Klangschalen als Option für die Intensivpflege

(C) Seidenath

Klangschalen haben mehrere Effekte: sie aktivieren die Wahrnehmung und sie haben eine entspannende Wirkung. Auch und gerade in einer Umgebung, die von Maschinen und Hochtechnologie geprägt ist – auf einer Intensivstation -, hat der Einsatz von Klangschalen spürbare Effekte, wie mehrjährige Erfahrungen auf der Intensivstation des Helios-Amper-Klinikums in Dachau gezeigt haben: die Patienten waren nach dem Einsatz der Klangschalen merklich ruhiger, ihr  Stress war spürbar reduziert – mit signifikant positiven Auswirkungen auf ihre Genesung.

Jene Intensivstation am Dachauer Krankenhaus ist eine interdisziplinäre Station mit verschiedenen Fachrichtungen wie Chirurgie, Innerer Medizin, Gynäkologie, HNO, Neurologie und Anästhesie mit insgesamt 16 Beatmungsplätzen. Auch Hämofiltrationen finden dort statt. Die meisten Patienten sind beatmet und werden mit Hilfe von Monitoren überwacht. Hierdurch entsteht ein erheblicher Lärmpegel, der die Patienten enorm belasten kann. Weitere Stressfaktoren  für die Patienten können deren jeweilige medizinischen Vorgeschichten sein: so wurden manche der auf der Intensivstation behandelten Patienten als Notfall (6)eingeliefert, andere wurden nach einer längeren Operation – etwa einer Lungen-Teilresektion – zur Nachbeatmung auf die Intensivstation verlegt, wieder andere müssen nach einer schweren Erkrankung wie etwa einer Pneumonie oder einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) hier behandelt werden.

Unabhängig von der Ursache ihrer Erkrankung oder Behandlung  gilt: Patienten auf der Intensivstation sind aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen. Schon dies löst bei ihnen nicht selten Unsicherheit, (1)Angst und Stress aus. Durch Stress entstehen nachteilige gesundheitliche Folgen. Beispielhaft sind hier zu nennen: eine Vasokompression durch die  Aktivierung des Sympathikus mit der Folge eines Blutdruck-Anstiegs,  verminderte Darmaktivität (Obstipation) oder weitere körperliche Reaktionen wie ein Anstieg des Blutzuckerspiegels im Stress, eine Gallensekretstauung oder eine Tachypnoe. Diese Auswirkungen von Stress sind auch bei beatmeten Patienten auf der Intensivstation zu beobachten, beispielsweise bei Patienten im CPAP-Modus.(1) Die Wirkung von Stress auf die Atmung ist signifikant. Häufig tritt bei ihnen eine Tachypnoe auf, was dem Behandlungsziel einer guten Ventilation der Lunge und einer guten Oxygenierung entgegenwirkt.

Optimal ist in diesem Fall eine tiefe entspannte Bauchatmung, denn in der Regel führt – sofern ein Ventilations-, nicht aber ein Perfusionsproblem vorliegt – eine gut ventilierte Lunge auch zu guten arteriellen Blutgas-Werten.(5) Diese wiederum führen dazu, dass die unterstützende Beatmung durch die Beatmungsmaschine reduziert werden kann (von BIPAP auf CPAP und ans T- Stück). Es ist für die Genesung von beatmeten Patienten folglich von enormer Bedeutung, ihnen nicht nur Schmerzen, sondern auch Angst, Unsicherheit und das Gefühl des Ausgeliefert-Seins zu nehmen und sie zu beruhigen. Dies gilt gerade während einer längeren Beatmungsphase und insbesondere dann, wenn sie von der Beatmungsmaschine abtrainiert werden sollen, sich also im Weaning befinden.

Es lässt sich also zusammenfassend  bis hierher feststellen: Stress und Atmung hängen ganz eng zusammen. Patienten, die wenig Stress und Angst empfinden und zusätzlich schmerzfrei sind, lassen sich leichter beatmen und auch weanen.  Die Ventilation ihrer Lungen ist besser. Auch löst sich Sekret leichter, das in der Folge abgesaugt werden kann. Atelektasen – dem Kollaps ganzer Lungenareale – wird auf diese Weise vorgebeugt. Blutgasanalysen fallen folglich häufig besser aus.

Welchen Vorteil hat nun der Einsatz von Klangschalen auf einer Intensivstation?
Die Geräusche auf einer Intensivstation erreichen nicht selten Werte zwischen 70 und 80 Dezibel. Dieser hohe Lärmpegel führt zu Stress durch akustische Reize. Denn das Gehör kann nicht einfach abgeschaltet werden, es nimmt in jeder Lage Reize auf und verarbeitet sie weiter. Hier setzt eine Klangmassage an, die diese Reize dämpft und den Patienten in erster Linie Entspannung und Wohlbefinden bringt. Je stärker sich der Stress mindert, desto ruhiger und tiefer wird auch folglich die Atmung.(3)

Die Schwingungen der Klangschalen vermitteln nicht nur über das Gehör das Gefühl von Geborgenheit, Vertrautheit und Sicherheit, sondern  wirken auch auf verschiedene Bereiche wie etwa die Zellen, die Muskulatur, den Magen- Darm-Trakt, das vegetative Nervensystem und damit auch auf die Atmung. Ein weiterer Vorteil ist die Verbesserung des Schlafes. Viele Patienten verlieren auf einer Intensivstation ihren Tag- und Nachtrhythmus, sie sind nicht selten – trotz der Gabe von Schlafmitteln – die ganze Nacht wach und liegen oft angespannt im Bett. Bei solchen Patienten wirkt sich eine Klangmassage in der Regel sehr positiv aus. Schon nach kurzer Zeit ist eine Entspannung sichtbar. Bei der Anwendung auf der Intensivstation der Helios Amper-Kliniken sind viele Patienten noch während der Klangschalentherapie eingeschlafen – dies war und ist sogar die Regel. Einige weitere haben kurze Zeit nach einer Klangmassage in den Schlaf gefunden. Das Besondere und Auffällige ist zudem die nachhaltige Dauer des hierdurch evozierten Schlafes – häufig über mehrere Stunden. Die Schwingungen der Klangschalen mit ihrer vibro-taktilen Wirkung führen bei den Patienten schließlich somato-sensorisch zu einer verbesserten Wahrnehmung und damit zu einer besseren Orientierung.  Zahlreiche Patienten auf der Intensivstation nämlich leiden postoperativ unter einem Delir: bei den über 65-Jährigen sind es mehr als die Hälfte.

Patienten sind insbesondere dann orientierungslos, wenn sie zusätzlich auf Luftkissenmatratzen liegen. Derartige Matratzen sind zwar von hoher Bedeutung, um Dekubiti (Druckgeschwüre) zu vermeiden. Sie verstärken bei den Patienten aber eine Wahrnehmungsstörung, weil sie das eigene Körpergefühl schwinden lassen. Genau hier setzt eine Klangschalentherapie an. Sie unterstützt bei diesen Patienten die körpereigene Wahrnehmung. Der Patient kann sich wieder mehr spüren und in der Folge leichter orientieren.

Wie läuft nun eine Klangschalentherapie auf der Intensivstation ab?
Normalerweise werden Klangschalen meist auf den bekleideten Körper aufgestellt – an Händen und Füßen sowie im abdominellen und thorakalen Bereich. Auf der Intensivstation muss von dieser klassischen Form häufig abgewichen werden, denn viele der Intensivpatienten haben eine frische Bauch-OP, weshalb eine Schale wegen ihres respektablen Gewichts nicht aufgestellt werden kann. Die Schalen werden deshalb am besten neben den Körper des Patienten gestellt. Die drei Klangschalen, die bei einer Klangschalentherapie eingesetzt werden, können am Fußende oder zwischen den Füßen sowie im Schulterbereich rechts und links neben der Schulter situiert werden. In einem solchen Klangraum kann der Patient leicht zu einer Entspannung kommen. Die Schwelle für äußere Reize erhöht sich merklich. Die störenden Geräusche treten in den Hintergrund, entspannende Wirkungen können sich leichter einstellen. Eine Klangschalentherapie bei Intensivpatienten dauert meist nur wenige Minuten (fünf bis zehn), da sich die erwünschten Folgen – sichtbar am Patienten und am Monitor – rasch einstellen und die Anwendung in den zeitlichen Rahmen des Intensivablaufes integriert werden muss.

Hierzu ein Beispiel:
Patient M. kam als Notfall auf die Intensivstation. Er litt an einem massiven Coronarverschluss und musste zudem reanimiert werden. Im Anschluss war er über längere Zeit  beatmungspflichtig. Da zusätzlich seine Nieren versagten, musste er auch an die Hämofiltration. Als es Patient M. nach einer Weile besser ging, wollten ihn die Ärzte langsam aufwachen lassen. In der Folge wurde bei ihm das Schlafmittel (Midazolam) abgesetzt. Herr M. wurde noch künstlich beatmet, die Beatmungsmaschine wurde von BIPAP auf CPAP, also auf seine eigene Atemfrequenz, umgestellt. In der Aufwachphase hatte Patient M. hohe Atemfrequenzen (zwischen 40 und 45 AF pro Minute), war aber noch nicht wach und ansprechbar. Er machte einen gestressten Eindruck. In dieser Situation entschied sich die betreuende Intensivschwester zu einer Klangmassage. Herr M. wurde vorher informiert, im Anschluss wurden die drei Klangschalen bei dem Patienten im Bereich der Schulter sowie im Fußbereich angeordnet, so dass er den Klang sowohl gut hören als auch spüren konnte. Während der Klangschalentherapie wurde der Atem bereits nach rund fünf Minuten tiefer und etwas ruhiger, die Atemfrequenz reduzierte sich. Nach der Klangschalentherapie hatte Patient M. eine Atemfrequenz von 15 bis 17 AF pro Minute, er lag entspannt im Bett und das Atmen mit und an der Beatmungsmaschine schien ihm viel leichter als zuvor. Auch der Blutdruck senkte sich.(4)

 Fazit
Die Erfahrung zeigt, dass sich der Klang und die Vibration (2)der Klangschalen sehr gut insbesondere auf einer Intensivstation einsetzen lassen. Die Klangschalentherapie hat eine positive Wirkung auf Körper, Geist und Seele – und entspannt somit den gestressten Intensivpatienten. Sie ist eine gute und einfache Methode, den Patienten zu einem Wohlgefühl sowie zur Entspannung zu führen. Klangschalen können somit die Hightech auf der modernen Intensivstation unterstützen. Auch das ärztliche Personal ist von dieser Methode überzeugt und befürwortet den Einsatz von Klangschalen auf der Intensivstation. Eine wissenschaftliche Evaluation der Auswirkungen und Ergebnisse wird aktuell vorbereitet.

(1)G. Seidenath, ( Hrsg.) Georg Thieme Verlag, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie  3|14,S.130 ,Stuttgart/ New York

(2)Hess P. Klangschalen- Gesundheit und innere Harmonie. München: Südwest 2011

(3)Hess P. Koller CM ( Hrsg.) Peter Hess- Klangmethoden im Kontext von Forschung und Wissenschaft, Schüttdorf : Verlag Peter Hess; 2010

(4)Hess P. Die heilende Kraft der Klangmassage. München: Irisiana; 2012

(5)Rathgeber J ( Hrsg.) Grundlagen der maschinellen Beatmung- Einführung in die Beatmung für Ärzte und Pflegekräfte. Stuttgart/ New York: Thieme; 2010

 (6)Wolfgang Seidel, Emotionspsychologie im Krankenhaus, 2009

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen