Macht, Medizin und Ethik

(C) Marek

Das Thema Macht und Medizin ist äußerst vielschichtig. Die Kunst des Heilens bedarf der Macht. Von jeher wird Menschen, die über eine besondere Gabe zu heilen verfügen, nicht nur eine besonderes Wissen zugeschrieben, sondern auch eine außerordentliche Macht, die in magischen oder religiösen Bezügen gedeutet werden kann. Es kann sich, je nach Vorstellungswelt, um übernatürliche Kräfte handeln, die ein Schamane oder Medizinmann zu nutzen weiß, oder um besondere Kräfte, die Menschen von einem Gott empfangen. Nicht nur die biblische Überlieferung weiß von Heilungswundern zu berichten, die auf das Eingreifen Gottes oder das Wirken eines von ihm begabten Menschen zurückgeführt werden. Auch Jesus von Nazareth wird in den neutestamentlichen Evangelien als Heiler geschildert, und in manchen Teilen des Christentums ist der Glaube an Geist- oder Glaubensheilungen ungebrochen. Charismatische Gemeinden veranstalten sogenannte Heilungsgottesdienste und vertrauen auf die Macht des Heiligen Geistes, die stärker sei als die der modernen Medizin.

Freilich spielt auch in der wissenschaftlichen Medizin der Glaube an die Macht des Heilens eine zentrale Rolle, mag diese Macht auch im säkularen Gewand der wissenschaftlichen Expertise und im Wissen darum auftreten, wie die Kräfte der Natur mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden zum Wohl des Menschen zu nutzen und einzusetzen sind.

Machtfragen und Machtnarrative in der Medizin

Das Thema der Macht betrifft aber auch die Arzt-Patienten-Beziehung, die Machtverhältnisse zwischen den Gesundheitsberufen und innerhalb der Entscheidungshierarchien einer Klinik oder einer Pflegeeinrichtung und letztlich die Strukturen des Gesundheitssystems im Ganzen. Die Gesundheitsversorgung und die Teilhabe an ihr sowie die Verteilung der Ressourcen im Gesundheitswesen, aber auch Wissenschaft und Forschung in Medizin und Pflege, sind immer auch politische Fragen. So muss die Machtfrage auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Bezügen gestellt werden. Sie betrifft die Ebene der individuellen Kommunikation und der persönlichen Einstellungen zu Krankheit und Gesundheit ebenso wie die sozialethische Ebene von Organisationen und Institutionen.

Kranke Menschen oder Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen erleben sich häufig als Objekt anderer, die über sie verfügen oder verfügen wollen, auch wenn dies aus der guten Absicht geschieht, dem Wohl des Patienten[1] zu dienen. Als Gegengenwicht zur ärztlichen Macht oder der Macht des Gesundheitssystems im Ganzen rückt in jüngerer Zeit die Selbstmächtigkeit von Patienten ins Blickfeld. Sie wird zumeist unter dem Begriff der Autonomie verhandelt. Sie konkretisiert sich im Recht auf Selbstbestimmung, im Prinzip des informed consent und dem Verbot der eigenmächtigen Heilbehandlung. Rechtliche Instrumente, die der Stärkung des Selbstbestimmungsrechtes dienen sollen, sind Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten.

Um Selbstmächtigkeit und ihre Stärkung geht es aber auch bei den Themen Coping, Resilienz und Salutogenese. Selbstmächtigkeit und Machtausübung durch Dritte treffen außerdem im Prinzip der Compliance zusammen. Compliance bedeutet ja, dass ein Patient eigenverantwortlich das Seine zur Therapie beiträgt, zum Beispiel indem er regelmäßig die verordneten Medikamente einnimmt, sich an  vereinbarte Diätregeln hält oder Körperübungen macht. Das klassische Compliance-Modell setzt allerdings voraus, dass der Therapieplan und seine Regeln vom behandelnden Arzt aufgestellt werden und vom Patienten zu befolgen sind. Auch wenn der Arzt dabei an die Einsicht und Vernunft des Patienten appelliert und seine Machtausübung vielleicht lieber als Einflussnahme denn als Machtdemonstration bezeichnen wird, herrscht doch zwischen Arzt und Patient eine asymmetrische Beziehung. Selbst wenn das Modell der Compliance durch das der Adherence ersetzt wird, das Arzt und Patient als gleichberechtigte Partner in einem Aushandlungsprozess sieht, in dem beide gemeinsam einen Therapieplan aufstellen und umsetzen, besteht weiter ein Machtgefälle, schon allein aufgrund des medizinischen Wissensvorsprungs, der der Arzt jederzeit hat, und auch aufgrund der rechtlichen Stellung des Arztes, in dessen Macht es liegt, einen Menschen krankzuschreiben oder die Übernahme der Behandlung zu verweigern.

Sprechen wir über Macht in Medizin und Pflege, sollten wir uns bewusst machen, dass Macht nicht an sich etwas Schlechtes ist. Allerdings gibt es eine Fülle von Beispielen dafür, wie Macht im medizinischen und pflegerischen Alltag missbraucht werden kann, teils in massiver Form, teils auf sehr subtile Weise. Für sich genommen ist Macht freilich ein mehrdeutiges Phänomen. Sie kann, ethisch betrachtet, ebenso zum Guten wie zum Schlechten eingesetzt werden. Es wäre daher verfehlt, das Phänomen der Macht in Medizin und Pflege überhaupt verleugnen oder ablehnen zu wollen. Wer heilen oder helfen will, will schließlich zugunsten der Patientin oder des Pflegebedürftigen die Situation verändern und verbessern. Dazu bedarf es der Macht, Veränderungen bewirken zu können, und der heilenden Kräfte, die von der Medizin und der Pflege ausgehen.

Die Aufgabe der Ethik in Medizin und Pflege besteht darin, unterschiedliche Formen der Macht und Machtausübung sowie die Ambivalenzen der Macht zu analysieren, um Menschen in die Lage zu versetzen, zwischen ethisch begründeten und abzulehnenden Formen der Macht und der Machtausübung zu unterscheiden. „Wie alle zwischenmenschlichen Beziehungen, so ist auch das Arzt-Patienten-Verhältnis korrumpierbar“ [2], und wie auch sonst im Leben, können Machtfragen in Medizin und Pflege in ethische Dilemmata führen. Sowohl die Ausübung von Macht oder der Versuch der Einflussnahme als auch der Verzicht darauf können ethisch ambivalente Folgen haben. Ethik schafft nicht die Zweideutigkeiten des Lebens und alle moralischen Dilemmata aus der Welt. Gegen menschliche Tragik sind auch Ethiker nicht gefeit. Im besten Fall hilft uns Ethik aber, mit den Ambivalenzen des Lebens, in unserem Fall mit Ambivalenzen des ärztlichen Berufs und des Pflegeberufs, reflektiert und nach sittlichen Maßstäben umzugehen. Auf das Machtthema bezogen besteht die Aufgabe der Ethik insbesondere darin, „verdeckte Machtausübung, solche etwa, die durch den Verweis auf Strukturen und Ressourcen, die keine andere Handlungsmöglichkeit offenlassen, maskiert wird, zu reflektieren. Auch die Macht, die sich in bestimmten Semantiken und Methoden, etwa in der Rede von Compliance und in der evidenzbasierten Medizin ausdrückt, gilt es zu thematisieren. Schließlich ist eine genaue Analyse von Vertrauensverhältnissen nötig, um auch in diesem Bereich sicherzustellen, dass solche Verhältnisse nicht missbraucht werden und damit den unverzichtbaren Aspekt einer vertrauensbasierten Kommunikation durch eine verdeckte Machtausübung infrage stellen“ [3].

Der Beginn kritischer Machtdiskurse bzw. eines Diskurses der Machtkritik fällt mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und der Emanzipationsbewegung der 1960er Jahre zusammen. 1960 erschien Michel Foucaults Studie „Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ [4]. 1963 veröffentlichte er sein bahnbrechendes Buch über „Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks“ [5]. Macht und Kontrolle in der Klinik werden von Foucault später als Elemente einer umfassenden Biopolitik beschrieben, die auf die Kontrolle und Disziplinierung des menschlichen Körpers, von Fortpflanzung, Geburt, Leben und Tod im umfassenden Sinn hinauslaufen und deren zentrale Begriffe Biomacht und Gouvernementalität sind [6]. Foucaults Theoriebildung und ihre Entwicklung sollen hier allerdings nicht näher beleuchtet und diskutiert werden. Sie dienen nur zur Illustration der Diskurse und Narrative zum Thema Macht in der Medizin, welche die zurückliegenden Jahrzehnte geprägt haben.

Foucaults kritische Theorie der Biomacht sind Ivan Illichs Begriff und Kritik der Medikalisierung zur Seite zu stellen [7]. Wie der Begriff der Biomacht ist auch derjenige der Medikalisierung negativ konnotiert. Ganz allgemein kann man unter Medikalisierung den sozialgeschichtlichen Vorgang beschreiben, in welchem der modernen Medizin nicht nur fast ausschließlich die Deutungsmacht für Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod zugewachsen ist, während gleichzeitig nichtmedizinische – insbesondere religiöse – Deutungen ins Hintertreffen geraten sind. Der Vorgang der Medikalisierung betrifft auch die soziale Praxis. Sie beschränkt sich nicht auf die Versorgung von Kranken, sondern auch auf die Versorgung von Gesunden unter dem Stichwort der Vorsorgemedizin. Nicht nur die Kranken, sondern auch die Gesunden werden – politisch gewollt und vom Staat gefördert – der regelmäßigen Kontrolle und Beobachtung durch die Medizin unterworfen, die innerhalb des Gesundheitswesens zur Leitdisziplin aufgestiegen ist, in dem andere Gesundheitsberufe mit der Ärzteschaft nicht nur kooperieren, sondern auch konkurrieren.

Allerdings kann der Begriff der Medikalisierung einer einseitigen Macht- und Kulturkritik Vorschub leisten, die ideologische Züge trägt. Sie ist nämlich, wie die Soziologinnen Ann Oakley und Urte Sperling anmerken, „die Kritik des Gesunden an der Medizin“, welche „die realen Hilfsangebote und die Abhängigkeit der PatientInnen von den lebensrettenden und heilenden Aspekten der Medizin ungenügend berücksichtigt“ [8] [1]. Die Medikalisierung führt einerseits zu einem Zuwachs an Kontrolle, andererseits aber auch zu einem Zuwachs an Autonomie, der freilich hochgradig ambivalent ist, weil er zum Beispiel bei Vorliegen einer unerwünschten vorgeburtlichen Diagnose in den Entscheidungskonflikt führt, ob die Schwangerschaft fortgeführt oder abgebrochen werden soll [9].

Mit der Emanzipationsbewegung der 1960er und 1970er Jahre geht die Kritik am Paternalismus einher, die zur Stärkung der Patientenrechte geführt hat. Patientenautonomie, verstanden als Recht auf Selbstbestimmung, gilt nun als Basis und Zentrum von Patientenrechten, die wiederum als Konkretion der allgemeinen Menschenrechte zu verstehen sind. Bestrebungen nach einer umfassenden Demokratisierung der Gesellschaft schließen die Infragestellung herkömmlicher Hierarchien in Universität und Wissenschaft ein, auch von sichtbaren wie verborgenen oder verschleierten Machtstrukturen im Klinik- und Gesundheitswesen.

Schlagwortartig sei weiters an die Reformbewegung in der Psychiatrie seit Beginn der 1970er Jahre erinnert, an die Emanzipationsbewegung in der Behindertenhilfe und die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006, die 2008 in Kraft getreten ist. Zu den Narrativen, die sich der Semantiken von Biomacht und Medikalisierung bedienen, gehören auch die Debatten zur Gentechnik und zur modernen Biomedizin, in die zudem noch religiöse Semantik hineinspielt, wenn vom Mensch nach Maß oder vom Schöpfer Mensch die Rede ist, der sich anmaßt, Gott spielen zu wollen.

In das Spektrum der Machtdiskurse und -narrative gehören die Kritik an der Ökonomisierung der Medizin und der medizinischen Forschung, das heißt die Kritik an der sachfremden Dominanz wirtschaftlicher Interessen, und die feministische Medizinkritik. Aber auch Konzepte einer ganzheitlichen Medizin und der Konflikt zwischen Komplementär- oder Alternativmedizin und sogenannter „Schulmedizin“ lässt sich als Machtnarrativ erzählen.

Begriffe der Macht

Der Begriff der Macht gehört zu einer ganzen Familie verwandter Begriffe: Herrschaft, Autorität, Einfluss, Zwang, Gewalt. Die inhaltliche Bestimmung des Machtbegriffs ist umstritten und damit auch seine Beziehung zu den anderen genannten Begriffen, die nicht immer klar voneinander unterschieden werden [10].

Grundsätzlich lässt sich zwischen einem sehr weit gefassten und einem engeren Gebrauch des Wortes Macht und seiner Äquivalente in anderen Sprachen unterscheiden.

Von seiner Wortwurzel her bedeutet „Macht“ ähnlich wie das englische „might“ soviel wie „können, vermögen“. Das lateinische potestas (mit potentia verwandt) und seine Entsprechungen in den romanischen Sprachen (z.B. das französische pouvoir). Das Griechische unterscheidet zwischen exousía (Vollmacht), dýnamis (Kraft) und krátos (Macht, Stärke). Macht kann von Menschen, von Göttern oder der Natur ausgesagt werden. In der griechischen Mythologie ist Krátos der Gott der Macht.

Nach allgemeinen Sprachgebrauch wird Macht nicht nur Menschen und Göttern zu gesprochen. Es gibt die Macht des Schicksals, der Macht der Gene und die Macht der Liebe, aber auch die Macht des Todes.

Der Soziologe Max Weber (1864–1920) definiert Macht als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf die Chance beruht“ [11]. Von der Macht im Allgemeinen unterscheidet Weber die Herrschaft: „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ [12]. Im Unterschied zur Macht setzt Herrschaft nach Weber Legitimität voraus, d.h. einerseits ihre Absicherung durch das Recht und andererseits ihre Anerkennung durch diejenigen, die beherrscht werden. Leicht lässt sich an dieser Stelle die Verbindung zum Medizinrecht und zur Diskussion über das Verhältnis von Ethik, Recht und Medizin herstellen.

Wie im Allgemeinen, so ist es auch unter medizin- und pflegeethischen Gesichtspunkten notwendig, zwischen Macht und Gewalt zu differenzieren. Zu unterscheiden ist weiters zwischen legitimer Gewalt (potestas) und illegitimer Gewalt (violentia). Was Phänomene von Gewalt in Medizin und Pflege angeht, ist nicht nur über Gewaltausübung durch einzelne Ärzte oder Pflegende oder das Medizinsystem zu sprechen, sondern auch über verbale und nonverbale Gewaltanwendung durch Patienten, die bisweilen zum Krankheitsbild gehören kann, mitunter aber auch dem Patienten als schuldhaftes Verhalten zuzuschreiben ist.

Formen und Ambivalenzen der Macht in Medizin und Pflege

Grundsätzlich lassen sich zwei Formen der Macht unterscheiden: einerseits eine Medizin und Pflege innewohnende Macht, die dem Patienten oder der Patientin zur Wiedererlangung oder Erhaltung von Gesundheit verhelfen will, andererseits eine Form der Macht, die Zwang und Abhängigkeit zum Ziel hat [13].

Charakteristisch für den Arztberuf ist die Asymmetrie zwischen Arzt und Patienten. Aber auch in der Pflege besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Patientenautonomie und Fürsorgepflicht. Die Situation von Hilfsbedürftigkeit und Hilfeleistung hat stets mit Machtfragen zu tun. Die Hilfsbedürftigkeit ist durch Schwäche und Abhängigkeit bis hin zur Ohnmacht charakterisiert. Zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen besteht eine asymmetrische Beziehung, über die z.B. auch die Leitvorstellung der Patientenautonomie nicht hinwegtäuschen kann.

Wie bereits eingangs gesagt, wäre es ebenso verfehlt, das Machtphänomen und Machtfragen in Medizin und Pflege zu tabuisieren, wie umgekehrt Macht generell negativ zu bewerten. Ohne die Macht zum Eingreifen und zur Veränderung, ohne fachliches Wissen und fachliche Kompetenz, die doch auch als eine Form der Macht zu verstehen sind, kann ja gar nicht im Interesse des Patienten mit der Aussicht auf Besserung oder Heilung gehandelt werden. Im besten Fall steht die ärztliche oder die pflegerische Macht nicht im Konflikt mit der Autonomie des Patienten, sondern dient ihr gerade, sofern das Ziel des ärztlichen und pflegerischen Handelns in der Beseitigung von Abhängigkeit und im Wiedererlangen eigener Kräfte und Ressourcen zur selbständigen Lebensführung besteht. Unter Selbstmächtigkeit – wir können auch sagen Gesundheit – lässt sich das biopsychosoziale Potential verstehen, „das genügt, um die alters- und kulturspezifischen Ansprüche des Lebens in Eigenverantwortung zu befriedigen“ [14].

Auch die Autonomie ist als Form der Macht zu verstehen, wobei die Autonomie des Arztes oder der Pflegekraft ebenso zu achten ist wie diejenige des Patienten. Bisweilen entsteht der Eindruck, als werde die Autonomie des Patienten einseitig als Gegenmacht verstanden. Das aus der feministischen Ethik stammende Konzept der relationalen Autonomie führt freilich zu der Erkenntnis, dass Autonomie und Abhängigkeit oder Angewiesenheit nicht zwingend einen Gegensatz bilden. Als Beziehungswesen ist jedes Individuum auch in seiner Selbstbestimmtheit auf andere verwiesen und angewiesen. Das gilt auch für die Bereiche von Medizin und Pflege.

Zu den Themen der Ethik gehört von alters her die Macht im Sinne der Selbstmächtigkeit, d.h. aber im Sinne der Selbstbeherrschung (griechisch enkráteia). Diese ist ein klassischer Gegenstand der Tugendethik. In der Selbstbeherrschung, sei es des Patienten, sei es des Arztes, finden Autonomie und Macht in einer Person zusammen.

Die Ambivalenz der helfenden Macht besteht darin, dass sie selbst zum Zwang und zur Herrschsucht pervertieren kann. Gerade der Versuch, einem Menschen zur Selbsthilfe zu helfen, kann an die Grenze des Zwangs stoßen. Auf der einen Seite steht das Prinzip der Nichtdirektivität, auf der anderen Seite die paternalistische Manipulation, die sich gerade aufgrund der Hilfsbedürftigkeit oftmals gar nicht ganz vermeiden lässt. Probleme helfender Berufe im Umgang mit der Macht entstehen nicht erst, wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis oder dasjenige zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekraft korrumpiert wird. Die Ambivalenz der Macht ist dem Helfen immer schon eingeschrieben, denn „Helfen heißt herrschen“ [15].

Vollends korrumpiert wird die ärztliche Macht und die Macht der medizinischen Wissenschaft, wenn der therapeutische Imperative zum kategorischen Imperativ mutiert, der Heilung um jeden Preis erzwingen will und dabei notfalls bereit ist, buchstäblich über Leichen zu gehen. Die Geschichte und insbesondere die Medizinverbrechen des 20. Jahrhunderts  lehren uns, „was für eine ungeheuer expansive und destruktive Kraft der – echte oder vorgebliche – Wunsch entfalten kann, Menschen zu heilen. Dieser Dynamik fallen dann allzu schnell jene zum Opfer, die als unheilbar gelten. Man sollte sich hieran erinnern, damit der ‚therapeutische Imperativ‘ nicht als ein ‚kategorischer Imperativ‘ mißverstanden wird und inhumanen Interventionen Tür und Tor öffnet“ [16]. Zum ethischen Umgang mit medizinischer und pflegerischer Macht gehört die Einübung in ihre Selbstbegrenzung, die eine beständige Aufgabe bleibt.

Zur ethischen Kritik der Macht gehört schlussendlich aber auch die Selbstkritik der Ethik unter machttheoretischem Blickwinkel, ist doch „die Ethik selbst keineswegs frei von Machtausübung und Machtmissbrauch […]. Viele Entscheidungen im Bereich der Krankenversorgungen hängen maßgeblich ab von den vorherrschenden Vorstellungen vom guten Leben. An deren Genese hat die Medizinethik selbst einen nicht unbeträchtlichen Anteil, sie übt Deutungsmacht aus“ [17]. So mündet das Nachdenken über Macht in Medizin und Pflege in die Frage nach der Ambivalenz der Ethik, die daher rührt, dass auch sie im Dienste unterschiedlicher Machtinteressen stehen kann, und zwar auf der individuellen Ebene ebenso wie auf der organisationalen Ebene, zum Beispiel eines klinischen Ethikkommitees oder eines Klinikleitbildes, wie auch auf der Ebene der Politikberatung. Politik – auch Gesundheitspolitik –  und Ethik in einem demokratischen Gemeinwesen können nicht bestehen, ohne auf eine ganz bestimmte Macht zu setzen: die Macht der Vernunft.

Fußnoten
[1]      Um der besseren Lesbarkeit willen habe ich davon abgesehen, den Text zu gendern. Selbstverständlich sind an allen Stellen, an denen ein generisches Maskulinum gebraucht wird, gleichermaßen Männer wie Frauen gemeint.

[2]      Reiner Anselm/Julia Inthorn, Lukas Kalein/Ulrich H.J. Körtner, Autonomie und Macht in der modernen Medizin, in: dies. (Hg.), Autonomie und Macht. Interdisziplinäre Perspektiven auf medizinische Entscheidungen (Edition Ethik 12), Göttingen 2014, S. 7–10, hier S. 9.

[3]      A.a.O. (Anm. 2), S. 9f.

[4]      Vgl. Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, 16. Aufl. Frankfurt a.M. 2005.

[5]      Vgl. Michel Foucault, Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks, 7. Aufl. Frankfurt a.M. 2005.

[6]      Vgl. Thomas Lemke. Biopolitik zur Einführung, Hamburg 2007, S. 47–70.

[7]      Vgl. Ivan Illich, Die Enteignung der Gesundheit. Medical Nemesis (1975). Neuausgabe unter dem Titel: Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Gesundheitswesens, 5. Aufl. München 2007.

[8]      Urte Sperling, Schwangerschaft und Geburt. Zur Genese und Geschichte der Medikalisierung des weiblichen Gebärvermögens, in: Reinhard Busse (Hg.), Gesundheitskult und Krankheitswirklichkeit (Jahrbuch für kritische Medizin 23), Hamburg 1994, S. 7–21, hier S. 20.

[9]      Vgl. auch Ulrich H.J. Körtner, Die Medikalisierung des Lebensanfangs. Kontexte und Dynamiken von Schwangerschaft und Geburt, in: ders./Christian Kopetzki/Maria Kletečka-Pulker/Sigrid Müller (Hg.), Entscheidungsfindung und Entscheidungshilfen am Lebensanfang (Ethik und Recht in der Mediz8in 13), Wien 2018, S. 1–20.

[10]    Vgl. Ulrich H.J. Körtner, Macht, in: Reiner Anselm/Ulrich H.J. Körtner (Hg.), Evangelische Ethik kompakt. Basiswissen in Grundbegriffen, Gütersloh 2015, S. 123-130.

[11]    Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, hg. v. Johannes Winckelmann, 5. Aufl. Tübingen 1972, S. 28.

[12]    A.a.O. (Anm. 11), S. 38.

[13]    Vgl. Ulrich H.J. Körtner, Grundkurs Pflegeethik, 3. Aufl. Wien 2017, S. 76ff.

[14]    Johannes Bircher/Karl-H. Wehkamp, Das ungenutzte Potential der Medizin. Analyse von Gesundheit und Krankheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Zürich 2006, S. 53.

[15]    Dietrich Stollberg, Helfen heißt herrschen, in: Pastoraltheologie 77, 1988, S. 73–84.

[16]    Andreas Kuhlmann, Politik des Lebens – Politik des Sterbens. Biomedizin in der liberalen Demokratie, Berlin 2001, S. 34f.

[17]    A.a.O. (Anm. 2), S. 10.18

 

[1] Sperling, Schwangerschaft und Geburt 20. Sie fügt hinzu: „Und so schlägt sich auch die feministische Medizinkritik mit der hohen Akzeptanz der ärztlichen Angebote bei Frauen herum.“

Ulrich Körtner
Über Ulrich Körtner 3 Artikel
O. Univ.-Prof. Dr. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner: Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft, Evangelisch-Theologische Fakultät, Universität Wien, Schenkenstraße 8–10, 1010 Wien; Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin, Universität Wien, Spitalgasse 2–4, Hof 2.8, 1090 Wien - E-Mail: ulrich.koertner@univie.ac.at - Homepage: http://etfst.univie.ac.at/team/o-univ-prof-dr-dr-hc-ulrich-hj-koertner/

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