Interview mit Fayad Mulla (Wandel)

Wird bei Ihnen „Pflege“ ein Thema im Wahlkampf werden?

Hinwendung zum Menschen, vor allem in schwierigen Situationen, ist ein Hauptschwerpunkt unseres Wahlprogramms: Gute Arbeit, gerechte Löhne, deutliche Reduktion der Arbeitszeit, eine 1:5 Lohnregelung – der/die bestbezahlte MitarbeiterIn soll nicht mehr als den fünffachen Lohn des neuen Mindestlohns von 2.000 Euro netto verdienen. Zweiter relevanter Punkt für uns: Massiver Kampf gegen eine Zweiklassenmedizin und genügend Zeit für KrankenpflegerInnen und ÄrztInnen, sich um PatientInnen zu kümmern. Wir wollen ein Ende der Ausbeutung im Beruf.

Was haben Pflegekräfte davon sie zu wählen?

Der Wandel zeichnet in seinem Utopie-Papier, nachzulesen unter www.derwandel.at/konkrete-utopie-konkrete-politik/, eine gute Zukunft für alle, wie sie sein kann, wenn wir grundlegende Spielregeln in unserer Giergesellschaft ändern. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir werden jede politische Entscheidung an unseren Zielen messen. Pflegekräfte stehen heute unter besonderem Druck: Erwartungshaltungen, die aus Zeitgründen oft nicht erfüllt werden können, teilweise prekäre Arbeitsverhältnisse sowie eine Bezahlung, die nicht dem Wert der Arbeit entspricht. Nur wenn wir das Gesamtsystem ändern, werden wir die Ressourcen haben, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Gerade Pflegekräfte haben daher sehr viel davon, den Wandel zu wählen. Zudem gehen wir  mit drei Versprechen in die Wahl, von denen das zweite Versprechen ist: Wir stimmen mit NEIN bei jeder Privatisierung und Kürzung im Bildungs-, Pflege-, Sozial- und Gesundsheitsbereich. Daran kann und soll man uns messen.

Wie wollen Sie die Arbeitssituation für Pflegefachkräfte verbessern?

Je nach Arbeitsplatz müssen unterschiedliche Maßnahmen gesetzt werden. In den Krankenhäusern muss genügend Personal zur Verfügung stehen. Vielen Pflegekräften droht ein Burn-Out. Es gibt genügend Geld, aber eine äußerst schlechte Struktur. Alle Krankenhäuser sollen möglichst alles anbieten, somit entstehen im niedergelassenen Bereich absolute Parallelstrukturen. Finnland hat beispielsweise nur die Hälfte an ÄrztInnen – bei annähernd gleicher Bevölkerung – und einen besseren Gesundheits-Output. Die Politik aller traditionellen Parteien scheut echte Reformen und deckelt lieber das Budget für die Krankenanstalten. Ausbaden müssen das die MitarbeiterInnen und letztendlich auch die PatientInnen. Bei der Hauskrankenpflege kann der Einsatz telemedizinischer Dienste vieles erleichtern – auch die Zusammenarbeit von Pflege und Arzt. Generell müssen zum einen Löhne im Pflegebereich deutlich an deren Bedeutung angepasst werden, zum anderen prekäre Arbeitsverhältnisse verboten werden. Die Menschen im Pflegebereich gehören zu den wahren Leistungsträgern und das muss auch in Form von verkürzter Arbeitszeit und eben höheren Löhnen bei ihnen ankommen.

Was wollen Sie für pflegende Angehörige tun?

Natürlich gehört das Pflegegeld laufend an gestiegene Aufgaben und die Inflation angepasst. Es braucht eine massive Erhöhung der finanziellen Unterstützungen. Portierungen mit dem Einsatz von Telemedizin, vor allem für chronisch Kranke, haben gezeigt, dass pflegende Angehörige – wenn sie eingebunden werden – intensiv und auch mit viel Wissen mithelfen. Moderne Techniken gepaart mit Wertschätzung erleichtert auch für Angehörige die Arbeit. Moderne Technik ermöglicht die Zusammenarbeit zwischen PatientInnen, ÄrztInnen, Pflegepersonal und Angehörigen. Pflegetätigkeit für Angehörige ist Arbeit im besten Sinn des Wortes, eine Pensionsanrechnung sollte selbstverständlich sein.

Wie stehen Sie zu einer Pflegekammer? Pro oder Kontra?

Pflegekräfte sind durch die Arbeiterkammer und auch andere Einrichtungen, wie den Krankenpflegeverband, zunächst einmal gut vertreten. Bestehende Einrichtungen können bei gutem Willen voll in Entscheidungsfindungen eingebunden werden – bis hin zu einem Vetorecht. Sieht die Mehrheit der Pflegekräfte das anders und will von einer eigenen Kammer vertreten werden, steht ihnen das natürlich offen.

Wie stehen Sie zur Akademisierung der Pflege?

In unserem heutigen System hilft eine Akademisierung für die Anerkennung von Berufsgruppen. In Zukunft sollte jede Arbeit, die der Gesellschaft etwas bringt, gleich wichtig und damit auch gleich bezahlt sein. Wir müssen die Grenzen der Formalkriterien für die Beurteilung des Wertes von Menschen überwinden.

Wie stehen Sie zum Lehrberuf Pflege?

Jede Ausbildung ist grundsätzlich sinnvoll, vor allem wenn sie Theorie und Praxis verbindet. Es müssen aber immer entsprechende Aufschulungsmöglichkeiten geboten werden, von der Lehre bis zur Fachhochschule.

Dürfen Ihrer Meinung nach Pflegekräfte eine eigenständige Pflegepraxis eröffnen?

Jede Entbürokratisierung macht hier Sinn. Warum sollten also Pflegepraxen verboten sein? Sinnvoll ist, endlich die Primärversorgungseinheiten (PVE) umzusetzen. Die Zusammenarbeit zwischen ÄrztInnen, Pflegekräften und anderen DienstleisterInnen muss fern von Standesdünkeln im Sinne der PatientInnen organisiert werden.

Wir hinken gegenüber den nordischen Ländern bei der Pflege um viele Jahre hinterher. Wie sehen sie hier von ihrer Seite her Unterstützungsmöglichkeiten?

Generell kann die Pflege in Zukunft mehr Aufgaben als bisher, also Maßnahmen, die derzeit ÄrztInnen vorbehalten sind, übernehmen – bis hin zur Erst-Triage, was am Gesundheitstelefon (1450) ja bereits geschieht. Voraussetzung dafür ist aber ein entsprechendes Angebot an gut ausgebildeten Pflegekräften. Das wiederum hängt mit einer gerechten Entlohnung zusammen. Es muss sich im Denken folgender Grundsatz durchsetzen: „Jeder Mensch und jeder Beruf, der wertschätzend ausgeübt wird, ist gleich viel wert.“

Wie sehen Sie die Nutzung von Fachkräften aus dem Ausland? (Nicht gemeint sind die 24 Betreuungen, sondern diplomiertes oder akademisiertes Personal)

Einfacher ist es, wenn wir den Bedarf in Österreich decken können, das betrifft auch integrierte MigrantInnen. Bei Bedarf sollen auch Pflegekräfte aus dem Ausland (nicht nur dem EU-Ausland) beschäftigt werden können, wenn sie die entsprechende Ausbildung haben und die Sprache können. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir aus diesen Ländern die qualifizierten Arbeitskräfte, die dort genauso und oft viel dringender benötigt werden, nicht abwerben.

Die Pflege rutscht in einen Pflegenotstand. Jeden Tag gibt es 29 Pflegefälle mehr in Österreich. Das heißt wir haben zwischen 2017 und 2050 einen Zuwachs von 400.000 zu Pflegenden bei sinkenden Pflegefachkraftzahlen. Wo glauben sie liegt die Lösung?

Wir müssen an mehreren Schrauben drehen:  Es braucht einerseits anständige Löhne, verkürzte Arbeitszeit und eine staatliche Jobgarantie, damit wir auch genügend Pflegekräfte haben. Andererseits muss das Gesundheitssystem insgesamt effizienter werden.Ernstzunehmende Studien ergeben, dass wir jährlich durch eine bessere Koordination des Angebots (intramural und extramural), den Abbau des Föderalismus sowie einer Finanzierung aus einer Hand zumindest zwei Milliarden Euro pro Jahr einsparen können, ohne die Versorgung zu verschlechtern. Das weiß man seit Jahren, die traditionelle Politik ist aber zu schwach oder zu feige das umzusetzen. Wir haben also Ressourcen, die wir für die Herausforderungen der älter werdenden Gesellschaft heranziehen können.

Die Ärztekammer schafft es immer wieder bei den Gesetzen der Gesundheits- und Krankenpflege mitzubestimmen. Dies gilt auch für Paragraphen, die nichts mit der interdisziplinären Zusammenarbeit zu tun haben. Wie würden sie dies ändern?

Die Ärztekammer muss erkennen, dass sie nicht alleinig für die Gesundheit der Menschen verantwortlich ist. Verantwortlich ist zunächst einmal der Mensch selbst und dann alle DienstleisterInnen in ihrem jeweiligen Fachgebiet. Immer mehr PatientInnen wenden sich TherapeutInnen zu, weil sie diesen mehr vertrauen als nicht gesamtheitlich denkenden ÄrztInnen. Für die PatientInnen wird das oft teuer. Diese Zweiklassenmedizin gehört jedenfalls abgeschafft. In einem demokratischen Miteinander, wie der Wandel es versteht, gibt es keinen Platz für Standesdünkel. Offene Zusammenarbeit ist gefragt. Dafür wollen wir sorgen.

Trotz Gesetz GuKG Novelle 2016 gibt es noch immer keine School Nurses und keine Weiterverschreibungsmöglichkeiten (Inkontinenzprodukte,..) von Pflegekräften. Wann und was wird sich da unter ihrer Regierung ändern?

Natürlich macht eine Pflegekraft an Schulen Sinn, sie soll mit dem Schularzt zusammen arbeiten. Genauso Sinn macht eine koordinierende „Gemeindepflegekraft“. Weiterverschreibungsmöglichkeiten gibt es ja gesetzlich, sie sollen unbürokratisch und ohne Widerstand der ÄrztInnen umsetzbar sein.

Was wollen Sie unserer Leserschaft abschließend mitgeben?

Als einzige neue Partei, neben denen die immer antreten, haben wir es heuer bundesweit auf den Wahlzettel geschafft. Allein das ist schon ein starkes Zeichen, dass es sehr viele Menschen in Österreich gibt, die auch eine andere Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wollen. Ein System, bei dem das Gemeinwohl an vorderster Stelle steht. In der Profitwahn und permanentes Verlangen nach immer mehr und immer schneller nicht mehr alles bestimmen. Eine Welt, in der Mensch, Tier und Umwelt über allem stehen. Das ist unsere Vision und dafür setzen wir uns jetzt schon seit sieben Jahren völlig ehrenamtlich und bedingungslos ein. Bei dieser Wahl haben wir alle die Chance zu zeigen, dass viele von uns einen Wandel wollen. Diese Chance, ein so starkes Zeichen zu setzen, so dass es auch die alten Parteien verstehen, werden wir so schnell nicht wieder bekommen. Also trauen wir uns alle was. Es gibt viel zu gewinnen.

Johannes Woelflingseder
Über Johannes Woelflingseder 2 Artikel
Ich bin seit über 10 Jahren in der Anästhesie tätig und momentan als Anästhesiepfleger (mit SAB Intensiv) im BHS Wien beschäftigt, außerdem bin ich dort Praxisanleiter (mit Weiterbildung) und Reanimationstrainer (ALS Provider Zertifikat). Dazu kommt noch mein gewerkschaftliches Engagement als Betriebsrat und ein Ersatzmandat in der ARGE FGV.

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