LGBTIQ in der pflegerischen Ausbildung

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Internationale Studien weisen darauf hin, dass Pflege und spezielle Bedürfnisse von LGBTIQ-Menschen in der pflegerischen Grundausbildung, aber auch im Rahmen von Fortbildungen kaum Berücksichtigung finden (Carebez et al., 2015; Margolies & Brown, 2019; McCann & Brown, 2020; Mitchell et al., 2016; Strong, 2013). Inwiefern dies auch für die pflegerische Grundausbildung in Österreich gilt, lässt sich schwer nachvollziehen. So wird zwar im Curriculum der Ausbildung zur Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz darauf hingewiesen, dass kulturspezifische Bedürfnisse in der Pflege berücksichtigt werden müssen, aber was konkret darunter zu verstehen ist und welches die Unterrichtsinhalte dazu sind, geht aus dem Curriculum nicht hervor (Pfabigan et al., 2020). Ähnliches gilt für die Modulpläne, die von den einzelnen Fachhochschulstandorten für den Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege im Internet verfügbar sind. In fast allen Modulplänen findet sich eine Lehrveranstaltung zur kultursensiblen Pflege. Allerdings ist auch hier nicht ersichtlich, ob sich der Begriff „Kultur“ auch auf die LGBTIQ-Community bezieht. Berichten zufolge wird davon ausgegangen, dass es häufig am persönlichen Engagement der Lehrenden liegt, inwiefern die kultursensiblen Bedürfnisse der LGBTIQ -Community in den Lehrveranstaltungen thematisiert werden (Carebez et al., 2015; Mitchell et al., 2016).

Auch in US-amerikanischen Studien wurde nachgewiesen, dass Auszubildende der Pflege kaum Kenntnisse zur Pflege und den Bedürfnissen von LGBTIQ -Menschen haben. Allerdings zeigt sich, dass gerade diese Kompetenzen bei Pflegenden, bedingt durch das Altern der Baby-Boomer Generation, in naher Zukunft nötig sein werden. In den USA wird erwartet, dass bis zum Jahr 2050 einer von dreizehn alten Menschen zur LGBTIQ -Community zählen wird. Daher stellt sich die Frage, ob Pflegende durch die Ausbildung ausreichend darauf vorbereitet sind, auf die kulturspezifischen Bedürfnisse dieser Gruppe einzugehen. Die kultursensible Pflege von LBGITQ-Menschen ins Curriculum pflegerischer Grundausbildung zu integrieren, erleichtert künftig den Pflegenden den Umgang mit dieser vulnerablen Gruppe von Patient*innen und hilft auf spezifische Bedürfnisse einzugehen (Frapp & Graber, 2019).

Ebenso zeigt eine Schweizer Studie auf, dass für die Pflegeausbildungen Handlungsbedarf besteht, damit LGBTIQ -Menschen, insbesondere im Alter und in ihrer letzten Lebensphase, in ihrer Individualität mit Respekt und Würde anerkannt und betreut werden. Ein Großteil der befragten Betroffenen gibt in einer Umfrage an, dass sie der Meinung sind, dass die Einrichtungen des Gesundheitswesens und das pflegerische Personal nicht oder zu wenig auf die Situation von LGBTIQ -Menschen eingehen würden. Die Betroffenen haben daher Ängste vor der Nicht-Akzeptanz durch das pflegerische und medizinische Personal. Gerade in der stationären und ambulanten Altenpflege konnten von den betroffenen Menschen hier negative Erfahrungen berichtet werden. Denn alte LGBTIQ -Menschen haben in ihrem Leben oft Diskriminierung erlebt und wünschen sich für ihren letzten Lebensabschnitt ein Leben in Würde und mit Respekt. Ein Befragter äußert dazu: „Ein gutes Leben im Alter nach dem Leben in der Diskriminierungshölle“ (Fachgruppe Alter, 2020). Ältere homosexuelle Menschen, in erster Linie homosexuelle Männer, wurden in ihrer Geschichte kriminalisiert, pathologisiert und verfolgt.  So wurde in Deutschland Homosexualität zwischen Erwachsenen erst im Jahr 1969, in Österreich sogar erst 1971 legalisiert (Gerlach & Schupp, 2016). Menschen aus der LGBTIQ-Community befürchten, aus Angst vor Diskriminierung, ihre sexuelle Orientierung und ihren Lebensstil, innerhalb von Einrichtungen des Gesundheitswesens und bei der Inanspruchnahme von extramuralen Gesundheitsdiensten, verheimlichen zu müssen. Aus diesem Grund entstehen derzeit im deutschsprachigen Raum auch spezialisierte Einrichtungen der Altenpflege für LGBTIQ-Menschen (Lottmann & Kollak, 2018).

Kultursensible Kompetenz inkludiert unterschiedliche Variablen und geht über die religiöse und ethnische Dimension hinaus. Kulturelle Kompetenz beinhaltet ebenso die sexuelle Orientierung, Geschlecht und den sozialen Status (Mitchell et al., 2016). Ein wesentlicher Schritt im Kompetenzerwerb ist auch, eine inklusive Sprache zu verwenden (Brusie, 2020). Es erfordert eine gewisse Offenheit bei Pflegenden, sich mit milieuspezifischen Begrifflichkeiten auseinanderzusetzen. Zudem sind in der Verwendung einer gendergerechten Sprache nicht nur weiblich und männlich zu berücksichtigen, sondern immer auch divers zu integrieren. Das gilt im selben Maße für unterschiedliche Lebensformen, die über gängige Formen des Zusammenlebens hinausgehen. Wichtig für LBGTIQ-Menschen ist ein tiefes Verständnis für die Lebenswelt und die Lebensbedingungen. Dazu zählt auch ein Wissen über historische Entwicklung und Problematiken, insbesondere Kenntnisse über Diskriminierungserfahrungen in der Vergangenheit erweisen sich als bedeutsam. Gerade in Anbetracht der Vielfalt von Diversitätsdimensionen in der Lebenswelt LBGITQ-Menschen erscheint eine Weiterentwicklung der kultursensiblen Pflege zu einer milieuspezifischen und diversitätssensiblen Pflege notwendig (Lottmann & Kollak, 2018). Die Fachgruppe Alter (2020) empfiehlt auf Basis von Studienergebnissen zudem folgende Inhalte in die Pflegeausbildung und Pflegefortbildung zu integrieren: Sicherheit im Umgang mit Begrifflichkeiten, trans*/inter*medizinische Inhalte, Rollenspiele für den korrekten Umgang mit LGBTIQ-Menschen, psychologische Aspekte, unterschiedliche Bedürfnisse für unterschiedliche Lebensformen sowie Einbezug von LGBTIQ-Menschen in Aus- und Fortbildung. Diese Aspekte sollten künftig in der curricularen Entwicklung pflegerischer Grundausbildung berücksichtigt und als Fortbildung für erfahrene Kolleg*innen in der Pflege angeboten werden, um einer kultur- und milieusensiblen Pflege gerecht zu werden.

Literatur:

Brusie, C. (2020). 10 Tips For Caring For LGBTQ Patients. Retrieved from https://nurse.org/articles/culturally-competent-healthcare-for-LGBTQ-patients/

Carebez, R., Pellegrini, Mankovitz, A., Eliason, M., Ciano, M., & Scott, M. (2015). Never in all my Years.: Nurses Education about LGBT Heath. Journal of Professional Nursing, 31(4), 323–329.

Fachgruppe Alter (2020). Erwartungen der LGBTIQ-Menschen an Alters- und Pflegeeinrichtungen und Spitäler, an Spitex und Pflegefachschulen. Bern.

Frapp, S., & Graber, J. (2019). Teaching Cultural Competence: Incorporating LGBT Content Into the Nursing Curriculum. Retrieved from https://stti.confex.com/stti/bc19/webprogram/Paper99516.html

Gerlach, H., & Schupp, M. (2016). Lebenslagen, Partizipation und gesundheitlich-/pflegerische Versorgung älterer Lesben und Schwuler in Deutschland: Expertise zum Siebten Altenbericht der Bundesregierung. Retrieved from https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/49927

Lottmann, R., & Kollak, I. (2018). A diversity-sensitive long-term care for gay and lesbian elders in need of care – Results of the research project GLESA / Eine diversitätssensible Pflege für schwule und lesbische Pflegebedürftige – Ergebnisse des Forschungsprojekts GLESA. International Journal of Health Professions, 5(1), 53–63. https://doi.org/10.2478/ijhp-2018-0005

Margolies, L., & Brown, C. (2019). Increasing cultural competence with LGBTQ patients. Nursing, 49(6), 34–40.

McCann, E., & Brown, M. (2020). The needs of LGBTI+ people within student nurse education programmes: A new conceptualisation. Nurse Education in Practice, 47. https://doi.org/10.1016/j.nepr.2020.102828

Mitchell, K., Lee, L., Green, A., & Skyes, J. (2016). The Gaps in Health Care of the LGBT Community: Perspectives of Nursing Students and Faculty. Papers & Publications: Interdisciplinary Journal of Undergraduate Research, 5, 21–30.

Pfabigan, D., Bajer, M., Rottenhofer, I., & Mader, F. (2020). Curricula für die Ausbildungen Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz.

Strong, K. (2013). Assessing Undergraduate Nursing Students‘ Knowledge, Attitudes and Cultural Competence in Caring for LGBT Patients (Honors Research Project). Wesleyan University, Illinois. Retrieved from http://digitalcommons.iwu.edu/nursing_honproj/42

Autor:in

  • Mag. Dr. phil. Ursula Halbmayr-Kubicsek MSc Mitglied des Lehr- und Forschungspersonals der FH Gesundheitsberufe OÖ, Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege

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