Irre verständlich: Methodenschätze

„Systeme müssen ins Gleichgewicht kommen“

Haben Sie einmal das Bedürfnis gehabt, einen Werkzeugkasten für den beruflichen Alltag in der psychosozialen Arbeit zu brauchen? Wenn Sie diese Frage mit einem Ja beantworten, dann haben Sie mit dem Buch „Irre verständlich: Methodenschätze“ nun eine Werkzeugtasche. Denn die erfahrenen Psychotherapeuten Irmgard Plößl und Matthias Hammer erklären in dem schätzenswerten Fachbuch Grundlegendes, was der Helferin und dem Helfer in der Begegnung mit Menschen helfen kann, die aus der seelischen Balance geratenen Menschen unterstützen.

Das Buch ist jedoch nicht mit einer Werkzeug-Box zu vergleichen, die einem Grobmotoriker bei der täglichen Arbeit hilft. Es finden sich bildlich gesprochen die Schraubendreher für die Feinmechaniker. Dies verwundert nicht. Schließlich ist für die Begleitung seelisch erkrankter Menschen besonders Einfühlungsvermögen und Sensibilität nötig.

Ausgehend von den Regulationssystemen des Menschen (Alarmsystem, Antriebssystem, Bindungssystem) werfen Plößl und Hammer tiefgründige Blicke auf Kommunikation und Gesprächsführung, den Umgang mit Emotionen und Gedanken sowie die Motivation der Menschen, die Hilfe im psychiatrischen Versorgungssystem suchen. Wer sich deren Erfahrungen und Wissen zu Herzen nimmt, hat gute Ausgangsbedingungen für die Begleitung betroffener Menschen. Und noch mehr gelingt Hammer und Plößl: Auch erfahrene Helferinnen und Helfer in der psychosozialen Versorgung nutzen das Buch Orientierung, können nachschlagen, was sich im eigenen Erfahrungsschatz vergraben hat.

Plößl und Hammer gehen bei den Überlegungen davon aus, dass die drei Systeme (Alarmsystem, Antriebssystem, Bindungssystem) in ein Gleichgewicht kommen müssen. Sie schreiben: „So wie ein Auto zum Fahren ein Gaspedal, eine Bremse und regelmäßig Wartung, Öl und Benzin benötigt. Niemand möchte in einem Auto fahren, bei dem die Bremsen nicht funktionieren, aber es hat auch keinen Sinn, nur auf der Bremse zu stehen und sich aus Angst gar nicht mehr von der Stelle zu bewegen“ (S. 287).

So überzeugend die Bilder, die Plößl und Hammer nutzen, sind, so sehr sind sie Aufforderung für die psychosozial Tätigen, aber auch die Betroffenen, danach zu schauen, woran es in einer seelischen Krise hapert. Plößl und Hammer zählen nicht zu den Fachleuten, die Termini in den Diskurs werfen, um eine vermeintliche Lösung zu präsentieren. Sie führen die psychosozialen Praktikerinnen und Praktiker mit Fallbeispielen zu einem gelingenden Verständnis dessen, was klientenzentrierte oder validierende Gesprächsführung bedeuten kann. Bei ihnen wird nicht bloß nachvollziehbar, was die Kommunikation auf Augenhöhe bedeuten kann. Über die Erklärung der Berneschen Transaktionsanalyse hinaus können die Praktikerinnen und Praktiker nachspüren, was das Eltern-Ich, das Kind-Ich und das Erwachsenen-Ich sein kann. Sie holen die Praktikerinnen und Praktiker dort ab, wo sie abzuholen sind. Sie geben Hinweise, wie Betroffene abgeholt werden können.

Das Buch „Irre verständlich: Methodenschätze“ bietet sich an, immer wieder aus dem Regal gegriffen zu werden, um die ganz alltägliche Arbeit inhaltlich zu reflektieren und wichtiges Handwerkszeug in Erinnerung zu rufen. Für die einen ist es eine wunderbare Einführung in das zu Leistende in der täglichen Arbeit. Für die anderen ist es eine inhaltliche Stütze. Solche Bücher braucht es immer wieder.

Matthias Hammer & Irmgard Plößl: Irre verständlich: Methodenschätze – Wirksame Ansätze für die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, Psychiatrie Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-88414-674-3, 295 Seiten, 30 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 257 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen