Kinder der Ungleichheit – Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt

„Aus Situationsbeschreibungen Handlungsalternativen erarbeiten“

Eine neue Erkenntnis ist es nicht, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. An den jüngeren Menschen in der Gesellschaft wird dies besonders deutlich. Gut ist es, dass die Sozialwissenschaftler_innen Carolin und Christoph Butterwegge mit dem Buch „Kinder der Ungleichheit“ ein Zeichen setzen. Den Kindern und Jugendlichen schenken sie die Aufmerksamkeit, die in den Diskursen zu Armut und sozialen Gefährdungen vonnöten ist. Man könnte es auch anschaulicher formulieren: Carolin und Christoph Butterwegge wagen den Blick hinter die geschlossenen Türen deutscher Mietskasernen. Sie bringen Licht in soziale Verhältnisse, die oft im Dunkeln liegen.

Butterwegges sprechen Dinge an, die nicht unbedingt in der zeitgenössischen Gesellschaft gehört werden wollen. So sehen sie es als Notwendigkeit an, dass zur Armutsbekämpfung die Vermögen reicher Menschen angetastet werden. Man könnte den Butterwegges vorwerfen, dass sie linksalternative Platitüden bedienen. Doch wird man ihnen mit dieser Form der Abwehr nicht gerecht. Zu sehr mühen sie sich, um die politischen und gesellschaftlichen Forderungen zu begründen. Sie stehen für einen Paradigmenwechsel, den es zu vollziehen gilt.

Mit dem Fokus auf die Schüler_innen plädieren die Butterwegges für ein inklusives Schulsystem, das die herkömmliche Gliederung ablösen solle. Ziel sei eine Schule für alle von der ersten bis zur zehnten bzw. dreizehnten Klasse, „in der kein Platz wäre für die frühzeitige Aussonderung leistungsschwacher Kinder, die arm sind oder aus sogenannten Problemfamilien stammen“ (S. 270). Selektionsmechanismen sind nicht ihr Ding, vielmehr müsse beispielsweise Durchlässigkeit gefördert werden.

Ungleichheit sehen Carolin und Christoph Butterwegge als „Kardinalproblem unserer Gesellschaft“ (S. 14). Konkret schreiben sie: „Bei der Ungleichheit, um die es hier geht, handelt es sich um eine anhaltende, wenn nicht gar dauerhafte Ungleichverteilung von materiellen Ressourcen (ökonomische Ungleichheit), gesellschaftlicher Anerkennung (soziale Ungleichheit) sowie von (Zugangs-)Rechten und Repräsentation (politische Ungleichheit) zwischen großen Personengruppen, Klassen und Schichten“ (S. 16). Sie seien den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen geschuldet.

Das Buch bietet die Gelegenheit, sich Bevölkerungsgruppen zu nähern, die in einem bürgerlichen Umfeld oft so fern zu sein scheinen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Gefahr ständig virulent ist, beispielsweise ein Kind eines / einer Alleinerziehenden zu werden. Jener Gruppe ist es auch schwer gefallen, sich in der Corona-Pandemie zurechtzufinden. So beobachteten Butterwegges: „Auch in dieser Hinsicht wirkte die Pandemie eher polarisierend als egalisierend auf junge Menschen: Kinder und Jugendliche ohne digitale Endgeräte und einen WLAN-Anschluss im Elternhaus wurden abgehängt und sozial ausgegrenzt, Kinder mit guter technischer Ausstattung und stabiler Internetverbindung zogen sich häufiger in eine virtuelle Welt zurück, wo man leicht den Bezug zur Realität verlieren kann“ (S. 189).

Das Buch „Kinder der Ungleichheit“ lässt aufhorchen. Verantwortlichen in der Politik, aber auch Pädagog_innen müssten es als Aufforderung lesen, sich mit den individuellen Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen. Es gibt die Möglichkeit, aus den Situationsbeschreibungen Handlungsalternativen zu erarbeiten, die Kindern und Jugendlichen wirklich Zukunft geben können.

 

Carolin Butterwegge & Christoph Butterwegge: Kinder der Ungleichheit – Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-593-51483-3, 303 Seiten, 22.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at