Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager

11. September 2020 | Rezensionen | 0 Kommentare

„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ – Richard von Weizsäcker

Der geschichtliche Hintergrund prägt nach wie vor das berufliche Selbstverständnis in der Pflege. Deshalb ist es notwendig, sich immer wieder mit den Fragen, die sich in diesem Zusammenhang auftun, zu konfrontieren und damit auseinandersetzen, um ein lebendiger und sich ständig verändernder Beruf zu sein, der sich seiner Aufgaben und seines Auftrags bewusst ist.

Die Auseinandersetzung der „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ wurde vor allem durch das Buch von Hilde Steppe angestoßen. Über das Tun der Krankenschwestern in den SS-Lazaretten und Konzentrationslagen war bisher wenig bekannt. Das ist das Verdienst von Petra Betzien in der vorliegenden Veröffentlichung ihrer Dissertation.

Dem sechshundert Seiten umfassenden Werk in einer begrenzten Buchbesprechung gerecht zu werden, wäre vermessen. Von daher ist mein Bestreben einige Aspekte herauszuarbeiten und Interesse für die Thematik zu wecken, vor allem in den pflegerischen Berufen. Das Buch ist eine unschlagbare Quellenfundgrube und kann deshalb auch den weiteren eigenen Nachforschungen dienen. Die einzelnen Kapitel befassen sich neben der Einleitung mit der „Entwicklung des Berufs Krankenschwester in Deutschland bis 1933“; „Einordnung der Krankenschwestern in die NS-Gesellschaft“; „Organisation der Krankenversorgung im Konzentrationslager und SS-Lazarett“; „SS-Schwestern im Häftlingsbereich des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück“; „Krankenschwestern in Häftlingsrevieren anderer Konzentrationslager“; Krankenschwestern in den Lazaretten der Konzentrationslager-SS“; „Erklärungsstrategien der SS-Schwestern in der Nachkriegszeit“ sowie einem Fazit.

Petra Betzien untersucht anhand unterschiedlicher Quellen, beispielsweise aus Publikationen, Prozessaussagen, Archiven, aus Häftlingsakten und Personalakten der Krankenschwestern und Schwesternhelferinnen den Tätigkeitsbereich der Pflegenden in Moringen, Lichtenberg, Auschwitz und Ravensbrück sowie weiteren Konzentrationslagern. Sie knüpft in ihren Untersuchungen an Hilde Steppe an und zeigt darüber hinaus auf, dass Krankenschwestern über einen Entscheidungsspielraum verfügten, der sie individuell unterschiedlich genutzt wurde, auch hinsichtlich der persönlich zugrunde liegenden Moralvorstellungen.

Vor dem Hintergrund eines traditionellen, christlichen und humanistisch geprägten pflegeethischen Verhaltens sowie der NS-rassenhygienischen Anforderung an den Beruf der Krankenpflege werden in diesem Buch die unterschiedlichen Tätigkeiten von Krankenschwestern in den Konzentrationslagern in Verbindung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung beschrieben. Die Verhaltensweisen der dienstverpflichteten und versetzten Pflegenden, der soziale Raum sowie die absolute Macht der Konzentrationslager werden in ihren Auswirkungen untersucht.

Deutlich wird, dass die geplanten Umwälzungen zur NS-(Kriegs-)Gesellschaft Krankenschwestern brauchten, die die Vorstellungen und Ziele von NS-Volksgemeinschaft und NS-Rassenideologie teilten bzw. ihnen nahestanden. Die NS-Schwesternschaft sollte hinsichtlich der zu erhöhenden Geburtenrate ihrer Volksgenossinnen Familien überwachen, Denunzieren und die „Unerwünschten“ entfernen, um die nationalsozialistischen Ziele zu unterstützen – „[…] gerade als Gemeindekrankenschwester eine Aufwertung und auch Machtposition [zu] erhalten, wie sie vor 1933 und nach 1945 undenkbar gewesen wäre.“ (S:41)

Festgestellt wird gleich zu Beginn, dass das traditionelle pflegerische Berufsethos in seiner Bedeutung nur nachzuvollziehen sei, wenn man die Entwicklung des Berufs in Deutschland bzw. im deutschen Kulturraum nach dem Kaiserreich und der Weimarer Republik näher betrachtet. „Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurden die Krankenschwestern-Verbände nach ihrer Gleichschaltung in die Umsetzung der NS-Rassenideologie und -Rassenhygiene einbezogen.“ (S. 31). Das führte dazu, dass die NS-Schwesternschaft, insbesondere die Schwestern, welche die Ideologie und Politik Hitlers mitgetragen haben, im Nationalsozialismus eine Aufwertung und sozusagen eine Gleichstellung mit den Soldaten der SS erfuhren.

Zur „moralischen“ NS-Rasenideologie gehörte das Leistungsprinzip und das unbedingte Recht des Stärkeren. Das bedeutete, dass die starke rassisch reine Volksgemeinschaft das Ziel war, dem sich jedes Mitglied unterzuordnen hatte. „Du bist nichts, dein Volk ist alles, sprach dem einzelnen Menschen das Recht auf Individualität ab. Es bedeutete auch, dass eben dieses Volk die Moral, die Normativität vorgeben und bestimmten müsste.“ (S. 75) Das bedeutete in Folge, dass die Tötung „lebensunwerten Lebens“ als „Euthanasie“ verharmlost wurde und die Medizin und Krankenversorgung mit den nationalsozialistischen Grundsätzen und Zielen des „wertvollen Volkskörpers“ in der Gesundheitspolitik und somit mit dem ethischen Handeln von Ärzten und Pflegenden verknüpft wurde, die zu den Verbrechen führten. Das Handeln wurde mit der moralischen Verpflichtung begründet, die mit dem „Mensch“ und „Schwestern“-Sein verbunden waren. Petra Betzien geht dann weiter dem Widerspruch nach, zwischen der praktizierten Krankenpflege in den Konzentrationslagern und dem Berufsethos. Dabei stellt sie fest, dass Konzentrationslager auf der Handlungs- und Erfahrungsebene „den Raum absoluter Macht und des Terrors“ darstellten.

Auch wenn die Krankenschwestern die strukturell gewollte kontinuierliche Mangelversorgung in den Konzentrationslagern nicht beeinflussen konnten und deshalb auch nicht zu verantworten hatten, waren sie an den Verbrechen beteiligt. Beispielsweise dadurch, dass sie eigenständig Gewalt gegenüber Häftlingen ausübten oder ihnen die Nahrung verweigerten. Darüber hinaus wirkten sie bei medizinischen Versuchen und beim Selektieren der Häftlinge mit und ermordeten eigenmächtig Häftlinge, die als „unheilbar“ galten. Betzien betont, dass Krankenschwestern in den Häftlingsrevieren einen Raum hatten, in dem sie absolute Macht über Leben und Tod ausüben und Angst verbreiten konnten. Zwar arbeiteten die Krankenschwestern auf Anweisung und Anordnung der SS-Ärzte, hatten jedoch einen großen Spielraum eigenständig Entscheidungen zu treffen und zu handeln.

Krankenschwestern waren neben den Häftlingsrevieren im sogenannten äußeren Bereich von Konzentrationslagern in SS-Lazaretten eingesetzt. Sie betreuten die SS-Wachmannschaften und auch ihre Familien in direkter Nähe der Konzentrationslager und wurden so Zeugen von Vernichtung und Gewalt und trugen durch ihr Mitwissen das Unrecht und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit.

Festgestellt werden kann, dass keine der SS-Lazarett-Schwestern sich nach Kriegsende vor Gericht verantworten musste. Viele von Ihnen hatten nach dem Krieg positive Erinnerungen an die Arbeit im Lazarett. Es waren nur ein paar Krankenschwestern in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, die aktiven Widerstand gegen das NS-Regime leisteten und ihren Handlungsspielraum zugunsten der Häftlinge und darüber hinaus nutzten. Eine der wenigen Frauen, die zum Tode im ersten von den Alliierten geführten Ravensbrück-Prozess verurteilt wurde, war die ehemalige Oberschwester von Ravensbrück.

Die Auseinandersetzung mit der Kant’schen Frage „Was soll ich tun?“ stellt sich jeden Tag neu. Wichtig ist es, sich mit den Wurzeln und der Geschichte der Krankenpflege auseinanderzusetzen, um die Gegenwart und Zukunft im Sinne von hilfebedürftigen Menschen zu gestalten und berufliche Werte in den Mittelpunkt zu stellen; „Untrennbar von Pflege ist die Achtung der Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf Leben, auf Würde und auf respektvolle Behandlung […]“ (Ethik-Kodex des ICN (International Council of Nurses 1953, 2005).

Petra Betzien: Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager – Selbstverständnis, Berufsethos und Dienst an den Patienten im Häftlingsrevier und SS-Lazarett, Pflegegeschichte im kula Verlag Frankfurt am Main, 2018, ISBN 978-3-945340-11-0, Euro 64,00

Autor:in

  • Hilde Schädle Deininger

    Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Lehrerin für Pflegeberufe, Fachautorin, Dipl. Pflegewirtin (FH), Dozentin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung Pflegender