„Lektüren sagen mehr über uns als vieles andere“

(C) Goffkein

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, welche Bücher Ihr Leben geprägt haben? Haben Sie eine Idee davon, wie sich die Spuren dieser Lektüren abzeichnen? Wenn nicht, dann sollten Sie vielleicht die Gelegenheit beim Schopfe packen. Schließlich sind es nicht nur Menschen, die entscheidende Wegmarken auf den Lebenswegen setzen. Es sind auch Bücher, die wir in der Schule gelesen haben. Es sind Bücher, die uns dazu ermuntert haben, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke zu sitzen, weil wir unbedingt um das Ende der Geschichte wissen wollten. Es sind Bücher, die den einen oder anderen Scheideweg in der Biographie begleitet haben.

Was leisten denn eigentlich Bücher im Alltag? Natürlich bieten sie uns Unterhaltung und die Möglichkeit, im täglichen Einerlei Distanz zur Hektik und zu den Pflichten zu bekommen. Wenn wir uns mit einem Buch auf den Sessel im Wohnzimmer oder auf den Stuhl im Garten hocken, erleben wir ein Innehalten, das nötig ist. Oft nehmen wir Bücher in die Hand, um uns zu orientieren. Wir wollen etwas über die Gestaltung von Räumen und Gärten, künftigen Reisezielen und gegenwärtigen Wanderrouten, aber auch etwas zu grundsätzlicheren Fragen des Lebens wissen.

Bücher bieten uns dann Anregungen an, präsentieren Ideen, wie wir mit der einen oder anderen Hürde im Alltag umgehen können. Dabei haben wir eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Die Informationen, die wir aus der Literatur bekommen, müssen wir kontextualisieren – in unsere Lebenssettings, in unsere Gedankenwelt. Eine Eins-zu-Eins-Übernahme der Ideen ist selten möglich. Schließlich müssen wir die eigenen Lebenswege finden und Verantwortung dafür übernehmen, was in unserem Alltag geschieht.

Apropos Verantwortung: Es ist viele Jahre her, dass ich das Buch „Frieden ist möglich“ des Journalisten Franz Alt in den 1980er-Jahren gelesen habe. Für den engagierten Jugendlichen ist es eine Wegweisung gewesen, um über die Bedeutung der neutestamentlichen Bergpredigt für das eigene Dasein nachzusinnen. Und ich glaube, dass manche politische Positionierung bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Es gibt natürlich auch belletristische Literatur, die mich auf meinem Weg bewegt hat. „Die Blechtrommel“ von Günter Grass ist ein Buch aus den jungen Jahren. Hanns-Josef Ortheil ist es, den ich in den vergangenen Jahren immer wieder gerne lese. Und es hat Zeiten gegeben, da hatte ich großen Spaß an Philip Roth.

Als ich dann mit dem Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik begann, wurde ich recht zügig auf das Buch „Irren ist menschlich“ aufmerksam, das die Psychotherapeutin Ursula Plog und der Sozialpsychiater Klaus Dörner geschrieben haben. Schon damals wurde es als Lehrbuch für die Psychiatrie beschrieben. Für mich war es immer mehr. Es war und ist ein Arbeitsbuch für mich, das mir eine Auseinandersetzung mit den eigenen Haltungen in der Begegnung mit Menschen ermöglicht hat, deren Seelen aus der Balance geraten sind.

Als ich dann eine eigene Familie gründete, brauchte ich natürlich auch die eine oder andere Reflexionsmatrix. Mit seiner „Philosophie der Lebenskunst“ und dem Buch „Mit sich selbst befreundet sein“ hat mir Wilhelm Schmid Wegbegleitung gegönnt. Ständig liegen diese Bücher auf meinem Schreibtisch, werden immer wieder in die Hand genommen, wenn der Alltag zum Nachdenken zwingt.

Jede und jeder von uns hat eine Lesebiographie. Diese Lesebiographie sagt viel über den Menschen an sich. Es macht Sinn, sich dies ins Bewusstsein zu rufen. Auch die Menschen, die wir in ambulanten und stationären Pflegekontexten begleiten, haben ihre Lesebiographien. Es sind wunderbare Anknüpfungspunkte, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Mehr noch: um mehr übereinander zu erfahren. Schließlich sagen die Lektüren mehr über uns als vieles andere.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 293 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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