Kindesmissbrauch belastet die Psyche später

15. Januar 2023 | News international

Studie des University College London weist geringfügigen kausalen Zusammenhang nach

Als Kind erlebter Missbrauch oder Vernachlässigung kann zu mannigfaltigen Problemen bei der psychischen Gesundheit führen, wie eine Studie unter der Leitung des University College London zeigt. Die Forscher haben die kausalen Auswirkungen einer Misshandlung in der Kindheit auf die psychische Gesundheit untersucht. Dabei wurden andere genetische oder umweltbedingte Risikofaktoren wie eine Familiengeschichte mit psychischen Erkrankungen und eine sozioökonomische Benachteiligung berücksichtigt. Für die erste derartige Studie wurden 34 quasi-experimentelle Studien mit mehr als 54.000 Personen analysiert.

Datenlage ist einheitlich

Quasi-experimentelle Studien stellen Ursache und Wirkung bei Beobachtungsdaten besser fest. Dafür werden spezialisierte Samples wie eineiige Zwillinge oder neue statistische Verfahren eingesetzt, um andere Risikofaktoren auszuschließen. Hat bei einem Sample von eineiigen Zwillingen das misshandelte Kind psychische Probleme, aber das nicht betroffene Kind nicht, lässt sich der Zusammenhang nicht auf die Genetik der Familie oder das gemeinsame Familienumfeld zurückführen.

Bei den 34 Studien haben die Forscher geringfügige Auswirkungen der Misshandlung eines Kindes auf eine Reihe von psychischen Problemen nachgewiesen. Dazu gehörten internalisierende Störungen wie Depressionen, Ängste, Selbstverletzung und Suizidversuche sowie externalisierende Störungen wie Alkohol- und Drogenmissbrauch, ADHS und Verhaltensprobleme sowie Psychosen. Diese Auswirkungen waren konsistent – und zwar unabhängig davon, welches Verfahren eingesetzt oder der Art und Weise, wie Misshandlung und psychische Gesundheit festgestellt wurden. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Verhindern von acht Fällen eines Missbrauchs bei einer Person das Entstehen von psychischen Problemen verhindert.

Richtige Behandlung wichtig

Die Forscher haben auch herausgefunden, dass ein Teil des Gesamtrisikos bei psychischen Problemen bei Personen, die einer Misshandlung ausgesetzt waren, auf bereits bestehende Vulnerabilitäten zurückzuführen war. Dazu könnten auch andere ungünstige Umstände wie eine sozioökonomische Benachteiligung oder genetische Belastung beitragen. Laut der korrespondierende Autorin Jessie Baldwin weisen die Ergebnisse darauf hin, dass sich Ärzte bei der Behandlung von Betroffen nicht ausschließlich auf die Missbrauchserfahrung konzentrieren sollten, sondern auch bereits bestehende psychiatrische Risikofaktoren berücksichtigen sollten. Misshandlung in der Kindheit ist für die Forscher körperlicher, sexueller oder emotionaler Missbrauch vor dem 18. Lebensjahr.

Die Autoren weisen im „American Journal of Psychiatry“ auf einige Einschränkungen hin. Jede der analysierten Studien könnte Gegenstand von möglichen Voreingenommenheiten gewesen sein. Da die Ergebnisse aber einheitlich sind, dürfte das nicht der Fall gewesen sein. Zusätzlich war es nicht möglich, fundierte Schlussfolgerungen über die spezifischen Auswirkungen der verschiedenen Arten von Misshandlung zu ziehen. Verantwortlich dafür ist, das verschiedene Arten von Missbrauch/Vernachlässigung zur gleichen Zeit auftreten und Studien diesen Umstand nur selten berücksichtigen. Das Fehlen von Daten bedeutet auch, dass es nicht möglich ist, die Auswirkungen des Zeitpunkts der Misshandlung, den Abstand zwischen der Misshandlung und den psychischen Problemen oder ethnische Unterschiede festzustellen.

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)