Junge Männer als Change Actors für Gleichstellung und gegen Gewalt: Geschlechterreflektierende Jugendarbeit im Kontext heterogener Lebenswelten

Was heißt es heute, Mann zu sein? Wie muss ein Mensch handeln und sein, um als „richtiger“ Mann zu gelten? Wie gehe ich mit Zurückweisungen und Kränkungen um? Diese Fragen sind für Burschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte mitunter schwierig zu beantworten. Zu sehr differieren oft Antwortvorschläge aus Familie, Community, Schule, Peergroup etc. Im Peer-to-Peer-Projekt HEROES Steiermark werden junge Männer in ihrem Engagement für partnerschaftliche und gleichstellungsorientierte Konzepte von Männlichkeit gestärkt. Nach einer intensiven Trainingsphase gestalten die jungen Männer als HEROES selbst Peer-Workshops für Jugendliche, um alternative Konfliktlösungsstrategien und neue Perspektiven aufzuzeigen. Die Kooperation mit Mädchenarbeit bzw. der Einbezug von engagierten jungen Frauen gewinnen im Projekt an Stellenwert.

Kinder und Jugendliche, insbesondere heranwachsende Männer mit Zuwanderungsgeschichte befinden sich oft zwischen den Traditionen, dem kulturellen und sozialen Hintergrund ihrer Eltern und den Werten, Anforderungen der Gesellschaft – und ihrer Institutionen –, in der sie leben. Dies konfrontiert sie mit Widersprüchen, die es ihnen schwer machen, sich z.B. mit Ausgrenzung oder Arbeitslosigkeit erfolgreich und ohne Aggressionen auseinander zu setzen. Patriarchale Strukturen (vor allem in ländlichen Gebieten) sowie „Ehr“-Vorstellungen in traditionell-kollektivistischen[1] Milieus spielen eine große Rolle in der Erziehung von Mädchen und Burschen. Sie wirken sich hinderlich auf die freie Entwicklung ihrer Persönlichkeiten sowie zukünftige Lebensentwürfe aus. Mädchen und Frauen werden in schwache Positionen gedrängt (Unterordnung, arrangierte Ehe/Zwangsheirat), Jungen unterliegen empfindlichem Druck ihrer Familien und Communities bzw. geraten in Konflikt mit Anforderungen von Ausbildung und Schule.

Viele männliche Jugendliche vermeiden Unterstützung von anderen, weil sie lernen, dass ihr Status als „starker“ Mann, der alles meistert, konstitutiv für ihr Selbstbild ist. Häufig nehmen sie keine Hilfe in Anspruch, aus Angst als Schwächling zu gelten. Darüber hinaus verhindern die traditionellen patriarchalen Männlichkeitsnormen, dass Jugendliche auf ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe zurückgreifen. Es bestehen also ungeschriebene Regeln, wie sich Männer oder Frauen auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einem Geschlecht in der Gesellschaft zu verhalten haben. Um die männlichen Privilegien und die patriarchalen Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, werden starre und rigide Verhaltensnormen aufgestellt, welche die eigenen Emotionen ersticken. Dieses Verhalten hat seine schädlichen psychischen und physischen Folgen. Um diese schädlichen Auswirkungen auf Jugendliche präventiv zu behandeln und ihnen eine nachhaltige Unterstützung anzubieten, sollte möglichst früh angesetzt werden.

Eine besondere Bedeutung kommt der Adoleszenz zu, die als Übergangszeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter eine Orientierung an neuen Vorstellungen und Idealen sowie eine Neugestaltung persönlicher Identität mit sich bringt. Die Arbeit mit und der Einbezug von jungen Menschen in der Adoleszenz eignet sich besonders, um einen Wandel an kulturellen Formen anzuregen. Das Projekt HEROES arbeitet in einem ersten Schritt präventiv mit jungen Männern aus ehrkulturellen Milieus, die sich für ein partnerschaftliches, gleichstellungsorientiertes und gewaltfreies Geschlechter- und Generationenverhältnis auf Basis der Menschenrechte einsetzen. Mittels theaterpädagogischer Methoden setzen sich junge Männer mit patriarchalen Geschlechterverhältnissen und „Ehr“-Vorstellungen auseinander. Dieser Reflexions- und Selbsterfahrungsprozess wird von zwei Gruppenleitern, den großen Brüdern, sozialpädagogisch begleitet. Nach einer intensiven Trainingsphase gestalten diese jungen Männer als HEROES und Vorbilder dann selbst Peer-Workshops für Jugendliche aller Geschlechter zu den Themenbereichen „Ehre“, Menschenrechte, Gewaltfreiheit, Identität, Geschlechterrollen etc. Der Bedarf an diesen Workshops ist anhaltend groß: Vielen Kindern und Jugendlichen fehlen Ansprechpersonen, um über Themen wie „Ehre“, die eigene Identität, innere Konflikte, geschlechtsspezifische und traditionsbedingte Gewalt und deren Erkennung zu sprechen. Gerade der Peer-to-Peer-Education-Ansatz, im Rahmen dessen junge Menschen als Multiplikator*innen gegen Gewalt und einschränkende Geschlechternormen auftreten und in Form von theaterpädagogischen Workshops mit Gleichaltrigen arbeiten, erweist sich als zielführend, junge Menschen emotional zu erreichen und Anstöße für Verhaltensänderungen zu geben.

In der Steiermark zeigen vor allem junge Frauen ein immer größeres Interesse, sich in das Projekt HEROES einzubringen und an der Arbeit für Gleichstellung und gegen Gewalt mitzuwirken. Gerade aus der Perspektive der Fachlichkeit geschlechterreflektierender Jugendarbeit ist es angezeigt, diesen Bedarf und dieses Engagement stärker als bisher aufzugreifen: Der stärkere Einbezug von Mädchen ermöglicht neben dem Empowerment junger Männer (und Frauen) in ihrem Einsatz für Gleichstellung gleichzeitig Normalisierung: Burschen und Mädchen können in der Interaktion miteinander gleichberechtigte Formen des Zusammenlebens konkret erproben.

[1] Kollektivistisch bedeutet, dass die Bedürfnisse und Interessen der Gruppe/Familie den Lebensvorstellungen des Individuums übergeordnet werden.

Autor:innen

  • Kushtrim Alili ist Hero der 1. Generation und Social Media Manager im Projekt HEROES Steiermark.

  • Mag.(FH) Michael Kurzmann ist Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Sozialarbeiter und leitet die Fachstelle für Burschenarbeit im Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark.

  • Emina Saric, MA, Germanistin und Geschlechterforscherin, ist Mitglied des Expertenrates für Integration und lehrt an der Privaten Pädagogischen Hochschule Augustinum sowie am Ausbildungszentrum für Sozialberufe in Graz.