Lesen macht gesund – Die Heilkraft der Bibliotherapie

„Potential des Lesens“

Zählen Sie auch zu den Menschen, die sich gerne mit einem Buch zurückziehen? Genießen Sie es auch, auf lesende Art und Weise dem Alltag zu entfliehen? Sie können sich der Tatsache gewiss sein, dass Sie etwas für Ihr Wohlbefinden machen. Was Sie als subjektive Erfahrung mitbringen, wird in dem Buch „Lesen macht gesund“ einmal mehr betont. Die Medizinerin und Journalistik-Professorin Silke Heimes zeigt in diesem aufschlussreichen Buch auf, dass Lektüre-Erlebnisse der Gesundheit zuträglich sind und sich eignen, um Menschen in Krisen zu begleiten.

Insofern ist das Lesen nicht nur mit einer Flucht aus dem Alltag und aus schwierigen Situationen zu verstehen, sondern bietet eine Möglichkeit, mit erkrankten und leidenden Menschen in einen Begleitungsprozess zu kommen. Es klingt etwas starr, wenn der Begriff der Bibliotherapie in den Diskurs eingebracht wird. Laut Heimes ist Bibliotherapie eine Therapieform, „die von der Idee ausgeht, dass Lesen eine heilsame Wirkung hat“ (S. 13). Literatur können die Auseinandersetzung mit Konflikten einleiten und die Bereitschaft wecken, „sich auf sich selbst einzulassen sowie schwierige Situationen und Herausforderungen anzunehmen“ (s. 14).

So bewegt das Lesen einen Menschen, der in einer Krise steckt, auf ganz eigene Weise, in eine aktive Rolle zu schlüpfen. Der Weg in diese aktive Rolle wird möglich, wenn sich die betroffenen Menschen ihrer eigenen Lesebiographie bewusst werden. Zu diesem Zwecke hat Heimes einen Fragebogen entwickelt, mit dem sich lesende Menschen vergegenwärtigen können, welche konkrete Rolle Bücher in ihrem Leben spielen. So fragt Heimes dort: Welche Bücher hatten einen entscheidenden Einfluss auf Sie? Welches Buch hat die größte Sehnsucht bei Ihnen ausgelöst? Gibt es einen Autor, mit dem sie sich seelenverwandt fühlen?

Aus Sicht der Autorin bietet die Aufarbeitung der eigenen Lesebiographie eine große Chance: „Die einzelnen Lesestationen seines Lebens zu reflektieren und die eigene Biographie des Lesens Revue passieren zu lassen, kann uns veranschaulichen, welchen Weg wir zurückgelegt haben, da der Weg der eigenen Entwicklungen aufweist und uns verschiedene Entwicklungsschritte vor Augen führt“ (S. 29).

Das Lesen und das Sprechen über das Lesen zeigt gesunden wie erkrankten Menschen die Gelegenheit, aus dem Blick auf frühere Entwicklungsschritte die Ermutigung und die Kraft für künftige Schritte nach vorne zu finden. Da wundert es nicht, dass sich Heimes sehr ausführlich mit den Wirkungen der Bibliotherapie beschäftigt. „Kreativität und Phantasie“, „Spiel und Experiment“ und „Trost und Resilienz“ sind Stichworte, die sie unter vielen anderen benennt. So ist Heimes überzeugt, dass durch das Lesen ein Prozess der Sinnfindung in Gang gesetzt werden könne, der möglicherweise in einen individuellen Lebensentwurf münde.

Auf vielfältige Weise holt Heimes die Leser_innen aus der Idee heraus, dass Lesen ein Privatissimum sein muss. Lesen ist nicht etwas, das ein Mensch abseits therapeutischer Prozesse pflegt. Lesen kann ein unverzichtbarer Teil eines Genesungsprozesses sein. Bücher könnten ermutigen, „einen eigenen Weg zu finden, uns vielleicht sogar abseits gesellschaftlicher Normen zu bewegen, quer zu denken und zu handeln“ (S. 98).

So ist das Buch „Lesen macht gesund“ eine kraftvolle Ermutigung, das eigene Lesen, aber vor allem das Lesen erkrankter Menschen zum Thema zu machen und zu schauen, welches Potential bei der Recovery des Einzelnen zu entdecken ist.

Silke Heimes: Lesen macht gesund – Die Heilkraft der Bibliotherapie, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-525-46726-8, 143 Seiten, 15 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 293 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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