Mein Herz + meine Seele

11. Dezember 2022 | Rezensionen

„Dosis macht das Gift“

Bei aller Nachdenklichkeit und bei allem Leiden, die Botschaft des Buchs „Mein Herz + Meine Seele“ ist eindeutig: „… gemeinsam sind sie stärker …“. Lange Jahre wurde diese Einschätzung unterschätzt, was die Diagnostik und die Therapie von Menschen deutlich beeinträchtigte. So tut es den Betroffenen inzwischen gut, dass es den Begriff und die Praxis der Psychokardiologie gibt. Eine „Entdeckungsreise“ (S. 10) nennen Köllner, Langheim und Kleinschmidt. Mediziner_innen müssten auf Spurensuche gehen, um den individuellen Beschwerden eines Menschen auf den Grund zu gehen. Sie schreiben: „Die Ursachen für Krankheiten sind eben nicht immer auf dem Röntgenbild oder in den Laborwerten zu sehen. Häufig entstehen Krankheiten aus einer ungünstigen Wechselwirkung zwischen seelischen und körperlichen Faktoren“ (S. 10).

Das Buch verlangt so auch Pfadfinder-Qualitäten von den Leser_innen. Sie haben die Gelegenheiten, vieles über das Herz an sich, aber natürlich auch über Herzerkrankungen und deren Therapie zu erfahren. Dabei thematisieren Köllner, Langheim und Kleinschmidt, dass thematisiert werden müsse, „Warum eine Erkrankung eigentlich entstanden ist und wie eine Behandlung des Menschen in seiner Gesamtheit, also auch mit dem Blick auf die Psyche, gestaltet werden kann“ (S. 48). Deshalb ist es schlüssig, wenn seelische Erkrankungen in aller Ausführlichkeit erklärt werden. Die Depression und die Angsterkrankungen, der Schlaf und das Trauma sind im Blick.

Wen wundert es, dass Köllner, Langheim und Kleinschmidt berufliche Belastungsfaktoren für das Herz konkretisieren? Es wird offensichtlich, dass die Zeitgenoss_innen, aber auch die Mediziner_innen Nachholbedarf haben. Stichworte wie Verantwortung für Menschen und Zeitdruck tauchen als Risikofaktoren auf. Die Autor_innen warnen deshalb, dass bei der Arbeit die Dosis das Gift macht. Und sie betonen, dass Schichtdienste und insbesondere Nachtdienste Körper und Seele Schaden zufügen. Andere Warnschilder scheinen aufzuklappen, wenn Köllner, Langheim und Kleinschmidt erläutern, dass Frauen und Männer anders reagieren. Da lässt es aufhorchen, dass bei Frauen ein Durchschnitt später als bei Männern behandelt werde. Bei Frauen gehe der Herzinfarkt häufiger mit atypischen Symptomen einher.

Das Buch ist verständlich geschrieben. Die Leser_innen können sich in kleinen Portionen den Inhalt zu eigen machen. Sie werden dabei auch damit konfrontiert, dass Heilung so verstanden werden muss, „dass der Originalzustand aus der Zeit vor dem Ausbruch der Erkrankung wiederhergestellt wird, so ist dies bei chronischen Erkrankungen oft nicht mehr möglich“ (S. 137). Eine Aufgabe von Rehabilitation sei es, „Menschen zu helfen, trotz Einschränkungen bei Körperfunktionen und -strukturen Aktivität und Teilhabe am Leben zurückzugewinnen“ (S. 138).

Viele Erkenntnisse klingen eingängig, Betroffene sind beispielsweise geneigt, das Eine oder Andere möglicherweise zu leicht auf die Schulter zu nehmen. Das Buch fordert Betroffene heraus, die Inhalte zu durchdringen, vieles auch umzusetzen, um der eigenen Seele und dem eigenen Herzen zu helfen. Spätestens wenn es um die Bewegung geht, zeigen sich unzählige Hausaufgaben, die zu erledigen sind. Bei Entspannungsübungen sieht dies nicht anders aus.

Köllner, Langheim und Kleinschmidt betonen, „dass wir der Krankheit nicht die Kontrolle über unser Leben geben“ (S. 208). Die Lektüre des Buchs ist ein guter Anfang.

 

Volker Köllner, Eike Langheim & Judith Kleinschmidt: Mein Herz + meine Seele – Das Zusammenspiel von Herz und Seele: Spannende Einblicke in die Psychokardiologie, Trias-Verlag, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-432-10757-8, 216 Seiten, 19.99 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at