Krankenschwesternromane (1914-2018)

Zwischen Affirmation und Akzeptanz

1ok 202423Auf diese Idee muss erst einmal jemand kommen. Die Pflegewissenschaftlerin Birgit Panke-Kochinke hat mehr als 300 Trivial-Romane gelesen und danach geschaut, welche Vorstellungen sich in ihnen über Krankenschwestern finden. Sie berichtet schon früh, welches Ziel sie mit der Studie verfolgt hat: „Ursprünglich ging es mir lediglich darum, das Bild der Protagonistinnen in diesen Romanen als mentalitätsgeschichtlich relevante Beschreibung eines fiktiven Berufs-und Lebensfeldes in einem bestimmten historischen Zeitrahmen zu rekonstruieren“ (S. 9/10).

Eine solche Lektüre in einen wissenschaftlichen Zusammenhang einzugliedern, kann natürlich als hehres Ziel beschrieben werden. Gleichzeitig muss Panke-Kochinke einen großen Spaß an der Lektüre von Trivial-Literatur haben. Diese Begeisterung meint die Leserin bzw. der Leser zu spüren, wenn man sich durch die Feinheiten der Arbeiten schlägt.

Panke-Kochinke veranschaulicht die Funktion von Trivial-Romanen. Trivial-Romane könnten als „sinnschöpfende Produkte“ (S. 26) beschrieben werden. Wenn Kultur als eine Art Schlachtfeld zur Aushandlung kultureller Bedeutungskonstruktionen gesehen werde, dann spiele sich der Umgang der Leserinnen und Leser mit Trivialromanen im Feld zwischen Affirmation und Akzeptanz als ein komplexer Prozess ab (S. 26).

Als Pflegender fällt es immer wieder schwer, die dokumentierten Stereotypen zu akzeptieren. Schließlich bilden die Trivial-Romane eher traditionelle Rollenbilder ab, beschreiben Krankenschwestern in der Weise, dass sie gegenüber den ihnen anvertrauten Menschen fürsorglich und aufopfernd sind, gleichzeitig nach der Erfüllung der eigenen Liebesbedürfnisse im Gleichschritt mit einem Mediziner suchen. Aus heutiger Sicht gibt es natürlich einen Impuls, diesem Bild zu widersprechen. Man kann es jedoch auch einfach hinnehmen in einer Weise, in der man an einem Sonntagabend „Das Traumschiff“ oder andere leichte Kost im Fernsehen schaut.

Panke-Kochinke zeigt auf, dass ein Trivial-Roman ein Happy End haben müsse und gleichzeitig spannend sein müsse (S. 36). Wenn sie dies betont, so wird bewusst, dass die Nutzung der Stereotypen natürlich eine dramaturgische Funktion hat und die eigenen emotionalen Bewegtheiten beim Lesen in den Hintergrund treten müssen.

Die Krankenschwester als Protagonistin bezeichnet Panke-Kochinke als Heldin. Trivial-Romane nennt sie „moderne Märchen“ (S. 106). Für sie sind auch Unterschiede zwischen den Krankenschwestern und der Vergleichsgruppe der Sekretärinnen in Romanen erkennbar. Die Pflege-Position sei hier dokumentiert: „Krankenschwestern sind in einem hohen Umfang, ob als junge Mädchen in der Ausbildung, als gläubige Christinnen oder kritische Angehörige ihres Berufs immer von dem ethischen Hintergrund ihres Berufs geprägt. Pflege erscheint als der ideale Hintergrund für die Ausprägung einer Haltung der Nächstenliebe“ (S. 107).

An vielen Stellen in der Studie tauchen Begriffe wie Übergänge von Menschen in bestimmten Lebensphasen auf. Diese Terminologie macht die Studie sympathisch. Denn so zeigt Panke-Kochinke auf, dass die Lektüre von Trivial-Romanen auch als ein Moment der Selbstfindung genutzt werden kann. Das dramaturgische Grundmuster des Heldinnenweges einer Krankenschwester ermögliche auch das Erreichen anderer Ziele als das der wahren Liebe (S. 89).

Mit der Studie „Krankenschwesternromane“ hat Panke-Kochinke ein Zeichen gesetzt. Sich den professionell pflegenden Menschen zu nähern gelingt auch über Momente der Unterhaltung.

Birgit Panke-Kochinke: Krankenschwesternromane (1914-2018) – Kontexte, Muster, Perspektiven, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-86321-423-4, 153 Seiten, 24.95 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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