„Nachhaltig wäre es, wenn sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber Pflegenden ändert“

Zwischenruf zu einer RKI-Empfehlung

(C) Maridav

In der vergangenen Woche musste ich mir die Augen reiben. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin verkündete: „Ist die adäquate Versorgung der Bewohner durch Personalengpässe nicht mehr möglich, kann es notwendig sein, die bestehenden Empfehlungen zum Umgang von Kontaktpersonen anzupassen. Aufgrund des mit der Anwendung der Optionen einhergehenden erhöhten Risikos der Weiterverbreitung von Infektionen mit SARS-CoV-2, dürfen die Handlungsoptionen nur angewendet werden, wenn alle anderen Maßnahmen zur Sicherstellung einer unverzichtbaren Personalbesetzung ausgeschöpft sind.“ ( https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Personal_Pflege.html )

Es mag nachvollziehbare und möglicherweise sogar evidenz-basierte Begründungen geben, die das maßgebliche Hygiene-Institut im deutschen Sprachraum zu dieser Mitteilung bewegt. Dies mag ich gar nicht in Frage stellen. Trotzdem ärgert mich diese Mitteilung bis auf die Knochen. Denn dem Missbrauch von Personalressourcen öffnet sie Tür und Tor.

Kliniken und Pflegeeinrichtungen kämpfen in der Corona-Krise darum, Schutzkleidung und Schutzmasken für die Pflegefachfrauen, Pflegefachmänner und alle zu bekommen, die die pflegerische und medizinische Versorgung für Infizierte, aber natürlich auch für viele andere erkrankte und pflegebedürftige Menschen sichern. Die Mehrheit der Pflegenden dankt es ihnen, indem sie bis zur Grenze der eigenen Belastbarkeit dem beruflichen Auftrag nachkommen.

Das RKI stellt quasi in einem Verwaltungsakt die Möglichkeit in den Raum, dass die Belohnung für die aufopferungsvolle Arbeit von sogenannten Kontaktpersonen die Reduzierung einer häuslichen Quarantäne auf sieben Tage nach Exposition folgen kann. Das kommunale Gesundheitsamt wird in die Komplizenschaft mitgenommen. Seit ich diese Ankündigung des RKI gelesen habe, beschäftigt mich das Gefühl, vergleichbare Procedera bereits zu kennen. Wenn die Versorgung kranker Menschen nicht mehr gewährleistet werden kann, dann werden mit einem Handstrich die Qualitätsstandards gesenkt.

Dies geschieht nicht nur in Zeiten des Corona-Virus. Dies gehört zum Alltag in der Versorgung kranker und pflegebedürftiger Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Selbst wenn Pflegende in Ambulanzen, auf peripheren Stationen oder in der psychiatrischen Versorgung Opfer gewalttätiger Übergriffe werden, heisst es, dass dies doch ein bekanntes Berufsrisiko sei, mit dem die Einzelne und der Einzelne leben müsse. Das persönliche Umfeld beruflich Pflegender muss schließlich auch damit leben, wenn sie einer höheren Gefährdung durch Viren ausgesetzt sind.

Wenn ich dann gleichzeitig in diesen Tagen erlebe und davon höre, dass unter anderem Pflegenden mit regelmäßigem Klatschen für den Einsatz an der Versorgungsfront gedankt wird, dann bin ich mehr als nachdenklich. Was als Zeichen der Solidarität gedacht ist, wird (mag es noch so ehrlich sein) schnell verhallen. Genauso wird es sich mit den Forderungen nach mehr Lohn für Pflegende verhalten. Höhere Arbeitsentgelte haben keine Nachhaltigkeit.

Nachhaltig wäre es, wenn sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber Pflegenden ändern. Pflegende haben Familie und Freunde. Sie sind nicht nur mitbetroffen, wenn die Standards für eine häusliche Quarantäne oder die Ausstattung mit Schutzmaterial gesenkt werden. Sie müssen oft mittragen, dass die Rahmenbedingungen für beruflich Pflegende nicht passen. Dienstpläne werden kurzfristig umgeschmissen, für die Arbeitszeitgestaltung werden erst gar keine Standards definiert. Dies regelt sich ja vor Ort. So regelt sich wohl auch vor Ort, was eine unverzichtbare Personalbesetzung bedeutet.

Bei der Sprachlosigkeit des RKI bin ich nicht nur sprachlos. Ich raufe mir die Haare.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at