Impfpflicht gegen Corona

(C) miss_mafalda

Seit Wochen wird in den Medien diese Frage mit vielen Emotionen diskutiert: die Impfpflicht gegen Corona (gegen SARS-CoV-2 um genau zu sein).

Diese Frage ist aus meiner Sicht vollkommen unerheblich und geht an der eigentlichen Problematik der kommenden Impfung vorbei. Warum diese Thematik trotzdem insbesondere von „Corona-Verharmlosern“ in den sozialen Medien ständig erwähnt wird, entzieht sich jeglicher Logik.

Aktuell sind ca. 130 Impfstoffkandidaten in Entwicklung. Die meisten sind noch in einer sehr frühen Phase, andere haben die ersten Tests beim Menschen (Phase I) schon abgeschlossen.

Da ich kein Spezialist in der Impfstoffentwicklung bin, kann ich nur die Meinung entsprechender Virologen und Immunologen wiedergeben: man ist generell optimistisch, dass ein Impfstoff auf den Markt kommen wird. Aber mit einer Zulassung kann man frühestens in einem Jahr rechnen.

Argument 1 gegen die Impfpflicht

Ganz sicher ist es, dass zu Beginn – wann auch immer das sein wird – keine ausreichende Menge an Impfdosen zur Verfügung stehen werden. Daher ist es unmöglich, eine generelle Impfpflicht zu etablieren.

Wir werden uns stattdessen gut überlegen müssen, wen wir als erstes impfen. Das ist die dringlichere Frage – und nicht etwa die nach einer Impfpflicht.
– Impfen wir die Risikopopulation der über Sechzigjährigen?
– Oder besser die jungen Erwachsenen, die bekanntlich am meisten zur Infektionsdynamik beitragen?
– Oder sollte man zuerst das Gesundheitspersonal impfen?

Um dies beantworten zu können, müssen wir abwarten, welchen Impfstoff wir in den Händen halten werden. Wie wir von anderen Impfungen wissen, gibt es Impfstoffe, die bei Älteren schwächer wirken (z.B. Influenza-Impfung), andere wirken dagegen recht gut (z.B. Hepatitis A). Daher wird die Immunogenität für die Impfstrategie entscheidend sein. Man muss beispielsweise auch bedenken, dass man Lebendimpfungen bei Immunsupprimierten nicht geben darf.

Argument 2 gegen die Impfpflicht

Um eine Epidemie bzw. Pandemie zu stoppen, ist es langfristig notwendig, eine Herdenimmunität zu erreichen. Dies bedeutet bei SARS-CoV-2, dass ca. 60-70% der Bevölkerung entweder eine natürliche Immunität durch durchgemachte Krankheit oder eine Impfung bekommen müssen. Das ist bedeutend weniger als bei Masern, wo 95% der Bevölkerung immun sein müssen.
Wenn der Impfstoff gegen Corona gut verträglich und leicht erhältlich ist, können wir davon ausgehen, dass sich eine ausreichende Zahl an Menschen freiwillig impfen lassen wird, um eine Herdenimmunität zu erlangen.

Argument 3 gegen die Impfpflicht

Es gibt keine einzige Impfung im deutschsprachigen Raum, bei der es eine generelle Impfpflicht für die gesamte Bevölkerung gibt. In Österreich wäre dies aus rechtlichen Gründen auch kaum durchsetzbar. Und das wird auch bei SARS-CoV-2 so sein. Möglicherweise wird aber in Zukunft medizinisches Personal eine Impfung nachweisen müssen, so wie das seit vielen Jahren in den meisten Krankenhäusern für gewisse übertragbare Erkrankungen verpflichtend ist. Und in diesen Fällen ist auch niemand auf die Straße gegangen, um gegen eine Impfpflicht zu demonstrieren.

Also vergessen wir die Diskussion über die Impfpflicht, es stehen andere Probleme an.

Marton Széll
Über Marton Széll 2 Artikel
Dr. med. Marton Széll, Facharzt für Infektiologie & Tropenmedizin, Facharzt für innere Medizin

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