Phänomen Migration

Andrea Schiff & Hans-Ulrich Dallmann

(C) Ajdin Kamber

Das Phänomen der Migration ist so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Wie paläontologische Forschungsergebnisse zeigen, muss die weltweite Ausbreitung der Spezies „Mensch“ als Folge von Wanderungsbewegungen begriffen werden, die bis in die nahe Vergangenheit reichen – beispielsweise die Besiedlung der Südsee-Inseln und Neuseelands vor etwa tausend Jahren (Parzinger 2014). Die Gründe für diese Migrationen waren und sind vielfältig: Veränderung klimatischer Bedingungen, Hunger, Überbevölkerung in eng besiedelten Gebieten, aber auch Verfolgung und Unterdrückung in den Heimatregionen. Doch selbst in früheren Zeiten trafen Migrantengruppen nicht immer auf leere Gebiete. Die Geschichte der Migration ist eine der Unterwerfung und Unterdrückung.

In der Gegenwart haben sich die Probleme im Zuge der Industrialisierung, Technisierung und Globalisierung verschoben. Auf der einen Seite steigt die Zahl der Menschen, die migrieren müssen oder wollen. Auf der anderen Seite schotten sich Länder, die Ziel von Migrationsbewegungen sind, zunehmend gegen neue Einwanderer ab. Manche Länder wurden binnen kurzer Zeit von Auswanderungs- zu Einwanderungsländern. Migranten werden dort nun als Bedrohung empfunden, demagogisch flankiert von Schlagworten wie „neue Völkerwanderung“, „Asylantenflut“ und „Überfremdung“.

In der klassischen sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung wird zwischen Schub- und Sogfaktoren (push- und pull-Faktoren) unterschieden, die Menschen zur Wanderung veranlassen (Lee, 1972). In der Standardversion berücksichtigt dieses Modell vor allem ökonomische Faktoren, wie die Beschäftigungs- und Einkommenssituation in der Herkunfts- und Zielregion. Entscheidend sind dabei jedoch weniger die „tatsächlichen“ ökonomischen Daten, sondern die Wahrnehmung der Situation durch die potentiellen Migrantinnen und Migranten. Zu den ökonomischen Faktoren kommen daher auch Informationen, die potentielle Zuwanderer aus den Zielregionen erhalten. Hier spielen vor allem Berichte von bereits Gewanderten eine große Rolle. Weitere Gründe für eine Migrationsentscheidung können Klimaveränderungen und (gegebenenfalls aus ihnen folgende) Naturkatastrophen sein oder die demographische Entwicklung, Armut, Arbeitslosigkeit oder Ausbeutung sowie Diskriminierung, politische Verfolgung und (Bürger-)Krieg. Allerdings ist davon auszugehen, dass bei einer Migrationsentscheidung ein jeweils unterschiedliches Bündel dieser Faktoren zusammenkommt. Daher muss der individuelle Faktor berücksichtigt werden, weil nicht alle Menschen, die in einer gleichen oder ähnlichen Situation sind, die gleiche Entscheidung treffen. Individuelle wie kollektive Unterschiede in der Leidensfähigkeit, Risikobereitschaft und materiellen Situation, aber auch in der Einschätzung der Lage sowohl in der Herkunfts- als auch der Zielregion spielen ebenso eine Rolle wie kulturelle oder familiäre Bindungen. Von größerer Bedeutung ist ohnehin, was in der neueren Diskussion als „mixed migration flows“ oder „gemischte Wanderungsbewegungen“ bezeichnet wird, die Vermischung von Flucht und Migration. Es war, wie bereits schon angemerkt, immer schon schwer, die unterschiedlichen Migrationsmotive klar zu trennen, das hat sich aktuell noch verstärkt. (vgl. ausführlich Angenendt/Kipp/Meier, 2017)

In der Forschungsliteratur werden vier Phasen beschrieben, in denen sich Migrationsbewegungen vollziehen (Körner, 1990): eine erste, in der meist junge, unverheiratete und vor allem männliche Einzelpersonen migrieren, eine zweite Phase, die geprägt ist durch ältere und verheiratete Einzelmigranten, eine dritte, die bestimmt ist durch den Nachzug von Frauen und Kindern und schließlich eine vierte, in der sich die migrierten Gruppen im Zielland stabilisieren. Ein vielfach beschriebenes Phänomen ist die Kettenmigration: einzelne „Pioniere“ versuchen, sich im Zielland zu etablieren und ziehen dann weitere Menschen aus der Familie, den sozialen Netzwerken und ganzen Gemeinden nach. Damit stellt sich die Frage, welche Faktoren das Sich-einleben in die Gesellschaft bestimmen. Diskutiert wird dies unter dem Begriff der Integration.

Integration

Die Frage, was die Gesellschaft zusammenhält, begleitet die Soziologie seit ihren Anfängen. Ein Teil dieser Frage ist – zumindest in manchen Theorietraditionen – die, wie sich unterschiedliche Menschen in den gesellschaftlichen Zusammenhang einpassen. Der sozialwissenschaftliche Begriff hierfür ist Integration. Nun ist es an dieser Stelle weder sinnvoll noch möglich, verschiedene Theorien der Integration zu diskutieren. Stattdessen möchten wir einen Ansatz vorstellen, der uns für unsere Zwecke sinnvoll erscheint, er stammt von dem Soziologen Hartmut Esser (Esser 2000).

(Esser, 2000, S. 279)

Esser unterscheidet zwischen System- und Sozialintegration. Bei der Systemintegration geht es um die Teilnahme an den gesellschaftlichen Systemen und ihren Organisationen, die sich auch anonym vollziehen kann. Für unseren Zusammenhang wichtiger ist die sogenannte Sozialintegration, bei der es vereinfacht um die Frage geht, wie sich Individuen in die Gesellschaft einpassen. Dabei unterscheidet Esser vier Dimension: Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation. Bei der Kulturation stehen Wissen und Kompetenzen, die sich Individuen aneignen, im Zentrum wie Bildung, formale Abschlüsse, aber auch Sprache und Umgangsformen. Diese bilden in nicht geringem Umfang die Voraussetzung für die weiteren Dimensionen. Platzierung meint das Set an Rechten, verfügbaren Positionen und nicht zuletzt die persönliche Akzeptanz, die einem Individuum entgegengebracht wird. Mit Interaktion sind schließlich die sozialen Netzwerke gemeint, in die eine Person eingebettet ist und die sie nutzen kann. Identifikation bedeutet schließlich die Übernahme von zentralen Werten und unter Umständen ein bürgerschaftliches Engagement im Gemeinwesen.

An diesem Modell ist zu sehen, dass die Identifikation mit der Gesellschaft und ihren Werten nicht die Voraussetzung, sondern eher die Folge von gelungenen Integrationsprozessen ist. Voraussetzungen sind vielmehr Sprache und Bildung und ein Entgegenkommen der Gesellschaft, die der Person zentrale Rechte einräumt und gesellschaftliche Positionen bereithält, in die sie jeweils rücken kann. Damit wird deutlich, wo die Hürden für die Sozialintegration von zugewanderten Menschen liegen: zunächst und zuerst an der Möglichkeit, sich zu verständigen. Allerdings ist hier weniger wichtig, welche Sprache eine Person spricht. Wichtiger ist, ob es andere Personen gibt, die hören wollen, was diese sagt. Verständigung geht von beiden Seiten aus, von der Sprecherin und vom Hörer, der selbst wieder zum Sprecher wird. Weiter sind zentrale Rechte und der Zugang zu Positionen wesentlich. Bei Zugewanderten ist dies zuerst und vor allem das Aufenthaltsrecht („Gastrecht“ ist ein vollkommen unzutreffender Begriff). Allein durch einen gesicherten Aufenthalt wird die Möglichkeit eröffnet, sich integrieren zu können. Ebenso ist ohne den Zugang zu einer Erwerbstätigkeit, für Kinder zu Bildungsmöglichkeiten und für alle zum Gesundheitswesen Sozialintegration kaum möglich. Schließlich bilden soziale Netzwerke verschiedener Art „soziales Kapital“, das einem Zugänge eröffnen – und beim Fehlen verschließen kann. Unter diesen Voraussetzungen sind vier idealtypische Optionen zu beschreiben, die sich insbesondere für Zugewanderte eröffnen:

(Esser, 2000, S. 287)

Eine zugewanderte Position hat bezüglich der Sozialintegration zwei Bezugspunkte: die Herkunfts- und die Aufnahmegesellschaft. Eine Integration in beide wird als Mehrfachintegration bezeichnet. Sie meint das Einbezogen-sein in beide Bezugsgruppen. Gelingt nur die Integration in einer der beiden, spricht man entweder von Assimilation oder von Segmentation. Assimilierte Personen haben die Bindungen zur Herkunftsgesellschaft weitgehend gelöst und sich in den wesentlichen Punkten der Aufnahmegesellschaft angepasst. Von Segmentation spricht man, wenn zur Aufnahmegesellschaft vor allem formale Beziehungen (Systemintegration) bestehen und sich die sozialen Zusammenhänge in weitem Maß auf die Herkunftsgesellschaft und die ethnische Gruppe beschränken. Marginalität bezeichnet ein Herausfallen aus beiden Bezügen, oft verbunden mit deviantem Verhalten.

Gesellschaftlich umstritten ist, ob Mehrfachintegration oder Assimilation als Ziel staatlicher Integrationspolitik formuliert werden soll. Unseres Erachtens kann Assimilation von Personen nicht normativ erwartet werden. Denn dies würde voraussetzen, dass sie sich von ihrer eigenen Geschichte, von den vielfachen Prägungen ihrer Biographie mehr oder minder verabschieden müssten. Sie müssten schlicht andere werden. Dies kann nicht gefordert werden. Unabhängig davon zeigt Essers Integrationstheorie, dass von Seiten des Staates und der Bürgerinnen und Bürger Anstrengungen notwendig sind, um Zugewanderten Positionen zu bieten, die Integration überhaupt erst ermöglichen. Dies wird in der öffentlichen Diskussion von mancher Seite unter Vorbehalt gestellt. Zentrales Argument derer, die bei der Integration Zugewanderter auf Assimilation zielen oder aber Integration für unmöglich erklären, ist die Kultur, genauer eine angebliche oder tatsächliche kulturelle Differenz.

Kultur und Ethnizität
Der Begriff Kultur wird oft unscharf verwendet. Zum einen bezeichnet er einen gesellschaftlichen Teilbereich, in dem kulturelle Güter wie Literatur, Musik produziert und konsumiert werden. Zum anderen ist mit Kultur die jeweils spezifische Art und Weise gemeint, mit der Menschen ihr Zusammenleben verstehen, deuten und gestalten. Die Kultur stellt uns die Grundlagen zur Verfügung, mit Hilfe derer wir denken, fühlen und handeln – als erstes die Sprache. Gleichzeitig liefert sie uns die Kriterien, mit denen wir das Denken und Handeln beurteilen. Diese Kriterien haben die Form binärer, also zweiwertiger, Codes, die es erlauben, Bewertungen vorzunehmen. Sie beziehen sich unter anderem auf Essgewohnheiten (in Europa essen wir im Gegensatz zu islamisch geprägten Ländern Schweinefleisch, Käse wird in hinduistisch geprägten Ländern nicht geschätzt) oder Schönheitsideale, aber auch auf die Bewertung von Idealen der Lebensführung (in westlichen Ländern gilt Individualität und Selbständigkeit als besonders hoher Wert, im Gegensatz dazu wird in asiatischen Gesellschaften die familiäre Bindung besonders hoch geschätzt). Die Kultur stellt Muster bereit, mit denen Menschen ihren Handlungen Bedeutung verleihen. Sie sind auf der einen Seite überindividuell (sie erzeugen eine gewisse Gleichförmigkeit des Selbstverständnisses), auf der anderen Seite sind sie in den individuellen Praktiken der Individuen verankert.

Ein Teil der subjektiven Seite der Kultur ist die ethnische Identität der Personen, die bei Akkulturations- und Assimilationsprozessen auf dem Spiel steht bzw. neu ausbalanciert werden muss. Bei der genaueren Bestimmung, was Ethnizität bedeutet, kann wieder einmal auf Weber zurückgegriffen werden:

„Ethnizität bezeichnet die für individuelles und kollektives Handeln bedeutsame Tatsache, daß eine relativ große Gruppe von Menschen durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsamkeiten von Kultur, Geschichte und aktuellen Erfahrungen verbunden sind und ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein besitzen.“ (Weber, 1980, S. 56)

Es handelt sich um eine geglaubte, sozial konstruierte Gemeinschaft, die wirksam wird, auch wenn die Gemeinsamkeiten eher fiktional sind. Ethnische Identität ist zunächst als Bestandteil der sozialen Identität zu verstehen. Ethnische Identität wird zum einen von außen, der Gesellschaft des Aufnahmelandes, in Form von bestimmten Erwartungen an das Verhalten zugeschrieben. Zum andern ist sie durch das Selbstverständnis der ethnischen Gruppe bestimmt, der die jeweilige Person angehört (wobei Selbstverständnis der Gruppe und Selbstverständnis der Person nicht identisch sein müssen und es gewöhnlich auch nicht sind). Schon auf dieser Ebene muss jede Person einen für sie akzeptablen Ausgleich der verschiedenen Rollenerwartungen finden, der auf der Ebene der Ich-Identität dann den ethnischen Anteil ausmacht. Die Situation verschärft sich, wenn in modernen Gesellschaften verschiedene sozialen Identitäten von Personen in Einklang gebracht werden müssen. Sobald die ethnische Identität zu einem wichtigen Bestandteil der persönlichen Identität wird, kann es zu Problemen und Belastungen kommen, wenn sie mit anderen sozialen Identitäten in Konflikt gerät. Als Alternativen sind dann entweder eine verstärkte Annäherung an die Mehrheitsgesellschaft möglich, also Assimilation, oder aber ein Rückzug auf die Herkunftskultur in einem Prozess von Ethnisierung und Selbstethnisierung.

Mit der Erfindung von Kultur und Ethnizität lebt der Mensch nicht mehr unmittelbar in seiner Umwelt. Statt mit den Dingen selbst hat er es mit den Bedeutungen zu tun, die er ihnen gibt. Diese Bedeutungen verdichten sich oder werden expliziert in Symbolsystemen. Menschen erzählen Mythen, deuten ihre Wirklichkeit religiös oder entwerfen in Kunst und Wissenschaft explizite Deutungssysteme, mit denen sie auf die Welt Bezug nehmen. In diesen Deutungssystemen ist das Verständnis dessen angelegt, was als gut zu gelten hat und was nicht. Besondere Bedeutung hat auch in aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen die Religion.

Religion
Religion gehört zu den Phänomenen, bei denen im Alltag vollkommen plausibel ist, was damit gemeint ist, bei denen man jedoch ins Stocken gerät, wenn man erklären soll, worum es eigentlich geht. Es geht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht anders. Die Zahl der einschlägigen Definitionsversuche der Religion geht in die Hunderte. Deswegen ist es zunächst sinnvoll, von Religionen zu sprechen und nicht von „der“ Religion. Auch dies trifft den Kern der Sache nicht. „Religion“ ist ein von außen an das Phänomen herangetragener Begriff. Die meisten Religionen würden sich selbst nie als Religion thematisieren.

Wie Kultur versorgen Religionen Menschen mit einem Vorrat an Deutungen und Wertungen, die im Alltag orientierend wirken können. Die meisten von ihnen beinhalten Praktiken, mit denen bestimmte typische Lebenssituationen (Geburt, Heirat, Tod) individuell und sozial dar- und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Dabei sind Religionen nicht allein Deutungs-, sondern auch Handlungsweisen, die bis in den Alltag reichen können und Dinge wie Kleidung, Nahrung, zeitliche Rhythmen und ähnliches regulieren. Sofern sich Religionen auf letzte Sinnstiftungen beziehen, erheben sie tendenziell einen Absolutheitsanspruch (der allerdings intern durch normative Toleranzgebote in seinen Folgen gemildert sein kann). Wo dieser Absolutheitsanspruch nach innen und außen massiv erhoben – und nach Möglichkeit durchgesetzt – wird, spricht man von Fundamentalismus.

Nun ist der Begriff Fundamentalismus nicht unproblematisch, zumal er als Selbstbezeichnung einer protestantischen Bewegung in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Ganz allgemein jedoch ist die typische fundamentalistische Identitäts- und Gruppenbildung als ein innovativer historischer Prozess zu verstehen, mit dem auf Entwicklungen der Moderne reagiert wird, als „moderne Bewegung gegen die Moderne“ (Eisenstadt). Modern sind die fundamentalistischen Bewegungen in erster Linie nicht, weil sie moderne Kommunikationstechniken und Propagandamethoden benutzen, sondern weil sie eine eigene Ideologie hervorbringen, die durch eine „erfundene Tradition“ gekennzeichnet ist. Ein spezifisches Krisenbewusstsein ist eine der zentralen Kristallisationspunkte des Fundamentalismus; es kann unterschiedliche Ausprägungen haben wie etwa das Gefühl, dass die arabisch-islamische Welt keine Zukunft habe, und dass die Muslime durch den Westen erniedrigt werden: durch Stigmatisierung und vor allem durch die Auflösung traditioneller Lebensformen durch den westlichen „way of life“. In dieser Perspektive treffen sich islamischer und christlicher Fundamentalismus, bei dem auch vor allem die modernen Lebensformen, insbesondere im Verhältnis der Geschlechter, im Zentrum der Kritik stehen. Vielfach verbindet sich damit eine Kombination mit einer „jakobinischen“ Politik (Eisenstadt), die die Umgestaltung der Gesellschaft gemäß den eigenen Prinzipien anstrebt. (Dallmann, 2013b)

Auswirkungen auf die Pflege
Die genannten Entwicklungen gehen an der Pflege nicht vorbei. Sie begegnet Menschen unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägung oder religiöser Überzeugung als Patientin oder Bewohner, als Kollegen oder Kollegin. Jede und jeder Pflegende ist selbst durch Herkunft, Kultur und Religion geprägt. Wenn diese Faktoren nur eine unbedeutende Rolle im Selbstverständnis spielen, warum sollte dies bei Patientinnen oder Kollegen grundsätzlich anders sein? Auch in der Literatur zur inter- oder transkulturellen Pflege wird manchmal von Übervereinfachungen Gebrauch gemacht, wenn es beispielsweise um die Pflege „des“ muslimischen Patienten geht, dem bestimmte Orientierungen einfach unterstellt werden. „Den“ Islam gibt es so wenig wie „das“ Christentum oder „den“ Hinduismus. Religionen sind in sich plural. Selbst innerhalb bestimmter Ausprägungen (fälschlicherweise oft Sekten genannt) sind die Unterschiede in den Glaubensvorstellungen und Praktiken immens und vor allem immer individuell angeeignet. So offensichtlich es ist, dass kulturelle Faktoren Einfluss auf die Lebensführung von Individuen haben können (und sei es nur auf die Ernährungsgewohnheiten), so vorsichtig sollte man sein, alle Probleme, die in der Pflege von Personen mit Migrationshintergrund auftreten, auf kulturelle oder religiöse Differenzen zurück zu führen. Gerade angesichts tatsächlicher oder vermuteter Differenz ist es umso wichtiger, sich an der konkreten Person zu orientieren – und sich gegebenenfalls in Toleranz zu üben.

Pflege ist zu einem großen Teil Interaktion. Risiken treten selbstverständlich dann auf, wenn aufgrund fehlender sprachlicher Möglichkeiten die Kommunikation im Team oder mit den Patientinnen und Patienten erschwert wird. Professionelle Pflege als Beziehungsarbeit erfordert ein großes Maß an sprachlicher Kompetenz. Ohne diese Kompetenz ist eine rein funktionale Pflege zu befürchten, die den eigenen Berufsstandards (meist auch der ausländischer Pflegekräfte) nicht entspricht. Davon abgesehen ist eine personenzentrierte Pflege weniger an angeblichen oder tatsächlichen Kollektivmerkmalen orientiert, sondern an den Bedürfnissen, Interpretationen, Erwartungen und Selbstdeutungen der Patientinnen und Bewohner.

Literatur

Angenendt, S., Kipp, D. & Meier, A. (2017). Gemischte Wanderungen. Herausforderungen und Optionen einer Dauerbaustelle der deutschen und europäischen Asyl- und Migrationspolitik. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

Dallmann, H.-U. (2002). Das Recht, verschieden zu sein. Eine sozialethische Studie zu Inklusion und Exklusion im Kontext von Migration. Gütersloh: gtv.

Dallmann, H.-U. (2013a). Migration und die Grenzen nationalstaatlicher Souveränität. Ethik und Gesellschaft . Verfügbar unter http://www.ethik-und-gesellschaft.de/ojs/index.php/eug/article/view/2-2013-art-5/54 (18. 1. 2016).

Dallmann, H.-U. (2013b). Zwischen Religionslosigkeit und Fundamentalismus. Funktion und Transformation der Religion im Anschluss an Niklas Luhmann. In A. Kreutzer & F. Gruber (Hrsg.): Im Dialog. Systematische Theologie und Religionssoziologie (S. 97-124). Freiburg im Breisgau: Herder.

Eisenstadt, S. N. (2000). Die Vielfalt der Moderne. Weilerswist: Velbrück.

Esser, H. (2000). Soziologie: Spezielle Grundlagen – Die Konstruktion der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Campus.

Körner, H. (1990). Internationale Mobilität der Arbeit. Eine empirische und theoretische Analyse der internationalen Wirtschaftsmigration im 19. und 20. Jahrhundert. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Lee, E. S. (1972). Eine Theorie der Wanderung. In G. Széll (Hrsg.): Regionale Mobilität. Zwölf Aufsätze (S. 115-129). München: Nymphenburger.

Nassehi, A. (2003). Welten in der Weltgesellschaft. Die Gegenwart einer Gesellschaft. In A. Nassehi: Geschlossenheit und Offenheit. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft (S. 188-228). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Parzinger, H. (2014). Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. München: Beck.

Trautmann, F. (2011). Nichtmitmachen. Zur Negativität der Gemeinschaft. In B. Liebsch, A. Hetzel & H. R. Sepp (Hrsg.): Profile negativistischer Sozialphilosophie. Ein Kompendium (S. 181-199). Berlin: Akademie.

Weber, M. (1980). Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr.

Autor:in

  • Professorin für Pflegewissenschaft am Fachbereich Gesundheitswesen am Standort Köln der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, a.schiff@katho-nrw.de

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