„Körperpflege ohne Kampf“

Ein Interview mit Christoph Müller

Gemeinsam mit Peter Offermanns und Jürgen Georg ist Christoph Müller der Herausgeber der deutschsprachigen Fassung des soeben erschienen Buches „Körperpflege ohne Kampf – Herausforderndes Verhalten in der Körperpflege erkennen, verstehen, meistern“. Stefan Rogge hat das Gespräch mit dem Psychiatrie-Pfleger und Pflege-Experten gesucht.

Lieber Christoph, zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei Dir und Euch für das Erscheinen dieses wunderbaren Buches bedanken. Jedoch habe ich mich im Vorfeld gefragt, wie man dazu kommt, einem ja doch recht alltäglichem, fast trivial erscheinendem Thema wie dem der Körperpflege ein ganzes Buch zu widmen? Was hat Euch, als Herausgeber der deutschsprachigen Ausgabe, zu dieser Entscheidung geführt?

Dieses Buch ist vor kurzem ja in der zweiten Auflage erschienen. Für mich ist es eine Ehre gewesen, als ich angesprochen wurde, die deutschsprachige Herausgeberschaft in einer guten Gesellschaft zu übernehmen und das Buch um eine psychiatrische Sichtweise ergänzen zu können.

Nun aber zur fachlichen Seite Deiner Fragen. Natürlich erscheint die Körperpflege als trivial und alltäglich. Dies ist die beste Voraussetzung, um an diesem konkreten Phänomen sehr viel deutlich zu machen. Barrick et al. gelingt dies in eindrücklicher Weise. In den pflegerischen Handlungsfeldern, in denen ich über die vergangenen drei Jahrzehnte unterwegs gewesen bin, hat häufig die Sicht gefehlt, an dem scheinbar Alltäglichen vieles deutlich zu machen.

Wenn wir es als professionell Pflegende schaffen, das Alltägliche näher unter die Lupe zu nehmen, so glaube ich, dass wir unser eigenes Handeln viel besser verstehen können. Vor allem haben wir so die Chance, unsere Fachlichkeit anders zu begründen. Mir ist dies bewusst geworden, als ich vor einigen Jahren die Studie „Festgenagelt sein“ gelesen habe. Unter der Leitung der Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin wurde in dieser Forschung dem Bettlägerigwerden einge große Aufmerksamkeit geschenkt. So wurde deutlich, dass das Alltägliche eine große Tiefgründigkeit und eine existentielle Erfahrung sein kann.

Dies schaffen Barrick et al. sowie wir als deutschsprachige Herausgeber auch, glaube ich. Die Körperpflege ist nichts, was mit einer Checkliste abgehakt werden kann. Der begleitete Toilettengang und das Duschen mit Unterstützung greifen stark in die Autonomie des Einzelnen ein. So geht es bei aller Verletzlichkeit darum, dem Einzelnen seinen eigenen Willen und seine Würde zu lassen. Schaffen wir dies nicht, so kommt es zu herausforderndem Verhalten.

 Würdest Du sagen, dass andere Länder, wie eben beispielsweise Amerika zu diesem Thema einen anderen Bezug haben?

Es ist keine Neuigkeit, dass die Pflegeforschung in den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz den Entwicklungen in anderen Regionen der Welt hinterherläuft. Dies führt in dem einen oder anderen Verlag ja auch dazu, dass Fachbücher ins Deutsche übersetzt werden. Diese Übersetzungen hinterlassen dann ihre Spuren in den Einrichtungen des Sozial-und Gesundheitswesens, wenn Führungskräfte oder auch engagierte Kolleg_innen die Bücher als Anstoß nehmen, um ein Thema in den institutionellen Diskurs einzubringen.

Dieses Einbringen geschieht dann durch Fortbildungen oder Projekte, die in Angriff genommen werden. Sie sorgen dann hoffentlich dazu, dass Kolleg_innen vor Ort über die Impulse nachdenken, reflektieren und hoffentlich auch die eigenen Haltungen anpassen. Reflexion über berufliches Handeln ist ein ständiger Prozess, der frühestens dann enden wird, wenn ich in den Ruhestand gehen kann. Als professionell Pflegender bin ich aufgefordert, immer wieder über meine Arbeit und mich als Person nachzudenken.

So wird bei der alltäglichen Hilfeleistung bei der Körperpflege deutlich, mit welchem Menschenbild ich meinem Gegenüber begegne. Es wird offensichtlich, welche Entwicklungsprozesse ich vielleicht (trotz vieler Berufsjahre) vollziehen muss. Diese Möglichkeit habe ich unter anderem dadurch, dass ich mich mit der Evidenzbasierung in der Pflege beschäftige.

 Kann dies vielleicht auch daran liegen, dass alte bzw. ältere hilfebedürftige Menschen in diesen Ländern einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert haben?

Ich weiß nicht, ob es richtig ist, den Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Ansehen einzelner Bevölkerungsgruppen und dem Umgang mit ihnen in Zeiten der Hilfe-und Pflegebedürftigkeit herzustellen. Dass gebrechliche und alte Menschen herausforderndes Verhalten bei der Körperpflege zeigen, halte ich für natürlich. Wenn Menschen von anderen Menschen gewaschen werden, so haben wir mit Situationen zu tun, die fast schon brachial in die Privatsphäre eines Menschen eindringen.

Ich erinnere mich an ein Seminar, an dem ich vor Jahren teilgenommen habe. Inhaltlich ging es um Sexualität bei sterbenden Menschen. Zum Einstieg war es die Aufgabe der Teilnehmer_innen, an einem Strichmännchen und Strichweibchen die Körperstellen zu kennzeichnen, die sie als intim bezeichnen und die wahrhaftig nur sie selbst oder Intimpartner_innen anfassen dürfen. Dabei ist herausgekommen, dass das Erleben der Menschen sehr individuell sein kann. Wenn ich es gut ertragen kann, an einer Körperstelle von einem Fremden, einer Fremden angefasst zu werden, so git dies für einen Anderen, eine Andere noch lange nicht.

Deshalb glaube ich, dass es nicht nur um den Respekt vor den älteren Menschen geht. Vielmehr geht es aus meiner Sicht um den Respekt jedes Menschen und um die Akzeptanz seiner, ihrer Eigenheiten. Dies ist eine schwierige Aufgabe, um die wir in pflegerischen Settings nicht herumkommen.

Welche Bedeutung hat das Thema „Gewalt bei der Körperpflege“ in der pflegerischen Arbeit hierzulande?

Große Aufmerksamkeit werden Aggressionen und Aggressionsvermeidung hierzulande geschenkt. Dies zeigt sich an unzähligen Büchern und Artikeln in Fachzeitschriften, Facharbeiten in Weiterbildungen und Qualifikationsarbeiten an Hochschulen. In der Wirtschaft würde man behaupten, dass Aggressionen und Aggressionsvermeidung Konjunktur haben. Insofern sind vielen Pflege-Praktiker_innen viele Begriffe präsent, die um Zwangsanwendung und Zwangsprävention thematisiert werden. Manchmal hat man den Eindruck, dass beispielsweise bei dem massiven Engagement von Einrichtungen um Deeskalationstrainings Gewaltphänomene in der Klinik oder im Pflegeheim eigentlich gar nicht mehr auftreten dürften.

Die Prävention beginnt aus meiner Sicht bei den alltäglichen Phänomenen. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass die Probleme viel früher gelöst werden könnten. Die Auseinandersetzung mit herausforderndem Verhalten und dessen Gründen scheint nicht ausreichend genug im Blick. Es gibt viele Erklärungsmodelle für auffälliges Verhalten, jedoch wenig Überlegungen zu Interventionsmöglichkeiten im Alltäglichen.

Und noch etwas anderes: Viel mehr Bedeutung hat die Vernachlässigung von Menschen, die pflegerisch versorgt werden müssen. Menschen werden aus Personalmangel oder fehlender Fachlichkeit nicht gewaschen. Da steht die Frage im Raum, ob konkrete Aggression oder schleichende Vernachlässigung ethisch unterschiedlich bewertet werden kann.

 Welchen Einfluss nimmt die im Buch hervorgehobene personorientierte Haltung auf eine gelingende gewaltfreie Körperpflege?

Wenn Du von Personorientierung sprichst, so brauchen wir sicher einen Perspektivwechsel. Schließlich erwarten wir beispielsweise auf psychiatrischen Stationen in Kliniken, dass sich die Betroffenen den Erwartungen der Mediziner_innen, Pflegenden und Therapeut_innen anpassen. Uns erscheint es nicht plausibel, dass sich ein Mensch erst dann angepasst verhält, wenn er dies auch kann. Ein Perspektivwechsel stellt die Frage an uns, welche Bedürfnisse bei dem Betroffenen beispielsweise nicht „befriedigt“ sind und sie oder ihn zu auffälligem Verhalten inspirieren.

Und ich wiederhole mich gerne. Einen Menschen bei der Alltagshygiene zu unterstützen ist eine der schwierigsten Aufgabe überhaupt. Wir neigen als professionell Pflegende dazu, dies mit Routine zu tun. Dadurch, dass wir dies Hunderte Male, Tausende Male in unserem Berufsleben machen, geht uns sicher die Sensibilität abhanden, was die Pflegeaktivität für das Gegenüber bedeutet. Der Eingriff in die Intimsphäre, das Bewusstwerden einer Verletzlichkeit, das Akzeptieren müssen der eigenen Gebrechlichkeit.

Sollte das Thema der „Gewaltfreien Körperpflege“ in Deutschland Deiner Meinung nach mehr Berücksichtigung in der Praxis und Wissenschaft finden?

Ich würde mir wünschen, dass wir mit der Lupe mehr auf herausforderndes Verhalten oder auch Formen der Vernachlässigung zu pflegender Menschen schauen. Dies sind konkretere Themen und die Meilensteine sind bei der Bearbeitung realistischer zu erreichen.

 Vielen Dank für das spannende Gespräch!

 

Das Buch, um das es geht

Ann Louise Barrick, Joanne Rader, Beverly Hoeffer, Philip D. Sloane & Stacey Biddle: Körperpflege ohne Kampf – Herausforderndes Verhalten in der Körperpflege erkennen, verstehen und meistern, ISBN 978-3-456-86033-6, 2., erweiterte Auflage 2021, 404 Seiten

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 296 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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