Liebe in Zeiten psychischer Erkrankung

(C) Zerbor

Haben Sie schon einmal die Geschichte von Friederike und Benjamin gehört, die gemeinsame Lebenswege gehen und der Depression trotzen? Kennen Sie die Erzählungen von Andrea und Frank, die nicht einmal eine Borderline-Persönlichkeitsstörung auseinandergebracht hat? Es sind Geschichten aus dem Leben, die in dem Buch „Paare mit Paketen“ erzählt werden. Es sind Geschichten von Paaren, in deren Beziehungen seelische Erkrankungen mitspielen. Meist ist eine oder einer aus dem Duo aus dem seelischen Gleichgewicht geraten. Doch sie halten zusammen, schöpfen voneinander Kraft und finden in Krisenzeiten eigene Lösungen – so tut jede oder jeder das, was sie oder er kann. Ermutigend ist, was die Autorin Karen-Susan Fessel an Lebensgeschichten zusammengetragen hat.

Der Verdacht, dass das Ganze allzu romantisiert werden könnte, liegt nahe. Doch schreibt das Leben bekanntlich Drehbücher, in denen die Polarität vorherrscht. Bei aller Freude miteinander gibt es die Zeiten des Weinens. Es gibt Zeiten des Leidens, aber auch die Phasen, in denen chronische Erkrankungen völlig im Hintergrund stehen. Es gibt Zeiten, wenn miteinander gekämpft werden muss, und Zeiten, die gemeinsam genossen werden können.

Es braucht im Alltag viele Mutmach-Geschichten, um die eine oder andere mühsame Wegstrecke hinter sich bringen zu können. Die Geschichten in diesem Buch schaffen aus meiner Sicht mehr. Sie bilden eine Klarheit und eine Nüchternheit ab, die es im eigenen Alltag abzubilden lohnt. Sie handeln von Vertrauen und Mut, von kämpferischer Zuversicht, unnachgiebigem Bemühen, großer Nähe und unerschrockener Lebensfreude.

Chronische Erkrankungen ereilen den einen oder die andere. Sie sind dann nicht aus der Welt zu schaffen. Auch so manches Leiden, das einem die Endlichkeit vor Augen führt, ist nicht einfach wegzuwischen. Vielmehr sind dies Gelegenheiten, das Miteinander und die gemeinsamen Wege wieder neu zu gestalten. Es sind Gelegenheiten, um sich gemeinsam Gedanken zu Grundsätzlichem und zu Speziellem zu machen.

Dass dies nicht leichtfällt, steht außer Frage. Dass das Leben ein Erholungsspaziergang wird, hat aber auch niemand versprochen. Beim Wandern in den Bergen freuen wir uns immer wieder über Steigungen oder Gratwanderungen, da wir sie als Herausforderungen erleben. Mit Genugtuung und manchmal auch Stolz blicken wir dann auf die Bergtour zurück. Im Leben fällt uns dies immer wieder schwer.

Wenn wir „Paare mit Paketen“ erleben oder uns gar selbst als „Paar mit Paket“ erfahren, so sind wir immer wieder gefordert, darüber nachzudenken, was wir im Rucksack mit uns herumtragen. Manche Last ist zu schwer, weil uns der Umgang damit nicht gelingt. Apropos Umgang: Jede und jeder trägt erfahrungsgemäß seine Schwächen und Stärken mit sich herum. Und auch bei den schwierigen Fragen geht es aus meiner Sicht darum, einen möglichst erträglichen Umgang auf die Reihe zu bekommen.

Zur Melancholie gehört immer die Heiterkeit. Wo uns Lebensthemen häufig einholen, da können wir den Klippen des Alltags auch mit einer Leichtigkeit und Gelassenheit begegnen, die wir Tag für Tag erarbeiten müssen. Insofern will ich ermutigen, die eigenen Pakete immer wieder neu zu packen. Und zu schauen, wie es mit dem Rucksack heute, morgen und übermorgen gelingen lassen. Dies ist zumindest eine Botschaft, die mir von den „Paaren mit Paketen“ entgegengesprungen ist.

 

Das Buch, um das es geht

Karen-Susan Fessel: Paare mit Paketen – Psychische Erkrankungen gemeinsam meistern, BALANCE buch + medien verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-86739-234-1, 153 Seiten, 25 Euro.

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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