„Man kommt mit so viel Motivation hinein“

Maximiliane Schaffrath über ihr Buch „Systemrelevant“

(C) Akinci

Mit dem Buch „Systemrelevant“ hat die Gesundheits-und Krankenpflegerin Maximiliane Schaffrath auf die Situation von Auszubildenden, aber auch diplomierten Pflegenden aufmerksam gemacht. Es wundert nicht, dass sie eine breite Resonanz in der Öffentlichkeit für ihre offenen Worte gefunden hat. Christoph Müller hatte die Gelegenheit, Maximiliane Schaffrath zu interviewen.

Die Motivation, dieses Buch zu schreiben

Maximiliane Schaffrath Ich hatte nicht den einen Grund, sondern es gab mehrere. Zum einen habe ich während der Ausbildung erlebt, wenn ich Außenstehenden von den Verhältnissen erzählte, dass jeder schockiert war. Und da dachte ich, dass die Menschen, die nicht im Gesundheitswesen arbeiten, auch die Möglichkeit haben sollten, zu erfahren, was sich dort eigentlich alles abspielt. Dabei hatte ich natürlich auch die Hoffnung, dass mein Buch ein Mosaikstein auf dem Weg zu den längst überfälligen Verbesserungen ist.

Zum anderen wollte ich zeigen, wie vielfältig dieser Beruf ist und wie viel man wissen und können muss, sowohl auf der medizinischen Ebene als auch auf der menschlichen und psychologischen. Ich wollte, dass der Leser mitfühlen kann, wie es ist, diese Ausbildung zu machen, denn sachliche Berichte und Zahlen gibt es bereits einige.

Christoph Müller Wie halten Sie als junge Frau die denkwürdigen Zustände in der stationären und ambulanten Pflege aus?

Maximiliane Schaffrath Wenn ich ehrlich bin, dann war es in der Ausbildung oft so, dass ich es nicht wirklich ausgehalten habe. Das Problem ist, man kommt mit so viel Motivation hinein und sieht, dass einem in seiner Rolle als Auszubildender die Hände gebunden sind. Das hat natürlich auch dazu geführt, dass ich mehrmals überlegt habe, abzubrechen. Ich glaube, ich habe es deswegen ausgehalten, weil ich ja wusste, dass ich nach drei oder in meinem Fall dann 3,5 Jahren fertig bin und dann hatte ich mir fest vorgenommen, es anders zu machen. Allerdings ist es schwierig, wenn das System so etwas dann nicht zulässt. Ich habe versucht, mir privaten Ausgleich zu suchen: Schwimmen war ich sehr viel, spazieren im Wald und tanzen. Ich denke, das ist immens wichtig, dass man sich trotz der andauernden Erschöpfung noch aufrafft und etwas für die eigene Seele und den eigenen Körper tut.

Christoph Müller Wissen Sie davon, ob politisch Verantwortliche, aber auch Menschen in Führungspositionen Ihr Buch als Anstoß dafür nehmen, Veränderungen im eigenen Verantwortungsbereich anzustoßen?

Maximiliane Schaffrath Nein, das weiß ich tatsächlich nicht. Ich wünsche es mir, dass mein Buch und die Stimmen all der anderen, die öffentlich protestieren, endlich gehört werden. Ich denke, selbst die motivierteste Pflegedienstleitung, um jetzt mal ein Beispiel zu nennen, hat auf der anderen Seite auch einen begrenzten Handlungsspielraum, denn sie unterliegt ja immer noch der Klinikleitung und den Gewinnzwängen. Sie kann nicht einfach sagen, ich will mehr bezahlen, oder ich will mehr einstellen. Ich denke, dass es Zeit ist für eine grundsätzliche Reform des Gesundheitswesens. Wir müssen uns als Gesellschaft Gedanken darüber machen, wie wir Pflege und Krankheit finanzieren können und ob die Privatisierung vieler Bereiche und die Finanzierung nach Fallpauschalen dauerhaft der richtige Weg sein können. Denn meine Erfahrungen beziehen sich ja auf die Ausbildung im Krankenhaus.

Aber das größte Problem der Pflege sind die Pflegeheime und der Graumarkt der osteuropäischen 24-Stunden-Pflegekräfte. Es reicht nicht zu sagen, geben wir ihnen einfach mehr Geld. Es geht um viel mehr in diesem System. Und die Probleme sind vielschichtig und über Jahre hinweg entstanden. Es geht um die Arbeitsbedingungen, um zwölf Tage am Stück arbeiten, um freie Tage, die oft nicht sicher planbar frei sind, um den riesigen Personalmangel, der sich, so fürchte ich, in Zukunft noch verschlimmern wird, denn viele Pflegekräfte werden bald in Rente gehen. Kurz gesagt: Das System als Ganzes muss angepackt werden, die Finanzierung, die Pflegeversicherung, die Personalschlüssel, und das geht nur durch politischen Willen der Verantwortlichen. Ob der allerdings da ist, bezweifle ich. Denn wer will sich schon Gedanken machen über die Finanzierung eines der größten Kostenfaktoren der Zukunft? Wir werden in 20 bis 30 Jahren noch viel mehr Pflegebedürftige alte Menschen haben als heute. Und noch weniger junge Menschen, die in die Versicherungen einzahlen und diese pflegen wollen.

Christoph Müller Was könnten sich pflegerische Kolleg_innen außerhalb der Psychiatrie abgucken, um das Wirken im eigenen Kontext gelingender zu gestalten?

Maximiliane Schaffrath In meinem Fall war es tatsächlich so, dass ich mich als Auszubildende zum ersten Mal richtig wertgeschätzt gefühlt habe. Mir wurde alles erklärt, über Medikamente und Krankheitsbilder. Ich durfte mir Co-Therapien wie die Musiktherapie anschauen. Das liegt an der grundlegenden Einstellung, die ich auch bei den Pflegekräften der Intensivstation wahrgenommen habe, dass ein Auszubildender zusätzlich da ist, um etwas zu lernen, und nicht, um Personalmangel zu kompensieren.

Bezogen auf die Einstellung gegenüber den Patienten haben die Pflegekräfte dort immer den Menschen als Ganzes gesehen, auch mit den dort nicht behandelten physischen Erkrankungen. In der Somatik erschien es mir so, dass der Mensch zum größten Teil ausgeklammert wird, da wird dann oft gesprochen von „der Galle in Zimmer 13“, und wenn dann „diese Galle“ noch als Nebendiagnose eine Depression hat, dann ist es meist ganz aus.

Wichtig ist mir an dieser Stelle aber, dass dies alles meine subjektiven Erlebnisse an einer Klinik waren. An anderen Orten mag es anders aussehen.

Christoph Müller Was müsste denn dort auf den Intensivstationen geschehen, dass die Arbeit erfüllender werden könnte?

Maximiliane Schaffrath Ich kann hier nur von meinen Erfahrungen in der Ausbildung sprechen, denn ich habe nach dem Examen nie auf einer Intensivstation gearbeitet. Doch ich kann mit Sicherheit sagen: Ich habe einen Schlüssel von maximal 2:1 erlebt auf einer ICU. Auf einer IMC waren es 1:4. Doch selbst zwei Patienten zu betreuen, habe ich als zum einen sehr anstrengend erlebt, und da mussten noch nicht alle 8h mit FFP-2-Maske herumrennen, und zum anderen war und ist es gefährlich, denn sobald sich der Zustand eines der zwei Patienten verschlechtert, hat man für den anderen gar keine Zeit mehr, wenn Kollegen Hilfe brauchen ganz zu schweigen.

Was muss also passieren? Wir brauchen gesetzlich festgelegte Untergrenzen, und ich finde, für ICU-Intensivstationen sollte der 1:1 sein, für IMC 1:2, damit die Sicherheit der Patienten noch gewährleistet werden kann und man sie gut versorgen kann. Solange sich da nichts tut, sind denke ich alle anderen Änderungen auch wieder nur Kosmetik.

Seit der Pandemie habe ich in den Nachrichten gehört, dass zum Teil bis zu fünf Patienten auf Intensivstationen betreut werden mussten, das ist unerhört, das ist in Skandinavien der Schlüssel für Normalstationen! Vor allem aber ist es lebensgefährlich für die Patienten, und die Pflegekräfte wissen das, und das macht sie krank.

Christoph Müller Als sie über den Dienstplan auf der Intensivstation erzählen, machen sie deutlich, wie kräftezehrend Schaukelschichten sind. Stehen solche Rahmenbedingungen in einem Verhältnis zu Belastungen in anderen beruflichen Kontexten?

Maximiliane Schaffrath Die Arbeit im Dreischichtsystem ist belastend, aber es ist jetzt nicht der alleinige Faktor. Man kann nicht einen Faktor herausgreifen, sondern es ist die Kombination aus allem: Schichtdienst, Einspringen im Frei, körperliche Belastung (Heben von Patienten, Lagern, stundenlanges Stehen), keine Zeit zum Essen und Trinken, Überstundenberge, chaotische Dienstpläne, mangelnde Wertschätzung, keine Aussicht auf Aufstieg oder nennenswerte finanzielle Vorteile durch Weiterbildungen, keine Supervisionen (die sollten meiner Meinung nach Standard sein), viele Hilfskräfte, die miserabel bezahlt werden.

Christoph Müller Sie dokumentieren auch Ohnmachts-und Demütigungserfahrungen. Was wünschen Sie sich von Kolleg_innen, um ein Mehr an Miteinander zu erreichen?

Maximiliane Schaffrath In Bezug auf die Auszubildenden wünsche ich mir, dass man sie als zukünftige Kolleg_innen wertschätzt. Diejenigen, die diesen Beruf erlernen wollen, obwohl er so ein schlechtes Image nach außen hat, müssen meiner Meinung nach wie Gold behandelt werden. Denn wenn die Arbeitsbedingungen schon eine Belastung darstellen, der Umgang mit den Kranken und Schwerkranken erst erlernt werden muss, und dann kommt noch dazu obendrauf, dass die examinierten Pflegekräfte ihren Frust an einem ablassen, weil man in der Hierarchie die letzte Stufe unter ihnen ist, dann verwundert es nicht, dass so viele die Ausbildung wieder abbrechen. Ganz konkret wünsche ich mir z. B., dass man sich die Namen der Schüler merkt, auch wenn sie nur vier Wochen da sind, dass man sie mit Praxisanleitern einteilt und dass man ihre Dienstplanwünsche auch mitberücksichtigt.

Christoph Müller Werden wir wieder von Ihnen hören? Sitzen Sie vielleicht an einem weiteren Buch, in dem Sie die Situation in der beruflichen Pflege beschreiben?

Maximiliane Schaffrath Ich sitze in der Tat an einem neuen Buch, allerdings bin ich da erst am Anfang. Es soll ein Roman werden aus der Sicht mehrerer Patienten, also nicht direkt die Situation der beruflichen Pflege, sondern diesmal die andere Seite.

Christoph Müller Herzlichen Dank für das eindrucksvolle Interview.

Maximiliane Schaffrath Vielen Dank für Ihr Interesse an meinem Buch!

 

Das Buch, um das es geht

Maximiliane Schaffrath: Systemrelevant – Hinter den Kulissen der Pflege, Hirzel-Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3- 77762-942-1, 240 Seiten, 18 Euro.

Über Christoph Mueller 315 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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