Indien: Ärzte ohne Grenzen im COVID-19-Einsatz

Patna, Bihar/Indien, am 16. Juni 2020: Eine der Prioritäten von Ärzte ohne Grenzen ist die Sicherheit des Geundheitspersonals. (c) Garvit Nangia/MSF

Während die massive zweite COVID-19-Welle Indien heimsucht, hat die medizinische Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) die Hilfe ausgebaut. Die Teams unterstützen die lokalen Gesundheitsbehörden in Mumbai in der Behandlung moderater bis schwerer COVID-19-Patientinnen und -Patienten und der Sauerstoff-Therapie. Auch die bestehende Hilfe für Menschen mit Vorerkrankungen wie multiresistenter Tuberkulose oder Diabetes, die besonders gefährdet sind, wird weitergeführt.

Indien erlebt derzeit die zweite COVID-19-Welle mit über 300.000 Neuinfektionen binnen eines Tages. Die COVID-19-Infektionsrate ist auf 6,2 Prozent gestiegen. Die Gesundheitseinrichtungen und das medizinische Personal im ganzen Land kämpfen mit dem Anstieg der Fälle. Berichten zufolge gibt es zu wenig Intensivbetten, einen Mangel an Sauerstoffvorräten und Beatmungsgeräten und zu wenige Medikamente zur Behandlung von moderaten bis schweren COVID-19-Erkrankungen. Außerdem fehlt es an Gesundheitspersonal.

„Als medizinische Nothilfeorganisation sind wir immer dort im Einsatz, wo unsere Hilfe besonders dringend gebraucht wird. Im letzten Jahr haben wir nicht nur unsere laufende Arbeit an die Herausforderungen der COVID-19-Pandemie angepasst, sondern in vielen Ländern die lokalen Gesundheitsbehörden im Kampf gegen Corona unterstützt“, betont Laura Leyser, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. „Ärzte ohne Grenzen hat daher auch die Hilfe Indien umgehend ausgeweitet.“

Die steigende Zahl der COVID-19-Fälle ist besonders markant in Mumbai im Bundesstaat Maharashtra und bringt das dortige Gesundheitssystem an seine Belastungsgrenze. Die Stadt ist dicht besiedelt, und fast 42 Prozent der Bevölkerung leben unter schlechten hygienischen Bedingungen in informellen Siedlungen und Slums, wodurch die Menschen einem sehr hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Bereits während der ersten Welle haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen hier mit dem Gesundheitsministerium an Maßnahmen zum Screening und bei der Behandlung von betroffenen Patientinnen und Patientinnen zusammengearbeitet.

„Wir unterstützen die lokalen Gesundheitsbehörden im Jumbo-Krankenhaus, dem größten COVID-19-Behandlungszentren in Mumbai“, so Laura Leyser. Die Einrichtung verfügt über 2.000 Betten. Ein Team von Ärzte ohne Grenzen bestehend aus 50 Personen – Labortechnikerinnen, Anästhesisten, Ärztinnen, Krankenschwestern und Psychologinnen – arbeitet daran, die Kapazitäten für die Behandlung von mäßig schwer erkrankten und kritischen COVID-19-Patientinnen und -Patienten zu verbessern. Ärzte ohne Grenzen managt die Beobachtung der Patientinnen und Patienten sowie Triage auf sechs Stationen mit je 28 Sauerstoffbetten. Die Hilfe wird weiterausgebaut und Ärzte ohne Grenzen organisiert vier Stationen mit je 28 Sauerstoffbetten unterstützen. Außerdem erhält das Jumbo-Spital zehn High-Flow-Nasenkanülen-Maschinen, die die Sauerstofftherapie unterstützen werden.

„Als medizinische Organisation ist uns besonders auch die Sicherheit des Gesundheitspersonals wichtig. Aufgrund der massiven Überlastung und der hohen Patientinnen- und Patientenzahl ist es wichtig, ihre Sicherheit zu garantieren. Wir unterstützen daher auch die Einhaltung der Versorgungsqualität und Infektionsprävention und -kontrolle“, betont Geschäftsführerin Leyser.

Präventionsmaßnahmen für besonders gefährdete Menschen

Ein weiterer wichtiger Teil des Einsatzes ist auch die Durchführung von Präventionsmaßnahmen für besonders schutzbedürftige Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, HIV oder multiresistenter Tuberkulose. „In den Slums mangelt es oft an essentieller Infrastruktur wie Wasserleitungen, angemessenen Toiletten und einer funktionierenden Müllabfuhr. Oft leben fünf oder sechs Menschen in einem Raum mit weniger als zehn Quadratmetern“, beschreibt Laura Leyser die Lebensbedingungen vieler Menschen in Mumbai. „Gerade für Risikogruppen kommt der COVID-19-Ausbruch zusätzlich zu bestehenden Herausforderungen. Wenn wir uns erinnern, wie unser gut funktionierendes Gesundheitssystem in Österreich durch die Pandemie bereits beeinträchtigt wird, kann man sich vorstellen, wie das in vielen unserer Einsatzländer ist. Gerade in Indien ist der Zugang zu Gesundheitsversorgung stark vom Einkommen der Menschen und ihrem Wohnort abhängig.“

Ärzte ohne Grenzen führt das Hilfsprogramm für über 2.000 Patienten und Patientinnen mit medikamentenresistenter Tuberkulose weiter, die in einer Klinik der medizinischen Hilfsorganisation sowie im Krankenhaus Shatabdi behandelt werden. Ärzte ohne Grenzen bietet zudem psychosoziale Unterstützung und regelmäßige Hausbesuche für identifizierte besonders gefährdete Risikogruppen.

Um die Ausbreitung übertragbarer Krankheiten zu stoppen, ist es wichtig, die Bevölkerung zu erreichen: Daher hat Ärzte ohne Grenzen die digitale Gesundheitsaufklärung und die Hygiene-Maßnahmen im Viertel M-East Ward (MEW) von Mumbai, wo die Einhaltung von Abstandsregeln und die Prävention von COVID-19 besonders schwer umzusetzen sind, wieder aufgenommen.

Durch Gesundheitsinformationen sollen Ansteckungen der am meisten gefährdeten Menschen in dicht besiedelten Slums verhindert werden. Die Verbreitung der Aufklärungsnachrichten findet teilweise via digitale Medien statt, um viele Menschen zu erreichen. Die Teams informieren die Bevölkerung aber auch via Lautsprecher auf herumfahrenden Tuk-Tuks über Infektions- und Präventionsmaßnamen. Sie verteilen auch Hygiene-Kits mit Masken.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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