Interview mit Dr. Ivo Hajnal (KPÖ)

Wird bei Ihnen „Pflege“ ein Thema im Wahlkampf werden?

Pflege ist kein Thema, das sich auf den Wahlkampf reduziert. Pflege ist ein Thema, das immer aktuell und von höchster Dringlichkeit ist.

Was haben Pflegekräfte davon sie zu wählen?

Die Wahlplattform der „Alternativen Listen, KPÖ, Linke und Unabhängigen“ setzt sich ein für bezahlbares Wohnen, sozial verträgliche Klimaschutzmaßnahmen, sowie eine 30h-Woche bei vollem Lohnausgleich. Wir treten an gegen die gesellschaftliche Spaltung und fordern eine gerechtere Verteilung des in Österreich erwirtschafteten Wohlstands. Unsere Wahlplattform fühlt sich eng verbunden mit den Anliegen und Zielen der heimischen Gewerkschaften, das bedeutet wir sind ganz klar auf der Seite der ArbeitnehmerInnen und wir setzen alles daran insbesondere die Arbeitsbedingungen und Löhne von Pflegekräften zu verbessern.

Wie wollen Sie die Arbeitssituation für Pflegefachkräfte verbessern?

Die Pflege- bzw. Personalschlüssel müssen überdacht werden. Dieses System zur Berechnung der Personalausstattung in der stationären Langzeitpflege ist völlig veraltet und wird der Realität im Pflegealltag nicht mehr gerecht. Es führt dazu, dass viele Pflegestationen personell unterbesetzt sind und das Pflegepersonal dadurch völlig überlastet ist.

Außerdem ist es wichtig noch mehr kostenlose und niederschwellige Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Supervisionsangebote für Pflegekräfte einzurichten, da diese den Pflegenden Sicherheit, Kompetenz und Fachwissen für ihre berufliche Tätigkeit verleihen.

Was wollen Sie für pflegende Angehörige tun?
Erfreulich ist der längst überfällige Gesetzesbeschluss des Parlaments, das Pflegegeld jährlich in Höhe der Pensionsanpassung in allen Stufen zu erhöhen.  Allerdings war man nicht bereit, den Verlust an Kaufkraft des Pflegegeldes seit seiner Einführung 1993 wieder auszugleichen. So beträgt etwa der Inflationsverlust des Pflegegeldes in allen Stufen rund 26 Prozent. Der Wertverlust bleibt damit für die nächsten Jahre bestehen und ist so ein gutes Geschäft für den Finanzminister, der sich hunderte Millionen jedes Jahr erspart und das zu Lasten der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen. Mit Nachdruck fordern wir den Ausgleich des Wertverlustes sowie die Herabsetzung der notwendigen Stundenanzahl der unteren drei Pflegestufen in einem absehbaren Zeitraum. Unsere Plattform fordert eine Erhöhung des Pflegegeldes in Form einer automatischen jährlichen Indexsicherung, die Möglichkeit des Erwerbs von Pensions- und Versicherungszeiten für pflegende Angehörige für die Zeit der Pflege, eine Ausweitung der Pflegekarenz und den Ausbau von Pflegekapazitäten zur vorübergehenden Betreuung bei Krankheit oder Urlaub der Pflegenden.

Zudem braucht es in allen Gemeinden Beratungs- und Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige. Die BeraterInnen sollen notfalls auch zu den Betroffenen nach Hause kommen um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Es ist oft nicht einfach für pflegende Angehörige die Bürokratie der Pflegegeldansuchen zu überblicken oder sich alleine einen Eindruck von den diversen Unterstützungsangeboten zu machen.

Wir sind auch der Meinung, dass Personen, die aufgrund der Pflegetätigkeit ihren Beruf aufgegeben haben, nach Beendigung des pflegebedingten Berufsausstieges finanzielle Unterstützung und Wiedereinstiegshilfen in Form von Kursen erhalten sollen.

Wie stehen Sie zu einer Pflegekammer? Pro oder Kontra?

Die Arbeiterkammer leistet bereits jetzt eine hervorragende Arbeitnehmervertretung im Sinne der Pflegekräfte. Doch laut den Daten der Statistik Austria sind in Österreich über 80.000 Menschen in Pflegeberufen tätig, hinzu kommen dann noch über 60.000 24h-BetreuerInnen, welche häufig in eine Form der Scheinselbstständigkeit gedrängt werden. Wir sprechen also von über 140.000 Berufstätigen, die direkt mit der Betreuung und Pflege von Personen befasst sind. Im Verhältnis dazu hat die Ärztekammer nur knapp 43.000 Mitglieder. Es ist daher erforderlich, eine Anstellungspflicht für alle Pflegekräfte (z.B. durch Landespflegegesellschaften) zu schaffen, um die 60.000 prekären Pflegekräfte aus der Scheinselbständigkeit herauszuholen. Dann wäre die AK und die Gewerkschaften für alle Pflegekräfte zuständig und es gäbe eine einheitliche Interessenvertretung.

Wie stehen Sie zur Akademisierung der Pflege?

Die Akademisierung der Pflege bietet für alle Personen in Pflegeberufen die Chance einer beruflichen Weiterentwicklung und es ist dadurch auch möglich sich in einzelne Fachbereiche zu vertiefen. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass die Pflege durch diese Akademisierung eine Aufwertung als Forschungsdisziplin erfährt. Wir sprechen daher ja auch von den Pflegewissenschaften. Was es jedoch zu bedenken gilt ist, dass es weiterhin auch ausreichend niederschwellige Weiterbildungsangebote geben muss, da es in den Pflegeberufen auch viele Menschen gibt, die keine akademische Höherqualifizierung anstreben, und das ist auch legitim.

Wie stehen Sie zum Lehrberuf Pflege?

Die Pflegelehre sehen wir skeptisch. Als PflegerIn trägt man sehr viel Verantwortung und man muss psychisch belastbar sein. Eine Pflegelehre ist daher eigentlich erst sinnvoll, wenn die Lehrlinge ein Mindestalter von 17 bis 18 Jahren haben. Dies ist auch Voraussetzung bei den meisten Gesundheits- und Krankenpflegeschulen.

Dürfen Ihrer Meinung nach Pflegekräfte eine eigenständige Pflegepraxis eröffnen?

Wir hinterfragen das Prinzip des privaten Gewinns bei solchen Pflegepraxen. Viel eher müssen öffentlich, mobile und stationäre Pflege ausgebaut werden.

Wir hinken gegenüber den nordischen Ländern bei der Pflege um viele Jahre hinterher. Wie sehen sie hier von ihrer Seite her Unterstützungsmöglichkeiten?

In Schweden bemüht man sich sehr um attraktive Arbeitsbedingungen und Ausbildungsmöglichkeiten für Pflegekräfte zu schaffen. Und dennoch hat auch Schweden das Problem einer Abwanderung von Fachkräften nach Norwegen, da dort die Löhne noch etwas höher sind. Daher versucht Schweden ebenso wie Österreich Personal aus dem Ausland bzw. Personen mit Migrationshintergrund für Pflegeberufe zu begeistern und zu qualifizieren. Das alleine deckt den Fachkräftebedarf allerdings nicht, daher ist hilft nur eines: es braucht neben besseren Arbeitsbedingungen dringend eine höhere Entlohnung der Pflegeberufe. Nur so kann man erreichen, dass mehr Menschen in dieser Berufssparte arbeiten möchten und weniger Pflegekräfte in andere Berufe abwandern.

Wie sehen Sie die Nutzung von Fachkräften aus dem Ausland? (Nicht gemeint sind die 24 Betreuungen, sondern diplomiertes oder akademisiertes Personal)

In erster Linie sollen alle Maßnahmen getroffen werden um die Pflege zu einem attraktiven Beruf für bereits ansässige Personen zu machen. Junge Menschen, aber auch QuereinsteigerInnen mit  bereits fortgeschrittenerem Einstiegsalter, sollen wieder mit großer Motivation und Selbstbewusstsein diesen Beruf erwählen und ausüben. Die regierenden Politiker sollen nicht glauben, dass der Status Quo in punkto Entlohnung und Arbeitsbedingungen ausreichend ist. Nur, wenn sich trotz gravierender Verbesserungen der Bedarf an Pflegekräften nicht decken lässt, sollte Personal aus dem Ausland angeworben werden. Man darf ja nicht vergessen, dass diese Fachkräfte in den Herkunftsländern vor Ort fehlen und man den Fachkräftemangel eigentlich nur von einem Land ins nächste Land verlagert.

Die Pflege rutscht in einen Pflegenotstand. Jeden Tag gibt es 29 Pflegefälle mehr in Österreich. Das heißt wir haben zwischen 2017 und 2050 einen Zuwachs von 400.000 zu Pflegenden bei sinkenden Pflegefachkraftzahlen. Wo glauben sie liegt die Lösung?

Um einem Pflegenotstand vorzubeugen benötigt es verschiedene Ansätze. Zum einen ist es sinnvoll alles daran zu setzen, dass Menschen so lange als möglich zuhause in ihren vier Wänden betreut werden. Die meisten pflegebedürftigen Personen möchten ja auch lieber zuhause in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und nicht in ein Heim übersiedeln, wenn sie pflegebedürftig werden. Doch gerade für einkommensschwache Personen ist Hauskrankenpflege oft nicht leistbar und nicht selten erfolgt der Umzug ins Heim aus Kostengründen, weil dort die öffentliche Hand für den Heimplatz zuzahlt.. Der Grazer Gesundheitsstadtrat und KPÖ-Spitzenkandidat der steirischen Landesliste Robert Krotzer hat ein Kliententarifmodell ausgearbeitet und in Graz bereits umgesetzt. Den Betroffenen bleibt dadurch die Höhe der Mindestpension in der Höhe von 885 Euro erhalten  und zwar unabhängig vom Betreuungsausmaß, das sie zuhause in Anspruch nehmen. Dafür sorgen Ausgleichszahlungen der Stadt Graz, die im neuen Kliententarifmodell für die mobile Pflege und Betreuung sowie die Hauskrankenpflege vorgesehen sind. Durch dieses Modell müssen die Menschen gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt einen Heimaufenthalt erfahren, was in Summe trotz aller Ausgleichszahlungen dennoch Kosten im Pflegebereich einspart. Diese Kosteneinsparungen im Langzeitpflegebereich sollten wiederum zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Attraktivierung des Pflegeberufes investiert werden.

Gerade in den Wohn- und Pflegeheimen ist ein Fachkräftemangel zu beobachten, daher muss der Berufsstand der Pflege durch bessere Entlohnung und familien- und freizeitfreundlichere Dienstplangestaltung aufgewertet werden. Da der Pflegeberuf eine körperlich und vor allem auch psychisch sehr belastende Tätigkeit darstellt, sind entsprechende Angebote der Supervision und Burn-Out-Prophylaxe dringend notwendig. Außerdem sollte das System des Pflegeschlüssels hinterfragt werden, da dies dazu führt, dass gerade Wohn- und Pflegeheime personell oft viel zu knapp ausgestattet sind.

Die Ärztekammer schafft es immer wieder bei den Gesetzen der Gesundheits- und Krankenpflege mitzubestimmen. Dies gilt auch für Paragraphen, die nichts mit der interdisziplinären Zusammenarbeit zu tun haben. Wie würden sie dies ändern?

Es steht der Ärztekammer in unseren Augen eigentlich nicht zu, dass sie sich einmischt, wenn es sich um nicht interdisziplinäre Bereiche des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes handelt. Hier muss eine klare Abgrenzung her, denn Pflegende sind nicht einfach die Handlanger von Ärzten. Der Pflegeberuf ist ein eigener Berufsstand, der mit aufwendigen und umfassenden Ausbildungen erlernt wird. Pflegekräfte dürfen sich hier ruhig eines gewissen Selbstbewusstseins gewahr werden.

Trotz Gesetz GuKG Novelle 2016 gibt es noch immer keine School Nurses und keine Weiterverschreibungsmöglichkeiten (Inkontinenzprodukte,..) von Pflegekräften. Wann und was wird sich da unter ihrer Regierung ändern?

Es wäre wünschenswert, wenn jede Schule eine eigene „school nurse“ hätte. In anderen Ländern ist dies bereits selbstverständlich. Es kann ja auch nicht jederzeit und überall ein/e SchulärztIn anwesend sein. Die Weiterverschreibung von bereits einmal ärztlich verordneten Inkontinenzprodukten oder anderen pflegerisch notwendigen Materialien sollte eigentlich selbstverständlich sein, denn mit diesen Produkten arbeitet die Pflege ununterbrochen in ihrem Berufsalltag.  Da das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz die Kompetenzbereiche sehr genau definiert, sollte man ruhig dementsprechend auch deutlich mehr Befugnisse in die Hände der Pflege geben.

Was wollen Sie unserer Leserschaft abschließend mitgeben?

Die Wahlplattform der „Alternativen Listen, KPÖ, Linke und Unabhängigen“ orientiert sich ganz klar an den Interessen des ArbeitnehmerInnenschutzes. Wir möchten die Pflegeberufe zu einem noch attraktiveren Berufsfeld machen indem wir uns für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne einsetzen. 30h bei vollem Lohnausgleich ist eines unserer zentralen Mottos, denn wir sind überzeugt, dass es eine gute work-life-balance braucht.

Johannes Woelflingseder
Über Johannes Woelflingseder 2 Artikel
Ich bin seit über 10 Jahren in der Anästhesie tätig und momentan als Anästhesiepfleger (mit SAB Intensiv) im BHS Wien beschäftigt, außerdem bin ich dort Praxisanleiter (mit Weiterbildung) und Reanimationstrainer (ALS Provider Zertifikat). Dazu kommt noch mein gewerkschaftliches Engagement als Betriebsrat und ein Ersatzmandat in der ARGE FGV.

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