Interview mit Bundespräsident Dr. Van der Bellen

Wenn man in den unterschiedlichsten Positionen in diesem Land die Veränderungen miterlebt hat, müssen gerade diese Zeiten ein wenig befremdlich sein. Ist das „Alt werden“ nun anders als vor 30 Jahren? Was hat sich seit den 70ern verändert? Wir hatten die Ehre Herrn Bundespräsident Dr. Alexander Van der Bellen zu diesen Themen zu befragen.

Universitätsprofessor, Politiker, Bundespräsident. Sie haben in dieser Zeit sehr viel erlebt und ihre Rolle hat sich immer wieder verändert. Wie war dies persönlich für Sie?

Ich habe meine Zeit als Uni-Professor sehr genossen. Die ständige Auseinandersetzung mit jungen Leuten war immer eine sehr positive Herausforderung. Die drohende Klimakatastrophe, die Lage der Menschenrechte haben mich dann dazu bewogen in die Politik zu gehen. Als Bundespräsident ist es mir wichtig, mit allen – über Parteigrenzen hinweg – das Gespräch zu suchen und den Zusammenhalt in unserem Land zu stärken.

Würden Sie diesen Weg genauso wieder gehen?

Ich denke grundsätzlich schon, auch wenn ich wahrscheinlich manche Entscheidungen anders treffen würde. Aber hinterher ist man leicht gescheiter.

Sie haben wichtige Jahrzehnte des österreichischen Wachstums aus mehrere Perspektiven miterlebt. Hat sich ihrer Meinung nach in diesen Jahren das Gesundheits- und Sozialwesen immer im positiven weiterentwickelt?

Das österreichische Gesundheitswissen ist – verglichen mit vielen anderen Ländern der Welt – sehr gut. In Griechenland etwa müssen Angehörige die Patienten im Krankenhaus selbst betreuen, weil es nicht ausreichend Krankenpflegerinnen und –pfleger gibt. – Was nicht heißt, dass es in Österreich nicht Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

Hat sich das „älter werden“ in Österreich verändert?

Das „älter werden“ hat sich zweifellos verändert, denn noch nie zuvor waren viele Seniorinnen und Senioren so rüstig und gesund wie jetzt bis ins höhere Alter. Zugleich aber steigt auch der Pflegebedarf, weil das nicht für alle gilt.

Viele Landstriche sind in den Bundesländern nur noch kaum bewohnt. Ist das eine Entwicklung, die schon seit Jahrzehnten der Politik bewusst ist oder wie haben sie dies miterlebt?

Die Landflucht ist ein weltweites Phänomen. Auch in Österreich gibt es viele Gegenden, wo es keine Post mehr gibt, keinen Pfarrer, kein Lebensmittelgeschäft, keine Ärztin und wo zuletzt auch noch das letzte Wirtshaus zusperrt. Andererseits ist die Landflucht in Österreich geringer als in vielen Teilen der Welt, weil – etwa auch durch den Tourismus – es vergleichsweise noch mehr Jobs am Land gibt als in anderen Ländern.

Sie sind seit den 90ziger Jahren in der Politik. Das Thema Pflege scheint bisher aber in der Politik nie ein großes Thema gewesen zu sein. Woran liegt das?

Es gibt immer wieder Themen, die immens wichtig sind und trotzdem nicht angegangen werden. Ich denke etwa an die drohende Klimakatastrophe. Wir wissen seit mittlerweile fast Jahrzehnten, dass etwas getan werden muss, um unseren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt zu hinterlassen und trotzdem passiert nichts. Das gilt auch für die Pflege. Alle wissen, dass es hier steigenden Bedarf gibt und trotzdem werden Lösungen nur schleppend vorangebracht.

Die Pflege rutscht in einen Pflegenotstand. Jeden Tag gibt es 29 Pflegefälle mehr in Österreich. Das heißt wir haben zwischen 2017 und 2050 einen Zuwachs von 400.000 zu Pflegenden bei sinkenden Pflegefachkraftzahlen. Wo glauben sie liegt die Lösung?

Ich bin kein Experte, was die Herausforderungen im Pflegebereich betrifft. Da gibt es sicher viel Berufenere. Ich sehe meine Aufgabe als Bundespräsident darin, darauf aufmerksam zu machen, dass dies ein Thema ist, dass mit jedem Tag wichtiger wird, dass politisch diskutiert werden muss, damit es zu Lösungen kommt, die den zu Pflegenden hilft und die Angehörigen entlastet.

Was würden Sie den pflegenden Angehörigen und Pflegefachkräften Österreichs mit auf den Weg geben?

Sowohl die Pflegefachkräfte als auch die Angehörigen leisten eine ungeheuer wichtige mitmenschliche Arbeit und sie sorgen damit für das Wohlergehen ganz, ganz vieler Menschen, denen es sonst viel, viel schlechter gehen würde. Es ist sicher manchmal berührend, aber manchmal auch belastend, und es ist immer enormer Einsatz gefordert. Dafür möchte ich allen Pflegekräften und pflegenden Angehörigen ganz herzlich danken.

Danke für das Interview.

Markus Golla
Über Markus Golla 5368 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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