Kommentar zum Artikel: Übertherapie in der Intensivmedizin

(C) Stephan Morrosch

 

Übertherapie in der Intensivmedizin: Das Medizinproblem dieses Jahrhunderts

Zitat aus dem Artikel: „Viele denken eine Patientenverfügung würde hier zuverlässig schützen“.

Will man das Patientenverfügungsgesetz richtig verstehen, dann könnte die Patientenverfügung tatsächlich zuverlässig schützen. Ich sehe Sinn und Zweck einer Patientenverfügung primär darin, den Bedürfnissen des Verfügers gerecht zu werden und erst sekundär darin, mit der Patientenverfügung Rechtssicherheit für Ärzte zu schaffen.

  • Eine Patientenverfügung soll helfen sich eine eigene Meinung zur Betreuung und Behandlung am Lebensende zu bilden, seine Wünsche für sein eignes Lebensende zu erkennen und solche als den Patientenwillen zu formulieren.
  • Das in der Folge regelmäßige (das BMJV.de empfiehlt alljährliche) Erneuern einer Patientenverfügung zielt darauf ab, die vom Verfüger getroffene Entscheidung (eine medizinische Maßnahme abzulehnen) zu überdenken und gegebenenfalls zu stärken.
  • Nicht zuletzt will eine Patientenverfügung der rote Faden im Gespräch zwischen Verfüger mit seinen Angehörigen sein. Diesen Punkt sehe ich als den wohl wichtigsten Teil einer Patientenverfügung überhaupt. Ja, auch der Inhalt einer Patientenverfügung ist wichtig, aber noch wichtiger ist meines Erachtens, dass und wie dieser kommuniziert wird. Denn fast immer sind es die Angehörigen, die den Patienten auf die Schiene der Medizinmaschinerie setzen, weil sie – vielleicht – nicht wissen, was sich der Patient an seinem Lebensende wirklich wünscht. Der im Artikel zitierte „nicht wackelige Vorsorgebevollmächtigte“ wird auch nur dann gegen ärztlichen Paternalismus „standfest“ sein können, wenn er vom Verfüger mehrmals gehört hat, was dessen tatsächlicher Wunsch ist.

Erst wenn die Patientenverfügung die Bedürfnisse des Verfügers (späteren Patienten) erfüllt hat, macht es eventuell Sinn darüber zu diskutieren, was der Patient (noch) davon haben kann, ob seine Patientenverfügung vor Gericht mehr oder weniger Einfluss hat.

Wilhelm Margula
Über Wilhelm Margula 1 Artikel
Dr. Wilhelm Margula arbeitete von 1980 bis 2015 als praktischer Arzt. Seit 1981, als er die ärztliche Leitung des Haus der Ärztinnen Österreichs übernahm, beschäftigte er sich mit Geriatrie. Als Gutachter für Entscheidungsträger zur Einstufung nach dem Pflegegeldgesetz und als Gerichtsgutachter für Pflegewesen, Geriatrie und Palliativmedizin, befasst er sich während der letzten 10 Jahre zusehends mit medizinrechtlichen Fragen aus seinem Tätigkeitsbereich. Nach dem Schließen seiner Ordination setzt er sein Wissen und seine Erfahrung in der Entwicklung praktischer online-Anwendungen um, für die man keine medizinischen Vorkenntnisse benötigt. (www.pflegestufen.at, www.pflegefall-tool.at). Margula ist Autor des Patientenratgebers „Pflegefall? Nein, danke! Mit der Patientenverfügung selbst entscheiden“ (Facultas-Maudrich-Verlag, Wien, 2017).

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