„Mein Schreiben ist ein Weg des Verstehens und Annehmens“

Hartmut Haker auf einen Kaffee mit Christoph Müller

(C) artem loskutov/EyeEm

Hartmut Haker ist vor vielen Jahren seelisch erkrankt. Seine Erfahrungen und Erlebnisse dokumentiert er seit vielen Jahren in Artikeln für ganz unterschiedliche Zeitschriften. Und seine Bücher sind Beweise dafür, dass Menschen, deren Seelen aus dem Gleichgewicht geraten sind, einen Recovery-Weg finden können. Anlässlich der Veröffentlichung seines neuesten Buchs „Die bekannten Anderen“ hat Christoph Müller mit Hartmut Haker gesprochen.

 Christoph Müller Das Schreiben haben Sie als eine Möglichkeit entdeckt, auf den Weg zur eigenen Gesundung zu kommen. Wie sind Sie eigentlich auf diesen Weg gekommen?

Hartmut Haker  Die Geschichte meines Schreibens ist ein langer Weg. Geschrieben habe ich schon als Kind und Jugendlicher. Kleine Erzählungen über Piraten, Cowboys und Ungeheuer sind entstanden. Auf Reisen verfasste ich Tagebücher. Schon damals als Heranwachsender merkte ich, dass das geschriebene Wort in einem etwas auflöst. Man kann kompakt einen Lebenssachverhalt erfassen und festhalten.

1995 begann ich auf der geschlossenen psychiatrischen Station 23 der Schweriner Carl-Friedrich-Flemming-Klinik mein erstes Buch zu schreiben. Den Stationsarzt fragte ich, ob ich mit meinen Mitpatienten Interviews machen darf, denn mein Buch „Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie“ beinhaltet 16 Interviews – ein Versuch, um meine Schwierigkeiten mit denen anderer Patienten zu vergleichen.

Anfangs wurde mein Schaffen belächelt. Doch ich blieb hartnäckig, fand einen Verlag, das Buch erschien und ich hielt Lesungen. Diese Beschäftigung half mir sehr, ich hatte etwas Sinnvolles zu tun und wurde abgelenkt. Es brauchte viel Zeit, bis ich meine Erkrankung verstehen konnte. Mein Schreiben spiegelte mein Leben, meine Erlebnisse wider. Ich hatte den Eindruck, dass ich „den Fall“ mit dieser Hilfe vielleicht sogar lösen konnte. Völlig ehrlich und offen wollte ich das tun. Mein Schreiben ist ein Weg des Verstehens und Annehmens. Jedem psychisch Erkrankten möchte ich empfehlen zu schreiben, zu malen, zu fotografieren oder Sport zu treiben. Das kann eine Seele gesund machen.

Christoph Müller Die vielen Veröffentlichungen zeigen, dass das Schreiben einen nicht unerheblichen Teil ihres Alltags auszumachen scheint. Wie organisieren Sie sich neben einem Brotberuf und einer Familie, um dem eigenen Anspruch an das Schreiben gerecht zu werden?

Hartmut Haker Ich arbeite in Vollzeit in einem Ingenieurbüro, das habe ich trotz meiner schizo-affektiven Erkrankung all die Jahre immer getan. Ich wollte aus mir heraus leben – selbstbestimmt und möglichst frei. Dies ist mir bisher gelungen.

Nicht jeden Tag schreibe ich, es sind eher Phasen. Ab und zu kommt ganz viel aufs Papier, dann entstehen meine Bücher. Wenn ich weniger Zeit habe, schreibe ich kürzere Texte, die ich Zeitschriften anbiete oder die auch Vereine mit dem Thema „psychische Erkrankung“ auf Ihre Internetseiten nehmen.

Immer schreibe ich zuerst mit der Hand und korrigiere, bis ich es in den Rechner tippe. Meine Frau liest oft Korrektur und findet auch gute Titel. Mein achtjähriger Sohn Jonathan illustriert manchmal die Geschichten und Erzählungen.

Christoph Müller Es sind sehr persönliche Töne, die Ihre Texte anklingen lassen. Wo nehmen Sie die Kraft her, das Innere so ausdrücklich nach außen zu kehren?

Hartmut Haker Für mich sind meine Familie und meine Arbeit ein wichtiger Antrieb, all dies gibt mir Kraft und bringt mich auch mit meinem Schreiben voran. Meine Botschaft, mit dem, was ich tue, ist, dass es auch mit einer psychischen Erkrankung möglich ist, ein gutes und erfülltes Leben zu führen.

Meinen Mut und das positive Denken, auch an andere zu denken, für Kleines und Großes gleichsam dankbar sein – das möchte ich anderen Betroffenen weitergeben. Mir gibt es Kraft, einfach auf meine Weise, mit meiner Familie, zufrieden durch die Tage zu gehen. In meinen kleinen Erzählungen in meinem neuen Buch zu Weihnachten, Ostern und übers Jahr, vor allem mit meinem Sohn und meiner Frau, kann man diese Hoffnung und mein Vertrauen spüren. Man sagt ja – der Weg ist das Ziel! Und auch der Ausspruch von Vaclav Havel, der am Anfang meines neuen Buches steht, drückt mein Leben und Hoffen aus: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Und dann ist da mein Glaube an Gott, der mich hält, leitet und alles einmal gut ausgehen lassen wird.

Christoph Müller Sie schreiben unter anderem im aktuellen Buch „Die bekannten Anderen“ über Reizüberflutungen. Sie betonen, dass die laute Welt zu persönlichem Stress führen kann. Was machen Sie in Ihrem Alltag, um der Reizüberflutung zu entfliehen? Was können Sie als Betroffener raten, wenn die Reizüberflutung das seelische Ungleichgewicht fördert?

Hartmut Haker Reize sind wichtig im Leben eines Menschen. Auch damit man etwas spüren kann oder gewarnt ist. In meinem neuen Buch schreibe ich von der Reizüberflutung, der Gefahr für psychisch Erkrankte und wie ich diesen Einwirkungen aus dem Weg gehe. Für uns als Familie ist es immer wichtig, an ruhige Orte zu gehen, an den See und in den Wald. Reizüberflutung entsteht in unruhigen Umgebungen, man denke an Großstädte oder laute Diskotheken. Unruhe in Form von Reizen kann auch beim Surfen durch das Internet und die sozialen Netzwerke entstehen. Mein Rat ist, all dies auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Christoph Müller Als seelisch erkrankter Mensch wissen Sie um die Stigmatisierung, die viele Menschen erleiden müssen. Inwieweit verstehen Sie das eigene Schreiben als ein Statement gegen die Ausgrenzung psychisch erkrankter Menschen?

Hartmut Haker „Stigmatisierungen entwickeln sich auch aus der Angst vor dem Anderen, der Unwissenheit über den Anderen“, so schreibe ich es in meinem Buch. In meinem Leben musste ich mich behaupten mit meiner Erkrankung. Auch durch meine Offenheit, beispielsweise am Arbeitsplatz, machte ich eher gute Erfahrungen. Ich erfuhr, dass Menschen sich mir gegenüber eher öffneten, als ich ihnen von mir berichtete.

Meine Texte und Bücher sollen auf eine eindringliche, verständliche Weise zeigen, was es bedeutet von einer psychischen Erkrankung betroffen zu sein. Ich beschönige nichts und versuche alle Facetten ehrlich und offen darzustellen. Man kann es Aufklärung nennen. Ich möchte diese Erkrankungen entzaubern – es sollen Missverständnisse abgebaut, im Idealfall sollen diese mit Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs gleichgestellt werden. Das Stigma möchte ich damit beseitigen. Eine Normalität sollte idealerweise einkehren – das ist natürlich ein weiter Weg.

Christoph Müller Vieles in Ihrem Buch liest sich leicht. Dabei lässt es sich erahnen, dass die Leichtigkeit oder Gelassenheit im Zusammenhang mit einer seelischen Erkrankung mühsam erarbeitet ist. Lassen Sie uns an Ihren Erfahrungen teilhaben.

Hartmut Haker Als Überschrift für diese Leichtigkeit und Gelassenheit, kann ich bei mir die Worte Geduld, Vertrauen und Erfahrung nennen. In den 25 Jahren meiner Erkrankung habe ich durch die Wiederholung der Rückschläge und auch durch die Zeiten, wenn es wieder bergauf ging, vieles dazugelernt. Mein Glück war, dass ich auf Menschen zuging, mich mitteilte. Ich erkannte, dass ich mit meinem Leben und meiner Erkrankung einer von Vielen bin.

In meinen Lesungen und auch in den Kliniken lernte ich Menschen kennen, die ganz ähnlich wie ich auf dem Weg sind. Das ganze Leben ist ein Weg. Das und der Glaube an Gott machten mich leichter und gelassener. Mein Glaube und die Erfahrung mit meinem Leben wuchs – trotz all der kleinen Ecken und Kanten.

Christoph Müller Bei der Lektüre des aktuellen Buchs wird offensichtlich, dass der Gottesglaube eine wichtige Rolle in Ihrem Leben spielt. Was leistet der christliche Glaube für Sie ganz persönlich, was sicherlich die Therapeutinnen nicht schaffen?

Hartmut Haker In meinem Buch „Die bekannten Anderen“ schreibe ich von Gott, der Nächstenliebe und dem Vertrauen. Für mich ist das nicht etwas anderes, was nur in den Kirchen wohnt – Gott ist überall. Der Glaube ist in meinen Augen an allen Orten und unter allen Menschen.

Ich lese gern in der Bibel. Von den Augen, die man zu den Bergen erhebt, von der Hilfe des Herrn. Ganz am Anfang war ich in einer Klinik in meiner Heimatstadt Patient – vor über 25 Jahren – und da hing in der Klinikkapelle ein Bild von Jona und dem Wal – Jona, der vor Gott davongelaufen war und der Wal nahm ihn auf. Dieses Bild gab und gibt mir eine große Kraft. All den anderen Betroffenen wünsche ich diesen Blick auf das Leben.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank, dass ich auf Ihren Pfaden mitlaufen durfte.

 

Das Buch, um das es geht

Hartmut Haker: Die bekannten Anderen, Wieden Verlag, Crivitz 2021, ISBN 978-3-942946-88-9, 137 Seiten, 11.80 Euro.

Über Christoph Mueller 315 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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