Mit Talenten und Schwächen pflegen – Nachruf auf Gerhard Schoßmaier

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„Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mumpitz“ (Jakob von Hoddis)

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Gerhard Schoßmaier

Es sind immer wieder Schreckmomente, wenn das Telefon klingelt und jemand teilt den Tod eines geschätzten Menschen mit. Natürlich fehlen einem die Worte. Die Geschäftigkeit des Alltags räumt dann den Platz, damit Traurigkeit und Nachdenklichkeit einen Platz bekommen. So ist es auch gewesen, als der Tod von Gerhard Schoßmaier bekannt wurde. Am 16. November 2021 sind die Lebenswege des österreichischen Kollegen vollendet gewesen.

Mit Gerhard geht ein Kollege von der Bühne, der immer für einen fruchtbaren Impuls für die pflegerische Arbeit gut war. Wer ihn als Zuhörer eines Vortrags oder Workshops erlebte, der sah sprichwörtlich die aufmerksamen Augen und die noch wacheren Ohren. Sicher konnte man sich sein, dass er spätestens im Anschluss an eine Veranstaltung das Gespräch auf dem Flur und (wenn es ihm besonders am Herzen lag) bei einem Kaffee suchte. Überhaupt ging mit Gerhard die inhaltliche Beschäftigung auch immer durch den Magen. Das zugewandte Gespräch vertiefte er gerne bei einem guten Essen und einem schmackhaften Getränk.

Mit dem Buch „Psychosoziale Pflege“, das 2019 im Facultas-Verlag in Wien erschienen ist, hat Gerhard einen wichtigen Diskussionsbeitrag zur Weiterentwicklung der psychiatrischen Pflege geleistet. Dies ist ihm auch gelungen, wenn er den Bleistift für die Zeitschrift „Psychiatrische Pflege“ und das Open-Source-Magazin „Pflege Professionell“ gespitzt hat. Berufspolitisch zeigte Gerhard in Österreich eine starke Präsenz. So schrieb er bei der die Initiative „Interprofessionelle ExpertInnen Gesundheitsberufe“ (IPEG) diverse Gegendarstellungen oder kritische Anfragen, die der Politiklandschaft zugesandt wurden. Auch in diesem Bereich zeigte sich seine unermüdliche Energie.

Ganz besonders am Herzen lag ihm das „Affektresonanztraining“ (ART), das er mit seinen Kolleg_innen an der Schule für Gesundheits-und Krankenpflege am Campus Penzing weiterentwickelt hat. Er ist vor sieben Jahren in das damals schon bestehende Projekt „Supervision“ eingestiegen, um das Team des Projektes   zu   unterstützen   und   um   selbst   aktiv   daran   mitzuwirken.   Er   ist der Namensgeber des überarbeiteten und umgestalteten Projekts gewesen. Das Affektresonanztraining (ART) bietet Studentinnen und Studenten sowie Auszubildenden in psychosozialen Berufen die Möglichkeit, Kompetenz im empathischen Verstehen von sich und anderen zu entwickeln. Basierend auf neuen Konzepten von Empathie, Resonanz und Supervision stellt die zukunftsweisende Unterrichtsform mittels der Schulung sozialer Kompetenzen ein wirksames Werkzeug zur Gewaltprävention dar. Eine Idee, die er in Corona-Zeiten erst zögerlich umsetzen konnte, war der Einsatz von Klappmaul-Handpuppen im ART. Das ART war eine seiner besonderen Triebfedern, das er mittels eines neu gegründeten universitären Lehrganges an der Sigmund Freud Universität in Wien auch anderen Berufsgruppen aus den psychosozialen Settings zugänglich machen wollte. Dank ihm konnten viele Menschen, die in all den Jahren an seinen Workshops teilnahmen, die dialogische Haltung „vom Ich zum Du“ und auch die achtsame Wahrnehmung von  Bedürfnissen in der Begegnung trainieren.

Gerhard machte deutlich, dass der helfende Mensch nicht nur als Werkzeug an sich in der psychiatrischen Arbeit zu verstehen ist. Gerhard war folglich davon überzeugt, dass der helfende Mensch stets seinen eigenen Rucksack mit Talenten und Schwächen in das tägliche Handeln mitbringt. Es verwundert daher nicht, dass ihm die Gewaltfreie Kommunikation besonders am Herzen lag. Die dahinter liegende Kommunikationstechnik und vor allem die zu erarbeitende Haltung im Umgang mit sich und mit anderen sah er als Herausforderung für psychiatrisch Tätige.

Gerhard wurde 1966 im niederösterreichischen Lilienfeld geboren. Im Jahre 1999 machte er sein Diplom in der psychiatrischen Gesundheits-und Krankenpflege. Schon 2001 machte er eine Weiterbildung zur „Pflege von psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen“. Den Universitätslehrgang für Lehrerinnen und Lehrer in der Gesundheits-und Krankenpflege absolvierte er 2007. Die Qualifizierung zum Trainer für Gewaltfreie Kommunikation gönnte sich Gerhard im Jahre 2012. Das basale und mittlere Pflegemanagement stand im Fokus einer Weiterbildung im Jahre 2019. 2020 erlangte  er  den Titel Master of Science in der Pflegepädagogik.

So hatte er stets das beste Rüstzeug für die Arbeit als psychiatrisch Pflegender an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien (1999-2005) und als Lehrer an der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege am Campus Penzing Wien (seit 2005). Genauso profitierten Kolleginnen und Kollegen in der psychiatrischen Pflege von Gerhards Tätigkeit als Vortragender an der Akademie für Gesundheitsberufe am Vinzentinum Wien (seit 2007) und als Vortragender an der Akademie für Fort und Sonderausbildungen am AKH Wien. Deutschen Kolleginnen und Kollegen war Gerhards Gesicht und Stimme vertraut bei den alljährlichen Begegnungen beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

Wenn sich Gerhard zum Schreiben an sein Laptop setzte oder als Vortragender am Pult stand, dann blühte er auf. Sein tiefgründiges Nachdenken und seine natürliche Heiterkeit machten die Begegnungen mit ihm und auch das Zuhören bei der Lehrtätigkeit zu einem Erlebnis. Er engagierte sich   für   die   Umsetzung     neuer   pädagogischer Konzepte, um   den   Auszubildenden   das   Verständnis   des   Berufes   zu ermöglichen. Er repräsentierte den empathischen und respektvollen Zugang zu Menschen, die sich in einem Ausnahmezustand befanden.  Dies spiegelte sich in   der   Beliebtheit   seiner   Unterrichtseinheiten, wie   viele   Schülerinnen   und   Schüler berichteten. Wertschätzung des Gegenübers, ob Auszubildende, Kolleg_innen oder Vorgesetzte, stand immer im Vordergrund seiner Handlung. Durch seine kommunikative Ader war er fähig, Bekanntschaften im beruflichen Umfeld zu knüpfen, so ergaben sich für ihn neue Möglichkeiten, sein fundiertes und   umfassendes   Wissen   zu   diskutieren und zu vertiefen.   Davon profitierte die Gemeinschaft der psychiatrisch Pflegenden enorm.

Es ist so vieles, was Menschen an Gerhard wertgeschätzt haben:  seine Emotionalität, sein Humor, sein enormes Wissen, seine Neugier aufs Neue, seine Begeisterungsfähigkeit, seine Kreativität. So bleibt uns stets seine authentische Art für resonanzpädagogische Werte zu brennen in Erinnerung, die mit Sicherheit durch diverse Multiplikator_innen in diversen psychosozialen Settings in vielen Begegnungen weiterleben werden. Gerhard war ein wesentlicher Wegbereiter für intersubjektive kommunikative Kompetenzen im Ausbildungsbereich der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege, wo er einen bleibenden „Herzabdruck“ hinterlässt. Wir werden die Gespräche, die Diskussionen und das Lachen – nicht nur eines guten Kollegen, sondern auch eines lieben Freundes – vermissen.

Ewa Zemann

Pflegewissenschaftlerin, Pflegepädagogin, Diplomierte Psychiatrische und Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflegerin

Gerlinde Zöchling

Diplomierte Sonder-Heilpädagogin, Pflegepädagogin, Diplomierte Achtsamkeitstrainerin, Diplomierte Psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflegerin

Jürgen Georg

Programmleiter Pflege beim Hogrefe-Verlag

Markus Golla

Chefredakteur „Pflege Professionell“

Christoph Müller

Redakteur „Psychiatrische Pflege“

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at