Interview mit Sebastian Kurz (Die neue Volkspartei)

Wird bei Ihnen „Pflege“ ein Thema im Wahlkampf werden?

Selbstverständlich. Wir haben in Österreich mittlerweile 461.000 pflegebedürftige Menschen und rund eine Million Angehörige, die im Bereich der Pflege tätig sind. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Wir wollen, dass alle Österreicherinnen und Österreicher in Würde altern können – dazu haben wir bereits ein umfangreiches Pflegekonzept vorgelegt.

Was haben Pflegekräfte davon, Sie zu wählen?

Ich war in den letzten Wochen sehr viel in Österreich unterwegs und konnte mit zahlreichen Pflegekräften in den einzelnen Bundesländern ins Gespräch kommen. Ein Punkt, der immer wieder erwähnt wurde, ist die Bürokratie. Pflegekräfte wollen Menschen helfen und unterstützen – und nicht unzählige Formulare ausfüllen oder die meiste Zeit am Computer verbringen. Hier werden wir in den nächsten Jahren definitiv ansetzen.

Wie wollen Sie die Arbeitssituation für Pflegefachkräfte verbessern?

Pflegefachkräfte leisten wertvolle Arbeit für die Gesellschaft. Ich bin der Meinung, dass wir den Pflegeberuf in seiner Gesamtheit aufwerten müssen. Auf der anderen Seite müssen wir im System Bürokratie abbauen und Innovationen fördern, damit neue Technologien Pflegekräften entlasten können. Das heißt weniger Büroarbeit und damit mehr Zeit bei den Pflegenden.

Was wollen Sie für pflegende Angehörige tun?

Was pflegende Angehörige leisten, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Daher brauchen sie unsere bestmögliche Unterstützung. Wir wollen die Kapazitäten für Kurzzeitpflege und tageweise mobile Betreuung ausweiten. Die Möglichkeiten der Mitversicherung in der Krankenversicherung und Pensionsversicherung müssen ausgebaut werden und junge pflegende Angehörige brauchen unsere besondere Unterstützung.

Wie stehen Sie zu einer Pflegekammer? Pro oder Kontra?

Die zentrale Frage ist eher: Wie können wir das Image der Pflege verbessern? Es braucht einen Zusammenschluss, der eine Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht. Eine Pflichtmitgliedschaft in einer etwaigen Kammer sehe ich jedoch kritisch.

Wie stehen Sie zur Akademisierung der Pflege?

Wir wollen durch eine neue Pflegelehre und eine neue höhere Pflegelehranstalt die Lücke an Ausbildungsangeboten schließen. Junge Menschen sollen die Chance haben, die Reife- oder Diplomprüfung in Kombination mit einer Ausbildung im Pflegebereich zu absolvieren. Dadurch können sie an einer Universität oder Fachhochschule ihr Wissen vertiefen und einen akademischen Grad erlangen. Wir brauchen aber natürlich auch vor allem jene, die einen Pflegeberuf ohne Studium wählen. Daher ist der Lückenschluss so wichtig.

Wie stehen Sie zum Lehrberuf Pflege?

Schon heute sind wir mit einem Mangel an Pflegepersonal konfrontiert. Da es aber eine Lücke im Ausbildungssystem gibt, gehen viele der Interessenten andere berufliche Wege. Die Pflegelehre soll vor allem jenen eine Möglichkeit bieten, die sich bereits nach dem Pflichtschulabschluss für die Pflege interessieren.

Dürfen Ihrer Meinung nach Pflegekräfte eine eigenständige Pflegepraxis eröffnen?

Wir begrüßen neue Möglichkeiten, die sicherstellen, dass es künftig keinen Mangel an Pflegekräften gibt. Ein solches Modell müsste man im Detail prüfen und evaluieren.

Wir hinken gegenüber den nordischen Ländern bei der Pflege um viele Jahre hinterher. Wie sehen Sie hier von ihrer Seite her Unterstützungsmöglichkeiten?

Es ist an der Zeit, aus vielen einzelnen Regelungen ein nachhaltiges und öffentlich finanziertes Gesamtkonstrukt zu schaffen. Das derzeitige Einstufungssystem ist ineffizient und geht oft an den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen vorbei. Es braucht daher eine Erhöhung des Pflegegeldes verbunden mit einem System, das auf die Bedürfnisse und die individuelle Situation der Einzelnen eingeht.

Die Pflege rutscht in einen Pflegenotstand. Jeden Tag gibt es 29 Pflegefälle mehr in Österreich. Das heißt, wir haben zwischen 2017 und 2050 einen Zuwachs von 400.000 zu Pflegenden bei sinkenden Pflegefachkraftzahlen. Wo glauben sie liegt die Lösung?

Ich glaube, es gibt mehrere Bereiche mit Handlungsbedarf: Das sind einerseits die Ausbildungsmöglichkeiten, wie vorhin bereits angesprochen. Darüber hinaus müssen wir Ehrenamtliches Engagement in der Pflege – wie beispielsweise ein freiwilliges soziales Jahr – erleichtern und bessere Möglichkeiten für den beruflichen Wiedereinstieg in der Pflege schaffen. Da der Bedarf aber – wie von Ihnen erwähnt – in den nächsten Jahren so rasant steigt, werden wir auch gezielt qualifizierte Pflegekräfte aus europäischen Nachbarländern anwerben müssen.

Die Ärztekammer schafft es immer wieder bei den Gesetzen der Gesundheits- und Krankenpflege mitzubestimmen. Dies gilt auch für Paragraphen, die nichts mit der interdisziplinären Zusammenarbeit zu tun haben. Wie würden sie dies ändern?

Seit Beginn meiner politischen Tätigkeit lege ich Wert darauf, politische Herausforderungen nicht nur im eigenen „Dunstkreis“ zu besprechen. Mein Team und ich treffen bewusst regelmäßig Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen, um über verschiedene Blickwinkel zu diskutieren oder auch einfach nur zuzuhören. Beim Thema Pflege sind für mich Besuche direkt in Pflegeheimen oder Gesundheitseinrichtungen sehr wertvoll. Wir müssen uns ein offenes Ohr für die Expertise jener haben, die tagtäglich in der Praxis mit der Thematik konfrontiert sind.

Trotz Gesetz GuKG Novelle 2016 gibt es noch immer keine School Nurses und keine Weiterverschreibungsmöglichkeiten (Inkontinenzprodukte,..) von Pflegekräften. Wann und was wird sich da unter ihrer Regierung ändern?

Was die Weiterverschreibungsmöglichkeiten betrifft, ist es für uns wichtig, den Weg der Entbürokratisierung im Auge zu behalten. Diesen Punkt müssen wir uns im Detail genau ansehen. Man wird eine Lösung finden, bei der nicht ausschließlich der Arzt die Möglichkeit hat, medizinische Produkte zu verschreiben.

Wie sehen Sie die Nutzung von Fachkräften aus dem Ausland? (Nicht gemeint sind die 24 Betreuungen, sondern diplomiertes oder akademisiertes Personal)

Wie bereits gesagt, werden wir in naher Zukunft nicht ohne Fachpersonal aus dem europäischen Ausland auskommen. Hier muss unser Fokus darauf liegen, gezielt Pflegekräfte anzuwerben, aus Ländern mit denen in der Vergangenheit bereits positive Erfahrungen mit gut ausgebildeten Pflegekräften gemacht wurden.

Danke für das Interview. Was wollen Sie unserer Leserschaft abschließend mitgeben?

Einen großen Dank an alle Pflegekräfte, egal ob als pflegende Angehörige, in der mobilen oder stationären Pflege. Es ist unglaublich was Sie alle leisten. Mit ihrer Arbeit tragen Sie tagtäglich dazu bei, Menschen ein Altern in Würde zu ermöglichen und dafür gebührt ihnen volle Anerkennung und Wertschätzung.

Markus Golla
Über Markus Golla 5152 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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