Kleine Philosophie der Begegnung

Mut machend

Ist Ihnen diese Situation geläufig? Sie schlendern durch eine Buchhandlung, blicken hier ins Regal, schmökern dort in einem Buch. Dann sehen Sie einen Titel, der kein Aufsehen erregt. „Kleine Philosophie der Begegnung“ steht auf dem Buchcover. Im ersten Moment schauen Sie darüber hinweg, irgendwie kehrt der Blick wieder zurück. Und Sie fühlen sich magisch angezogen. Ein Gefühl beschleicht Sie, dass Sie das Buch nicht in der Buchhandlung zurücklassen können.

Mit Pépins „Kleiner Philosophie der Begegnung“ ist es mir so ergangen. Das Buch hatte eine Anziehungskraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Und während der Lektüre ist es so geblieben. Gerade aus der Alltäglichkeit, die sich in den Erzählungen und Gedankengängen Pépins zeigen, entfalten die mehr als 250 Seiten ihre Kraft. Jedes Lesen ist ein Genuss gewesen, jedes Ablegen des Buchs, weil am Abend die Augen dann doch zufallen, von einem Gefühl der Enttäuschung begleitet.

Pépin ist ein Autor, der der Begegnung zwischen Menschen nicht nur Bedeutung gibt. Es ist zu schätzen, dass er die kleinen Momente in den Blick nimmt. So bietet er die Gelegenheit, sich mit seinen Ideen zu identifizieren. Und er müht sich, Begegnungen zwischen Menschen eine grundsätzliche Bedeutung zu geben. So unterstreicht er, Begegnungen stünden „im Mittelpunkt des Abenteuers unseres Daseins“ (S. 12). Allein die Wortwahl Pépins sorgt dafür, dass die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser wach bleibt. Das Leben als Abenteuer zu bezeichnen, zeugt von einem grundsätzlichen Optimismus und einer Offenheit dem Leben gegenüber.  Darüber hinaus hält er Begegnungen für wesentlich und sie modellierten die Persönlichkeit.

Die „Kleine Philosophie der Begegnung“ bietet die Möglichkeit, in die Berichte und Erzählungen Pépins einzutauchen. Er beschreibt „die Zeichen der Begegnung“ und die „Bedingungen von Begegnung“, um seine Gedanken in dem Kapitel „Das wirkliche Leben ist Begegnung“ zu finalisieren. Da gönnt er sich eine Ausführlichkeit, die den Leserinnen und Lesern Perspektiven anbietet. So versucht er sich dort in einer anthropologischen und in einer existentialistischen Lesart, in einer religiösen und in einer psychoanalytischen Lesart sowie in einer dialektischen Lesart.

Apropos Dialektik: Pépin lädt die Begegnung als solche auf, wenn er betont, dass das Ich durch das Phänomen der Begegnung nicht mehr es selbst sei. Die Erschütterung, das Überwältigtsein sei derart, „dass meine Identität verlorengeht“ (S. 234). Gleichzeitig gibt er mit Francois Jullien zu bedenken, dass es schwerfalle, den Anderen in einer Begegnung in seiner ganzen Andersheit zu lassen.

Sehr belebend ist Pépin mit der Beschreibung des Resilienzhelfers. In diesem Zusammenhang schaut der Philosoph auch auf Menschen, die in den psychosozialen Berufen unterwegs sind. Da fallen Sätze, die eigentlich nicht fett genug gedruckt werden können: „Egal wer, Hauptsache, dieser Mensch besitzt diese scheinbar einfachen, aber in Wirklichkeit seltenen Fähigkeiten: nicht zu urteilen, den Anderen nicht auf seine Vergangenheit festzunageln, in ihm nicht nur das Opfer zu sehen, sondern das Vielversprechende, sich Zeit für ihn zu nehmen, wohl wissend, dass der Weg lang und voller Rückschläge sein wird, an ihn zu glauben, ohne allzu fordernd zu sein, keine Eile zu haben und keinen Druck auszuüben, einfach da zu sein, …“ (S. 109).

Dies scheint auch das zu sein, das den Reiz anderer Begegnungen von Menschen ausmacht. So sind in seinem Fokus ja auch Freundschaften, Liebschaften und was auch immer, wo Menschen aufeinander zugehen. Die „kleine Philosophie der Begegnung“ macht einfach Mut.

 

Charles Pépin: Kleine Philosophie der Begegnung, Hanser Verlag, München 2022, ISBN 978-3-446-27280-4, 256 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at