„Leibliche Phänomene wirken viel weiter“

Christoph Müller im Interview mit Andrea Schiff und Hans-Ulrich Dallmann

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Mit dem Buch „Ethik in der Pflege“ setzen die Pflegwissenschaftlerin Andrea Schiff und der Ethiker Hans-Ulrich Dallmann einen Akzent in den aktuellen Diskussionen. Sie thematisieren viele Fragen, mit denen professionell Pflegende derzeit im Alltag konfrontiert werden. Auch wenn das Buch als Studienbuch konzipiert ist, bietet es viele Anregungen für Praktiker_innen, um das eigene Handeln zu überdenken. Christoph Müller hat mit Andrea Schiff und Hans-Ulrich Dallmann gesprochen.

Christoph Müller Man ist versucht, seine Irritation zum Ausdruck zu bringen, dass schon wieder ein Buch zur Ethik in der Pflege erscheint. Was halten Sie den potentiellen Leser_innen entgegen, die Sie zum Kauf des Buchs ermuntern wollen?

Andrea Schiff Man könnte zum Beispiel sagen, dass man gar nicht genug über ethische Fragen in der Pflege nachdenken kann. Aber im Ernst: Das Buch ist ganz explizit als ein Lehr-, Lern- und Arbeitsbuch konzipiert. Insofern sind Studierende die erste Zielgruppe- und danach alle, die sich vertieft mit Ethik in der Pflege auseinandersetzen wollen – sei es, weil sie in ihrem Arbeitsbereich auf drängende Fragen gestoßen sind oder ganz grundsätzlich ihre Praxis reflektieren möchten. Außerdem ist dies der erste Band in der von Andreas Büscher herausgegebenen Reihe „Pflege studieren“, dem eine Reihe weiterer Bände folgen werden. Eine Besonderheit ist aus unserer Sicht, dass das Buch das Ergebnis der Zusammenarbeit einer Pflegewissenschaftlerin und eines Ethikers ist. So können die jeweiligen Kompetenzen sich ergänzen und in einen Dialog münden.

Christoph Müller Einen breiten Raum geben Sie der Phänomenologie, insbesondere der Leibphänomenologie. Inwieweit kann diese philosophische Fachdisziplin Pflegenden im Alltag helfen, die Anstrengungen des Berufs zu bewältigen?

Andrea Schiff Zunächst einmal ist nicht beabsichtigt, Pflegende zu Philosoph_innen zu machen. Die Phänomenologie leistet aus unserer Sicht, dass sich Haltungen und Wahrnehmungen verändern. Insbesondere die Leibphänomenologie hat erhebliche Auswirkungen auf die eigene Wahrnehmung in der direkten pflegerischen Praxis. Der Leib wird gespürt im Gegensatz zum Körper, den man hat. D.h. ich kann mich von meinem Leib nicht distanzieren. Leibliche Phänomene wie Schmerzen oder Angst werden nicht nur begrenzt gespürt, sondern wirken viel weiter, sie strahlen räumlich aus. Es wird deshalb auch von Leibesinseln gesprochen. Wenn ich das als Pflegende verstehe, kann ich viel besser nachvollziehen, wie sich das Empfinden verändern kann.

Starke Auswirkungen zeigen sich auch der leiblichen Kommunikation, die besonders für Pflegende relevant ist, da sie den direkten, häufig auch berührenden Kontakt haben und das direkte Umfeld von Patient_innen beeinflussen können. Dies ist besonders wichtig, wenn die verbale Kommunikation erschwert ist. Pflegende können dann über leibliche Kommunikation,  über Berührung und Stimme kommunizieren oder  die Umgebung so gestalten, dass Menschen sich nicht zurückziehen.

Christoph Müller Die Autonomie von Patient_innen rücken Sie in den Fokus, machen klar, dass dies nicht nur ein Thema der psychiatrischen Versorgung ist. Welche Dimensionen haben die Diskussionen zur Autonomie erkrankter oder gebrechlicher Menschen mit dem Blick auf die pflegerische Versorgung?

Hans-Ulrich Dallmann Aktuell wird das vor allem im Zusammenhang mit dem Lebensende diskutiert, vor allem hinsichtlich der Frage des assistierten Suizids. Selbstverständlich ist das ein sehr wichtiges Thema, aber es verengt den Blickwinkel. Selbstbestimmung ist Menschen nicht erst am Ende ihres Lebens wichtig. Es geht um die Elemente der Lebensführung, die für Menschen von Bedeutung sind. Zu allererst um die Personen, mit denen sie in Beziehung stehen. Letztlich aber um alles, was für sie Gegenstand der Sorge ist: sei es Essen und Trinken, sich in der Natur aufzuhalten oder Kulturelles wertzuschätzen.

Der Aufenthalt in einem Krankenhaus oder in einer Einrichtung der stationären Langzeitpflege schränkt Menschen in ihrer Autonomie ein. Aber nicht jede dieser Einschränkungen ist notwendig. Deshalb geht es in der pflegerischen Beziehung immer auch darum, Spielräume auszuloten, in denen die Menschen in dieser Situation ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten können. Patient_innenautonomie ist mehr als die Zustimmung zu Behandlungen. Autonomie drückt sich auch nicht allein in der rationalen Wahl zwischen Alternativen aus. Sie ist vielmehr eine bestimmte Art zu leben. Deswegen sind die menschlichen Beziehungen von so besonderer Bedeutung, weil sich nur in ihnen die Selbstbestimmung verwirklichen lässt.

Christoph Müller Sie bieten die Möglichkeit an, über die Adhärenz zu reflektieren. Dabei geht einem natürlich der Gedanke durch den Kopf, dass das Gesundheitssystem stark durch autoritäre und unhinterfragte Strukturen geprägt ist. Wie kann Pflegenden immer deutlicher werden, dass Versorgung und Begleitung miteinander ausgehandelt werden müssen?

Andrea Schiff Jegliche Interventionen, die nicht die Vorstellungen der betroffenen Person einbeziehen, können keine Wirkung entfalten und schon gar nicht nachhaltig sein. Die Situation muss gemeinsam von Professionellen und betroffenen Personen in den Blick genommen und dann Strategien ausgehandelt werden. Ein Hüftprotektor, der nicht getragen wird, weil er aus Sicht der älteren Dame aufträgt, oder ein Rollator, der nicht benutzt wird, weil er aus Sicht des älteren Herrn viel zu gebrechlich wirkt, sind unsinnige Interventionen, mit denen letztlich  Ressourcen vergeudet werden. Pflegende machen diese Erfahrungen selbst, dass ihre Vorschläge oder die der Ärzt_innen oftmals nicht gewünscht werden. Zu verstehen, warum der Eigensinn des Menschen geachtet und akzeptiert werden muss, erleichtert dann auch das eigene Handeln.

Christoph Müller Wenn Sie auf die ethische Reflexion in unterschiedlichen Kontexten der Pflege kommen, zeigt sich, wie konkret ethisches Handeln Pflegender sein kann. Teilen Sie die Ansicht, dass Pflegende dies im Alltag allzu sehr vernachlässigen?

Hans-Ulrich Dallmann Nein, das teile ich so nicht. Aber mit der ethischen Kompetenz ist das wie mit jeder anderen auch: Nicht alle verfügen über sie in gleicher Weise. Hinzu kommt, dass die Rahmenbedingungen in den unterschiedlichen Kontexten der Pflege ethisches Handeln – vorsichtig ausgedrückt – nicht immer fördern. Zeitdruck, Personalknappheit, ökonomische „Zwänge“ – das kann durch die ethische Kompetenz von Pflegefachkräften nicht einfach ausgeglichen werden. Im Gegenteil ist es auch eine Aufgabe der Ethik in der Pflege, auf solche Rahmenbedingungen, die ethisches Handeln erschweren, aufmerksam zu machen. Der Verweis darauf sollte nicht dazu führen, auf ethische Reflexion und entsprechendes Handeln zu verzichten. Zeitdruck legitimiert zum Beispiel keine freiheitseinschränkenden Maßnahmen. Deshalb ist auch unter den aktuellen Bedingungen ethische Kompetenz wichtig. Und sie lässt sich einüben. Zumal die große Mehrheit der Pflegefachkräfte ihre Arbeit gut machen und das Wohl und die Selbstbestimmung der Bewohner_innen und Patient_innen fördern will.

Christoph Müller Spezifische und diffuse Erwartungen prägen aus Ihrer Sicht die Beziehung zwischen Professionellen und zu pflegenden Menschen. Was schlagen Sie vor, damit es Pflegenden gelingt, möglichst konfliktarm diese Erwartungen zu enttäuschen, um Menschen auch ihre je eigenen Möglichkeiten zu erhalten?

Hans-Ulrich Dallmann Die Unterscheidung zwischen diffusen und spezifischen Erwartungen stammt ja aus der Professionalisierungstheorie Ulrich Oevermanns. Etwas verkürzt richten sich die spezifischen Erwartungen an die professionelle Kompetenz, die diffusen an die Person. Im Gesundheitswesen kommt es dabei oft dazu, dass die spezifischen Erwartungen an die Ärzt_innen gerichtet werden und die diffusen tendenziell an die Pflegekräfte. Aber natürlich richten sich auch an die Pflegefachkräfte spezifische Erwartungen. Und diese Erwartungen an deren professionelles Handeln sollten selbstverständlich nicht enttäuscht werden. Der Umgang mit diffusen Erwartungen ist nun aber schwieriger. Letztlich ist es eine Sache der Empathie zu wissen, wieviel Nähe und wieviel Distanz in der jeweiligen Situation und gegenüber der konkreten Person jeweils angemessen sind. Pflege ist auch ein Beziehungsberuf und die kritische Reflexion der Beziehungsgestaltung ist ein Bestandteil der besonderen pflegefachlichen Kompetenz. Dazu gehört jedoch auch die Selbstsorge der Pflegenden. Und für die sind Methoden der Distanzierung natürlich von Bedeutung. Aber wie schon gesagt, es geht in der konkreten Situation immer um die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Nähe und Distanz, bei der eine angemessene „Mitte“ gefunden werden muss. Und diese „Mitte“ lässt sich nicht einfach errechnen, sondern ergibt sich in der Interaktion zwischen Pflegenden und zu Pflegenden.

Christoph Müller Wie lautet die drängendste ethische Frage in Zeiten der Corona-Pandemie, mit der sich Pflegende auseinandersetzen müssen.

Andrea Schiff Ich glaube, das größte Problem war, dass Patient_innen und Bewohner_innen aus Gründen des Schutzes vor Infektionen oder der Vermeidung der Verbreitung des Virus isoliert wurden und damit ein zentraler Punkt von menschlichem Dasein verhindert wurde: in Beziehung-sein mit anderen Menschen. Gerade bei Pflegebedürftigkeit und Krankheit sind soziale Beziehungen besonders wichtig. Viele Pflegende haben versucht, Wege zu finden, um weiterhin menschliche Beziehungen zu ermöglichen, indem sie z. B. versucht haben, ihre Präsenz zu verstärken. Aber die schwierigen Rahmenbedingungen wie erhebliche Personalknappheit ließen das oftmals nicht zu. Das schwierigste war dann, dass Sterbende alleine gelassen wurden. Das widerspricht eklatant den Vorstellungen von Pflegenden, die einen würdigen Umgang mit Sterben und Tod gestalten möchten. Auch die notwendigen Maßnahmen nach dem Tod, zum Beispiel das aus hygienischen Gründen notwendige Einhüllen von Verstorbenen in Plastiksäcke, widerspricht ihrem Empfinden von einem würdigen Umgang mit Verstorbenen. Gerade das Erleben dieser Diskrepanz konnte, dann nur in den Teams selbst, angesprochen werden. Pflegende haben dazu tendiert, das eigene familiäre Umfeld vor solchen Bildern zu schützen. Zu selten oder zu spät haben die Einrichtungen mit unterstützenden begleitenden Maßnahmen wie Supervision reagiert. Wenn Pflegende engagiert weiter in ihrem Beruf verbleiben sollen, dann ist ein würdiger Umgang mit pflegebedürftigen Menschen die Voraussetzung.

Christoph Müller Herzlichen Dank, liebe Andrea Schiff, lieber Hans-Ulrich Dallmann, für den gemeinsamen Diskurs

 

Das Buch, um das es geht

Andrea Schiff & Hans Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege, Ernst Reinhardt Verlag, München 2021, ISBN 978-3-82525587-9, 238 Seiten, 24.90 Euro.

 

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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