„Langfristig braucht es einen Systemwandel“

Christoph Müller im Gespräch mit David Gutensohn

(C) Halfpoint

Wenn Pflegende das politische Bewusstsein für den eigenen Berufsstand nicht haben, dann braucht es Menschen, die stellvertretend die Stimme für Pflegende und zu Pflegende laut werden lassen. Der Journalist David Gutensohn gehört zu jenen Menschen, denen die Pflege am Herzen liegt. Mit Christoph Müller hat der Autor des Buchs „Pflege in der Krise“ gesprochen.

Christoph Müller Als jemand, dessen Eltern professionell Pflegende sind, haben Sie das Buch „Pflege in der Krise“ geschrieben. Wieso liegt Ihnen dieses Berufsfeld so am Herzen? Haben Sie als Kind und Jugendlicher nicht unter den Arbeitsbedingungen von Mutter und Vater gelitten?

David Gutensohn Ganz im Gegenteil! Ich bin sozusagen im Seniorenheim aufgewachsen und zwar in einem ziemlich idyllischen Haus ohne Personalmangel oder Profitorientierung. Meine Eltern hatten tolle Jahre in der Pflege und die habe ich begleitet. Auch deshalb habe ich diesen Beruf schon früh schätzen gelernt, als es Begriffe wie Systemrelevant noch nicht gab. Irgendwie hat mich die Pflege dann nie losgelassen, nicht im Studium und auch nicht jetzt in meiner Arbeit als Journalist.

Christoph Müller Sie zeichnen den Weg der Ökonomisierung des Gesundheitswesens nach. Dabei fällt auf, dass die Entwicklung unaufhörlich gewesen zu sein schien. Dies dauert bis heute an. Welche Möglichkeiten zur Intervention sehen Sie?

David Gutensohn Ich denke, dass es vor allem darum gehen muss, kurzfristig die Folgen der Ökonomisierung zu bekämpfen. Durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal, finanziert durch eine soziale Bürgerversicherung. Doch langfristig braucht es einen Systemwandel hin zu einem Gesundheitswesen ohne Gewinn. Wir könnten dazu zum Beispiel einen Profitdeckel für die Pflege einführen und die Fallpauschalen abschaffen, damit wäre schon viel geholfen.

Christoph Müller Wichtig erscheint es beim Lesen, dass Sie die Quantität der Ökonomisierung in der Pflege dokumentieren. Als jemand, der diese politischen Weichenstellungen miterlebt hat, erscheint es wie ein Blick in die eigene Vergangenheit. Wieso haben Sie auf die Beschreibung der Qualität der Ökonomisierung verzichtet? Welchen Grund haben Sie, nicht konkrete Erfahrungen von Pflegenden und zu Pflegenden zu dokumentieren?

David Gutensohn Tue ich das nicht? Im Buch berichte ich von vielen Pflegekräften sowohl in Kliniken als auch in Seniorenheimen, die mir ihre Geschichten erzählt haben. Ich berichte von einigen meiner Recherchen angefangen bei pflegenden Angehörigen bis hin zu Pflegefachpersonen, die unter dem Druck zerbrechen. Mir geht es letztendlich auch in meiner Arbeit als Redakteur bei ZEIT ONLINE immer darum, die Geschichten anderer zu erzählen.

Christoph Müller Im Zusammenhang mit Corona beschreiben Sie die Krise als einen Dauerzustand in den pflegerischen Handlungsfeldern. Wie kann aus Ihrer Sicht deutlich werden, dass es in pflegerischen Settings keine Mittelmäßigkeit, sondern fast ausschließlich Zuspitzungen gibt?

David Gutensohn Das gelingt nur, indem wir immer wieder darüber berichten und indem sich die Pflege eine Stimme gibt. In der Pandemie ist das bisher ganz gut gelungen, doch danach darf das Thema nicht einfach vergessen werden. Ganz entscheidend wird dieser Wahlkampf und die kommende Legislaturperiode sein. Denn irgendwann ist es zu spät, um zu handeln!

Christoph Müller Wenn Sie an Florence Nightingale erinnern, kommt mir in dem Sinn, dass Pflegende zu wenig ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein zu haben scheinen. Dieser Eindruck drängt sich auch auf, wenn auf das politische Bewusstsein Pflegender geschaut wird. Haben Sie als jemand, der Pflegende sein Leben lang erlebt hat, eine Idee, wie diese Berufsgruppe aufgeweckt werden könnte?

David Gutensohn Es ist ein Teufelskreis! Einerseits muss ich etwas verbessern, damit Pflegende sehen, dass Engagement sich lohnt. Andererseits müssen sie sich engagieren, damit sich etwas bessert. Pflegende sind von der Politik enttäuscht, weil sich die Dinge seit vielen Jahren eher verschlimmern. Ich glaube es braucht eine breite gesellschaftliche Bewegung für die Pflege, die nicht nur aus der Pflege direkt herauskommt. So wie wir das bei Fridays for Future für das Klima erleben.

Christoph Müller Zu Recht kommen Sie auf Rahmenbedingungen von Arbeit in pflegerischen Handlungsfeldern. Pflegende sehen häufig erst einen Verbesserungsbedarf, wenn der eigene Leidensdruck fast schon zu viel Porzellan zerdonnert hat. Welche Ideen haben Sie davon, was Pflegende brauchen, um ein zufriedenes und achtsames Leben führen zu können?

David Gutensohn Das ist in der Tat ein Problem! Es braucht bessere Arbeitszeiten, mehr Verantwortung und weniger Dokumentation. Letztendlich lieben Pflegekräfte ihren Beruf, wenn sie ihn so ausüben können, wie es vorgesehen ist. Pflegekräfte sollen Pflegen und nicht putzen oder die Küche organisieren! Dafür sollte man andere Fachkräfte einstellen. Für ein zufriedenes Leben braucht es letztendlich weniger Stress im Job und eine höhere Anerkennung – auch finanziell.

Christoph Müller Welche Vision haben Sie von einem Gesundheitswesen der Zukunft? Lassen Sie uns teilhaben und Inspiration finden.

David Gutensohn Ein solidarisches Gesundheitswesen, in dem es kein Gewinnstreben mehr gibt, sondern nach dem tatsächlichen Bedarf der Menschen gehandelt wird. Ein System, in dem der Mensch vor Profiten geht und Kliniken sowie Seniorenheime, Pflegedienste oder auch die Arbeit von pflegenden Angehörigen gewürdigt werden. Warum müssen Kindergärten, Polizei, die Feuerwehr und Schulen sowie Behörden keine Gewinne machen, aber die Pflege schon? Ich glaube an die Vision eines solidarischen Systems, gerecht finanziert und am Menschen orientiert.

Christoph Müller Herzlichen Dank für das Interview, Herr Gutensohn

 

Das Buch, um das es geht

David Gutensohn: Pflege in der Krise – Applaus ist nicht genug, Atrium Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-85535-119-0, 126 Seiten, 9 Euro

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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