Interview mit Dr.in Pamela Rendi-Wagner (SPÖ)

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Wird bei Ihnen „Pflege“ ein Thema im Wahlkampf werden?

Unbedingt! Die soziale Absicherung der Pflege ist ein drängendes Zukunftsthema. Wir haben Antworten für 450.000 Betroffene und ihre Angehörigen. Diesen Menschen sagen wir: Wir kümmern uns um euch. Wir garantieren euch ein Recht auf Pflege. Es ist unsere Aufgabe, euch zu helfen und für euch da zu sein.

Was haben Pflegekräfte davon sie zu wählen?

Wer in der Pflege arbeitet, leistet einen unschätzbaren Dienst an den Menschen in unserer Gesellschaft. Ich will, dass unsere Pflegekräfte für diese Arbeit eine gute Ausbildung, gute Rahmenbedingungen und eine ordentliche Bezahlung erhalten!

Wie wollen Sie die Arbeitssituation für Pflegefachkräfte verbessern?

Zu unseren Vorschlägen gehören u.a. die Entlastung durch mehr Personal, faire Bezahlung, Bonus für schlechte Arbeitszeitlage sowie eine sechste Urlaubswoche ab dem 40. Lebensjahr. Durch ein Bundesgesetz wollen wir zudem die Qualitätsstandards und die Arbeitsbedingungen in der 24-Stunden-Betreuung besser absichern.

Was wollen Sie für pflegende Angehörige tun?

Ich will pflegende Angehörige u.a. durch Pflegeservicestellen zeitlich entlasten – hier können alle Informations- und Beratungsangebote an einem Ort genutzt werden. Außerdem werden wir für eine bessere Unterstützung durch zeitlich flexible Dienste sorgen, die auch die Zeiten am frühen Morgen, späten Abend, an Wochenenden und Feiertagen abdecken können. Weitere Vorschläge sind: Rechtsanspruch auf Pflegekarenz und Pflegeteilzeit; die Ausweitung der Pflegefreistellung, um einen nahen Angehörigen bei akuter Krankheit oder anderen Krisen zu unterstützen, auch wenn sie nicht im gemeinsamen Haushalt leben; ungekürztes Pflegegeld für Familien mit schwer behinderten Kindern und eine psychosoziale Beratung/Begleitung sowie psychotherapeutische Unterstützung.

Wie stehen Sie zu einer Pflegekammer? Pro oder Kontra?

Wir haben mit der Registrierung der Gesundheitsberufe die Möglichkeit geschaffen, dass alle Pflegekräfte in ganz Österreich in einer Liste zusammengefasst und öffentlich einsehbar sind. Die Anknüpfung der unselbständig tätigen Pflegekräfte bei der Arbeiterkammer sinnvoll und ausreichend. Es bedarf daher keiner eigenen Pflegekammer.

Wie stehen Sie zur Akademisierung der Pflege?

Der Nationalrat hat bereits im Juli 2016 mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen eine Ausbildungsreform auch mit der Akademisierung der Pflegekräfte beschlossen. Es gibt jetzt drei Berufsbilder, neben Pflegeassistenz gibt es die Pflegefachassistenz, die weiterhin an Krankenpflegeschulen ausgebildet werden sowie die gehobenen Pflegefachkräfte, die akademisch an Fachhochschulen ausgebildet werden. Die damit einhergehende bessere Ausbildung, höhere Pflegequalität und die Durchlässigkeit der Berufe war wichtig und notwendig, um den Beruf zu modernisieren und an internationale Entwicklungen anzuschließen.

Wie stehen Sie zum Lehrberuf Pflege?

15-Jährige Burschen und Mädchen durch eine Lehre als Pflegekräfte einsetzen zu wollen, ist der falsche Zugang, um weiterhin eine zukunftsfähige und qualitätsvolle Pflegeversorgung sicherzustellen. Fakt ist: In einem derart jungen Alter ist man den physischen und psychischen Herausforderungen des Pflegeberufs schlicht und ergreifend nicht gewachsen. So gut und wertvoll die Lehre in anderen Bereichen ist, für die Pflege ist sie keine geeignete Ausbildungsform – abgesehen davon, dass die EU-Gesetzgebung einen derartigen Einsatz am Krankenbett vor vollendetem 17. Lebensjahr gar nicht zulassen würde

Dürfen Ihrer Meinung nach Pflegekräfte eine eigenständige Pflegepraxis eröffnen?

Nein. Wir wollen eine enge Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und Pflegepersonal als gleichberechtigte Partner in Primärversorgungeinrichtungen.

Wir hinken gegenüber den nordischen Ländern bei der Pflege um viele Jahre hinterher. Wie sehen sie hier von ihrer Seite her Unterstützungsmöglichkeiten?

Unser Pflegekonzept sieht hier verschiedene Ansätze vor. Entscheidend ist aber der Ausbau der Leistungen und die Übernahme der Kosten durch den Staat, sodass der Pflegefall nicht zur Armutsfalle wird.

Die Pflege rutscht in einen Pflegenotstand. Jeden Tag gibt es 29 Pflegefälle mehr in Österreich. Das heißt wir haben zwischen 2017 und 2050 einen Zuwachs von 400.000 zu Pflegenden bei sinkenden Pflegefachkraftzahlen. Wo glauben sie liegt die Lösung?

Ich will die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung der Pflegekräfte verbessern, aber auch den Zugang zur Pflegeausbildung über Berufsbildende Höhere Schulen ermöglichen. 

Die Ärztekammer schafft es immer wieder bei den Gesetzen der Gesundheits- und Krankenpflege mitzubestimmen. Dies gilt auch für Paragraphen, die nichts mit der interdisziplinären Zusammenarbeit zu tun haben. Wie würden sie dies ändern?

Wir fordern: Keine Gesetze ohne Begutachtung. Alle gesellschaftlichen Gruppen sollen die gleichen Chancen auf Mitsprache haben.

Trotz Gesetz GuKG Novelle 2016 gibt es noch immer keine School Nurses und keine Weiterverschreibungsmöglichkeiten (Inkontinenzprodukte,..) von Pflegekräften. Wann und was wird sich da unter ihrer Regierung ändern?

Wir wollten die Weiterverschreibung bestimmter Pflegeprodukte bereits bei der letzten Novelle regeln, dies scheiterte an der ÖVP. Ich unterstütze diese Forderung. Auch der Einsatz von Schulschwestern ist sinnvoll muss aber auch mit dem Bildungsbereich akkordiert werden.

Wie sehen Sie die Nutzung von Fachkräften aus dem Ausland? (Nicht gemeint sind die 24 Betreuungen, sondern diplomiertes oder akademisiertes Personal)

Wir wollen verstärkt auf heimische Pflegekräfte setzen. Daher ist es wichtig, die Ausbildungsplätze aufzustocken und die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich attraktiver zu machen.

Danke für das Interview. Was wollen Sie unserer Leserschaft abschließend mitgeben?

Wir haben Antworten für Personen, die auf Pflege angewiesen sind, und ihre Angehörigen. Antworten, die Sicherheit geben, Schutz bieten und den Menschen Würde und Respekt garantieren. Auch wenn Pflege eine emotionale Herausforderung bleibt, finanziell wird sie mit uns keine Belastung mehr sein.

Markus Golla
Über Markus Golla 4929 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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