Junge Menschen mit Psychose begleiten

4. Dezember 2022 | Rezensionen

„Unüberhörbarer Weckruf“

Wenn erst näher hingeschaut wird, wenn der Krug zu Bruch gegangen ist, dann wird man dem einen oder anderen Phänomen nicht gerecht. So ist es auch mit der Erstmanifestation von Psychosen. Deshalb ist das Buch „Junge Menschen mit Psychose begleiten“ ein unüberhörbarer Weckruf, um die Früherkennung psychotischer Symptome in den Blick zu nehmen. Geschieht dies nicht, so führen viele Verläufe psychotischer Episoden eher in Sackgassen für die betroffenen Menschen. Das Frühinterventions-und Therapie-Zentrum (FRITZ) in Berlin ist ein gutes Beispiel, um hilfreiche Wege vorzubereiten.

Im Buch wird nicht nur die fruchtbare Arbeit an sich dargestellt, sondern die Leser_innen bekommen einen Einblick in die evidenzbasierte Arbeit des Teams in der Klinik Am Urban. Der Blick auf und das Verständnis zur Bewältigung psychotischer Episoden in jungem Alter überzeugen. Denn statt nur eine defizitorientierte Perspektive einzunehmen, prägen die psychiatrischen Praktiker_innen und Wissenschaftler_innen ein subjektives Verständnis. Unter anderem heißt es: „Idealerweise sollten alle Beteiligten ihre Stärken und Schwerpunkte einbringen, sodass junge Menschen flexible, zu ihrer Lebensrealität passende Angebote bekommen können, zwischen denen fließende Übergänge bestehen“ (S. 28).

Die psychiatrischen Praktiker_innen verstehen die Betroffenen als „Mitmenschen“ (S. 59). Damit dies keine Worthüle bleibt, konkretisieren sie, was sie damit meinen: „Alle Teammitglieder verhalten sich so, wie sie selbst ihre Geschwister, Eltern und andere nahe Bezugspersonen in einer psychischen Krise behandelt sehen wollen“ (S. 59). Dass dies ein hoher Anspruch ist, den sich psychiatrische Praktiker_innen zu eigen machen müssen, wird bei der Lektüre des gesamten Buchs deutlich.

Oft kommen Betroffene in dem Buch zu Wort. Dies gibt ihm eine besondere Überzeugungskraft. Schließlich wird so nachvollziehbar, dass die Menschen, die von psychotischen Symptomen betroffen sind, nicht Objekt der Fürsorge bleiben, sondern Subjekte sind, die Begleitung bedürfen. Dass Validierung als „integraler Bestandteil einer akzeptierenden Grundhaltung“ (S. 73), nicht als Technik aufgefasst wird, lässt eine gewisse Methodenkritik erahnen.

Natürlich referieren die Autor_innen die Basics für die Begegnung und Begleitung von jungen Menschen mit psychotischen Erstmanifestationen. Gleichzeitig finden sich viele Anregungen für die praktische Arbeit mit diesen Menschen. Beispielsweise schlagen die Autor_innen vor, eine offene Visite im Alltag zu organisieren. Es sei eine effektive Form der Informationsvermittlung und helfe, Informationsverlust an Schnittstellen vorzubeugen. Viele Praktiker_innen werden kritisch distanziert bleiben. Doch macht die Einbindung von An-und Zugehörigen sowie Vor-und Nachbehandelnden sicher Sinn, um Struktur und Wertschätzung alltagsnah zu leben.

Das Buch „Junge Menschen mit Psychose begleiten“ kann als Impuls gesehen werden, die eigene Arbeit mit jungen psychotisch erschütterten Menschen auf andere Beine zu stellen.

 

Andreas Bechdolf, Karolina Leopold, Anja Lehmann & Eva Burkhardt: Junge Menschen mit Psychose begleiten – Das Praxisbuch zum FRITZ, Psychiatrie-Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-96605-119-4, 252 Seiten, Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at