Menschen mit Demenz im Krankenhaus versorgen

Methodisch ein Glücksfall

Für die Pflegenden ist es eine große Aufgabe. Für die Betroffenen ist es ein tiefer Einschnitt in ihr Leben. Menschen mit Demenz im Krankenhaus zu versorgen ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Dies zeigt auch das Buch „Menschen mit Demenz im Krankenhaus versorgen“. Es beeindruckt den pflegerischen Praktiker und die pflegerische Praktikerin, dass die Autorinnen und Autoren sich aus dem Blickwinkel der Betroffenen den zahlreichen Phänomenen nähern. Sie begründen es damit, dass es nicht überrasche, wenn Menschen mit einer Demenz in einem klinischen Setting, „das für jeden furchteinflößend ist und für die destabilisierend, einsam und erschreckend sein kann“, nicht gediehen. Menschen mit Demenz im Krankenhaus bräuchten eine sorgsame, umsichtige, personenzentrierte Pflege und Versorgung, um nicht nur als therapiebedürftiger Patient mit einer bestimmten Erkrankung, sondern als vulnerable und labile Person behandelt zu werden“ (S. 22).

Die Autorinnen und Autoren haben nicht nur die Betroffenen und die professionell Pflegenden im Blick. Einen großen Raum nehmen die Angehörigen ein. Auf deren Mitwirkung legen sie einen großen Wert. Sie sehen einen Wandel unter Pflegenden – „weg von einem medizinischen Pflege-und Versorgungsmodell und hin zu einem Modell, das auf die individuellen Pflege-und Versorgungsbedarfe ausgerichtet ist“ (S. 35).

Methodisch ist das Buch ein Glücksfall. Denn über individuelle Geschichten können sich pflegerische Praktikerinnen und Praktiker einzelnen Phänomenen nähern, die bei der Versorgung dementiell veränderter Menschen im Krankenhaus entscheidend sind. So geht es um Veränderungen des Verhaltens und das Umfeld, um Langeweile und Berührung, um Essen und Trinken sowie Schmerz und Delir.

An der individuellen Geschichte von Kenny verdeutlichen die Autorinnen und Autoren herausforderndes Verhalten. Demenz behindere das Verständnis einer Person. Habe jemand erst einmal die Demenz-Diagnose erhalten, so falle es nur allzu leicht, jedes herausfordernde Verhalten der Demenz zuzuordnen (S. 125). Es wird offenbar, dass es wohl keinen Versuch gegeben habe, „zu verstehen, warum er sich so verhielt, sondern nur die Akzeptanz, dass es so war“ (S. 127). Sie geben zu bedenken, dass die Art, in der jemand sein Leben gelebt habe, sich auch darauf auswirke, wie er sich in seiner Demenz verhalte. Die Persönlichkeit eines Menschen überdaure den Verlauf einer Demenz (S. 129).

Gleichzeitig sensibilisieren die Autorinnen und Autoren mit der Sicht auf die Umgebungen, in denen sich Menschen mit Demenz bewegen. Sie seien gegenüber physischer und psychosozialer Umgebung besonders sensibel (S. 136). Menschen mit Demenz bräuchten „ein stabiles, in sich stimmiges und vertrautes Setting, das für sie leicht handbar sei und im Idealfall ihre Identität bestärke (S. 136).

Es klingt so nachvollziehbar und einfach, was die Autorinnen und Autoren des Buchs „Menschen mit Demenz im Krankenhaus versorgen“ schreiben. Langjährig erfahrene pflegerische Praktikerinnen und Praktiker sollten ihre Impulse teilen können. Die Versorgungsrealität, wo auch immer, zeigt, dass das Buch mehr als überfällig ist.

Jo James, Beth Cotton, Jules Knight, Rita Freyne, Josh Pettit & Lucy Gilby: Menschen mit Demenz im Krankenhaus versorgen, Hogrefe-Verlag, Bern 2019, ISBN 978-3-456-85828-9, 196 Seiten, 28.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 225 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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