Lob des Gehens

„Den Alltag philosophisch durchstöbern“

Eigentlich kennen wir das Gehen als eine Möglichkeit, von einem zu einem anderen Ort zu kommen. Oder wir nutzen es als Gelegenheit, Abstand vom Alltag zu bekommen. Der Philosoph David Le Breton schaut nicht auf die Banalität des Gehens. Nein, er gibt dem Gehen mit dem Buch „Lob des Gehens“ einen tieferen Sinn. Er gibt dem Gehen eine Ordnung und eine Struktur. Und blickt auf das Gehen als ein Phänomen.

Die Leser_innen können sich sicher sein. Nach der Lektüre werden sie sich wahrhaftig anders durch den Alltag bewegen. Schon der erste Satz dieses kurzweiligen philosophischen Buchs bleibt im Gedächtnis: „Das Gehen ist Öffnung zur Welt“ (S. 13). Damit ist klar, dass Gehen mehr als eine Weise der Fortbewegung für den Menschen ist. Da wundert es nicht, dass Le Breton betont, die Sinnlichkeit und die Freude stünden im Vordergrund.

Viele Menschen kennen die Erfahrung, bei einer langen Wanderung quasi in einem Tunnel zu verschwinden, um ganz bei sich zu sein. Halten sie Le Bretons Buch in den Händen, so entfliehen die Leser_innen auch dem Alltag. Sie tauchen ein in seine ganz persönliche und überzeugende Sichtweise zum Gehen.

So beschreibt Le Breton den unterschiedlichen Geschmack des Gehens, schaut dabei auf den Körper beim Gehen, horcht auch hier und da in die Stille hinein, die Menschen bei Spaziergängen und Wanderungen erleben. Er schreibt über Grenzgänger und macht sich aufrüttelnde Gedanken zum urbanen Gehen. Und wenn es sich niemand bislang vorstellen konnte, so bringt Le Breton auch eine „Spiritualität des Gehens“ in die Diskussion ein.

Die zeitgenössischen Menschen finden sich in den Überlegungen Le Bretons unbedingt wieder. Darin liegt auch die Überzeugungskraft dieses Buchs. Konkret schreibt Le Breton: „Das Gehen, selbst ein bescheidener Spaziergang befreit zeitweilig von den Sorgen, die unsere hastige und ängstliche Existenz in der heutigen Gesellschaft belasten. Es führt zur Selbstempfindung zurück, zum Rauschen der Dinge …“ (S. 23).

Nicht wirklich anders, aber noch nachdenklicher klingt es, wenn Le Breton die Stille in den Fokus rückt. Das Gehen sei ein Durchqueren der Stille und ein Genuss des umgebenden Klangs. Der Gehende suche das Weite nicht zuletzt, um dem Lärm der Autos und dem Dröhnen der Autoradios zu entkommen. Wörtlich: „Er hat ein offenes Ohr für die Natur“ (S. 52).

Den Leser_innen bleibt es oft nur, zustimmend zu nicken, wenn Le Breton seine Ansichten mitteilt. Er zeigt nicht nur eine Nachdenklichkeit, die ihresgleichen sucht. Er setzt Maßstäbe, die bei einem persönlichen Spaziergang oder einer Wanderung nicht vergessen werden. Die Zeitgenoss_innen gehen mit einer veränderten Haltung in den Weinberg, in den Wald oder um den See.

Als er das urbane Gehen thematisiert, fordert Le Breton auf, zum Flaneur zu werden. Der Flaneur gehe durch die Stadt, wie er durch einen Wald gehe, „immer bereit für Entdeckungen“ (S. 132). Der Flaneur folge einer eigenen Melodie, einer gefühlsmäßigen Anziehung, „geleitet durch die momentane Intuition, die vorausgeahnte Atmosphäre eines Ortes“ (S. 132).

Le Bretons Buch „Das Lob des Gehens“ ist ein großer Schatz, um seinen Alltag philosophisch zu durchstöbern und neue Perspektiven zu erarbeiten. Für mich ist es die Lektüre des Jahres 2020 gewesen.

David Le Breton: Lob des Gehens, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2013, ISBN 978-3-95757-812-9, 192 Seiten, 10 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 257 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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