Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten

„Hoffnungsschimmer“

9783966050708Die Begleitung von Menschen mit Psychose-Erfahrung hängt immer von der Haltung derjenigen Menschen ab, die Unterstützung leisten. Dies wird einmal mehr deutlich bei dem Buch „Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten“. Der Psychotherapeut Thomas Bock, der über viele Jahre eine sozialpsychiatrische Ambulanz in Hamburg geleitet hat, zeigt einmal mehr auf, dass eine Begegnung mit einem psychotischen Menschen faszinierend sein kann. So schreibt er: „Eine Begegnung mit Psychose-Erfahrenen bedeutet unweigerlich, sich berühren zu lassen. Wenn ich mich nicht völlig verschließe, dann spüre ich die Gefühle des anderen quasi durch die Poren“ (S. 7).

Wer diese Worte auf sich wirken lässt, ahnt auch, dass er einem Buch und einem Autoren begegnet, der die Erfahrung einer Psychose nicht als bloße Defizit-Erfahrung versteht. Bock setzt auf die subjektive Bedeutung einer Psychose-Erfahrung sowie auf „individuelle Besonderheiten oder auch eigenwillige Energien“ (S. 41). Es gebe eine Notwendigkeit, „die Situation der Krise und die symbolische Bedeutung der Symptome ernst zu nehmen“ (S. 43).

Wer die ambulante und die stationäre psychiatrische Versorgung kennt, der weiß, wie schwierig es für Angehörige und psychiatrisch Tätige erscheint, auf diese Weise auf eine Psychose zu schauen. Psychotische Phänomene werden ausschließlich als Defizite wahrgenommen, die es zu reduzieren bzw. aus der Welt zu schaffen gilt.

Bocks Sichtweise könnte dazu verleiten, ihn als psychiatrischen Praktiker und Wissenschaftler nicht ernst zu nehmen. Damit würde man dem Psychotherapeuten Bock jedoch nicht gerecht, der sich immer darum gemüht hat, innerhalb des Versorgungssystems die Begleitung von Menschen mit Psychose-Erfahrung zu verändern. Während sicher vielen Mediziner_innen der Vorwurf gemacht werden kann, dass sie dem pharmakologischen Primat den Vorzug geben, so ist Bock stets ein Mahner (gewesen), den Blick zu weiten und dem Humanum Vorrang einzuräumen.

Wichtig erscheint die Sensibilität, die Bock spüren lässt, als er über den Zusammenhang von Psychose und Lebensort schreibt. Das Konzept der „schizophrenogenen Mutter“ sieht er nicht nur als veraltet an, sondern bezeichnet es als „ungerecht, etikettierend, schädlich und falsch“ (S. 67). Aus seiner Perspektive ist „eine sensible Wechselwirkung zwischen einer wie auch immer bedingten Vulnerabilität des psychotischen Menschen und ungünstigen Reaktionen der sozialen Umgebung“ (S. 67) nicht auszuschließen. Dies verlangt natürlich vom psychiatrischen Praktiker einen Spürsinn, um einen betroffenen Menschen auf dem Genesungsweg adäquat begleiten zu können.

Bock spricht sich ausdrücklich für ein „biografisches Verstehen“ der Psychose-Erfahrung aus. Er geht noch weiter und schreibt: „Die Erfahrung zeigt, dass in einem wohlwollenden Kontext ohne Veränderungsdruck und Behandlungsverantwortung sowie ohne familiäre Abhängigkeit ein genaues Zuhören und eine vollständigere Wahrnehmung möglich sind“ (S. 93).

Auf das Buch „Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten“ müssen sich psychiatrisch Tätige und Angehörige seelisch erkrankter Menschen einlassen wollen. Es fordert eine große Bereitschaft ein, Wegbegleiter für einen psychose-erfahrenen Menschen sein zu wollen. Es verlangt insbesondere die Fähigkeit, mit einer neuen Brille auf den Menschen und seine verrückte Welt zu sehen und mit derselben umgehen zu wollen. Kurzum: Es ist ein Hoffnungsschimmer, das die Begleitung von Menschen mit Psychose-Erfahrung menschlicher machen will und wird.

Thomas Bock: Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten, Psychiatrie-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-96605-070-8, 160 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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