Interview mit Bundesminister Rudolf Anschober

(C) K. Schützenauer

Das Gesundheitswesen steht seit einigen Jahren vor wirklich großen Herausforderungen. Der Personalmangel wird immer größer und die Überalterung der Gesellschaft bringt immer mehr Pflegebedürftige, die es zu versorgen gilt. Das würden viele Politiker auf keinen Fall als Ressort nehmen wollen, da man hier schnell den Unmut von vielen gewinnen könnte. Warum haben Sie sich entschieden, dieses „heiße Eisen“ anzugreifen?

Derzeit gibt es in allen politischen Bereichen ein „heißes Eisen“. Nehmen Sie zum Beispiel das Klimaschutzressort von Kollegin Leonore Gewessler: Selbe Situation, akute Handlungsnotwendigkeit verbunden mit einem ziemlichen Zeitdruck, der Notwendigkeit zur Veränderung und viele Betroffene. Wir sitzen bei allen Themen im selben Boot. Wir haben eine extreme Handlungsnotwendigkeit und der wollen wir uns stellen. Das macht mir aber auch viel Freude, denn es ist nicht nur eine verwaltende Position, sondern auch eine mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten. Das müssen wir jetzt auch im Gesundheitswesen beweisen.

Das Gesundheitswesen ist ein Bereich mit unglaublich vielen Betroffenen. Hier gibt es ganz viele Menschen, die wissen wie es gehen würde und ein riesiges Know-How haben. Mein politischer Stil war es immer, die Türen aufzumachen und Menschen einzubinden. Ein Bundesministerium ist nicht ein Ort, an dem man vom Schreibtisch regiert, sondern es soll ein Haus des Zusammenhalts sein. Das meine ich ganz ernst. Dieses Haus hier ist keine abgeschlossene Burg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier sind super und ich schätze sie sehr. Aber wir wollen noch mehr Leuten die Plattform bieten, sich einzubringen und zu engagieren. Das wird auch in den nächsten Wochen passieren. Hierbei kann etwas ganz Tolles entstehen, vor allem wenn wir Reformen gemeinsam planen und vorbereiten. Danach gilt es diese dann auch gemeinsam zu ermöglichen und umzusetzen.

Eine weitere Imagekampagne für die Pflege ist geplant. Dies wurde schon so oft probiert (auch international), ohne einem wirklichen Outcome. Was soll sich diesmal ändern?

Aber alle waren erfolgreich, oder? *Lacht* Ich stelle mir unter einer Imagekampagne nicht vor, dass es tausend Plakate in Österreich gibt, wo überall darauf steht, „die Pflege wird jetzt positiver und alles wird gut“. Es macht auch keinen Sinn das Berufsbild zu bewerben. Vielleicht war „Imagekampagne“ auch ein falscher Begriff. Man formuliert in einem Regierungsübereinkommen, Überschriften und Ziele. Die Details und konkrete Umsetzung ist dann unser Job und ich glaube, dass das auch gut so ist, dass es nicht in dieser Hektik und Kompromissfindung eines Regierungsübereinkommens stattfindet. Da hat man in Wirklichkeit tausend Themen. Dem einem widmet man sich aus unterschiedlichen Gründen mehr, dem anderen weniger. Manchmal kommen super Lösungen heraus, manchmal gibt es Kompromissformulierungen, wo keiner weiß, was hat man damit gemeint, damit sich beide auch irgendwie wiederfinden können. Da in diesem Bereich, schon relativ viel Konkretes im Regierungsprogramm enthalten ist, ist der Begriff Imagekampagne, aus meiner Sicht, einer, den man weiter präzisieren muss. Für mich ist eine Imagekampagne eben keine klassische Plakatkampagne, sondern das Auslösen eines Gesprächsprozesses, einer Diskussion, einem öffentlichen Diskurs, das Thema auf die Tagesordnung, auf die öffentliche Agenda heben. Ich glaube, das brauchen wir zu allererst. Das brauchst du immer, wenn du etwas bewegen willst. Und das, glaube ich, wird uns in den nächsten Wochen ganz gut gelingen. Kernstück dieses Ziels ist meine Dialogtour, wo wir vor Ort Betroffene, Mitarbeiter, Kritiker, Experten, NGOs und Institutionen besuchen. Die Tour hat im Haus der Barmherzigkeit in Wien begonnen und ging dann in die Bundesländer. Wir setzen uns mit NGOs zusammen, fahren einen halben Tag mit den mobilen Pflegediensten mit, um für alles ein bissl ein G‘Spür zu bekommen, weil einer der ersten Einschätzungen war, „Wir sind so unter Zeitdruck.“ Ich möchte mich den Anliegen die Betroffene tatsächlich haben, so widmen, dass ich selbst ein gutes Gefühl dabei habe und es auch ausreichend ist. Das Thema zum Thema zu machen, ist viel wirksamer als tausend Plakate, die wir aufhängen könnten.

Alle 24 Stunden haben wir 29 mehr Pflegefälle in Österreich (ontop). Das bedeutet, dass wir jeden Tag 3 Pflegekräfte mehr benötigen als am Vortag. Wie wollen Sie dieser Situation als Gesundheitsminister Herr werden? 

Die Demografie ist ein doppeltes Thema. Einerseits das erfreuliche Thema, dass wir eine immer größere Lebenserwartung haben und das deswegen, so hoffen wir, der Teil des Lebens, den wir gesund, glücklich, wertschätzend und in Menschenwürde verbringen können, dass dieser Teil deutlich zunimmt. Das muss ja ein Hauptziel von uns sein.

Gleichzeitig nimmt aber aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der jungen Menschen ab, die für diese Ausbildungen in Frage kommen. Diese Situation haben wir in anderen Bereichen auch. Unser Zugang ist, einer der, sehr auf Diversifizierung aufbaut. Das heißt, es gibt aus meiner Sicht keine Ein-Punkt-Lösung. Erstens die Ausbildung diversifizieren, möglichst unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten für Betroffene erreichen, die auch finanzierbar und leistbar sind. Wenn ich mir eine Fachhochschulausbildung um tausende Euro selbst finanzieren muss – ist das eine enorme Barriere.

Es ist pro Bundesland unterschiedlich. Die einen bekommen Taschengeld oder Stipendien, die anderen müssen es sich selber zahlen.

Aber da müssen wir schauen, dass wir möglichst barrierefreien Zugang erreichen. Ist leichter gesagt, als getan, aber dennoch muss es das Ziel sein. Diversifizierung ist mir wichtig deswegen auch der Schulversuch, als ein weiteres Modul, als Zusatzoption. Wir müssen so viele Menschen in die Ausbildung reinholen wie möglich.

In der Altenpflege erlebe ich derzeit, dass sich auch viele Asylwerberinnen und Asylwerber für die Ausbildung begeistern konnten. Diese Menschen und zukünftigen Altenpflegefachkräfte sind aber zum Teil von der Abschiebung bedroht. Mein Ziel wäre es, dass wir eine ähnliche Lösung, wie bei den Lehrlingen zustande bringen. Dass zumindest während der Ausbildung nichts passieren kann. Ich habe einige Fälle gesammelt, in denen mir Menschen ihre Lebensgeschichte geschrieben haben. Ihre Situation ist ziemlich dramatisch und für uns wären Abschiebungen dieser Menschen in Wirklichkeit unverständlich und untragbar. Wir brauchen diese Menschen, die nach meinem Eindruck die Ausbildung mit großem Engagement machen. Das ist der eine Bereich.

Da gibt es aber auch noch einen zweiten Bereich, den ich für das größte Potential halte. Wir haben statistisch 141.000 Menschen in Österreich im Pflegebereich ausgebildet – davon sind 30.000 nicht im Job tätig. Eine ähnliche Rate findet man nur selten. Das hat natürlich seine Ursachen.

Dieser Beruf ist einerseits ein wunderbarer, aber die Berufsrealität ist einfach eine herausfordernde. Die belastende Situation und das Gehalt sind nur eines davon. Dies ist für manche Betroffene einfach zu viel, viele verabschieden sich aus dem Beruf. Wir müssen diesen Beruf wieder aufwerten. Das klingt ganz leicht, ist aber ganz schwierig. Es muss einfach ein zentrales Thema sein. Hier geht es auch um Wertschätzung, diese möchte ich von unserer Seite her wirklich kommunizieren. Das muss man nur vor Ort bei den Betroffenen tun und man muss es öffentlich thematisieren. Das alleine wird aber nicht ausreichen.

Aus meiner Sicht wird die Schlüsselfrage die jetzigen Kollektivvertragsverhandlungen sein. Ich habe da den Vorschlag der Gewerkschaft der natürlich etwas offensiver sein muss, ist auch völlig klar, von der Stoßrichtung her, recht spannend gefunden. Man muss für die Betroffenen eine Lösung finden, die sich über mehrere Jahre erstreckt und auch erste Schritte einer Arbeitszeitverkürzung beinhalten könnte.

Thema Personalschlüssel. Bei uns in Österreich haben wir im Akutbereich noch einen normalen Personalschlüssel von 1:9. Sieht man in die Nachbarländer geht es dort weitaus schlechter zu. Pflegemangel haben wir mittlerweile weltweit. Beim Thema Personalrecruiting Pflege ist global schon relativ aufgeräumt. Da kann nichts mehr großartig „importiert“ werden. Dadurch wird der Personalschlüssel schlechter werden. Ab wann wird es Ihrer Meinung nach menschenunwürdig? 

Ganz offen gesagt, da fühle ich mich nach den paar Wochen im Amt noch überfragt. Erstens haben wir die Frage Pflegeschlüssel ohnedies in der Länderkompetenz, das heißt aber nicht, dass wir uns da aus der Verantwortung nehmen. Dies bedeutet aber auch, dass wir die Frage von Pflegeschlüssel miteinander diskutieren müssen. Der Blick auf dieses Thema muss ebenso gemeinsam stattfinden. Für die Vorbereitung der Pflegereform haben wir ein Dreistufensystem vor.

Erst die Dialogtour um die Situation und die Betroffenen kennenzulernen. Nach Ostern startet die Taskforce für die Pflegereform. Diese wird sehr breit aufgestellt sein. Hierbei wenden wir uns an viele Betroffenen, Engagierte und Verantwortliche, die wir einbinden wollen. Natürlich sind hier auch die Länder und Gemeinden gefragt. Das wird eine inhaltliche Arbeit und da gehört der Pflegeschlüssel absolut dazu. Gegen Jahresende werden wir dann eine Zielsteuerungs-Kommission Bund-Länder-Gemeinden starten. Die zeitliche Abfolge ist kein Zufall, denn zu dieser Zeit beginnen dann die Finanzausgleichsverhandlungen. Da gehört das Thema Pflege wesentlich dazu und man kann diese beiden Themen nicht voneinander trennen.

Sie stellen die Taskforce zusammen. Wie kann man sich das vorstellen. Wie wurden oder wie werden die Leute ausgewählt?

Das ist eine Frage, die ich mir zur Zeit auch noch stelle. Also wir sind gerade bei der Konzepterarbeitung. Derzeit haben wir das Phänomen, welches natürlich großartig ist, dass wahnsinnig viel Interesse da ist. Viele Menschen melden sich und sagen „Da würde ich gerne meine Impulse einbringen und habe natürlich ein hohes Know-How.“ Das ist eine großartige Situation. Es bringt nur nichts, wenn 100 Menschen in einem Plenum sitzen und mitdiskutieren. Das würde das Ganze ad absurdum führen. Also braucht es spezielle Untergruppen. Wie eine solche Struktur aber konkret aussieht, ist gerade in Erarbeitung.

Es ist relativ schwierig, wenn es um Pflege und Mitspracherecht geht. Gerade wenn man sich die Fernsehsendungen und Medien ansieht, sitzen immer dieselben Expertinnen und Experten. Da werden die üblichen Verdächtigen zu den ORF Sendungen eingeladen. In diesen Ausstrahlungen sieht man nie Pflegefachkräfte. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich kann im Augenblick nur mutmaßen. Eine Hypothese ist, dass es bis dato vielleicht zu wenig Selbstorganisation in diesem Bereich gegeben hat, also ein starkes, gemeinsames Auftreten in Zukunft noch notwendiger wäre. Das ist meine einzige Interpretation. Dies ist aber auch der Sinn der Dialogtour. Wir werden die Medien in die Einrichtungen und mobilen Dienste mitnehmen. Da gibt es dann automatisiert den Kontakt. Die Gesellschaft soll einfach die Realität der Betroffenen erleben, das halte ich für eine essenzielle Aufgabe. Da wären wir dann wieder bei „meiner Art von Imagetour“. Der Bevölkerung zeigen, was Pflegefachkräfte wirklich leisten.

Das Thema „Community Nurse“ und „School Nurse“ steht im Regierungsprogramm. Die School Nurse ist eigentlich schon seit 2016 im GuKG verankert und bisher nie richtig umgesetzt worden. Was wird sich jetzt unter Ihnen ändern?

*Lacht* Ich kann nichts versprechen, ich kann nichts garantieren. Aber ich bin von der Idee der Community Nurse extrem angetan. Ich habe mir die Umsetzung in den skandinavischen Ländern angesehen. Dort hatte diese Richtung einen hohen Wert, einen positiven Effekt und diente auch der Kostenstabilisierung. Die hatten dort einen Schlüssel von 1:3000 angewendet. Finnland ist meiner Meinung nach von den Grundstrukturen nicht so schlecht vergleichbar mit Österreich. Es gibt urbane Zentren und eine relativ starke ländliche Struktur. Die Community-Nurse wäre in beiden Bereichen ein wichtiges Thema. Mit dieser Meinung bin ich nicht alleine. Ich bin vor kurzem mit Wiener Ärztinnen und Ärzten zusammengesessen und man teilte mir mit, dass sich die Ärzteschaft schon auf die „Grätzl-Schwestern“ freuen würde. Ich weiß, die Begrifflichkeit ist nicht gegendert oder fachgerecht tituliert, aber ich finde von der Grundidee her ist das eine tolle Übersetzung.

Die Community Nurse könnte aus meiner Sicht eine zweite, total spannende Funktion haben. Wie Sie wissen, versuchen wir die Primärversorgungszentren als medizinisches Modell voranzutreiben und da sehe ich diese Richtung als starken Teil des Ganzen. Damit wären wir auch bei der Präsenz der Pflege. Community Nursing ist viel mehr als reine Pflegeangebote. Es geht hier ganz klar um wohnortnahe Beratungs-, Kommunikations-, Unterstützungs- und Entlastungsangebote. Dies würde im gesamten, auch bei der Thematik Landärzte, unterstützen. Natürlich profitieren auch die pflegenden Angehörigen.

Was mich ein wenig bei dem Diskurs um Pflege nervt ist, wenn ich höre „Was ist die bessere Pflegeform? Stationär, Mobil?“ Das können wir uns nicht aussuchen, was die bessere Pflegeform ist, sondern wir müssen aus dem was jetzt die Realitäten sind zunächst einmal das Beste daraus machen und da die Qualität sichern, ausbauen und Unterstützung leisten. Da braucht es die mobilen Dienste und den stationären Bereich.

Ein sehr interessantes Thema sind für mich aber auch die kreativen Wohnformen, die hierbei entstehen. Ich hatte gestern ein ganz tolles Gespräch mit einer Expertin aus der Altenpflege.

Sie meinen Sonja Schiff ?

Ja genau. Es war ein sehr spannendes und wohltuendes Gespräch. Ihr Zugang hat mir viele Impulse gegeben. Diese waren wirklich wertvoll. Sie ist zu mir gekommen, hat ihre Plakate auf den Tisch gelegt und mir professionell und wertvoll ihre Erfahrungen und Vorschläge präsentiert. Es ging dabei auch um Partizipation bei der Entwicklung von alterskonformen Wohnformen. Das halte ich für einen extrem spannenden Zugang. Ich komme aus einer ländlichen Region in Oberösterreich und da glaube ich, dass das Interesse, wenn man Unterstützung bietet, Begleitung bietet, Architekten und Architektinnen bittet, die dafür zu haben sind, extrem groß ist. Gerade in meiner Generation beginnen die Leute langsam daran zu denken: “Wie wird denn das sein, wenn ich wirklich alt bin? Und was für eine Lebensform hätte ich dann gern?“. Ich merke es an mir selbst. Man beginnt dann zu überlegen, zu planen und suchen. Jetzt hat man ja noch eine Möglichkeit mitzugestalten. Das kann sich schnell ändern. Wenn das Orte, Gemeinde auch auf eine gute und positive Art und Weise verändert, kann das ein extrem schöner Impuls für die Gemeinschaft werden. Der Input bei dieser Besprechung war wirklich toll. Das ist genau der Grund, warum ich die Personen aus der Pflege in diese Tour und Taskforce einbinden werde. Es gibt in Österreich so viel Wissen und Engagement beim Thema Pflege – das müssen wir unbedingt nützen und einbinden.

Das Wichtige ist, dass die Leute zu Hause gepflegt werden wollen. Zu Hause muss aber nicht unbedingt heißen, in der Wohnung, in den ursprünglichen vier Wänden, wo ich Jahrzehnte war. Das Gefühl zu haben „Ich bin da zu Hause“.

Ja, oder eingebunden in der Gemeinde, wo ich die Leute kenne, wo ich die Sozialstruktur habe usw. Das ist total wichtig. Ich habe mein Schlüsselerlebnis zu diesem Zugang.

Ich habe Zivildienst in einem Pflegeheim in Schwanenstadt gemacht, 9 Monate hindurch. Und kurz davor wurde das bestehende Altenheim abgerissen. Das war eines, wie ich es mir nicht schöner vorstellen konnte. Da bin ich als kleiner Bub bei meiner Tante oft auf Besuch gewesen. Die Leute haben ihr Mobiliar im Zimmer gehabt, ihre Teppiche. Im Hof waren die Hendln. Ich kann mich noch erinnern. Vier Schafe hat es gegeben. Die Leute sind im Guten im Garten gesessen. Und haben gefüttert. Die Tiere haben alle ihren Namen gehabt und alle Menschen hatten einen Bezug zum Ganzen. Dann ist das Haus abgerissen worden und ein klassischer „schöner“ Block ist hingestellt worden. Und das war so dramatisch zu erleben, wie die Betroffenen alten Menschen dann teilweise von Tür zu Tür geirrt sind und ihre eigenen vier Wände nicht mehr gefunden haben, weil keine Identität mehr da war. Alles hat so gleich ausgesehen. Es waren keine Bezugspunkte mehr da – nichts.

Glauben Sie, dass dies in der Stadt etwas anderes ist?

Natürlich, ist das wieder eine andere Situation. Aber auch in Wien gibt es eigene Grätzl und in diesen gibt es soziale Verankerung. „Mein Donaukanal“, zum Beispiel. Ich hab das vor kurzem erlebt. Ich wohne jetzt bei meiner Partnerin, durch diese Veränderung, in Wien. Die Stadt Wien hat auch hier Baumpflanzungen entlang der Straßen begonnen . Und für die älteren Menschen war das das Tagesgespräch über Wochen hinweg, dass da jetzt vier Bäume vor dem Haus stehen. Welche Bäume das sind. Gespräche, wie, „zu unserer Kindheit war die Gasse auch bepflanzt. Und da war es viel schattiger und kühler. Die Identifikation mit dem eigenen Lebensumfeld hat gerade auch bei älteren Menschen eine wichtige Funktion.

Ein komplett anderes Thema: Die Erweiterung der Tätigkeitsfelder Fachassistenz. Die Tätigkeitsfelder sollen ja in der nächsten Novelle erweitert werden. Gibt es da schon konkrete Vorschläge? Wenn hier das Spektrum erweitert wird, hat man langsam ein wenig das Gefühl, das wird die „kleine Diplomschwester“. Der Lohn wird damit für den Arbeitgeber günstiger, die Inhalte der Diplomausbildung auf zwei Jahre heruntergedrückt.

Das ist ohnedies die Sorge, dass man überall nivelliert, um Kosten zu sparen. Stichwort „Pflegelehre“ und ähnliches. Das ist mit Sicherheit nicht unser Ziel. Wir wollen die Qualität bewahren und sichern. Zum Thema Assistenzberufe läuft seit 2017 eine Evaluierungskommission. Das Ergebnis muss bis Ende 2023 gesetzlich erfolgen, ich hoffe wir werden es aber deutlich früher schaffen. Pflegeassistent*innen und Pflegefachassistent*innen sind ein wichtiger Bestandteil der Pflegelandschaft. Da müssen wir ein Auge darauf haben.

Wie sehen Sie dann die Anhebung der Diplomausbildung in den tertiären Bereichen?

Halte ich grundsätzlich für richtig und wichtig, weil wir ja durchaus auch Aufholbedarf hatten. Diesen Bereich muss man stärken. Es geht bei meiner Richtung definitiv nicht um Nivellierung, das ist mir persönlich ganz wichtig. Ein „billiger machen“ bei den Personalkosten macht nicht unser Gesundheitssystem finanzierbarer. Da müssen andere Mechanismen her. Gerade hier ist es wichtig, dass wir sehr auf den qualifizierten Bereich achten. Das Studium ist ein wichtiger Teil dieses Ganzen. Wir brauchen Diversität.

Viele Pflegepersonen sind unzufrieden und sehen sich als unterbezahlt an. Was meinen Sie dazu?

Der Beruf der Pflege ist ein wunderbarer. Diese Wertschätzung möchte ich zuallererst vermitteln. Aber ich verstehe nach jedem Gespräch auf meiner Dialogtour immer stärker, warum 30.000 Ausgebildete nicht mehr in ihrem erlernten Beruf tätig sind: die Überlastung ist groß, die Zeit für das Gespräch und für die Beziehungspflege nimmt ab, die Bürokratie nimmt stärker zu. Aber auch das Gehalt ist natürlich ein Thema. Da wäre eine gemeinsame Verbesserung für alle Betroffenen ein wirksamer Schritt.

Natürlich hängt es von der Verantwortung ab und ich glaube, dass es in Wirklichkeit eine Gesamtfrage ist, die man nicht nur auf die Frage des Gehaltes reduzieren kann. Es geht einerseits um die Wertschätzung, es geht um die gesamte Arbeitssituation. Da bin ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Politik immer wieder in Diskussion. Man kann in der Regel niemanden zwingen einen Beruf zu machen. Einen Job muss man wollen. Und wenn da ein Wollen ist, dann gibt es auch Überzeugung und das Brennen für einen Job. Wenn man das Gefühl hat, es macht Sinn was man tut, dann erzeugt man Motivation. Das ist gerade in der Pflege sehr stark der Fall. Die Menschen, die in einen solchen Beruf einsteigen wollen etwas Sinnvolles tun. Dafür muss aber die Arbeitssituation passen und es muss gerecht zugehen. Wenn ich das nicht leben kann, dann brenne ich nach fünf Jahren oder früher aus. Wir werden genau evaluieren müssen, was die Menschen alles brauchen und auf was wir verzichten können. Wenn die Arbeitssituation entspannter ist und da gehört der Gehaltsbereich dazu, dann wird es für viele besser. Ich bin überzeugt davon, dass Geld nicht der einzige Faktor sein kann, um zufrieden mit seinem Leben zu sein. Der Beruf muss einfach einer sein, den man gerne lebt und der attraktiv ist.

Die Pflegelehre war in den letzten Jahren ein heißes Thema. Die Stimmen aus dem Gesundheitswesen sind zu diesem Thema sehr unterschiedlich.

Ein klassischer Lehrberuf, in dem ein 15jähriger mit den Patientinnen und Patienten arbeitet, das halte ich für beide Seiten für ganz schwierig. Es ist natürlich so, dass junge Leute unterschiedlich entwickelt sind. Wie ich 15 Jahre war, war ich wahrscheinlich nicht so weit wie 15jährige jetzt, dass hat sich einfach verschoben. Auch sehr unterschiedlich und individuell bedingt, aber generell sehe ich bei der direkten Pflegearbeit von 15Jährigen ein Problem. Das ist nicht mein Ziel.

Deswegen hat der klassische Lehrberuf Pflege jetzt auch nicht die erste Priorität, sondern wir wollen uns das in Ruhe ansehen. Ich habe bereits mit NGOs geredet, mit Expertinnen und Experten und mit Betroffenen gesprochen, darüber, dass es vielleicht sein könnte, dass es ein neues Ausbildungsmodul ist, wo man eher am Beginn, die Theoriephase hat bis man z.B. 17 ist und dann in die Praxisphase hineingeht. Das wäre das, was ich am Beginn gesagt habe, dass es unterschiedliche Optionen geben sollte, damit man möglichst wenige Barrieren hat. Den Leuten, die wollen, einen möglichst guten und schnellen Zugang ermöglichen. Aber wie das im Detail aussieht, müssen wir uns noch sehr genau ansehen. Denn nicht alle Vergleiche die angewendet werden, ich glaube, der Hauptvergleich ist die Schweiz, so 1:1 auf unsere Situation umsetzbar ist, weil wir auch ein anderes Bildungssystem und damit andere Strukturen haben. Also ein Ausbildungsmodul in dieser Altersstruktur unter diesen Rahmenbedingungen, die ich gesagt habe, nämlich zu Beginn nicht am Patienten, sondern erst später kann ich mir durchaus vorstellen, aber da müssen wir noch feilen.

Ausgehend von der derzeitigen Entwicklung, des österreichischen Strukturplan Gesundheit, in dem eine zunehmende Spezialisierung der Medizin zu verzeichnen ist, gibt es gleichermaßen die Forderung der Spezialisierung der Pflege, ohne welcher Spitzenmedizin in der Bevölkerung nicht ankommen kann. Welche Maßnahmen ergreift die Gesundheitspolitik um spezialisierte Pflegepersonen (ANP) an jenen Stellen wirksam einzusetzen, an denen Notwendigkeit besteht, beispielsweise an Zentren für Onkologie oder Kardiologie?

Das hat bei uns in Österreich derzeit kaum Tradition.

Sehen Sie da eine Chance, das zu implementieren oder wo sehen Sie die Problematik darin?

Ich halte es von der Grundidee, von der Herangehensweise für spannend und interessant. Frage ist nur, wie wir das in unser klassisches System implementieren. Ich kann mir schon einen Pilotversuch vorstellen, um es entsprechend zu testen. So kann man sehen, ob diese Option eine gute Ergänzung ist. Vielleicht passt es aber auch nicht zu uns. Also würde ich dem Thema kein NEIN geben, sondern eher mit neugierigem Hinsehen, wie und ob es funktionieren kann.

Wen Sie alle Personen aus dem Gesundheitswesen an einen Tisch setzen, um über solche Implementierungen zu sprechen, werden Sie aber komplett unterschiedliche Antworten bekommen. Da werden die Ärzte und/oder die Ärztekammer etwas komplett anderes sagen, als die Pflegepersonen. Vor allem wenn es um die Definition „klassisches System“ geht.

Mit Sicherheit und genau deswegen gehören dann alle an einen Tisch. Auch um sich gegenseitig zuzuhören. Das ist der Grund warum mir Primärversorgungszentren so gut gefallen und eine Option sind. Eine vielfältige Besetzung die auf Augenhöhe miteinander arbeitet. Es muss ja nicht im selben Gebäude sein, sondern könnte auch als Vernetzungssystem extrem gut interagieren. Das ist die Version die mir vorschwebt. Gemeinsam zu sehen, wie kann man das Angebot bestmöglich auf den Bedarf der Region abstimmen.

Dürfen Pflegefachkräfte ihrer Meinung nach eigene Pflegepraxen eröffnen?

Warum eigentlich? Jetzt frage ich mal zurück. *lacht*

Weil, obwohl des im Gesetz steht, die Abrechnung mit den Gebietskrankenkassen nicht erfolgt. Die Erstverordnung hat bei vielen Themen vom Arzt zu erfolgen. Das betrifft auch Themen in denen Expertinnen aus der Pflege die höhere Expertise haben. Beispielweise würde mir die Stoma-Fachkraft oder die Inkontinenz-Fachkraft einfallen, da gibt es aber auch noch genug andere Themen. Derzeit funktioniert aber nicht einmal die Weiterverordnung. Ich kann derzeit als selbstständige Pflegefachkraft nicht direkt mit der Krankenkasse abrechnen. Es muss immer ein Arzt anweisen und unterschreiben, sonst gibt es absolut keine Abrechnungsmöglichkeit.

Den Punkt nehmen wir gleich für die Taskforce mit.

Wir haben jetzt noch ein großes internationales Thema, das in vielen anderen Ländern gut funktioniert: die Pflegekammer. In Ländern wie Deutschland ist das Thema aber ziemlich am Abstürzen, weil es teilweise nicht optimal aufgesetzt worden ist. Berufsverband oder Pflegekammer. Was wäre für Sie für Österreich ein vorstellbares Vertretungsmodell. Die Ärztekammer mag es auf keinen Fall.

Das kann nicht das entscheidende Kriterium sein. Ich glaube, es geht darum, dass sich die, die sich in diesem extrem wichtigen Beruf tätig sind, so organisieren, dass sie stärker gehört werden. Für mich ist es zweitrangig, wie die Organisationsform dann aussieht oder wie man sie benennt. Aber wichtig ist, einen Vertretungsanspruch und engagierte, starke Vertreter in der Öffentlichkeit zu haben. Gleichgültig ob bei der Kommunikation mit Medien oder bei politischen Verhandlungen.

Was wollen Sie den Pflegefachkräften für 2020 mit auf den Weg geben?

Vor allem eine Ermutigung. Es ist ein extrem wichtiger Beruf und ein entscheidender Beitrag für unsere Gesellschaft, den Pflegekräfte in diesem Land realisieren. Bei mir ist angekommen, dass es bei den Arbeitsbedingungen viel Verbesserungsbedarf gibt. Mein Angebot ist, mit zu arbeiten an dieser Verbesserung. Diese Verbesserung wird aber nicht nur von der Politik alleine kommen, sondern auch, glaube ich persönlich bin in allen gesellschaftlichen Bereichen überzeugt davon, immer nur dann wenn sich die Betroffenen auch zusammenschließen und sich für diese Verbesserung engagieren. Das heißt, es braucht beide Seiten – den politischen Bereich und den selbstbestimmten, emanzipatorischen Bereich.

Danke für das Interview!

 

Markus Golla
Über Markus Golla 5869 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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