„In Apotheken Umschau wird eher über Sitzkissen als über Viagra berichtet

Janine Berg-Peer über das Älterwerden

(C) Yakobchuk Olena

Mit den Büchern „Schizophrenie ist scheiße, Mama“ und „Aufopfern ist auch keine Lösung“ hat Janine Berg-Peer in den vergangenen Jahren auf die Situation von Angehörigen seelisch erkrankter Menschen aufmerksam gemacht. Mit dem aktuellen Buch „Wer früher plant, ist nicht gleich tot“ setzt sie sich aktuell mit dem Älterwerden auseinander. Wieder einmal gelingt es ihr, mit Humor und Leichtigkeit ein Thema anzusprechen, mit dem sich zeitgenössische Menschen im Alltag ungern beschäftigen. Christoph Müller hat den Kontakt mit Janine Berg-Peer gesucht.

Christoph Müller Der Titel Ihres neuen Buchs „Wer früher plant, ist nicht gleich tot“ klingt fast schon wie eine Kampfansage, liebe Frau Berg-Peer. Ist das Älterwerden für Sie mit einem ständigen Kampf verbunden? Es spricht so viel Heiterkeit und auch Freude am Leben aus Ihren vielen Gedanken.

Janine Berg-Peer Es überrascht mich ein wenig, dass sie den Titel meines Buches als Kampfansage wahrgenommen haben. So war er nicht gemeint, sondern er sollte in einem heiteren Ton daran erinnern, dass wir alten Menschen uns durchaus frühzeitig mit dem Rest unseres Lebens und auch mit dem Tod beschäftigen können, ohne dass wir gleich unseren Tod unmittelbar vor Augen haben. Ich glaube, dass uns das hohe Alter und der Tod weniger Angst machen, wenn wir gut informiert und vorbereitet sind. Ich selbst lebe immer noch sehr gerne, beschwere mich gern über Altersgebrechen und über unser Gesundheitssystem, aber kann auch über mich selbst und andere alte Menschen lachen.

Vor allem aber wollte ich alten Menschen deutlich machen, dass wir eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern haben und sie in unserem hohen Alter oder gar nach unserem Tod nicht mit so vielen Schwierigkeiten belasten, die man so einfach vorher klären kann. Gerade Eltern, die, wie ich, ein psychisch erkranktes Kind haben, sollten gut vorsorgen, um es dann später nicht zu überfordern.  Ich wünsche mir, dass meine Kinder traurig sind, wenn es mich nicht mehr gibt, aber ich wünsche mir nicht, dass sie sich nach meinem Tod durch eine vollgestopfte Wohnung und durch Aktenberge wühlen müssen.

Christoph Müller Schon früh klagen Sie über die Altersdiskriminierung in der Gesellschaft. Sie setzen der oft geforderten Schönheit Charisma und Authentizität entgegen. Dies zeigt doch, dass jede einzelne Lebensphase seinen Reiz hat. Es ist doch nur gerecht, dass es jeder und jedem so ergeht, oder?

Janine Berg-Peer Ja, Altersdiskriminierung begegnen wir alten Menschen heute überall in der Gesellschaft. Entweder werden wir Alten als bedauernswerte oder inkompetente Menschen gesehen. Oder es wird von uns verlangt, trotz Alter immer noch gesund und fit und vor allen Dingen attraktiv zu sein. Diese Forderung nach Schönheit im Alter kommt von der Wellness- und Kosmetik-Industrie, die natürlich wirtschaftliche Interessen hat. Nein, ich setze der geforderten Schönheit nicht Charisma und Authentizität entgegen. Ich habe eher ironisch zitiert, was der Schönheitschirurg sagte. Wellnessindustrie und Kosmetikfirmen haben verstanden, dass man alten Menschen nicht mehr verkaufen kann, dass eine astringierende Maske zu jugendlicher Schönheit führt. Deswegen nutzen sie im Marketing clever die Begriffe Charisma und Authentizität, wenn sie uns mit ihren teuren Produkten locken wollen.  Auch das Gesundheitssystem setzt auf fit, gesunde und aktive Alte, wofür wir viel tun sollen. Auch hier geht es vor allem und wirtschaftliche Interessen. Wir sollen nicht so teuer werden.

Ich bin der Meinung, dass wir Alten uns diesen Anforderungen, die von außen an uns gestellt werden, nicht unterwerfen sollten. Wir müssen im Alter weder schön noch sportlich, charismatisch oder authentisch sein. Wir können sein, was wir wollen. Wer sich im Alter gern schminkt, kann das tun. Wer gern mit Strickjacke ungeschminkt durch die Welt läuft, kann das ebenso tun. Wer einen Marathon mit 80 laufen möchte, sollte dies ebenfalls tun. Aber niemand sollte uns vorschreiben, wie wir sein sollen im Alter.

Was Altersdiskriminierung betrifft, sehen wir heute während der Coronakrise noch deutlicher. Nicht nur Boris Palmer findet, dass wir Alten entbehrlich sind. In vielen Artikeln oder Sendungen wird von uns gefordert, uns doch für die Zukunft der Kinder zu opfern. O-Ton, wenn von den vielen Toten in Schweden oder Norditalien berichtet wird „Das waren aber doch nur alte Menschen in Pflegeheimen!“

Es mag sein, dass jede Lebensphase ihren Reiz hat, aber ich denke, dass es je nach Lebenssituation ganz unterschiedlich sein kann. Alt sein kann bedeuten, dass wir nicht mehr so viele Anforderungen von außen oder auch Anforderungen, die wir an uns selbst stellen, erfüllen müssen, sondern dass wir relativ gelassen unser Leben leben könnten. Aber und darauf habe ich auch in meinem  Buch hingewiesen,  es kommt doch sehr darauf an, in welcher Situation jemand im Alter ist. Wer gesund ist, wird sein Alter fröhlich erleben. Wer ausreichend Geld hat, ebenfalls. Wer in einer Gegend wohnt, in der er vielerlei Aktivitäten nachgehen kann, wird sich auch selten einsam fühlen.

Es geht nicht jedem so. Die sozialen Unterschiede, die es in unserer Gesellschaft gibt, werden im Alter ganz besonders deutlich. Wer im Alter arm ist, nicht gesund ist oder auch für einen anderen Menschen sorgen muss, wird sein Alter sicher ganz anders erleben.

Christoph Müller Im Buch sprechen Sie auch das Thema Sexualität an. Dabei betonen sie, dass ältere Menschen Sex haben können und nicht haben müssen. Diese Gelassenheit führt dazu, dass sie in Anlehnung an die Äußerung einer Freundin die Idee in den Diskurs werfen, das Essen sei der Sex des Alters. Wieso fällt es älteren Menschen schwer, das Eine oder Andere einfach nur zu genießen? Ist es falsch, eine Haltung zu haben, dass mit zunehmendem Alter vieles Kür und nicht mehr Pflicht ist?

Janine Berg-Peer Es ist überhaupt nicht falsch, sondern auch in Bezug auf Sexualität sollte im Alter jeder das leben, was er oder sie mag oder kann. Aber diese Bemerkung „Essen ist der Sex des Alters“ weist darauf hin, dass es zu einem erfolgreichen Altern gehören muss, auch im Alter noch Sex zu haben. Wer sich nur noch mit Essen beschäftigt, hat versagt. Junge und alte Menschen leben ihre Sexualität sehr unterschiedlich. Das wird sich auch im Alter fortsetzen. Junge Menschen glauben vielleicht, alte Menschen mit Runzeln könnten keinen Sex mehr haben. Alte Menschen werden auch in Bezug auf Sex genau das machen, was ihnen Spaß macht. Nur reden sie nicht so viel über Sex wie es junge Menschen verständlicherweise tun. Auch in der Apotheken Umschau wird eher über Sitzkissen oder Strumpfanziehhilfen als über Viagra berichtet.

Christoph Müller Als Sie über das Miteinander mit dem benachbarten Ehepaar auf der Etage erzählen, wird offenbar, dass es im Alltag viel Kreativität bedarf, um Tag für Tag gelingend zu organisieren und zu gestalten. Dabei wird bei Ihren Schilderungen offenbar, dass vieles doch so nahe liegt. Trügt der Eindruck?

Janine Berg-Peer Sie wissen ja, dass ich glaube, dass Einsamkeit – auch – ein Mangel an Fantasie ist. Es gibt so viele Dinge, die man tun kann, um im Alter, aber auch in der Coronakrise, ein schönes soziales Leben zu haben. Und richtig, es braucht etwas Kreativität. Wer sein Leben immer in vorhersehbaren Bahnen gelebt hat, wird sich damit vielleicht schwerer tun. Wer immer nur bedauert, was er im Alter nicht mehr tun kann, wird nicht glücklich. Darum rate ich, nicht erst mit 80 damit zu beginnen, wenn einem vielleicht tatsächlich manches schwerer fällt. Fangen Sie frühzeitig an damit, ihre Nachbarn nicht nur zu begrüßen, sondern mit ihnen etwas zu plaudern. Fragen Sie nach deren Leben. Jeder Mensch redet gern über sich. Unterhalten Sie sich mit dem Besitzer des Copy-Shops oder der Bäckerei um die Ecke. Beginnen Sie Gespräche in der Schlange vor Edeka. Man entdeckt immer Gemeinsamkeiten und auch daraus kann etwas entstehen. Rufen Sie eine Freundin an. Verabreden Sie sich auf einer Parkbank und essen zusammen Pizza. Je mehr Sie es sich angewöhnt haben, locker mit Menschen ins Gespräch zu kommen, desto leichter wird es auch im hohen Alter. Verabreden Sie sich mit anderen alten Menschen in ihrem Haus oder Ihrer Nachbarschaft zum gemeinsamen Rollatorspaziergang. Dabei haben wir genug Sport, frische Luft und sich auch viel zu Lachen.

Christoph Müller Sie berichten, wie wichtig es Ihnen ist, dass Sie es den eigenen Kindern leicht machen wollen, wenn Sie pflegebedürftig werden sollten oder (der Herrgott möge Sie noch lange bewahren) sterben sollten. Wie reagieren denn Ihre Kinder auf die Deutlichkeit bei dem Versuch, bei vielen Alltagsfragen klar Schiff zu machen?

Janine Berg-Peer Von den vier Kindern alle unterschiedlich. Zwei von ihnen fanden es gut und wollten vor allem, dass ich alles aufschreibe und vorher festlege, damit sie genau das machen, was ich möchte. Einer Tochter fiel es schwer, sich damit zu beschäftigen, aber nachdem ich sie im Gespräch zum Lachen gebracht hatte, fand sie es auch gut, dass wir darüber sprechen. Sie berichtete auch, dass viele in ihrem Umfeld berichten, dass sie nicht wissen, was mit ihren Eltern wird. Die jüngste Tochter denkt nicht gern darüber nach, dass es mich nicht mehr geben sollte, aber wir haben sehr offen und gut darüber sprechen können. Ja, es ist nicht leicht, aber gerade deshalb finde ich, dass es unsere Pflicht als alte Eltern ist, das Gespräch für unsere Kinder leicht zu machen.

Christoph Müller Solidarisch kann ich mich mit Ihnen erklären, wenn Sie darauf hoffen, dass Sie als Bewohnerin eines Pflegeheims nicht mit scheinbar therapeutischen Aktivitäten belästigt werden. Eine gruselige Vorstellung. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass beim Schauen aus dem Fenster Ihre Lebenszeit auch sinnvoll verstreichen kann?

Janine Berg-Peer Die Gewissheit bekomme ich durch das Leben, das ich jetzt lebe. Ich bin gern allein, denke ständig über etwas nach, lese und schreibe viel (falls ich das dann noch kann, aber es gibt ja auch Hörbücher!), schaue mir etwas Grünes auf der Terrasse an. Ich finde eine Ansammlung von Menschen oft beschwerlich. Aber auch das sollte jeder alte Mensch genau so handhaben können, wie er es möchte. Eine Freundin berichtete, dass sie sich bewusst ein Seniorenwohnheim ausgesucht hat, in dem es tagsüber viele Angebote und abends viele Veranstaltungen gibt. Sie findet das schön. Das ist völlig ok.

Christoph Müller Zum Schluss Ihres Buchs deuten Sie eine „Ende des Lebens-Tour“ an, bei der Sie in Begleitung Intensivstationen und Hospize, Palliativmediziner und Friedhofsgärtner besuchen wollen. Deuten Sie da ein neues Buchprojekt an, bei dem wir Sie letztlich wieder begleiten und hoffentlich etwas die Furcht vor dem Älterwerden und Sterben verlieren dürfen?

Janine Berg-Peer Ich fände die Idee, mit anderen alten Menschen nach und nach Institutionen zu besuchen, in die wir möglicherweise (Krankenhaus, Intensivstation, Palliativstation, Hospiz) oder ganz bestimmt im Alter kommen (Krematorium, Friedhof, Leichenhalle). Das wird allerdings schwierig werden: Zum einen sind nicht alle Menschen, die in diesen Institutionen arbeiten, bereit, mit uns Alten zu reden, uns etwas zu erklären oder auf unsere Fragen zu antworten. Zum anderen finde ich immer noch wenige Alte, die – wie ich – das Bedürfnis haben, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Es gibt inzwischen junge Bestatter, die Veranstaltungen anbieten und erklären, was sie tun. Aber das sind in der Regel junge Menschen und auch die Menschen, die das anspricht, sind eher jünger. Sie wollen wissen, wie das dann für Oma werden wird. Aber Oma selbst scheint das nicht wissen zu wollen. Vielleicht wird es dann doch wieder ein Buch, in dem ich mich sehr viel genauer mit den Phasen des hohen Alters und des Sterbens beschäftige. Ich finde das Thema sehr interessant und kann gar nicht verstehen, warum andere das nicht finden. Aber so unterschiedlich sind Menschen. Auch alte Menschen.

Christoph Müller Herzlichen Dank, liebe Frau Berg-Peer, für das wieder einmal erfrischende und aufrüttelnde Gespräch.

 

Das Buch, um das es geht

Janine Berg-Peer: Wer früher plant, ist nicht gleich tot, Goldmann-Verlag, München 2020, ISBN 978-3-442-14240-8, 299 Seiten, 12 Euro.

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 189 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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