Mittelmeer: EU-Staaten müssen der „Ocean Viking“ einen sicheren Hafen zuweisen

Rescued people are helped on board the Ocean Viking after being rescued by MSF and SOS Mediterranee on August 10 in the Central Mediterranean Sea.

Wien, 13. August 2019. Die Crew des Rettungsschiffes „Ocean Viking“ hat bei den maltesischen und italienischen Seenotrettungsleitstellen die Zuweisung eines sicheren Ortes zur Ausschiffung der Geretteten an Bord angefragt. Die 356 Männer, Frauen und Kinder waren bei vier Rettungen an vier aufeinanderfolgenden Tagen im zentralen Mittelmeer von den Teams der Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) und SOS Mediterranee aufgenommen worden. Die beiden Rettungsleitstellen sind die nächstgelegenen, die angesichts ausbleibender Antworten der libyschen Behörden helfen können.
„Die Körper einiger Geretteter zeigen erschütternde Anzeichen physischer Gewalt aus der Zeit in Libyen. Die Menschen sind auch psychisch gezeichnet“, sagt Jay Berger, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen an Bord der „Ocean Viking“. „In Libyen herrscht ein bewaffneter Konflikt, und viele gefährdete Flüchtlinge sind in Internierungslagern nahe der Front gefangen. Wir fragen nun einen sicheren Ort an, um die verletzlichen Menschen auf unserem Schiff ohne Verzögerung an Land gehen zu lassen. Sie haben genug gelitten.“

Obwohl die Crew die libyschen Behörden vor und während allen vier Rettungen zwischen Freitag und Montag kontaktiert hat, reagierten diese nicht auf die Seenotmeldungen. Die libysche Leitstelle (Libyan Joint Rescue Coordination Centre, JRCC) reagierte lediglich zweimal, indem sie erklärte, die Geretteten sollten nach Libyen zurückgebracht werden. Das Zurückbringen von Menschen in ein Konfliktgebiet, in dem sie akuter Gefahr ausgesetzt sind, ist jedoch völkerrechtswidrig. SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen werden unter keinen Umständen Menschen nach Libyen zurückbringen. Die „Ocean Viking“ ist daher nun auf dem Weg nach Norden, ohne dass ihr ein sicherer Hafen zugewiesen wurde.

„Wir haben die Menschen nur retten können, weil unsere Crew unentwegt das Gebiet abgesucht hat. Die für die Seenotrettung zuständigen Behörden haben keine Informationen mit uns geteilt“, sagt Nick Romaniuk, Rettungskoordinator von SOS Mediterranee an Bord der „Ocean Viking“. „Nur einmal konnten wir Funkkontakt mit einem der drei EU-Flugzeuge herstellen, die nach Schlauchbooten in Seenot Ausschau hielten. Die staatlichen Stellen räumen augenscheinlich ihrer Pflicht, Menschenleben zu retten, keine Priorität ein.“

Die allermeisten der geretteten Menschen berichten, dass sie während ihrer Flucht zum Opfer willkürlicher Inhaftierungen, von Erpressung, Folter oder von Zwangsarbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen geworden sind. „Die Menschen, darunter auch Minderjährige, haben mir berichtet, wie sie misshandelt wurden“, sagt Luca Pigozzi, Arzt an Bord der „Ocean Viking“. „Sie wurden mit Elektroschocks gefoltert, mit Gewehren und Stöcken geschlagen und mit geschmolzenem Plastik verbrannt.“ Von den 103 Minderjährigen auf der „Ocean Viking“ werden nur elf von einem Elternteil oder einer anderen Bezugsperson begleitet.

Die Hebamme Stefanie Hofstetter leitet das medizinische Team von Ärzte ohne Grenzen an Bord der „Ocean Viking“. Sie berichtete am Sonntag nach der zweiten Rettung:
„Die Menschen auf dem ersten Boot haben uns berichtet, dass sie tagelang der Hitze ausgesetzt waren und seit etwa zwei Tagen kein Trinkwasser mehr hatten. Wir haben die Folgen auch in unserer Klinik gesehen: Die Menschen der ersten Gruppe waren dehydriert. Die meisten konnten sich glücklicherweise innerhalb von 24 Stunden davon erholen. Bei den Menschen der zweiten Rettung konnten wir deutlich sehen, dass die Menschen noch länger der Hitze ausgesetzt waren und kein Trinkwasser hatten. Sie waren etwa drei Tage auf See und viel schwächer, als wir auf den ersten Blick sehen konnten. Die Geflüchteten hatten zum Beispiel Schwierigkeiten zu gehen und konnten ihr Gleichgewicht nicht halten. Ein paar von ihnen sind fast zusammengebrochen und wir mussten sie direkt hinlegen. Dann wählten wir ein paar Kräftige aus der ersten Gruppe aus, die sich neben die Schwächeren setzen konnten, um sicherzustellen, dass sie trinken und so ihren Flüssigkeitsbedarf ausgleichen. Die ersten haben sich nach sechs Stunden erholt. Und jetzt, nach fast 24 Stunden, scheint es ihnen viel besser zu gehen. Sie sind viel stärker, aber einige von ihnen sehen noch immer sehr müde aus.“

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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