„Menschen wollen überzeugt werden“

(C) LianeM

In dieser Woche hätte Sebastian Kneipp seinen 200. Geburtstag gefeiert. Gedenktage dieser Art regen immer wieder dazu an, darüber nachzudenken, welche Bedeutung vorbildliche Menschen noch heute haben könnten. Mit dem berühmten „Wasserdoktor“ ist es mir in diesen Tagen so ergangen. Seine Wasserkur ist eine Möglichkeit, im Alltag das eigene Wohlbefinden zu pflegen. Es sind auch die Ideen zu einer naturgemäßen Lebensweise, die in die Gegenwart übersetzt werden müssten.

In Bad Wörishofen und vielen anderen Kneipp-Heilorten wird viel Geld mit dem Kneippen verdient. Dabei ist die Annäherung an eine gesundheitsbewusste Lebensführung eine Gelegenheit für Pflegende, das eigene Profil zu schärfen. Ein Blick auf die Wasseranwendungen nach Kneippscher Art zeigt, wie erkrankte oder gesundheitsbewusste Menschen niederschwellig an eine gelingendere Lebensführung herangeführt werden können.

Es müssen ja nicht direkt umfängliche Kaltwasser-Bäder sein, mit denen Menschen den Kreislauf in Gang bringen. Es können schon Kaltwaschungen des Gesichts oder der Extremitäten sein, die quasi zwischen Tür und Angel probiert werden können.

Im bundesdeutschen Pflegeberufegesetz wird als Ziel professioneller Pflege die „Beratung, Anleitung und Unterstützung von zu pflegenden Menschen bei der individuellen Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit sowie bei der Erhaltung und Stärkung der eigenständigen Lebensführung und Alltagskompetenz unter Einbeziehung ihrer sozialen Bezugspersonen“. Würde professionelle Pflege diesem Anspruch gerecht, so müsste nicht darüber diskutiert werden, mit welchen Interventionen man dem eigenen Anspruch gerecht werde.

Gedenktage sind einmal mehr Impuls, in die Schriften der Menschen zu gucken, derer gedacht wird. Mit den Schriften „Meine Wasserkur“ und „So sollt Ihr leben“ des katholischen Pfarrers Sebastian Kneipp ist dies nicht anders. Auch heute lohnt es sich, sie zu lesen. Sie stimmen nachdenklich, fordern zum Nachdenken heraus. Und ermuntern, für den eigenen Alltag Konsequenzen zu ziehen.

Der Pflege-Alltag ist geprägt von Rationalisierung und Ökonomisierung. Da fällt es den Kolleg_innen in den Kliniken und Pflegeheimen schwer, beispielsweise Impulse des Kneippschen Denkens in das eigene Setting zu transferieren. Sebastian Kneipps Vorstellungen entziehen sich der zeitgenössischen institutionellen Logik. Sie setzen den Willen voraus, mit den erkrankten und zu pflegenden Menschen in einen Prozess einsteigen zu wollen.

Kneippsche Anwendungen setzen ordentliche Anleitungen und Erläuterungen voraus. Erkrankte und zu pflegenden Menschen wollen überzeugt werden. Dies führt nicht unbedingt dazu, dass jede Lehre Kneipps übernommen wird. Dies muss sicher auch nicht sein. Die eigene Lebensweise sowie das körperliche und seelische Wohlbefinden müssen reflektiert sein – auf dem Fundament historischer Persönlichkeiten und deren Anschauungen.

Insofern kann der Heilkundler Sebastian Kneipp auch für Pflegende Ermutiger sein, dem professionellen Handeln eine Variante hinzuzufügen. Nur Mut.

 

Das Buch, um das es geht

Sebastian Kneipp: Meine Wasserkur – So sollt Ihr leben, Trias-Verlag, Stuttgart 2019 (9. Aufl.), ISBN 978-3-432-10743-1, 512 Seiten, 19.99 Euro.

Über Christoph Mueller 315 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen