Integrative Psychosenpsychotherapie

Es ist an der Zeit, dass sich an der Haltung gegenüber Psychosen etwas verändert. Deshalb können Betroffene, aber auch Angehörige und psychiatrisch-psychotherapeutisch Tätige froh sein, dass die Psychotherapeutin Friederike Schmidt-Hoffmann das Buch „Integrative Psychosenpsychotherapie“ geschrieben hat. Es nimmt Psychosen nicht nur das Erschreckende und Schreckhafte, es weitet den Blick für den Sinn von Psychosen in einem erschütterten menschlichen Leben.

Überraschend klingt eine solche inhaltliche Bewertung. Mit Überraschungen kommt Schmidt-Hoffmann in dem wegweisenden Buch um die Ecke. Denn Psychosen sind für sie nicht bloß defizitäre Phänomene, die es zu behandeln und zu beseitigen gilt. Psychosen versteht sie als „Ausdruck tiefer und existenzieller Krisen, bei denen es um Konflikte, Schwierigkeiten und Herausforderungen geht“ (S. 21). Menschliche Krisen seien in individuelle Entwicklungsverläufe eingebunden und mit den je spezifischen Lebensthemen der Betroffenen verbunden, „genauso wie sie einen kulturellen und gesellschaftlichen Bezugspunkt haben und darin verankert sind“ (S. 21).

Wer bei der Lektüre einen Bogen von den Ideen Schmidt-Hoffmanns zur eigenen beruflichen Praxis schlägt, der wird unvermeidbar die notwendige Anpassung des eigenen Handelns im Sinn haben. Schließlich verdeutlicht Schmidt-Hoffmann, wie sich die Haltung in einem Beziehungs-und Interaktionsprozess wandeln kann. Sie schaut auf die „Phänomenologie des subjektiven Erlebens“, fordert Betroffene, Angehörige und psychiatrisch-psychotherapeutisch Tätige heraus, nach eigenen Anteilen zu schauen. Die eigene Vulnerabilität nimmt sie unter die Lupe, blickt auf die emotionale Verarbeitung von Erfahrungen im menschlichen Leben.

Es ist nicht bloß so, dass Schmidt-Hoffmann Perspektiven zur Haltung in der Begegnung mit psychose-erkrankten Menschen eröffnet. Sie greift gleichzeitig Entwicklungen auf, die sich unter anderem in der Verhaltenstherapie ergeben haben. So verwundert es nicht, dass sie das Konzept der Schematherapie aufgreift. Es leuchtet ein, dass beeinträchtigende Verhaltensmuster aus der Biographie die Bewältigung von Erfahrungen erschwert oder gar verhindert. Schmidt-Hoffmann macht greifbar, inwieweit die Auseinandersetzung mit den eigenen (maladaptiven) Schemata ein Ausweg aus emotionalen Katastrophen sein kann. „Das Schematherapiekonzept bietet einen möglichen Zugang und Blick für das Verständnis menschlicher Erlebens-und Verhaltensweisen allgemein und symptomatischer Störungen als Ausdruck einer nicht anders zu bewältigenden Krise im Besonderen“, schreibt Schmidt-Hoffmann (S. 49).

Manche Leser_innen mögen irritiert sein, dass Schmidt-Hoffmann Recovery-Prozesse in diesem Kontext thematisiert. Von Seite zu Seite wird deutlich, dass Genesung (auch im Sinne Schmidt-Hoffmanns) nicht Symptomfreiheit bedeutet, „sondern dass es sich vielmehr um einen Prozess handelt, der darauf ausgerichtet ist, auch mit bestehenden psychischen Problemen ein sinnerfülltes, zufriedenes und selbstbestimmtes Leben zu führen“ (S. 99). Schmidt-Hoffmann zeigt auf, dass die Begleitung psychose-betroffener Menschen nichts mit einer Begegnung in einer Reparaturwerkstatt, sondern vielmehr mit einer Begleitung in lebensöffnenden Räumen zu tun hat.

Das Buch „Integrative Psychosenpsychotherapie“ müht sich nicht nur ernsthaft um die Integration irritierender menschlicher Erschütterungen in eine persönliche Biographie. Sie arbeitet mit großer Ernsthaftigkeit und sicher auch Freude daran, theoretische Ansätze für Betroffene, Angehörige und psychiatrisch-psychotherapeutisch Tätige fruchtbar zu machen. Mehr davon, bitte.

 

Friederike Schmidt-Hoffmann: Integrative Psychosenpsychotherapie – Ein emotions-und biografieorientierter Ansatz, Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-88414-855-6, 240 Seiten, 35 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at