrt ins Zentrum rücken (sollten), während andere (eher technische) Tätigkeiten sinnvoll an assistive künstliche Systeme delegiert werden könnten. Dieses Delegieren hätte mehrfache Entlastungen für Pflegende zur Folge (etwa auch Zeitersparnis und Körperschonung) samt qualitativ und quantitativ hochwertiger Versorgung für Patienten. Denn es ist durchaus nicht unrealistisch, dass gerade manche sog. Hard Skills von technischen Systemen effizienter bewerkstelligt werden. Für die Pflege würden folglich die bislang eher als Soft Skills betitelten Kompetenzen in den Vordergrund rücken und damit die eigentlich typischen menschlichen Qualifikationen. Schwer einzuschätzen ist jedoch der Umstand, ob auch künftige Generationen von Pflegebedürftigen die angesprochene anthropologische Veranlagung (es mit Menschen zu tun haben zu wollen) in vergleichbarer Weise bewerten. Künftige Pflegebedürftige könnten eventuell technisch gestützte Interaktionen den persönlichen vorziehen, sind erstere doch weniger konfliktträchtig. Menschliche Beziehungen sind hingegen stets spannungsreich und konfliktbeladen.

An dieser Stelle müssen auch Grundfragen erörtert werden, nämlich nach dem generellen Status von Gesundheitsberufen. Und hier muss letztlich damit ernst gemacht werden, dass stets der Patient mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt zu stehen hat. Es geht also schlussendlich nicht darum, wie wir bestimmte Berufe um jeden Preis am Leben erhalten, sondern darum, was Patienten für ihre Gesundheitsversorgung brauchen. Es macht ja wenig Sinn, bestimmte Berufe um ihrer selbst willen – als Selbstzweck – weiterzuführen, sondern diese sind stets funktional zu bestimmten, nämlich in ihrer Funktion für Betroffene bzw. Patienten. Sie sind eben Dienstleistungen. Wie schon anfangs angedeutet, sind hier nicht nur Pflegeberufe im Gesundheitssystem von diesen Entwicklungen tangiert, sondern auch ärztliche Berufe oder z.B. Verwaltungsdienstleistungen. Auch ein eventueller Mangel an Rettungsfahrern könnte u.U. durch selbstfahrende (autonome) Fahrzeuge kompensiert werden. Derartige Fahrzeuge hätten zudem fundamentale Bedeutung für die Lebensqualität von Pflegebedürftigen und würden das Set an Angeboten für ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben deutlich erweitern.

Insbesondere der Robotik-Bereich mit seinen weiteren Verästelungen (etwa KI, Big Data, Sensorik, Telemedizin usw.) dürfte sich als besonders relevant für die Pflege erweisen. Dass die Pflegerobbe „Paro“ längst ein Hit, insbesondere bei Pflegebedürftigen mit Demenzerkrankung, geworden ist, braucht kaum noch erwähnt zu werden. Und das, obwohl diese Robbe gar nicht sehr viel „kann“. Nicht sehr viel anders sieht es mit „Hobbit“ aus, der derzeit in österreichischen Pflegeeinrichtungen getestet wird. Vielleicht sollte man sich künftig überhaupt wieder abgewöhnen, von „Pflegerobotern“ zu sprechen, da Pflege eben mehr und anderes ist als das, was Roboter (derzeit) tun und können. Man sollte wohl eher von assistiven Technologien, Assistenzsystemen oder Assistenzrobotern sprechen. Und genau das sollen sie auch sein – und bleiben: Unterstützung für bestimmte Tätigkeiten. Aber für diese Unterstützungsleistungen lässt sich eine Vielzahl von Verwendungsbereichen angeben, wie etwa Unterstützung bei der Kommunikation, bei Gesundheitsparametern, bei Ernährung und Intimpflege, Sicherheit und Überwachung, Erinnerung und Assistenz bei alltäglichen Verrichtungen wie Einkauf, Haushalt, Bewegung und Mobilität, Flexibilität, Kontaktnahmen, Ämterwege, Medikamente, als Umbetthilfen, bei Reinigungsarbeiten, Dienstleistungen, Spielen u.v.m.

Es wurde bereits erwähnt, dass asiatische Bevölkerungen im Unterschied zu europäischen eher positiv-neugierig auf künstliche Systeme reagieren. Aber auch hierzulande steigt die Akzeptanz gegenüber Robotern zumindest dann, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind, wie etwa die Förderung von Autonomie, Unabhängigkeit, Mobilität, Orientierungsfähigkeit, Wahrung der Intimsphäre, Datensicherheit, Abwehr von stationären oder ambulanten Aufnahmen, Gesundheitsmonitoring und Prävention, Erleichterung der Kontaktmöglichkeiten, Qualitätssteigerung, Reduktion von Ängsten, Verlässlichkeit und Usability. Die durchaus auch kulturell geprägte Distanz weicht etwa dann, wenn die Vorteile bestimmter Systeme eingesehen und erprobt werden können. Und dies nicht nur bei Pflegebedürftigen, sondern auch beim Personal. Ähnliche Umstellungsprozesse gab es in der Vergangenheit permanent und so wurde auch das Automobil irgendwann gerne als Ersatz von Kutschen o.dgl. akzeptiert – bei ebenfalls anfänglichem Widerstand. Selbst solche für manche Menschen skurril anmutenden Systeme wie Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer-Interfaces: BCI) können umgehend gut akzeptiert werden, wenn dadurch für bestimmte Patienten (etwa Locked-In-Patienten, Parkinson, Lähmung, Schlaganfall, Tremor, Alzheimer, Epilepsie, Depression, Abhängigkeitssyndrome usw.) plötzlich eine sinnvolle Interaktion mit der Umwelt möglich wird. Ich breche an dieser Stelle die angerissenen Überlegungen ab.

Abschließende Bemerkungen

Vor dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen dürfte deutlich geworden sein, dass technologische Entwicklungen dieser Art ein enormes Potenzial, auch und gerade für die Pflege, in sich bergen. Ebenso deutlich dürfte aber auch sein, dass erheblicher Klärungsbedarf über bestimmte Fragen besteht. Insbesondere sind es gesamtgesellschaftliche Herausforderungen und ethische Fragen, die der Diskussion bedürfen. Diese Themenbereiche können hier aber nur noch angedeutet werden. Dabei besteht eines der Probleme schon darin, dass diese Entwicklungen derart beschleunigt vor sich gehen und unübersichtlich stattfinden, dass man kaum angemessen darauf reagieren kann, erst recht nicht mit notwendigen öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen. Aktuelle Diskurse sind häufig dadurch geprägt, dass sie lediglich auf einzelne Aspekte, nicht jedoch auf Gesamtentwicklungen fokussieren. Volkswirtschaftliche Gesichtspunkte etwa werden meist überhaupt marginal erörtert, da kaum verlässliche und belastbare Daten zur Verfügung stehen. Eine umfassende Stakeholderanalyse oder Technologiefolgeabschätzung mitsamt Verträglichkeitsprüfung sind hier ebenfalls kaum greifbar. Vorteile (Nutzen) und Risiken bzw. Gefahren müssen allererst sorgsam und differenziert abgewogen werden, was bislang noch aussteht. Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer (die es fast immer auch gibt)? Auch Verantwortungsfragen sind häufig noch nicht abschließend geklärt (z.B. jene der Hersteller). Der kurzsichtige Slogan: „Nicht Waffen töten, sondern Menschen töten!“ unterschätzt das inhärente Potenzial (der Slogan ist ohnehin in sich schon brüchig, weil Projektile töten, nicht Waffen überhaupt oder Menschen an sich). Darüber hinaus muss über Sicherheitsnetze und kleine Umsetzungsschritte gesprochen werden, die bei Bedarf eine rechtzeitige Intervention erlauben. Zudem sollte davor gewarnt werden, etwa Ökonomen die Entscheidungshoheit zu überlassen, da sie die ethischen Dimensionen häufig unterschätzen (wie die Vergangenheit reichlich zeigt).

Abschließend müssen diese Entwicklungen parallel zu ihrer Konstruktion und Produktion ethisch und kritisch begleitet werden, wozu etwa die vier ethischen Prinzipien von Beauchamp und Childress sehr gut herangezogen werden können und die sich im Gesundheitswesen als äußerst leistungsfähig empfohlen haben. Dabei handelt es sich um die Prinzipien der Selbstbestimmung (und der Menschenwürde), des Nichtschadens, der Fürsorge und der Gerechtigkeit. Diese vier Prinzipien müssen jeweils differenziert erörtert und sorgsam gegeneinander abgewogen werden. Dies kann hier nicht mehr detailliert geleistet werden, sollte jedoch als Hintergrunddiskurs permanent präsent sein.

Literatur

Die hier angebotene Literatur ergänzen einzelne Themen des Aufsatzes bzw. fungieren als entsprechende Referenzen. Dabei handelt es sich an etlichen Stellen lediglich um einen segmentierten Ausschnitt aus der z.T. in manchen Bereichen beinahe unüberschaubaren Literaturfülle.

Arbeitsplätze der Zukunft siehe u.a.: http://winfuture.de/news,76098.html; http://winfuture.mobi/news/83948; http://www.wiwo.de/technologie/digitale-welt/kuenstliche-intelligenz-gefaehrden-roboter-den-arbeitsmarkt/10303106.html; http://www.wiwo.de/erfolg/trends/arbeiten-der-zukunft-wenn-der-roboter-die-befehle-gibt/10617042.html; http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/12/26/technologie-jeder-zweite-job-wird-durch-automatisierung-wegfallen/; http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/automatisierung-roboter-ersetzen-menschen-in-der-haelfte-aller-berufe,10808230,26741978.html.

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Andreas Klein
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Dr. Andreas Klein ist Dozent (PD) und Univ.Lektor an der Universität Wien und Eigentümer von Ethik Consulting Klein GmbH. Er studierte, promovierte und habilitierte Evangelische Theologie an der Universität Wien. Die inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Bereich Ethik, vor allem Ethik im Gesundheitswesen und Medizinethik, neue Technologien und ihre ethischen Herausforderungen in Gesellschaft und Gesundheits- wesen, Digitalisierung, Gehirn- und Verhaltensforschung mit ethischen Implikationen, Willensfreiheit.

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