Literaturrecherche im Gesundheitswesen

(C) Robert Reschke

„Fake News“ pflegte der letzte amerikanische Präsident Texte zu nennen, die nicht seiner Meinung entsprachen. Die Frage nach zuverlässigen Informationen ist auch in den Gesundheitsberufen zunehmend schwieriger zu beantworten. In den Gesundheitswissenschaften erscheinen jährlich mehr als 4 Millionen Fachtexte. Zunehmend werden in allen Bereichen der Pflege – bis hin zur Arbeit mit Patient*innen – Kompetenzen benötigt, um Literatur schnell zu finden, zu beurteilen, zusammenzufassen und in die tägliche Arbeit zu überführen. In unserem Beitrag stellen wir Ihnen vor, wie Sie schnell die richtige Zeitschriftenliteratur für Ihr Projekt finden.

Noch bis in die 80er Jahre hinein konnte man problemlos nahezu alle Fachartikel, die in der Pflege erscheinen zumindest überfliegen. 1980 erscheinen rund 270 Fachartikel im deutschsprachigen Raum. Mit dem Aufkommen der ersten Studiengänge und der zunehmenden Verbreitung des Internets nahm diese Zahl in den späten 90er Jahren sprunghaft zu. Im Jahr 2000 erschienen bereits mehr als 4000 Fachartikel in über 100 Pflegefachzeitschriften. 2020 hat die Anzahl der Publikationen die 10.000er Marke deutlich überschritten – mehr als 250 Fachzeitschriften zählt der Markt mittlerweile. Die Zeitschriftendatenbank CareLit listet für Mitte 2021 rund 206.000 Publikationen auf, die seit 1947 erschienen sind.

Abbildung 1: Fachartikel / Jahr in deutschsprachigen Pflegezeitschriften (Quelle: www.carelit.de)

Diese Entwicklung ist einerseits natürlich zu begrüßen: Sie spiegelt die exponentielle Zunahme des verfügbaren Wissens sowie die zunehmende Spezialisierung der Pflegeberufe wieder – ist also auch ein Zeichen gesteigerter Professionalität. Dem steht allerdings gegenüber, dass die Informationsrecherche und -Beschaffung zunehmend zeitaufwändiger geworden ist.

Wo suchen?

Für die Suche nach geeigneter Literatur bieten sich verschiedene Möglichkeiten:

Suchmaschinen wie Google oder Google Scholar bieten sich vor allem dann an, wenn man sich einen schnellen Überblick verschaffen möchte. Sie haben den Vorteil, dass relevante aktuelle Seiten gefunden werden, und das tagesaktuell. Nachteilig ist, dass nicht nur redaktionell geprüfter Inhalte (z.B. aus Fachzeitschriften) gefunden werden, sondern auch Seiten, deren Informationsqualität Sie selbst überprüfen müssen. Zudem sind große Teile der Fachinformationen (z.B. aller renommierten Verlage) nur rudimentär abrufbar.
Praxisaufgabe 1: Rufen Sie die Seite http://www.sciencepublishinggroup.com/journal/index?journalid=219 auf. Wie beurteilen Sie diese Zeitschrift? Die Lösung finden Sie am Ende des Artikels unter Lösung 1

Frei zugängliche Fachdatenbanken: Unter https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/ führt die amerikanische „National Library of medicine“ die größte internationale Datenbank für medizinische und gesundheitswissenschaftliche Fachtexte. Teile davon sind auch ohne Abonnement zugänglich (sog. OPEN ACCESS oder FREE FULLTEXT). Diese Datenbank führt vor allem englischsprachige wissenschaftliche Fachtexte aus Peer-Review-Journals, ist aber für Leser/-innen, die wenig Erfahrung im Lesen von Studien haben, zeitaufwändig und nicht immer leicht zu verstehen. Vorteil: Nahezu alle Fachartikel sind in Zusammenfassungen („Abstracts“) abrufbar, die bereits einen ersten Eindruck vom Inhalt verschaffen. Die Texte selbst können in der Regel nur über große medizinische Fakultäten eingesehen werden. Unter https://www.livivo.de findet sich ein entsprechendes deutschsprachiges Pendant. Auch hier kommt man allerdings nicht ohne Weiteres an die Fachartikel. Unter https://www.carelit.de findet sich die Datenbank CareLit, die über 97% der deutschsprachigen Artikel im Volltext bereithält – viele davon können direkt als PDF heruntergeladen werden. Vorteil dieser Datenbank: Neben den reinen wissenschaftlichen Verlagen sind fast alle Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreten (z.B. Mabuse-Verlag, Bibliomed, hpsmedia). Mit dem Zugang zur Datenbank sind rund 90 Zeitschriften nutzbar.

Bibliothekskataloge und Portale: Wenn Sie an einer Einrichtung tätig sind, die einer Hochschule angeschlossen sind, können Sie häufig die Infrastruktur der Hochschulbibliothek für Ihre Recherchen nutzen. Nahezu alle Hochschulen halten hierfür eigene Rechercheportale bereit, um Datenbanken und Verlagsverzeichnisse zu recherchieren. Vorteil: Verfügt die Hochschule über einen Zugang zu einer Zeitschrift, können Sie diese häufig auch außerhalb der Bibliothek (z.B. im Intranet) nutzen. Fragen Sie einfach einmal in Ihrer Einrichtung nach, welche Journals angeboten werden.

„Graue Literatur“: Viele Anbieter stellen Fachartikel und Studienergebnisse in Form von „grauer Literatur“ zur Verfügung. Darunter versteht man Publikationen, die auf Grund eines (wissenschaftlichen) Auswahlverfahrens veröffentlicht wurden, nicht allerdings in Zeitschriften. Ein gutes Beispiel hierfür sind sog. Kongressbände („Proceedings“), die häufig kostenlos verfügbar sind – und zentrale Vorträge eines Kongresses in Fachartikelform zusammenfassen. Doch Vorsicht: Manche Websites veröffentlichen Proceedings gegen Zahlung. Diese Texte sind häufig von schlechter Qualität oder verfolgen kommerzielle Firmeninteressen.
Praxisaufgabe 2: Rufen Sie die Seite https://nursepractice.nursingconference.com/ des wissenschaftlichen Kongresses „patient care and Nursing“ auf. Wie beurteilen Sie diesen Kongress? Würden Sie dort anreisen? Die Lösung finden Sie am Ende des Artikels unter Lösung 2 

Wie suchen?

Neben der Frage („Wo suche ich“) steht vor allem die Frage nach dem „Wie“ am Anfang einer Recherche. In der Wissenschaft existieren komplexe Mechanismen, um Themen nachvollziehbar zu finden (.z.B. PICO-Schema). Für die Praxis hat sich die „5-W-Strategie für eine effektive Recherche“ bewährt.

Was suche ich?

Zunächst sollten Sie das Thema eingrenzen und Begriffe konkretisieren (Analyse des Informationsbedarfs, z.B. Welche Standards existieren, was sagt die Wissenschaft? )

Wofür suche ich?

Anschließend sollten Sie Kosten, Nutzen und Zeit auf den Zweck der Informationssuche abstimmen. Hier kann man sich beispielsweise einen zeitlichen Rahmen setzen.

Wo suche ich?

Danach sollten Sie Informationsquellen und Publikations-/Dokumententypen festlegen . Dies beinhaltet die Auswahl der Informationsquellen, z.B. Kataloge, Suchportale, Datenbanken, Zeitschriftenverzeichnisse, Internet). Suchen Sie eher national oder international? Geht es um Praxiskonzepte oder die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse?

Wie suche ich?

Erstellen Sie einen kurzen Plan über die einzelnen Rechercheschritte und –systeme (Suchstrategie festlegen mit Suchbegriffen für formale und sachliche Suche in den jeweiligen Informationsquellen).

Womit suche ich?

Vor der eigentlichen Suche sollten Sie Suchinstrumente der verwendeten Recherchesysteme ausfindig machen und die Nutzung ausprobieren (dies beinhaltet, sich mit Hilfsmitteln wie z.B. Operatoren, Indices, Schlagwörtern, Klassifikationen etc. vertraut zu machen).

Jedes Recherchesystem bringt hier eigene Verfahren mit. Nahezu alle Datenbanken bieten beispielsweise die Verknüpfung von Stichworten mit UND bzw. ODER (AND / OR) bzw. die Abkürzung („Trunkierung“) mit * und ?, wobei das Fragezeichen für ein beliebiges Zeichen steht, das Sternchen für eine beliebige Zeichenkette.

Abbildung 2: Trunkierungen und Quantoren bei CareLit

Wie beurteilen?

Fachartikel sind in unterschiedlichen Fachzeitschriften oft sehr unterschiedlich aufgemacht. Prinzipiell werden verschiedene Text- und Publikationssorten unterschieden:

  • Wissenschaftliche Fachartikel („Peer- Review-Artikel“, „Originalarbeiten“): Diese Artikel haben im der Regel einen deutschen und englischen Titel, eine deutsche und englische Zusammenfassung (Abstract), Schlüsselwörter (Keywords) sowie weitere Elemente, die auf einen wissenschaftlichen Kontext schließen lassen (Mehrere Autor*innen unterschiedlicher Einrichtungen, Erklärung zu Ethik und Interessenkonflikten, Literaturangaben, Angaben zum Begutachtungsverfahren etc.). Diese Artikel (siehe Beispiel unten links) gelten als „Gold-Standard“ im Publikationsgeschehen. Sie sind in der Regel ausschließlich in wissenschaftlichen Journals zu finden, für Anfänger/-innen aber oft nicht leicht zu lesen.
  • Fachbeiträge („Fachbeitrag“, „Thema des Monats“, „Position“, „Neues aus…“ etc.): Diese Beiträge werden häufig von professionellen Redakteur/-innen geschrieben oder sind Zusammenfassungen von Expert/-innen. Häufig geht es darum, komplexe Sachzusammenhänge einfach und graphisch ansprechend aufzuarbeiten. ein Beispiel finden Sie in Abbildung 3 rechts. Eine gewisse Skepsis gegenüber den Inhalten ist angebracht, insbesondere wenn nicht erkennbar ist, worauf die Inhalte beruhen oder wie alt die verwendeten Quellen sind.
  • Ratgebertexte: Diese Textsorte ist häufig daran zu erkennen, dass die Autorin/der Autor überhaupt nicht mehr genannt ist, weil die Person keine Rolle spielt. Sie ist austauschbar und es ist oft nicht erkenntlich, ob diese Person überhaupt Expertin/Experte für dieses Fachgebiet ist. Diese Beiträge sind häufig exemplarisch („Das hilft gegen Dekubitus“), erklärend („10 Fakten für eine gute Pflegedokumentation“), Interesse weckend („So überstehen Sie jeden Nachtdienst“) oder lustig bzw. emotional („Stress mit der Stationsleitung“). Häufig schließen sich erklärende Passagen an.
  • Professionelles Marketing: Diese Texte („Advertorial“, „Market“, „Anzeige“) dienen der – mehr oder weniger sichtbaren – Bekanntmachung von neuen Produkten, Dienstleistungen oder Anbietern. Es geht also weniger um neutrale Information oder Unterhaltung als um geschickte Imagewerbung – ohne dass einfach erkennbar wäre, inwieweit die dargebotenen Informationen stimmen und praxisrelevant sind. Diese Textformen sind häufig entsprechend markiert (was presserechtlich vorgeschrieben ist) oder kommen als vermeintlich neutraler Beitrag daher.
Abbildung 3: Unterschiedliche Textsorten am Layout erkennen

Praxisaufgabe 3: Vergleichen Sie die beiden folgenden Fachartikel:
https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/infektionskrankheiten/coronavirus/coronavirus-was-risikogruppen-wissen-muessen-724163.html und https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7362033/pdf/DTH-9999-na.pdf. Wie werden Informationen dargestellt?

Abschluss

Niemand mehr kann heutzutage alle Artikel lesen, die in der Pflege erscheinen. Um so wichtiger ist es, relevante Artikel zu finden und die Zeit nicht mit Texten zu vergeuden, die wertloses, veraltetes oder aus verschiedenen Gründen gefärbtes Wissen enthalten.


Lösung 1: Diese Website wird von einer New Yorker Briefkastenfirma geführt, die hunderte sogenannter „Akademischer Zeitschriften“ anbietet. Die enthaltenen Texte sind häufig pseudo-wissenschaftliche Texte. Ziel der Seite ist vor allem, möglichst viele Besucher/-innen anzulocken, um Werbegelder zu generieren. Die Inhalte sollte man äußerst kritisch werten

Lösung 2: Diese Website ist eine betrügerische Website. Sowohl die Gebühren für eine Teilnahme als auch für die Veröffentlichung von Proceedings sind herausgeworfenes Geld: Weder Kongress noch wissenschaftliches Personal sind echt. Die vorgeblichen 100 Millionen Kongressbesucher auf über 3000 durchgeführten Veranstaltungen sollen glaubhaft machen, es handele sich um ein erfolgreiches internationales Unternehmen.

 

Über Andreas Lauterbach 1 Artikel
Prof. Dr. Andreas Lauterbach: Der Autor ist Pflegewissenschaftler mit Schwerpunkt „wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege“

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