Interview mit Mag. Werner Kogler (DIE GRÜNEN)

Wird bei Ihnen „Pflege“ ein Thema im Wahlkampf werden?

Ja. Die Grünen haben in den letzten Monaten intensiv am Programm #Grüne_Pflege gearbeitet. Am 12. September werden wir die Ergebnisse zu sechs Arbeitsthemen in der gleichnamigen Enquete öffentlich präsentieren. Dabei werden ExpertInnen ebenso wie Grüne PolitikerInnen zu den Bereichen Pflegeberufe, demenzfreundliches Österreich, pflegende Kinder und Jugendliche, pflegende Angehörige und Zugehörige, Gerechtigkeit für 24-StundenbetreuerInnen sowie zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf vertreten sein.

Was haben Pflegekräfte davon Sie zu wählen?

In der Pflege ist es höchste Zeit, weg von Sprechblasen und Überschriften und hin zu konkreten Aktionen zu kommen. Unser Pflegesystem braucht eine langfristige und solidarische finanzielle Absicherung. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass der Fachkräftemangel in der Pflege endlich in Angriff genommen wird. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass genügend Menschen Pflegeberufe ergreifen und in diesen auch langfristig tätig sein können, ist eine zentrale Herausforderung der nächsten Regierung. All jene, die im Pflegeberuf tätig sind, können sich darauf verlassen, dass wir unsere Stimmen im Nationalrat dafür lautstark nutzen werden.

Wie wollen Sie die Arbeitssituation für Pflegefachkräfte verbessern?

Ein wichtiger Schritt wäre eine bedarfsorientierte, transparente und verbindliche österreichweite Personalberechnung. Die Grundlage dafür sollen österreichweit geltende Qualitätsziele für die Langzeitpflege sein. Pflegekräfte wünschen sich zu Recht mehr Zeit für Team- und Fallbesprechungen, Austausch mit KollegInnen, ausreichend Zeit für den Beziehungsaufbau zu den pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen. Bei verbindlichen Qualitätszielen muss auch festgelegt werden, dass niemand nachts alleine in einem Wohnbereich oder auf einer Station arbeiten sollte.

Weiters werden wir uns dafür einsetzen, dass die finanziellen Nachteile für MitarbeiterInnen in der Langzeitbetreuung und –pflege durch eine Gleichstellung mit dem Akutbereich österreichweit aufgehoben werden.

Was wollen Sie für pflegende Angehörige tun?

Ohne das hohe Engagement pflegender Angehöriger wäre unser Pflegesystem weder finanzierbar noch organisierbar. Der Staat erspart sich hier massive Kosten und sollte daher zumindest einen namhaften Teil dieses Geldes für die Unterstützung, fachliche Betreuung und Entlastung von pflegenden Angehörigen investieren. Wir Grüne setzen uns für einen Rechtsanspruch auf Pflegekarenz und Pflegeteilzeit ein. Weiters sollte es auch einen Rechtsanspruch auf Ersatzpflege geben und die Inanspruchnahme dafür erleichtert werden.

Zudem ist es wichtig, dass es ein flächendeckendes Angebot an mobilen, teilstationären und stationären Angeboten sowie neuen Wohnformen gibt, damit pflege- und betreuungsbedürftige Menschen und ihre Angehörigen eine für sie passende Form der Unterstützung und Hilfe zu finden. Neben dem grundsätzlichen An- gebot an Pflege- und Betreuungsdiensten braucht es aus Grüner Sicht auch einen Ausbau der zugehenden Beratung von pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen. Das größte Problem aktueller Unterstützungsangebote ist deren geringe Bekanntheit bzw. die bürokratischen Hürden zur Inanspruchnahme. Ein österreich- weites Pflegetelefon mit Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit ist eine wichtige Unterstützung.

Wie stehen Sie zu einer Pflegekammer? Pro oder Kontra?

Derzeit gibt es keine Standesvertretung der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe analog etwa der Ärztekammer. Es gibt zwar ein Berufsregister, aber das ist aufgeteilt auf die Arbeiterkammer für im angestellten Dienstverhältnis Tätigen und auf die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) für die selbständig Tätigen. Es wäre sinnvoll, alle Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, egal, in welcher Form sie tätig sind, in einer starken Interessensvertretung zu organisieren. Diese muss jedoch parteipolitisch unabhängig sein.

Wie stehen Sie zur Akademisierung der Pflege?

Skandinavische Länder und Großbritannien sind uns bei der akademischen Ausbildung der Pflegekräfte um einiges voraus. In diesen Ländern übernimmt die akademisierte Pflege auch im niedergelassenen Bereich zunehmend Tätigkeiten von der Medizin. Dies hat sowohl qualitative als auch wirtschaftliche Vorteile. Daher ist es natürlich wünschenswert, dass Österreich hinsichtlich der Akademisierung aufholt.

Wie stehen Sie zum Lehrberuf Pflege?

Die Grünen lehnen die Einführung der Pflegelehre ab. Im Pflegebereich gibt es bereits zahlreiche Berufsbilder. Ein zusätzliches ist nicht notwendig und wäre auch nicht die adäquate Antwort auf den großen Personalengpass. Der Umgang mit schwer erkrankten, multimorbiden und sterbenden Menschen ist eine körperliche, aber vor allem eine große seelische Belastung. Es ist fraglich, ob 15-jährige Jugendliche, die sich selber gerade in einer wichtigen Entwicklungsphase befinden, damit permanent konfrontiert werden sollten. Es ist zu befürchten, dass wenige tatsächlich in den Beruf einsteigen bzw. darin lange verweilen werden.

Um die Lücke zwischen Pflicht- schule und Antrittsalter für Pflegeausbildungen zu beseitigen halten es die Grünen für sinnvoller, BHS- Modelle mit dem Schwerpunkt Gesundheits- und Sozialberufe für Jugendliche zu schaffen.

Dürfen Ihrer Meinung nach Pflegekräfte eine eigenständige Pflegepraxis eröffnen?

Die Gesundheits- und Kranken- pflege soll in Zukunft neue wichtige Aufgaben im Gesundheitswesen übernehmen. Das ist das Ziel der Pflege-Kampagne „Nursing Now“ der WHO. Die Entwicklung geht dahin, dass Pflegefachpersonen verstärkt in den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention und Behandlung tätig sein wer- den. Dazu müssen auch neue innovative Versorgungskonzepte entwickelt werden. Pflegepraxen könnten dabei eine Möglichkeit sein, um sie zu schaffen, bedarf es einer Initiative des Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes.

Wir hinken gegenüber den nordischen Ländern bei der Pflege um viele Jahre hinterher. Wie sehen sie hier von ihrer Seite her Unterstützungsmöglichkeiten?

Die Kompetenzerweiterung und die Enthierarchisierung unter den Gesundheitsberufen, wie sie in nordischen Ländern gelebt wird, ist auch uns ein wichtiges Anliegen. Die Weiterentwicklung der Demenzstrategie Österreich spielt auch in der Pflege eine wichtige Rolle. Um die Pflegeberufe dafür gut auszubilden, sind die Angebote zu Validation und Demenzbetreuung zu erweitern, um sowohl im Akutbereich wie im Pflegebereich (auch extramural) mit den Herausforderungen der Demenzerkrankungen adäquat umgehen zu können.

Wir waren in der Vergangenheit immer mit der Berufsvertretung der Gesundheits- und Krankenpflege in engem Kontakt und haben die Anliegen dieser Berufsgruppe im Parlament vertreten. Wir werden das auch in Zukunft wieder tun.

Die Pflege rutscht in einen Pflegenotstand. Jeden Tag gibt es 29 Pflegefälle mehr in Österreich. Das heißt wir haben zwischen 2017 und 2050 einen Zuwachs von 400.000 zu Pflegenden bei sinkenden Pflegefachkraftzahlen. Wo glauben sie liegt die Lösung?

Der Mangel an Fachkräften ist nicht nur der wachsenden Zahl an pflegebedürftigen Menschen geschuldet, sondern auch den Rahmenbedingungen. Die Arbeit in der Pflege ist mit hohen psychischen und physischen Belastungen verbunden. Viele Pflegekräfte verlassen den Beruf nach wenigen Jahren, oft aus gesundheitlichen Gründen. Unser aller Ziel muss es sein, dass Berufe in der Pflege so gestaltet sind, dass sie von möglichst vielen Menschen ergriffen werden, unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Bereits in der Pflege tätige Menschen sollten darin unterstützt werden, länger in Pflege- und Betreuungsberufen tätig sein zu können und auch zu wollen. Hierfür braucht es Maßnahmen, die an den Ausbildungen ansetzen und konkrete Entlastungen im Beruf. Zusätzlich sollte es die Möglichkeit zur berufsbegleitenden Ausbildung in einem Pflegeberuf geben.

Die Ärztekammer schafft es immer wieder bei den Gesetzen der Gesundheits- und Krankenpflege mitzubestimmen. Dies gilt auch für Paragraphen, die nichts mit der interdisziplinären Zusammenarbeit zu tun haben. Wie würden sie dies ändern?

Erst im Jahr 2016 wurde das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz novelliert und das Berufsbild der Pflege stark erweitert. In vielen Bereichen blieb aber die oft nicht sinnvolle Bindung an die ärztliche Anordnung bestehen. Ausschließlich in Bereich der pflegerischen Kernkompetenzen können Diplomierte Gesundheits- und KrankenpflegerInnen ohne ärztliche Anordnung tätig werden. Im internationalen Vergleich übernehmen akademisch ausgebildete Pflegeberufe weit mehr von den ärztlichen Tätigkeiten. In Österreich gibt es diesbezüglich noch großen Aufholbedarf. Grundlage für eine solche Entwicklung ist die schrittweise Enthierarchisierung der Gesundheitsberufe.

Trotz Gesetz GuKG Novelle 2016 gibt es noch immer keine School Nurses und keine Weiterverschreibungsmöglichkeiten (Inkontinenzprodukte) von Pflegekräften. Wann und was wird sich da unter ihrer Regierung ändern?

Die Grünen würden es begrüßen, wenn es in der Gesundheits- und Krankenpflege unterschiedliche Ausbildungsgänge gäbe, die in spezifischen Settings angesiedelt sind. Beispielsweise Community Nurse, Family Nurse oder auch School Nurse. Die Etablierung ist eine Frage der Prioritätensetzung und Finanzierung, wobei wir darin ein wichtiges Anliegen der Gesundheitsvorsorge sehen. Die Verordnung- und Weiterverordnungskompetenz, die im GuK- Gesetz leider gänzlich fehlt, wäre auch aus Grüner Sicht an- zustreben. Gerade für die mobile bzw. die Hauskrankenpflege ist es sehr wichtig, um Verbandsmaterial und Wundauflagen unbürokratisch verordnen zu können.

Wie sehen Sie die Nutzung von Fachkräften aus dem Ausland? (Nicht gemeint sind die 24 Betreuungen, sondern diplomiertes oder akademisiertes Personal)

Aufgrund des bereits bestehenden Fachkräftemangels wird Österreich neben der Intensivierung verschiedener Ausbildungswege in Österreich natürlich auch auf Fachkräfte aus dem Ausland zurückgreifen. Die Nostrifizierung von Abschlüssen ausländischer Pflegekräfte gehört dafür verein- facht und beschleunigt, sofern eine fachliche und sprachliche Eignung vorliegt.

Danke für das Interview. Was wollen Sie unserer Leserschaft abschließend mitgeben?

Als Pflegekräfte leisten Sie einen immens wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft. Die beste Form der Anerkennung und Wertschätzung ist aus Grüner Sicht, dass Sie gute Rahmenbedingungen für Ihre Arbeit vorfinden. Dafür werden wir uns einsetzen.

Markus Golla
Über Markus Golla 4919 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen