Memento Marenko

22. November 2022 | Gastkommentare | 0 Kommentare

Zusammenfassung

Anton S. Makarenko scheint in der pädagogischen Fachwelt momentan annähernd vergessen und lediglich zur historischen Fußnote degradiert. Eine systematische Literaturrecherche im Jänner 2020 hat zutage gefördert, dass tatsächlich wenige Fachartikel seit dem Ende der Sowjetunion publiziert wurden, in welchen Makarenko und seine Konzepte Erwähnung finden. Nach Auswertung der Quellenlage, liegt der Schlüssel zur aktuellen Makarenko-Rezeption nicht im kanonischen Hersagen und Rekapitulieren der Kollektivpädagogik als hermetische Theorie, wie einst in Sowjetunion und DDR praktiziert, sondern im Erhalt einzelner Aspekte seines Werks, welche inhaltlich wie epochal sogar der Reformpädagogik zugeordnet werden können.

Einleitung

Größtmögliche Förderung durch größtmögliche Forderung bei unbedingter Achtung zwischen Lernenden und Lehrenden, sowie die fördernde Wirkung der Peer-Group auf die Entwicklung des Einzelnen. Drei erzieherische Prinzipien, die uns heute beinahe als Gemeinplätze in der Pädagogik erscheinen, so selbstverständlich, dass sie vermutlich schon immer da waren, außer vielleicht zu Zeiten der „schwarzen Pädagogik“ (Rutschky, 1977). Dass sie allesamt eng mit einem Erziehungswissenschaftler verknüpft sind, daran erinnern sich heute nur noch sehr wenige. Diese Person ist Anton Semionowitsch Makarenko, ukrainischer Pädagoge und Heimerzieher in den 1920-er Jahren. Bereits bei Erwähnung des Namens spürt man förmlich noch, wie die einstige Kluft durch die geteilte deutsche Gesellschaft, die größtenteils überwunden und fast nur noch historisch-bedeutsam erscheint, aufklafft (Anmerkung des Verfassers). Denn, gehörten die zahlreichen Publikationen Makarenkos nebst Sekundärliteratur in der DDR zum festen Kanon der Erzieher- und Pädagogenausbildung, war das westliche Interesse für den Klassenfeind nur sehr punktuell ausgeprägt. Getreu dem Leitsatz „Kenne Deinen Feind“ wurde ein Referat an der Universität Marburg mit der Erforschung Makarenkos betraut, zum festen Lernstoff gehörte er jedoch nie. Als dann die deutsche Wiedervereinigung ab 1990 eine grundsätzliche Umstrukturierung des gesamten Verwaltungsapparates sowie aller Curricula notwendig machte, wurde kurzerhand das westdeutsche Modell gleich einer via rege dem obsoleten DDR-System übergestülpt. Was dabei abhanden kam, war unter anderem erst das Interesse für und später die Erinnerung an den einst als bedeutendsten Pädagogen der Sowjetunion gefeierten Makarenko.

Hintergrund

Bereits Makarenkos Herkunft mutet bemerkenswert an, da er – ein Zeitgenosse Lenins und Stalins – väterlicherseits der Arbeiterklasse entstammt, die Mutter jedoch dem alten ukrainischen Landadel angehört. Somit demarkiert er in der Zeit des Umbruchs, der radikalen Demontage des alten, feudalen Zarenreichs und der Errichtung der Sowjets als propagiertes „Paradies der Arbeiter und Bauern“ (Grote, 1958, S. 10) eine Art Hybride, ein Brückentier zwischen dem alten und dem neuen Russland. In seinem Werdegang, der analog mit Errichtung der Sowjetunion ab 1919 einhergeht wird besonders seine diplomatische Klugheit offenbar, wie auch Anweiler bemerkt (Anweiler, 1971), da er Makarenko, als Spross der verhassten Aristokratie und Akademiker gleich 2 der größten Feindbilder in sich vereint, die Stalin ab den 20-er Jahren zu seinen „Säuberungsaktionen“, dem sog. „großen Terror“ veranlasste. Diesen massenhaften Inhaftierungen und Deportationen entging Makarenko nicht nur erfolgreich, er verfolgte auch unbeirrt seine weitere Karriere. Aus heutiger Warte wird die Ursache seines Bestehens in der finsteren Anfangszeit der Sowjetunion durch seine stets betont-unpolitische Haltung begründet. Außerdem in der Übereinstimmung vieler seiner pädagogischen Konzepte mit der Arbeit Krupskajas, welche – als bedeutendste Pädagogin in der frühen Sowjetunion und als Witwe Lenins – federführend in der Erziehungswissenschaft war.

Nach erfolgreichem Durchlaufen der höheren Schulbildung und Ausbildung zum Volksschullehrer, schlägt Makarenko den Weg zum gehobenen Schuldienst ein (Anweiler, 1971). 1920 wird ihm durch das Voksbildungkommissariat in seiner Heimat Char‘kov in der Ukraine, die pädagogische Leitung einer Kolonie für straffällige Jugendliche anvertraut. Die Jugendkriminalität zu dieser Zeit darf jedoch nicht mit den Auswüchsen der wohlstandsverwahrlosten heutigen Gesellschaften verwechselt werden. Den sog. besprizornye (russ. ‚Verwahrloste‘) fehlten in existenzieller Weise – laut Makarenko – eine grundlegende Sozialisierung mit den notwendigen Moralvorstellungen. In den folgenden Jahren leistete Makarenko mit seinem pädagogischen Stab in mehrfacher Hinsicht Aufbauarbeit: zum Einen in den baulichen und wirtschaftlichen Bedingungen der Kolonie, zum anderen im Verhalten der Jugendlichen. Hierzu wandte er Methoden an, die bereits von seinen Zeitgenossen teils kritisch bewertet wurden. Er installiert eine paramilitärische Hierarchie unter den Kolonisten, mit allerhand Militärromantik wie Fahnenappell, Morgenrapport und Exerzierübungen. Der Sinn dahinter war, durch Ernennung von Einsatzabteilungen und Abteilungsleitern, die Jugendlichen zu einer Selbstregualtion und /-organistaion zu bewegen, also – moderner ausgedrückt – intrinsische Motivation durch extrinsische Strukturen zu generieren. Ein entscheidendes Element für die Kongruenz und somit Glaubhaftigkeit der Pädagogen in den Kolonien, ist hierbei die sog. „parallele Einwirkung“. Die Rolle des Erzieheres war keine lenkende oder beobachtende, sondern Makarenko und seine Mitarbeiter brachten sich selbst in alle Arbeitsprozesse mit ein, um den Kolonisten auf Augenhöhe ein beispielhaftes Verhalten zu vermitteln und eine Vertrauensbasis aufzubauen, ein langwieriges und mühseliges Unterfangen, in den desolaten Zuständen nach Revolution und Bürgerkrieg.

Trotz mehrerer Rückschläge prosperiert die Kolonie binnen 4 Jahre, so dass immer mehr Jugendliche der Obhut Makarenkos unterstellt werden. Es gelingt ihm, viele der älteren den neu-gegründeten Arbeiterschulen „RabFak“ zuzuführen, was ihnen einen Schulabschluss und eine qualifizierte Berufsausbildung ermöglicht.

Ab 1927 wird ihm die Leitung der Kolonie „F. Dzerschinsky“ anvertraut, eine noch größere Zahl von Jugendlichen. da der Bedarf an wirksamen Resozialisierungsmaßnahmen ungebrochen ist. Auch diese durchläuft die Umgestaltung nach dem Makarenko’schen Vorbild. Ab den 1930-er Jahren zieht er sich dann gänzlich aus der aktiven Pädagogik zurück und verbringt den Rest seines Lebens mit schriftstellerischer Tätigkeit und auf Lesereisen.  Darin liegt auch die Ursache für die detaillierten Erfahrungsberichte aus den beiden Kolonien. Makarenkos zentrales Werk „Der Weg ins Leben – Ein pädagogisches Poem“, in welchem Aufbau und Alltag erst in der Gorkij- dann in der Dzerschinsky-Kolonie geschildert werden, ist in unterhaltsam-belletristischen Erzählton gehalten und somit anders als für pädagogische Publikationen üblich. Bereits 1939 verstirbt er dann auf einer Zugreise, mutmaßlich an einem Herzinfarkt.

Die große Bedeutung Makarenkos für die Erziehungswissenschaft im gesamten Gebiet des Warschauer Pakts und darüber hinaus, stellt sich erst in den Jahren nach seinem Tod ein. Ein kleiner Kreis aus Anhängern – größtenteils Freunde, ehemalige Kolonisten und seine Witwe – beginnt bereits kurz nach Makarenkos Tod eine rege Kampagne, um die Einzigartigkeit seiner Pädagogik herauszuarbeiten. Von späteren Makarenkoforschern wie Günther-Schellheimer, Hillig oder Anweiler wurde bisweilen kritisiert, dass bereits da eine teilweise Abänderung und Verzerrung seines Werks stattgefunden habe, um Formulierungen und Inhalte pragmatischer und einprägsamer zu gestalten. Somit ist es auch heute annähernd unmöglich, Originaltexte Makarenkos zu sichten, so denn überhaupt noch vorhanden.

Durch die ersten Studenten der DDR, die Auslandsemester in der Sowjetunion verbringen – Günther-Schellheimer gehört zur ersten Delegation -, gelangt Makarenko in den1950-ern nach Ostdeutschland und dort ebenso in die Curricula der Hochschulen, als Vorbild stalinistischer Pädagogik. In den Folgejahren nimmt das Interesse dann etwas ab und keimt erst beinahe 20 Jahre später wieder auf, als das unterdessen in der BRD gegründete Makarenko-Referat 1976 eine erste ungekürzte Gesamtausgabe der Werke Makarenkos publiziert. Somit spiegeln auch geisteswissenschaftliche Themen das ständige Wechselspiel der politischen Befindlichkeiten während des kalten Krieges wider.

Seit 1990 ist es damit – zumindest im gesamtdeutschen Raum – vorbei. Die bereits erwähnte Umgestaltung des Sozialsystems, Mannschatz nennt es gar eine „Überstülpung“ (Bütow & Maurer, 2006), gerät Makarenko in Vergessenheit. Erinnern in den neuen Bundesländern noch einzelne Schulen und Straßen, die nach ihm benannt sind, an dessen einstige Bedeutung, ist er ansonsten annähernd unbekannt.

Methodik

Im Zuge einer Abschlussarbeit zur Erlangung des Bachelor-Degrees, wurde im Jänner 2020 eine systematische Literaturrecherche zu deutsch-/ und englischsprachigen Publikationen über Makarenko seit dem Jahr 1990 durchgeführt, um die derzeitige Präsenz in der Fachdisziplin herauszuarbeiten und daraus implizit die Gegegnwartsbedeutung abzuleiten. Grund für den Einschluss englischer Artikel war, dass bereits bei den Vorrecherchen mehrere Publikationen zum Teil deutscher Wissenschaftler identifiziert wurden, die jedoch ausschließlich in englischsprachigen Magazinen publiziert wurden. Der Suchprozess in mehreren Online-Suchmaschinen und Datenbanken bestätigte zunächst die Eingangshypothese, Makarenko sei tatsächlich dem Vergessen anheimgefallen.

Ergebnisse

Insgesamt konnten vier Publikationen identifiziert werden. Weitere Ergebnisse wurden nach erster Sichtung ausgeschlossen, da sie Makarenko lediglich historisch-retrospektiv behandeln, bzw. andere Aspekte aufgreifen. Neben der eher oberflächlichen Erwähnung, Makarenko sei keineswegs veraltet bei Heinrich, offenbaren die weiteren Publikationen, dass die Konzepte Makarenkos keineswegs vergessen scheinen. Dies allerdings nicht im Sinne einer kanonischen Wiederholung und Abarbeitung des kollektivpädagogischen Ansatzes, sondern vielmehr in einer eklektizistischen Herangehensweise. So greifen beispielsweise Schöne, Sommer und Wigger den Einfluss des Kollektivs außerhalb der Familie auf die Entwicklung des Einzelnen in einem Modellprojekt der Schweizer Jugendhilfe auf (Schöne & Sommer, 2013). Makarenkos Ansatz liefert hierbei nicht die theoretische Grundlage, sondern findet als Grundlagenforscher dieses Gebiets Erwähnung. Kuhlmann hingegen stellt die schillernde Person Makarenkos, hinsichtlich der unterschiedlichen Rollen die er in der frühen Sowjetunion einnahm in den Vordergrund und lobt hierbei, dass er der praktischen Umsetzung den Vorzug vor der Theorie gegeben habe

Besonders zu erwähnen ist die Publikation Sidorkins, der zunächst umfassend aufzeigt, dass die landläufige Makarenko-Rezeption in Deutschland einen grundsätzlichen Fehler enthält. Und zwar werde sein Werk stets aus der Perspektive der mitteleuropäischen Gesellschaft betrachtet und argumentiert. Die Welt Makarenkos sei jedoch eine andere. Und das beziehe sich nicht nur auf die grundlegenden und heute unvorstellbaren Folgen von Oktoberrevolution und Bürgerkrieg, im unmittelbaren Anschluss an den I. Weltkrieg. Vielmehr geht es um das kulturelle Erbe und die Traditionen des russischen Vielvölkerstaats, literarisch als die „russische Seele“ bezeichnet. So sei bereits im russischen Zarenreich des 18. Jahrhunderts die Erziehung der Jugendlichen zu gleichen Teilen auf Familienverband, Schule und kollektiver Freizeitgestaltung gegründet. Diese Freizeitangebote wurden zunächst durch eine Art Interessengemeinschaften der Eltern ermöglicht worden, teilweise subventioniert durch den Landadel (Sidorkin, 2012). Somit stelle Makarenkos Kolonie nicht etwas radikal-neues dar, sondern lediglich eine Adaption der vorrevolutionären Gewohnheiten.

Diskussion

Was alle eingeschlossenen Ergebnisse gemeinsam haben, ist, dass sie tatsächlich Makarenko eine aktuelle Gegenwartsbedeutung zusprechen. Die Aspekte an denen dies festgemacht wird,  variieren jeweils stark. So zieht Heinrich eine aktuelle Nutzung der Konzepte Makarenkos keineswegs in Betracht und beschränkt sich in dem kurzen Abschnitt auf die Nachwirkung der früheren Verwendung Makarenkos in der Pädagogik der DDR, als prägendes Element der damaligen Schüler, die heute erwachsen sind. Insofern ist die Kapitelüberschrift „Die Bedeutung Makarenkos in der heutigen Zeit“ (Heinrich, 2020, S. 8) irreführend, zumal die Publikation aus dem Jahr 2005 stammt, also 14 Jahre nach dem Ende der DDR, welches unter anderem Mannschatz als das jähe Ende der Verwendung Makarenkos deklariert (Bütow & Maurer, 2006, S. 59).

Schöne, Sommer und Wigger hingegen greifen Makarenko grundsätzlich anders auf. Sie betten die Kollektivpädagogik in ein Kontinuum der pädagogischen Strömungen ein. Ebenso liegt der Fokus ipso facto explizit auf der stationären Jugendhilfe, also dem eigentlichen Tätigkeitsfeld Makarenkos, dessen Ansätze erst später, in Sowjetunion und DDR auf das Regelschulsystem übertragen wurden. Des Weiteren beschränken sich die Autoren nicht etwa auf die fakultative Möglichkeit, die Kollektivpädagogik wiederzubeleben, sondern beschreiben Aufbau und Ablauf einer realen Beobachtungsstudie, die Phänomene der „Vergemeinschaftung“ qualitativ erforscht. Die Bedeutung Makarenkos als früher Vertreter der Sozialisation durch das Kollektiv wird lediglich eingangs erwähnt; in der restlichen Publikation erfolgt die Beschreibung des Studienablaufs sowie die Ergebnisdarstellung. Bemerkenswert an dieser Arbeit erscheint der Umstand, dass die Kollektivpädagogik unvoreingenommen aufgegriffen wird, ohne Hinweis auf den ideologiebildenden Nebeneffekt derselben, welcher einst in den sozialistischen Staaten eine wesentliche Rolle gespielt hat und Makarenko häufig das Prädikat „sozialistischer“ oder „stalinistischer“ (Kobelt, 1996) Pädagoge einbringt. Der Grund für die Unvoreingenommenheit könnte darin bestehen, dass in der stationären Jugendhilfe, also der Heimerziehung, auch das ursprüngliche Anwendungsgebiet von Makarenkos Pädagogik liegt und durch die langfristige Zweckgemeinschaft der Jugendlichen Gruppendynamik und kollektives Erleben systemimmanent sind. Schmied-Kowarzik geht dabei noch einen Schritt weiter und postuliert unter Berufung auf Schleiermacher, dass die menschliche Entwicklung stets durch die bewussten oder unbewussten Kollektive bestimmt wird, in denen sich das Individuum befindet. Somit stellt Kollektivpädagogik lediglich eine bewusste Kanalisierung dieser unausweichlichen Entwicklung dar (Schmied-Kowarzik, 2008, S. 70). Man kann es auch als eine pädagogische Auslegung der Feldtheorie Kurt Lewins begreifen, der das menschliche Verhalten auch als ein Resultat der Einwirkung des sozialen Umfelds auf die Einzelperson beschreibt (Lück, 2020).

Eine gänzlich andere Herangehensweise an Makarenko in der heutigen Zeit liefern sowohl Kuhlmann, Professorin für Soziologie an der evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (EVH-Bochum, 2020) wie auch Sidorkin. Beide greifen in ihren Publikationen jeweils einzelne Aspekte von Makarenkos pädagogischer Praxis auf und diskutieren die Möglichkeit einer aktuellen Anwendung. Hinsichtlich des Aufbaus und des Inhalts unterscheiden sich die Arbeiten stark voneinander, was nicht dem Umstand der unterschiedlichen Sprachen, sondern vielmehr dem Hintergrund der Autoren geschuldet ist. So finden sich bei Sidorkin, Dekan am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften der amerikanisch-russischen Hochschule in Myasnitskaya  zahlreiche Hinweise auf historische und aktuelle Umstände und Bedingungen im Gebiet der GUS Staaten, was biografisch durch dessen russische Abstammung erklärt werden kann (HSE, 2020). Durch seine Bilingualität hat er Zugang zu russischer Quellliteratur, was hinsichtlich Makarenko ein weit größeres Spektrum offenbart. Allein die Literaturrecherche mit den englischen Termini hat mehr als 2/3 russische Publikationen mit lediglich Abstract identifiziert. Diese sind aufgrund der Ausschlusskriterien, wie in (Tabelle 6) dargelegt, nicht in den Ergebnissen berücksichtigt, befassen sich jedoch auch mit der Aktualität Makarenkos.

Kuhlmanns Publikation hingegen ist primär eine enzyklopädische Aufstellung verschiedener pädagogischer Strömungen und Theorien. So beginnt der Abschnitt über Makarenko mit einem biografischen Abriss, in welchen die spezifische Pädagogik eingebettet wird. Anschließend legt Kuhlmann die Eckpunkte der Kollektivpädagogik einzeln dar und verweist jeweils auf Textbelege aus dem „Poem“.

Bei der Auseinandersetzung mit Makarenko geht es weder Sidorkin, noch Kuhlmann um das kanonische Hersagen und wortwörtliche Umsetzen der mittlerweile annähernd 100 Jahre alten pädagogischen Ansätze, sondern vielmehr um ein eklektizistisches Herausgreifen einzelner Punkte: in den vorliegenden Fällen die kollektivpädagogische Freizeitgestaltung bei Sidorkin und die Explosionsmethode bei Kuhlmann. Allein, der Einsatz von sog. Patchworktheorien in der Geisteswissenschaft ist bei Leibe nicht neu. So bedient sich die derzeitige Pflegewissenschaft nach ihrem Scheitern in der Praxis mittlerweile der Kombination einzelner Aspekte mehrerer ursprünglicher Theorien (Neumann-Ponesch, 2014). Im Falle der Pflegewissenschaft beispielsweise rechtfertigt Neumann-Ponesch diese Herangehensweise damit, dass der Ausschließlichkeitsanspruch einer Theorie, wie es die Naturwissenschaft fordert, im geistes-/ oder auch humanwissenschaftlichen Kontext nicht haltbar ist. Aufgrund des phänomenologischen Aufbaus dieser stark qualitativ-geprägten Forschungsresorts, können die zugrundeliegenden Theorien sich maximal annähern, aber kaum uneingeschränkt gelten.

Betrachtet man einzelne Marksteine der Pädagogik Makarenkos isoliert, so können in der heutigen Erziehungspraxis einige Aspekte wiedergefunden werden. So beispielsweise das Motiv des erziehenden und zivilisierenden Kollektivs in beinahe jeder Vereinsstruktur, in welcher Jugendliche aktiv sind, von der freiwilligen Feuerwehr, über Sportvereine, bis hin zu Pfadfinderorganisationen. In diesen ist ebenfalls eine hierarchische Struktur auszumachen, manifestiert an Rängen, Rangabzeichen und einer annähernd paramilitärischen Ästhetik (Sauer, 2020); (Sander, 2020). Bei historischer Aufarbeitung der jeweiligen Ursprünge zeigt sich, dass es sich bei Makarenkos Kolonie und Baden-Powells Pfadfinderbewegung um sowohl örtlich wie auch ideologisch voneinander unabhängige singuläre Ereignisse handelt. Die Pfadfinderbewegung hat ihren Ursprung in den USA im Jahr 1907 und somit 13 Jahre vor Makarenkos Übernahme der Gorkij-Kolonie. Nimmt man noch John Deweys Ansatz, ebenfalls aus dem Jahr 1907, der kollektiven „experience“ – das praktische Erleben des theoretisch Gelernten – hinzu, so kann man annähernd von einer kleinen ‚Epoche‘ des pragmatischen Gruppenerlebnisses zum Zweck der Charakterbildung sprechen (Dollinger, 2012). Vielleicht demarkieren derartige Ansätze die Lösung der Grundproblematik, ideologisch-belastetes, wenngleich nützliches Gedankengut unvoreingenommener zugänglich zu machen. Dennoch gilt es, die Verhältnisse der damaligen Zeit entschieden von heute abzugrenzen. Bedingt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, respektive die des 3. Reichs sowie der sozialistischen Regime, kann eine Erziehung basierend auf paramilitärischen Prinzipien und Praktiken mit Recht als stigmatisiert und obsolet betrachtet werden. Sie verkörpert gleichsam eine Entfesselung der Gruppendynamik zu despektierlichen Zwecken in einer Zielgruppe, die aufgrund der Altersstruktur – Kindheit und Jugendalter – überaus empfänglich für allerhand Vorbilder ist (Denzler, Grüner, & Raasch, 2016). Dem möglichen Einwand, in einer aufgeklärten und globalisierten Welt mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung, sei dies nicht mehr möglich, seien zeitgenössische Eskalationen, wie Ausschreitungen unter Fans in Fußballstadien, oder die teils regelmäßigen Kundgebungen rechtspopulistischer Vereinigungen entgegengestellt (Kuber & Kugelmann, 2019). Gemäß Reich, seien die massenpsychologischen Voraussetzungen sowohl sozialistischer wie faschistoider Gruppierungen analog zu betrachten insofern dass Erkenntnisse der marxistischen Philosophie auch Phänomene des Nationalsozialismus erklärbar machen (Reich, 2011). So gilt es auch bei der Erwägung einer möglichen Verwendung Makarenkos in der heutigen Zeit, die epochalen, kulturellen und politischen Gegebenheiten, die in der frühen Sowjetunion herrschen, einzubeziehen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich in der heutigen Zeit erheblich mehr vom geistigen Erbe Makarenkos findet als die Literaturrecherche offenbart. Denn nicht die dem ideologiebildenden Zweck angepassten Parolen und Paraphrasierungen seines Wirkens wie „parallele Einwirkung“ oder eben „Kollektivpädagogik“ drücken das aus, was seine Arbeit primär auszeichnet: Partizipation – das aktive Einbeziehen der Schüler/ Schützlinge/ Kolonisten in die Gestaltung des Miteinander, sowie sämtliche interne Entscheidungsprozesse. Dies praktiziert Makarenko, in Anlehnung an sein monografisches Werk, bereits kurz nach der Übernahme der Gorkij-Kolonie ab 1920, in Form des „Rates der Kommandeure“, sowie der regelmäßigen Vollversammlungen aller Kolonisten (Makarenko, 1971). Knauer und Sturzheger gestehen ihm gar einen reformpädagogischen Ansatz zu, welcher unter anderem die Basis für heutige Institutionen wie die Schülermitverwaltung an allgemeinbildenden Schulen darstellt (Knauer & Sturzenhecker, 2020).

 

Fazit

Es sind, wie oben dargelegt, tatsächlich Ansätze und Diskussionen einer Nutzbarmachung von Makarenkos Ideen in der heutigen Erziehungswissenschaft nachweisbar. Dabei handelt es sich erwartungsgemäß nicht um eine vollständige Adaption der rudimentären Arbeit der Pädagogen in den Jugendstrafkolonien der frühen Sowjetunion. Aber eine gewisse Zeitlosigkeit in manchen Aspekten und Ansichten, teils sogar eine bemerkenswerte Aktualität, können nicht bestritten werden. So fällt besonders Sidorkins Überlegung bezüglich der Sozialisation junger Menschen als Gemeinschaftsaufgabe von Schule und Elternhaus auf, ermöglicht durch eine kollektivpädagogische Freizeitgestaltung. Dabei stellt sich jedoch analog die Frage, wie die individuelle Charakterbildung junger Menschen im Geiste einer Erziehung erfolgreich sein kann, die den Einzelnen dem Kollektiv klar unterordnet. In einer Zeit in welcher „Lernpartnerschaften“ und „Schülerzentrierung“ die früheren Erziehungsziele Kants, zu moralisieren, disziplinieren, zivilisieren und kultivieren scheinbar abgelöst haben (Rath, 2020).  Aber genau derartige Kontroversen machen wohl den besonderen Reiz der Pädagogik Makarenkos aus, der von sozialistischer Seite für seine Kollektivierung der Erziehung bewundert, zugleich überhaupt nicht zurückhaltend, die individuellen Charakterzüge und Eigenheiten einzelner Jugendlicher in seiner Kolonie hervorhebt. Eben einige dieser Sonderlinge erreichen in seinem autobiografischen „Poem“ den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen und stehen somit einerseits für den Erfolg Makarenkos Erziehung, wobei sie den Grundgedanken der Kollektivpädagogik gleichzeitig ad absurdum führen. Die Einordnung Makarenkos in die Reformpädagogik, wie durch Knauer und Sturzenheger, erscheint nicht abwegig. Vor diesem Aspekt kann die Idee der Kollektiverziehung, die wie in 5.1 beschrieben auch nicht einzig Makarenko zugeschrieben werden kann, als immer noch aktuell betrachtet werden. Gleichwohl unterscheiden sich die Verhältnisse und Ziele der heutigen Zeit erheblich von denen der damaligen (Anmerkung des Verfassers).

 

 

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Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)