Ist die Hintergrundimmunität gegen SARS-COV-2 eine gute Nachricht?

(C) Crocothery

In den letzten Wochen wurden in sozialen Medien immer wieder Studien über eine bestehende Hintergrundimmunität gegen SARS-CoV-2 geteilt. Meist erfolgte dies mit dem Hinweis, dass es sich entweder um eine Erklärung für die vielen milden Verläufe handle oder dass durch diese Erkenntnisse ein Großteil der Bevölkerung bereits geschützt sei.

Hierzu möchte ich als Infektiologe drei Punkte anmerken:

1. Es scheint im ersten Moment bemerkenswert, dass es bei Covid so unterschiedliche Verläufe gibt. Manche erkranken schwer, sehr viele nur mild und einige machen die Infektion sogar ohne Symptome durch. Für Infektiologen sind diese so unterschiedlichen Verläufe nichts Ungewöhnliches.

a. Es gibt Infektionskrankheiten, bei denen fast alle Menschen gleichmäßig erkranken. Beispiele: Masern, Ebola, Pocken, Malaria bei Europäern.

b. Aber die überwiegende Anzahl der Infektionen führt individuell zu sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen. Ich würde sogar sagen, dass es die Norm ist, dass Infekte bei vielen Patienten keine bis kaum Symptome hervorrufen, bei wenigen aber eine schwere Erkrankung resultiert. Beispiele: Poliomyelitis, EBV, CMV, FSME, Borreliose, Influenza, Legionellose, Tuberkulose, usw.

Man könnte einen eigenen Parameter für die statistische Verteilung der Krankheitsintensitäten bei Infekten definieren: „Dispersionsmaß der Verteilung der Krankheitssymptome bei Infektionen“. Auf jeden Fall sind die unterschiedlichen Verläufe bei Infektionen durch SARS-CoV-2 keine Überraschung, weil sie eigentlich dem gewöhnlichen Bild von Infektionskrankheiten entsprechen.

2. Die vielen Studien, teilweise nur als Preprints verfügbar, messen in vitro mit unterschiedlichen Methoden verschiedene Parameter im Blut von Individuen in jeweils unterschiedlichen Populationen. Dadurch ist die Vergleichbarkeit der Ergebnisse schwierig. Noch schwieriger sind jedoch die Schlussfolgerungen auf den Krankheitsverlauf. Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten, wie eine Hintergrundimmunität eine Krankheit beeinflussen kann:

a. Der Betroffene ist vollständig immun, daher kommt es zu keiner Replikation des Virus. Der Patient hat weder Beschwerden, noch ist er infektiös.

b. Der Patient infiziert sich, aber das Immunsystem kann rasch reagieren. Der Patient hat keine bis wenige Beschwerden, ist aber ansteckend.

c. Es kommt paradoxerweise zu einem schwereren Verlauf. Dieser Effekt ist zum Beispiel bei Dengueviren gut beschrieben. Auch bei Coronaviren ist dieses Phänomen nicht auszuschließen. https://rdcu.be/b5646

Wir müssen auf jeden Fall abwarten, was die unterschiedlichen Ergebnisse der Studien in Wirklichkeit für den Einzelnen bedeuten. Durch einige wissenschaftlich gut aufgearbeitete super spreading events schaut es derzeit aber danach aus, dass ein Großteil der betroffenen Menschen trotz einer möglichen Hintergrundimmunität für dieses Virus empfänglich ist.

3. Die Basisreproduktionszahl R0 beträgt bei Covid 2,5-3. Angenommen es stellt sich heraus, dass durch eine bis jetzt unbekannte Hintergrundimmunität 50% der Bevölkerung von vornherein geschützt ist, dann bedeutet dies automatisch, dass R0 in Wirklichkeit viel höher, nämlich 5-6 betragen müsste. Und genau deshalb auch die Schwelle der Herdimmunität deutlich höher liegen würde. Siehe Formel: HI(min) = 1 – 1/R0. Das würde theoretisch bedeuten, dass eine Herdenimmunität erst zwischen 80-85% auftritt.
Sollte es tatsächlich eine bis jetzt nicht bekannte stabile Hintergrundimmunität geben, würde sich an der Realität kaum etwas ändern. Es verschieben sich lediglich einige Parameter in Formeln. Weder die IFR/CFR („Sterblichkeitsrate“), noch die Übersterblichkeit ändern sich dadurch.

Letztlich wissen wir, dass überall dort, wo sich das Virus unbemerkt oder ungehindert über eine längere Zeit verbreiten kann, es zu einer deutlichen Zunahme der Übersterblichkeit und zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommt. All dies geschieht mit oder ohne bestehende Hintergrundimmunität.

Link zu einem Fachartikel im Magazin „Nature“

Marton Széll
Über Marton Széll 2 Artikel
Dr. med. Marton Széll, Facharzt für Infektiologie & Tropenmedizin, Facharzt für innere Medizin

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