Memorandum Technik, Sorge und Demenz

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Präambel

Die Aktion Demenz als bürgerschaftliche Initiative steht für einen von Respekt getragenen Umgang mit Menschen mit Demenz. Sie versteht Demenz als eine Seinsweise des Lebens und sieht die Gesellschaft in der Verantwortung, ein teilhabeorientiertes Leben von Menschen mit Demenz zu ermöglichen.

Die drängende Dynamik des technologischen Fortschritts erreicht auch die Pflege und die Versorgung von Menschen mit Demenz. Vielfach werden mit dem Einsatz neuer Technologien Hoffnungen verknüpft, die mit einem Leben mit Demenz verbundenen Beeinträchtigungen und Belastungen überwinden zu können. Diese Erwartungen werden von der Aktion Demenz aufmerksam und kritisch begleitet.

Demenz und Technik sind mit sehr unterschiedlichen Menschenbildern assoziiert: hier die Erfahrung einer grundlegenden Unberechenbarkeit des Lebens, dort die Prämisse der Beherrschbarkeit und Kalkulierbarkeit.

Die ökonomisch getriebene Dynamik der technologischen Entwicklung darf nicht die grundlegende Akzeptanz eines Lebens mit Demenz in Frage stellen. Es besteht die Gefahr, dass sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit von einer beziehungsgeprägten Sorge hin zu einer risikogeleiteten Kontrolle verlagert. Die mit dem Einsatz von Technik verbundenen Erwartungen, Kosten zu minimieren, dürfen nicht das grundlegende Problem eines unterfinanzierten Pflegesystems und der daraus resultierenden, zum Teil ausbeutungsähnlichen Care-Arbeitsverhältnisse verdecken. Diese kommen unter anderem im Einsatz osteuropäischer Pflegekräfte und im erzwungenen Verzicht auf Erwerbsarbeit durch pflegende Angehörige zum Ausdruck.

Die zwischenmenschliche, leibhaftige Wechselseitigkeit verstehen wir als grundlegend für eine gute Sorgepraxis. Sie lässt sich nicht kurzerhand durch Technik ersetzen. Die mit der Technik vielfach verbundenen Erwartungen relativieren die Bedeutung dieses Beziehungsgeschehens.

Vor diesem Hintergrund formuliert die Aktion Demenz das nachfolgende Memorandum.

I. Technik auf dem Vormarsch

• Der Einzug der jüngsten Welle informations- und kommunikationstechnischer Neuerungen in die Pflege- und Sorgearrangements auch für Menschen mit Demenz ist offenbar unaufhaltsam.

• Das technikdominierte Sorgesystem, das sich vor unseren Augen entfaltet, macht vielen eine „Gänsehaut“: Spürbar ist das bei den Menschen mit Demenz, bei ihren An- und Zugehörigen, bei den professionell Pflegenden und bei denen, die in Wissenschaft und Politik mit dem Thema Demenz befasst sind.

• Es wird in einer für den Sozialbereich ungewohnten Weise Geld in die Technikentwicklung gesteckt. Das Ungleichgewicht zwischen Entwicklungskosten, die für Technik aufgewendet werden, und den Mitteln, die in eine von Menschen getragene Sorgekultur investiert werden, ist besorgniserregend. Investitionen in soziale Innovationen und in Weiterentwicklungen, etwa des Leistungsrechts und in die Rahmenbedingungen für Quartiersentwicklung, kommen zu kurz.

• Die ethische und rechtliche Reflektion des Technikeinsatzes wird häufig nur als Pflichtübung inszeniert. Lebensweltliche Bewältigungsstrategien und Techniksysteme sind nur selten miteinander verknüpft. Die Technikperspektive droht lebensweltliche Aspekte zu verdrängen.

• Auch innerhalb der zum Teil üppig finanzierten Forschungsprojekte in diesem Bereich besteht die Gefahr der Asymmetrie zwischen dominanter Technikentwicklung und dem Aufbau und der Stützung von teilhabeorientierten sozialen Netzwerken.

Welche Auswirkungen hat der vermehrte Einsatz von Technik auf das Menschenbild von Pflege und Sorge? Von der Unersetzbarkeit des Menschen wird geredet, tatsächlich ist die Gefahr nicht zu übersehen, dass Technik, die Fehlerfreiheit und Problemlösung verspricht, zunehmend die Weise, in der Sorge organisiert und „sichergestellt“ wird, dominiert.

• Die Rücknahme einer auf Beziehung und Begegnung bauenden Sorge zugunsten einer technikbasierten Kommunikation widerspricht beziehungsethischen Grundsätzen.

• Die Degradierung von Menschen mit Demenz zu Objekten der Überwachung läuft ihrem Subjektstatus zuwider. Was auch immer programmiert wird: Mitgefühl, Emotionalität und Zuwendung sind durch kein algorithmisiertes „Sorgeprogramm“ zu ersetzen.

II. Lebensdienliche Technik

Die Aktion Demenz sieht durchaus die positiven Nutzungsoptionen von Technik und vertritt keineswegs einen technikfeindlichen Ansatz. Technik kann Selbstständigkeit stärken, Angehörige entlasten, Hilfeleistungen erleichtern, Freiräume eröffnen und Teilhabe sichern.

Der Maßstab für den Einsatz von Technik muss aber ihre lebensdienliche Funktion sein, beziehungsweise ihr tatsächlicher Beitrag zur Verbesserung der Voraussetzungen für ein gutes Leben für Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen. Hierzu bedarf es auch kompetenter Nutzerinnen und Nutzer.

Die Integration von Technik in den Alltag von Menschen mit Demenz kann zahlreiche Möglichkeiten der Förderung von Bezogenheit und Selbstgestaltung eröffnen: So kann Technik Autonomie absichern und Aufmerksamkeit auf verschiedene Personen verteilen, sie kann mehr Privatheit und weniger Störungen bewirken, sie kann das subjektive Sicherheitsgefühl sowohl bei den Betroffenen als auch bei den An- und Zugehörigen erhöhen, sie kann verbreitete Haftungsängste bearbeiten und sie kann demenztypische Funktionseinschränkungen kompensieren und so dazu beitragen, Selbständigkeit zu erhalten.

Angesichts einer weit verbreiteten Begeisterung für die in Aussicht gestellte Beherrschung des Phänomens Demenz durch technische Lösungen fordern wir, sowohl bei der Entwicklung neuer Technologien als auch bei ihrem Einsatz konsequent zu prüfen, welchen Einfluss Technik auf die Sorgebeziehungen und den Subjektstatus entfaltet.

III. Demenz und Technik:

Sorge in einer Zeitenwende Eine ethische Reflexion neuer Technologien muss einerseits den aktuellen Stand von Technik und deren absehbare Realisierungen betrachten und anderseits zukünftige Entwicklungen – was ist ein Zugewinn für den Menschen jenseits der technischen Machbarkeit? – in den Blick nehmen. Die sich abzeichnenden ethischen Herausforderungen im Kontext von Entwicklungen autonomer Systeme sind schwer zu erschließen. Die ethischen Aspekte fragen nach Ideen und Vorstellungen, die in technische Konzepte implementiert werden. So muss zum Beispiel intensiver als bisher der Frage nachgegangen werden, wie sich die enge Interaktion zwischen Menschen und autonomen, von unmittelbaren Eingriffsmöglichkeiten des Menschen losgelöst agierenden Maschinen ethisch verantwortungsvoll gestalten lässt. Die gesellschaftliche Debatte zu Technik und Demenz ist eher einseitig auf (technische) Machbarkeitsvisionen fixiert und zu wenig damit beschäftigt, was überhaupt wünschenswerte Perspektiven sein könnten. In einer Gesellschaft, die sich so dominant auf Selbstbestimmung, Rationalität und Leistung als wesentliche Werte fokussiert wie die unsere, scheint für viele deren Verlust nicht hinnehmbar. Der Wert tragfähiger Beziehungen wird insbesondere dann, wenn technisch-mechanisch substituiert und institutionelle Kälte spürbar wird, zum Verschwinden gebracht.

Wer von Sorge spricht, spricht von Beziehungen zwischen Menschen. Im Umgang mit Menschen mit Demenz ist besonders zu bedenken, dass ihre Würde zerbrechlich und gefährdet ist. Das fordert besondere Aufmerksamkeit, Kreativität und Empathie. Die Sorge für Menschen mit Demenz in der Kommune ist keine konfliktfreie Zone. So ist besondere Sorgfalt angezeigt, wenn soziale Fragen und soziales Handeln durch technikfreundliche Arrangements überlagert werden. Solche technischen Unterstützungssysteme sollten in ihren Möglichkeiten wahrgenommen werden. Die Gefahr der Entfremdung und der Entstehung einer technikgestützten Vereinsamung darf dabei nicht übersehen werden. Technik ist in Dienst zu nehmen, wo sie hilfreich ist. Sie kann beziehungsreiche Sorge unterstützen, darf sie aber nicht ersetzen.

Juni 2019, Aktion Demenz e.V. 

Im Namen der Aktion Demenz e.V.: Vorstand:

  • Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer (1.V.)
  • Prof. Dr. Thomas Klie
  • Dr. Gabriele Kreutzner (stellv. V.)
  • Heike von Lützau-Hohlbein
  • Christian Petzold (stellv. V.)
  • Burkhard Plemper
  • Dr. Willi Rückert
  • Brigitte Voß
  • Peter Wißmann
Karin Eder
Über Karin Eder 540 Artikel
Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Advanced Practice Nurse, Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Leitung Bereich Gerontologie und Validation im Ausbildungszentrum des Wiener Rotes Kreuzes GmbH.

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