„Miteinander den „Abstieg in die Hölle“ zu wagen“

16. Dezember 2020 | Christophs Pflege-Café | 0 Kommentare

Die Psychiaterin Katharina Drexler beschäftigt sich in der therapeutischen Arbeit mit der transgenerationalen Traumatisierung. Dabei geht es um die Übertragung und den Einfluss von emotionalem Schmerz von Menschen von der einen auf die andere Generation. In den vergangenen Jahren ist dieses Thema immer mehr in den Fokus geraten. Christoph Müller suchte den Kontakt zur Psychiaterin Dr. Katharina Drexler.

Christoph Müller In den beiden Büchern „Ererbte Wunden erkennen“ und „Ererbte Wunden heilen“ berichten Sie von einer persönlichen Betroffenheit bei der transgenerationalen Traumatisierung. Braucht es dieses Betroffensein, um eine spezifische Empathie entwickeln zu können?

Katharina Drexler Um sich in Leidensgeschichten einfühlen zu können, muss man -glücklicherweise- nicht Ähnliches erlebt haben. Wir können empathisch Anteil nehmen, Trost und Unterstützung anbieten, im professionellen Kontext auch Heilungsschritte ermöglichen und begleiten. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass AutorInnen, ForscherInnen und WissenschaftlerInnen sich immer auch aus einem persönlichen Motiv heraus mit bestimmten Themen besonders intensiv beschäftigen. Dass ererbte Wunden so sehr mein Herzensthema geworden sind, hat vermutlich damit zu tun, dass ich die Tochter eines traumatisierten Vaters bin und im Selbstversuch erleben durfte, wie erleichternd es sich anfühlt, wenn eine ererbte Wunde heilt.

Christoph Müller Gerade in jungen Lebensjahren sprechen Menschen häufig davon, dass sie nicht wie die eigenen Eltern werden wollen. Dies geschieht oft mit einem Augenzwinkern. Die ererbten Wunden zeigen immer wieder, dass jeder Mensch von seinen Wurzeln eingeholt wird. Oder sehen Sie dies anders?

Katharina Drexler Sie haben völlig Recht, dass für junge Menschen zunächst vorrangig wichtig ist, sich abzugrenzen und den eigenen Weg zu finden. Was wir ererbt haben, sowohl was Ressourcen und Fähigkeiten anbelangt, als auch Schwierigkeiten, bis hin zu Traumata, kann oft erst später in den Blick genommen werden, wenn Abgrenzung gegen die Eltern nicht mehr nötig ist, um sich hierdurch als eigenständig zu erfahren. Meiner Erfahrung nach wenden sich Betroffene diesen übertragenen Wunden meist erst im mittleren Lebensalter zu.

Christoph Müller Die Arbeit an ererbten Wunden kostet unglaublich viel Kraft. Dies zeigen unter anderem die Fallbeispiele, die Sie in den Büchern vorstellen. Wie überzeugen Sie die Menschen davon, dass sich die Kraft-Investition lohnt und auf lange Sicht auch Energie spart?

Katharina Drexler Der Ansicht, dass es so viel Kraft koste, ererbte Wunden zu verarbeiten, kann ich nicht zustimmen. Schauen Sie, Menschen, die Wunden ererbt haben werden beispielsweise immer wieder von heftigen Albträumen gequält wie Herr Schmitz in meinem Buch „Ererbte Wunden erkennen“. Oder sie gehen wie Frau Färber in meinem Buch „Ererbte Wunden heilen“ ein Leben lang aufgrund eines ererbten Schuldgefühls weit über die eigenen Belastungsgrenzen hinaus, leben ständig am Rande der Erschöpfung. Da ist doch eine Doppelsitzung, in der die Albträume oder Schuldgefühle komplett aufgearbeitet werden, ein Klacks. Die Heilung einer ererbten Wunde kann immense Kraft freisetzen. Ich habe noch nie PatientInnen davon überzeugen müssen, dass sich eine solche Aufarbeitungssitzung lohnen könnte. In dem Moment, in dem Betroffenen klar wird, dass ihr heutiges Leid durch eine ererbte Wunde verursacht wird, suchen sie nach Möglichkeiten, diese Wunden zu heilen. Es ist im Gegenteil so, dass ich nur einen Bruchteil der an mich gestellten Anfragen selbst beantworten kann. Auch deswegen bin ich froh, im Laufe der letzten eineinhalb Jahrzehnte viele KollegInnen darin geschult zu haben, ererbte Wunden zu erkennen und zu behandeln, an die ich verweisen kann.

Christoph Müller Wie gelingt es betroffenen Menschen, der Arbeit an den ererbten Wunden doch die Türen zu öffnen? Sie sind doch eher geübt, schwierige Themen des Lebens in der verschlossenen Kiste zu halten, oder?

Katharina Drexler Manche Menschen halten sicher auch viel Ererbtes hinter verschlossenen Türen und kommen so gut durchs Leben. Auch bei transgenerationaler Traumatisierung gilt: Erst der Leidensdruck macht eine Behandlung nötig. Die meisten, die sich mit dem Thema beschäftigen, tun dies, weil sie spüren, dass hierin eine Erklärung für eigene Schwierigkeiten und eigenes Leid liegen könnte. Was wir kennen, können wir auch erkennen. Und was wir erkennen, können wir behandeln und heilen.

Christoph Müller Es sind ja nicht bloß die Methoden, sondern auch die Sprache, über die Sie Empathie signalisieren. Wie gelingt es Ihnen als Therapeutin, als Lebensbegleiterin, betroffene Menschen zu unterstützen und ihnen Zuversicht und Hoffnung zu geben?

Katharina Drexler Ich trage selbst ganz viel Zuversicht und Hoffnung in mir. Ich weiß, dass es besser werden kann, und erlebe das ja auch immer wieder in den ganz unterschiedlich lang währenden Prozessen, die ich begleiten darf. Das spüren die Menschen, die bei mir in Behandlung oder Supervision sind oder meine Seminare besuchen. Es gibt kaum einmal eine Sitzung, in der es nicht auch einen Grund für mein jeweiliges Gegenüber und mich gibt, miteinander zu lachen oder zumindest zu lächeln. „Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede“ passt sehr gut, finde ich.

Christoph Müller Mit den Kriegskindern und den Kriegsenkeln ist die Brisanz der transgenerationalen Traumatisierung in den Blick geraten. Was unterscheidet die Kriegskinder und Kriegsenkel von den Menschen, die mit Geschichten kämpfen, die in ganz anderen Kontexten traumatisiert worden sind?

Katharina Drexler Jedes Trauma ist ein individuelles Trauma, auch dann, wenn wir von „Kollektivtrauma“ sprechen. Ererbte Wunden sind vor allem davon geprägt, wie der jeweilige Elternteil seine Geschichte verarbeitet hat. In welchem Kontext diese Traumatisierung entstanden ist, ist weit weniger bedeutsam. Dennoch macht es natürlich einen Unterschied, ob man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann, deren Eltern unter vergleichbaren Traumata gelitten haben. In Selbsthilfegruppen für Kriegsenkel beispielsweise ist das gegenseitige Verständnis sicher ein wichtiger stützender Faktor.

Christoph Müller Was macht für Sie als Therapeutin die „Faszination“ der transgenerationalen Traumatisierung aus?

Katharina Drexler Ich bin immer wieder zutiefst beeindruckt davon, wie stark ererbte Wunden Leben prägen und Lebensglück behindern können. Entsprechend berührend ist es, erleben zu dürfen, wie befreiend die Arbeit an diesen transgenerationalen Traumata sich auswirkt. Das ist immer wieder ein tiefes Glück, für das es sich lohnt, miteinander den „Abstieg in die Hölle“ zu wagen, wie Herr Reuter es ausgedrückt hat, den ich in „Ererbte Wunden erkennen“ vorstelle.

Christoph Müller Herzlichen Dank für diese beeindruckenden Einsichten.

Katharina Drexler Ich danke Ihnen für ihre tiefgründigen Fragen, die zu beantworten mir eine Freude waren.

 

Die Bücher, um die es geht

 

Katharina Drexler: Ererbte Wunden heilen – Therapie der transgenerationalen Traumatisierung, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-608-89203-1, 160 Seiten, 23 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 

Katharina Drexler: Ererbte Wunden erkennen – Wie Traumata und Großeltern unser Leben prägen, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-86129-7, 128 Seiten, 16 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at