In Zeiten der Ansteckung

8. Mai 2020 | Rezensionen | 0 Kommentare

In vielen Ländern ist die Corona-Epidemie mit einem vollständigen Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens verbunden. Italien ist eines der Länder gewesen, wo der Alltag gebremst wurde. Für schreibende Menschen sind die Zeiten der Entschleunigung eine gute Gelegenheit, sich hinzusetzen, über das zu sinnieren, was gerade stattfindet. Der Schriftsteller Paolo Giordano hat dies auch getan. Aus der scheinbaren Sicherheit seines Schreib-oder Küchentischs blickt er in die Welt nach draußen und schaut, was die weltweite Epidemie mit den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, aber auch mit dem gesellschaftlichen Leben an sich macht.

Während der bisherige Giordano-Leser abwechslungsreiche und umfangreiche Fiktion kennt, lernt mit dem Buch „In Zeiten der Ansteckung“ einen anderen Giordano kennen. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich gehalten, entsprechen gar nicht den liebenswürdigen und geschwätzigen Romanen Giordanos. Nahe an der Gattung der Aphorismen philosophiert Giordano über Krisen an sich und die Corona-Pandemie im Besonderen. Schon früh kennzeichnet er, was den Sars-Cov-2 ausmacht: „Sein dreistes Auftreten enthüllt uns etwas, was wir wohl wussten, aber nur schwer ermessen konnten: die vielfältige Weise, in der wir miteinander verbunden sind, überall, sowie die Komplexität der Welt, in der wir leben, ihre sozialen, politischen und ökonomischen, aber auch interpersonellen und psychischen Gesetzmäßigkeiten“ (S. 10).

Das Herunterfahren des Alltags ist für Giordano mit einer Leere verbunden, die er bewusst mit dem Schreiben ausfüllen will. Uns Leserinnen und Lesern gibt er damit die Gelegenheit, in und aus der Leere hinaus die eigene Haltung zu den Phänomenen zu entwickeln, die uns begegnen. Leicht macht er es uns nicht immer. Als Physiker bewegt er sich oft in den Gedankenwelten der Physik und Mathematik, da sind für den Einen oder die Andere die Barrieren hoch. Mit den rein philosophischen Überlegungen macht es da schon einfacher.

Wenn Giordano schreibt, dass er jeden Nachmittag auf den Bericht des Zivilschutzes wartet, dann finden sich viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wieder. Was in früheren Zeiten unvorstellbar war, dies gehört heute zum Alltag: „Mittlerweile interessiere ich mich für nichts anderes“ (S. 20). Eindrücklich sind manche Bilder, die Giordano nutzt. So schreibt er zur Eindämmung der Epidemie: „Es ist, wie einen Wasserhahn zu reparieren, ohne den Haupthahn zugedreht zu haben. Wenn der Druck auf der Leitung sehr hoch ist, müssen wir, bevor wir uns um den Rest kümmern, den Wasserstrahl aufhalten, der uns in die Augen spritzt“ (S. 23).

Es macht sicher keinen Sinn, Giordanos Buch in einem Rutsch zu lesen. Der knappe Umfang verführt dazu. Die unzähligen gedanklichen Anregungen Giordanos lassen sein kleines Buch zu einem übersichtlichen Brevier werden, das die vielbeschworene Leere gedanklich füllen könnte. Bei dem Einen oder der Anderen. Kein Mensch sei eine Insel, zitiert er John Donne. Dieser Gedanke bekomme in Zeiten der Ansteckung eine neue, dunkle Bedeutung.

Giordano betont über die knapp 80 Seiten immer wieder, dass er in Zeiten der Ansteckung das Alleinsein als Lebensform bevorzuge. Aus der Ruhe und Distanz einer eremitenähnlichen Haltung lässt sich wahrscheinlich ein klarerer Blick entwickeln. Das Buch „In Zeiten der Ansteckung“ zeigt an vielen Stellen, dass ein klarer Blick und ein emotionales Mitschwingen mit der Zeit die Krise überstehen lässt.

Paolo Giordano: In Zeiten der Ansteckung. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2020, ISBN 978-3-499-00564-0, 77 Seiten, 8 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at