Imh Fachtagung „Innovative Modelle in der Pflege und Betreuung“

Der große Symposiumsbericht von Karin Eder, MSc BSc & Alexander Eder, MBA

(C) imh

Im imposanten Ambiente des Hilton Plaza Hotel Wien fand die interessante Fachtagung über die möglichen Lösungsansätze für die Pflege und Betreuung vor allem für die älteren Generationen statt. Im kleinen Rahmen eröffneten Manuela Mayer (IMH) und Elisabeth Tschachler (ÖKZ) die Veranstaltung. Tschachler wählte für den Einstieg in die Thematik negative Postings über die Pflege aus den sozialen Medien, welche für sie, als „beobachtende Journalistin“ den derzeitigen Zustand in Österreich und auch international gut abbilden. Lösungsansätze sollen im Rahmen der Fachtagung diskutiert werden.

Gregor Hammerl, Präsident des Hilfswerk Steiermark und Landesobmann des steirischen Seniorenbundes sowie Mitglied des Bundesrates, ÖVP, eröffnet mit seinem Referat den Tag. Für ihn ist das Unterstützungsnetz in Ö ein sehr dichtes, (Geldleistungen und Sachleistungen) im Vergleich zu Deutschland. Er meint, dass Realitäten in der Pflege von vielen falsch eingeschätzt werden! Der Großteil der Pflegeleistungen, wie 84% der Pflege zu hause, werden nicht mit-diskutiert. Diese Prozentanteile werden allerdings zurück gehen. Österreich hat einen großen Anteil informeller Pflege. Wenn Pflege zuhause möglich sein soll muss, so Hammerl, die Politik eingreifen sonst wird es nicht mehr möglich und finanzierbar sein. Aufgrund der rückläufigen Zugänge in die Pflegeausbildung müssen für ihn auch die Migrantinnen und Migranten in die Pflege einbezogen werden. Hammerl untermauert sein Referat mit vielen Statistiken und Zahlen. Für ihn wird die Zunahme von komplexen Krankheitsbildern wie Demenzkranke und veränderten Familienstrukturen die häusliche Pflege vor Herausforderungen stellen. Mobile Dienste müssen ausgebaut und finanziert werden. Hauskrankenpflege-Organisationen müssen unterstützt werden da diese überwiegend von privaten Diensten aufgebaut wurden, sie müssen zukünftig besser finanziert werden. Der „Status der Pflege“ ist ein ganz schwieriger für Hammerl. Pflegeheime „schlucken“ 35% der Kosten, dem muss gegengesteuert werden. Kostenbeiträge in der Steiermark wurden gesenkt, daher nehmen mehr Menschen diese Form der Betreuung und Pflege an. Ebenso ist für ihn die Förderung von 550€ für die 24h-Betreuung zu wenig. Er verweist darauf, dass die geplante Neuregelung der Kinderbeihilfe eine Abwanderung der 24h-Betreungskräft nach Deutschland bewirken wird, da auch die Kinderbeihilfe einen wesentlichen Anteil ihres Einkommens darstellt. Die Betreuung von Menschen mit Demenz (MmD) wird die Herausforderung der Zukunft. Hammerl unterstreicht dies mit einem Beispiel aus der Steiermark: 800 Dienstposten in Langzeitpflege werden geschaffen aber: keiner kommt in die Ausbildung! Der Pflegeberuf muss beworben werden und wenn möglich, muss dieser auch „einmal besser goutiert werden“ (Zitat Hammerl). Seit ein paar Jahren stellt Case Management in der Steiermark die Pflege und Betreuung sicher und dieses Modell wird gut angenommen. Eine flächendeckende Einführung von Case Management in der Steiermark ist angedacht, dafür benötigt es eine Ausrichtung auf langfristige ausreichende Finanzierung.

Eine nachhaltige Finanzierung kann nur durch zusätzliche Einnahmen sichergestellt werden. Dafür stellt Hammerl abschließend vier Modelle vor:

  • Modell1; sog. Pflegesicherungsbeitrag von allen Einkommensbeziehern und Pensionisten einzuzahlen
  • Modell2; verpflichtende Pflegeversicherung gekoppelt an Arbeitsmodelle
  • Modell3; Versicherungspflicht bei privatem Versicherungsunternehmen (private, freiwillige Versicherungsmodell werden aber bisher kaum angenommen) Kostenbetrag ca. 180-210€ monatlich
  • Modell4; Abgabengebundens MWST-Model, 1% zusätzlich auf die derzeitige Mehrwertsteuer mit Zweckbindung à Inflationsrate würde jedoch steigen

Diese Modelle müssen in der Politik diskutiert werden. Auch muss beachtet werden, dass die 24h-Betreuung kein Ersatz für die Langzeitpflege darstellt, da sie meist nur Betreuung und keine Pflegeleistungen abdecken kann.

Hammerl betont, dass der Pflegeberuf schlecht entlohnt ist und es nicht genug qualifiziertes Personal gibt. Der Beruf ist für ihn wenig attraktiv, da psychisch und physisch anstrengend. Hammerl ist der Meinung, dass man ein burn out bekommt, wenn man 20 Jahre in einem Pflegeberuf ist. Dies müss Beachtung finden. Auch Heimhilfen müssen lt. Hammerl schwer heben und verdienen nicht einmal 900€ netto im Monat. Für ihn müssen die Aufgaben zwischen Ärzten und Pflege neu aufgeteilt werden.

Auch ist er strikt dagegen, dass ein Arzt oder eine die Ärztin die Pflegegeldeinstufung durchführt und nicht die Pflege! Er vergleicht dies mit der Pflegegeldeinstufung in Deutschland, wo die Einstufungen nur vom gehobenen Pflegepersonal vorgenommen werden. Auch sollte das Pflegegeld mittels Steuerfinanzierung erhöht werden, um eine ausreichende Finanzierung der Pflege sicherzustellen.

Im Anschluss findet eine Diskussionsrunde zur Abschaffung  des Pflegeregresses und den weiteren Folgen mit Monika Badilla, MBA (Fonds Soziales Wien), Gregor Hammerl (HW Stmk.), Mag. Jürgen Ephraim Holzinger (Verein ChronischKrank Österreich) und Ingrid Korosec (Österr. Seniorenbund) statt.

Monika Badilla erwähnt, dass die Nachfrage in der Hauskrankenpflege vorhanden ist,  aber der Anstieg der Inanspruchnahme von Pflegeheimen zu erwarten ist, da die Sorge um das Vermögen gefallen ist. Aber es ist noch zu früh, Prognosen abzugeben. Die Stadt Wien ist mit 111mio€ in Vorleistung geganen um die Kosten des Pflegeregresses abzudecken. Sie betont, bei Bedarf eines Pflegeheimplatzes, wird dieser auch vorhanden sein.

Für Jürgen Ephraim Holzinger finanziert man hier „durch die Hintertür“ die Heime. Die Menschen zuhause werden nicht beachtet. Fast 80% sind allerdings zuhause, da wird finanziell für Holzinger nichts gemacht. So entsteht die Problematik, dass sich Menschen die Pflege zuhause nicht leisten können, dadurch keine Wahlfreiheit mehr haben und ins Pflegeheim ziehen müssen. Holzinger sieht keine Unterstützung vom Bund.

Ingrid Korosec meint, dass der Pflegeregress gefallen ist, ist gut und gerecht. Allerdings ist es für sie „ein kleines Pflaster auf eine große Wunde“. „Wir brauchen ein neues Pflegekonzept, denn das ist derzeit nur eine vorübergehende Lösung“, sagt Korosec. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Pflege zur Gesundheit, und daher sollte sie steuerfinanziert werden. Es stellt sich für Korosec die Frage, ob der Schritt nach dieser nötigen Reform in Österreich auch machbar ist. „Tatsache ist, wir sind froh, dass die Menschen zuhause gepflegt werden können“, so Korosec, „aber wir müssen diskutieren, welche Möglichkeiten verstärkt geschaffen werden dürfen. Warum nicht Zuschüsse im Bereich der ambulanten Versorgung, vergleichbar wie im Pflegeheim, wenn die Eigenfinanzierung nicht ausreicht?“ Ein Verbleib Zuhause muss politisch unterstützt werden.

Gregor Hammerl meint, es muss ein finanzielle Zuschuss kommen. Hammerl ist der Meinung, dass Menschen mit Demenz ohnehin immer die Pflegegeld Stufe 3 erhalten. Aber auch dieses Pflegegeld reicht für diese Menschen nicht aus für die Betreuung und Pflege zuhause. Pflegende Angehörige müssen unterstützt werden, sie brauchen auch geförderten Urlaub – auch dafür muss es eine Finanzierung geben.

Monika Badilla erwähnt, dass alternative Wohnformen vermutlich bei Finanzierung nicht bedacht wurden, denn diese stellen sehr wohl gute vergleichbare Pflegeplätze dar und müssen auch finanziell gestützt werden.

Elisabeth Tschachler verweist darauf, dass es für Laien kaum mehr möglich ist, die unterschiedlichen Formulierungen von Pflegeleistungen auseinander zu halten. Wie sollen sie dann passende Entscheidungen hinsichtlich Pflege- und Betreuungsform beziehungsweise Wohnform treffen können?

Monika Badilla verweist hier auf Beratungsnetzwerke wie das CM des FSW, welches den Pflege- und Betreuungsbedarf erhebt und Lösungen vorschlägt.

Elisabeth Tschachler fragt, ob dies in ganz Österreich so gehandhabt wird, laut Hammerl ist dies so.

Jürgen Ephraim Holzinger betont, dass bei Pflegegeldanträgen man Menschen motivieren muss zu klagen, denn dann werden die Stunden auch genehmigt. Es gibt 50 Rechtsanwälte in ganz Österreich, die dies kostenlos machen. Dies muss gemacht werden, um sich Betreuung und Pflege zuhause leisten zu können wie Holzinger betont.

Diese Missstände will Holzinger auch im Bundeskanzleramt ansprechen.

Korosec betont, dass „die 500€ Förderung für 24h Pflege zu wenig sind. Das gehört geändert“ (Zitat Korosec – Anmerkung der Redaktion: es sind 550€ in ganz Österreich einheitlich über Bundesregelung). Sie meint, man muss über den Tellerrand schauen, bisher ist es ja offiziell Betreuung und nicht Pflege. Ein Lösungsweg ist laut Korosec in Wien das Tageszentrum, wenn dies nicht möglich ist heißt es „ab ins Pflegeheim“ das soll nicht sein.

Korosec ist strikt für Steuerfinanzierung, denn alle anderen Modelle fördern nicht die Veränderung. Die Finanzierung darf auch in den Ländern nicht unterschiedlich sein, sonst fördert dies den Pflegetourismus in Österreich.

Monika Badilla spricht davon, dass die Finanzierung in den stationären Einrichtungen geändert werden muss. Der Weg, wie es zu einer Vollfinanzierung der Träger kommt, damit diese ihre Mittel gut einsetzen können, muss beleuchtet werden. Man muss die Ertragseite und die Finanzierungseite betrachten. Hier kann unterschieden werden in informelle und formelle Betreuung. Man muss, so Badilla, Finanzleistungen und Sachleistungen sowie die Optimierung des Einsatzes gegenüberstellen. Egal welche Modelle betrachtet werden, es wird nicht bei einem Modell bleiben, eine Kombination wird notwendig sein.

Korosec schlägt vor, für jene Menschen, die zuhause gepflegt werden, das Pflegegeld zu erhöhen, für diejenigen die im Pflegeheim sind jedoch nicht denn der Staat zahle das Pflegeheim sowieso.

Für Hammerl braucht es in der Hauskrankenpflege verpflichtend, egal welche Betreuungsform eingesetzt wird, eine DGKP die 2x pro Woche zur Kontrolle kommt auch für die 24h-Betreuung. Diese Kontrolle muss finanziert werden.

Monika Badilla verweist dazu auf den Rechnunghofbericht (Link dazu: http://www.rechnungshof.gv.at/fileadmin/downloads/_jahre/2018/berichte/berichte/Foerderung_der_24_Std_Betreuung_in_Ooe_und_Wien.pdf)

und die geforderten Maßnahmen zur 24h-Betreuung. Die Planungen aller anderen Leistungen sind auch davon betroffen, sie meint, es wird sich etwas ändern. Sie betont den Bedarf eines nachhaltigeren Pflegekonzeptes und eines nachhaltigeren Pflegesystemkonzeptes genauso wie den Bedarf eines nachhaltigen Personalkonzeptes, da sonst die Angebote, die erstellt werden nicht bediehnt werden können. Ebenso ist eine nachhaltige Novellierung des GuKG nötig. Frage ist auch woher kommen die 24h Betreuerinnen? Und woher kommen sie in Zukunft?

Drs. Gea Sijpkes, Care Center Humanitas stellt deren Modell, Ageing and Engaging – Care Center Humanitas vor, wo Studentinnen und Studenten zusammen mit pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen gemeinsam in einem Wohnkomplex in Deventer wohnen. Dies soll die Inklusion alter Menschen mit Pflegebedarf  sowie auch von Menschen mit Behinderungen unterstützen und den Aufbau eines sozialen Netzes fördern. Generationenwohnen mit gemeinsamen Aktivitäten wie Mahlzeiten, Spaziergänge oder Partys findet statt. Sie hat dazu auch Videos mitgebracht, wo der Erfolg dieses Konzeptes sichtbar wird. Wobei dies laut Sijpkes ein Umdenken auch im Bereich Management und Controlling bedarf. Das Ziel, die Umsetzung der Vision alte Menschen wieder in der Gesellschaft zu reintegrieren ist bei Humanitas geglückt wie Sijpkes erzählt. Derzeit leben sechs Studentinnen und Studenten bei Humanitas. Sie haben eine eigene Wohnung die sie nicht selbst finanzieren müssen, sondern dafür leisten sie Gemeinschaftsarbeit. Allerdings keine Pflegeleistungen, diese werden von professioneller Pflege erbracht. Auch Kinder mit Lernschwierigkeiten kommen bei Humanitas auf Besuch und werden unterstützt. Genauso wie ein langzeitarbeitsloser Gärtner durch ehrenamtliche Arbeit bei der Gartengestaltung mithilft und so wieder resozialisiert wurde. Jugendliche die Resozialisierung bedürfen, wohnen ebenso bei Humanitas und werden professionell unterstützt. Dies bildet ein Generationenwohnen gut ab. Die Kern-Werte sind Liebe-Gemeinschaft-Positivität, Humanitas existiert nur in Kontakt mit anderen. „Gute Nachbarschaft“ und Nachbarschaftshilfe sind Voraussetzung um bei Humanitas leben zu können. Beide Generationen, alte Menschen und auch Studentinnen und Studenten lernen voneinander.

Das Konzept baut auf Diversität und Hilfe. Humanitas ist trotz allem eine Pflegeeinrichtung mit 130 Angestellten, 80 davon sind Pflegekräfte. Das Gebäude hat sechs Stockwerke und in jedem Stockwerk 25 Wohnungen, pro Stockwerk ist eine Studentenwohnung. Die Studentinnen und Studenten entscheiden frei, wann sie Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern haben möchten und wann nicht.

DAS Peter Stanzl, MAS, (MA24) stellt die Pflegestrategie 2030 der Stadt Wien vor.

Der Anteil an 75-Jährige in Wien steigt, der Anteil an 85+Jährigen bleibt annähernd gleich. Dies aber ist Zielgruppe für Pflege und Betreuung. Machen wir so weiter wie bisher, würde ein Anstieg um ca. 8000 Kunden zu erwarten sein, bis 2030. Auch in den Pflegeheimen wird der Anteil steigen, man rechnet mit 30tsd Kundinnen bis 2030.

Trendszenarien gehen davon aus, dass der Anstieg in der stat. Pflege gleich bleiben wird.  Da 2014 das Geriatriekonzept aus 2004 ausgelaufen ist, wurden neue Strategien gefordert. Dazu wurden 9 Leitlinien im Zeitraum 2014-15 gemeinsam mit dem FSW, dem KAV, dem KWP sowie dem Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen entworfen und ein Strategiepapier zur Umsetzung welche gemeinsam mit der MA24 erfolgt. Übergeordnetes Ziel ist allerdings nicht der Ausbau der stationären Versorgung in Wien sondern die Intensiveierung von Präventiv- und Vermeindungsstrategien und der verstärkte Einsatz mobiler Dienste sowie die verbesserte Nutzung der bestehenden stationären Infrastruktur.

Vorgestellte Leitlinien aus dem Strategiekonzept:

  • Leitlinie1: bessere Information, gestützte Entscheidungsfindungen und vereinfachter Zugang (verbessertes Matching) zu Pflege- und Betreuungsleistungen in Wien.
  • Leitlinie2: selbstständige Lebensführung bis ins hohe Alter (verstärkte Reha und Remob).
  • Leitlinie3: Integrierte Versorgung mit individuellen, flexiblen und durchlässigen Pflege- und Betreuungsangeboten (Stichwort schließen der Lücke zwischen mobilen Pflege und Betreuungsformen und 24h-Betreuung sowie Durchlässigkeit und Auflösung von Grenzen und Kategorien)
  • Leitlinie4: Inklusive Pflege- und Betreuungsleistungen die für gesellschaftliche Gruppen zugänglich und auf alle unterschiedlichen Formen und Stadien von Pflege und Betreuungsbedarfen vorbereitet sind (Inklusion, keine „Häuser für MigrantInnen“ aber auf diese Zielgruppe zugehen und reagieren, die Studie dazu wird im Vortrag von Prof. Reinprecht am 2. Fachtagungstag vorgestellt. Keine Demenzeinrichtungen sondern breit zugängliche inclusiv und diversität stützende Leistungen).
  • Leitlinie5: frühzeitige Entlastung und zielgerichtete Unterstützung der Pflegenden bzw. betreuenden Angehörigen, insbesondere von Frauen, sowie flankierende Maßnahmen für Freiwillige (Frauen und Freiwilligenarbeit muss Unterstützung erhalten werden – da informelle Pflege rückgängig ist).
  • Leitlinie6: Förderung der Partizipation von älteren Menschen in Entscheidungsprozessen.
  • Leitlinie7: Pflege und Betreuung als Produktivfaktor und wichtige Investition in die Zukunft der Stadt (Sicherung der Versorgung und Schaffung von Arbeitsplätzen).
  • Leitlinie8: nachhaltiges Finanzierungssystem sowie sozial ausgewogenes Kostenbeitragssystem tragen zur Finanzier- und Leistbarkeit der Pflege und Betreuung in Wien bei (Leistungen weiterhin nicht einkommens- sondern bedarfsabhängig und für alle leistbar).
  • Leitlinie9: EbN Planung und wirkungsorientierte Steuerung dieser Prozesse

Der Link zur Strategie: https://www.wien.gv.at/gesundheit/einrichtungen/planung/soziales/pflege2030.html)

Zur Umsetzung, der Start erfolgte 2017, sollen Monitoringsysteme implementiert werden. Die Steuerung soll in den neuen Angeboten erfolgen. Einiges ist schon umgesetzt, vieles noch in Planung. Wie sich der Pflegeregress auf das Gesamtkonzept auswirkt, wird man, so Stanzl, in Zukunft sehen. Der finanzielle Mehrbedarf kann noch nicht eingeschätzt werden, aber Mehrbedarf besteht. Denn neue Angebote implizieren Kosten, diese sind aber noch nicht erfassbar.

Dr. Richard Hennessey, (pro lebensqualität Österreich) redet über die „Ökonomisierung der Pflege und die Effizienzfalle“ Er postuliert, dass die Ökonomisierung dazu führt, dass man auf der falschen Ebene die Dinge richtig macht. Für ihn muss die Pflege die richtigen Dinge tun und die Politik muss einen Systemwandel einläuten. Er verweist auf seine Publikationen, wo er den Zusammenhang Ökonomie und Pflege aufzeigen möchte.

Um den sozialökonomischen Zusammenhang zu beschreiben geht Hennessey auf die Kondratjeff-Zyklen ein und sagt, es gibt eine globale Fehleinschätzung in Bezug auf die Digitalisierung und deren Wichtigkeit. Hennessey stellt den Glauben über Dinge der Wissenschaft gegenüber in seinen Vergleichen. Zitat Hennessey: „Selbstständigkeitsfördernde Pflege braucht viel Fachkompetenz und Empathie.“

Laut Hennessey schlummern hohe Produktivitätspotentiale im Gesundheitssektor. Die Wachstumsbarrieren liegen bei den biopsychosozialen Gesundheitspotentialen des Menschen. Behindernde Faktoren seien das defizitäre Menschenbild, welches falsche Rahmenbedingungen birgt. „Wenn ein Umschwenk auf Kompetenzorientierung in der Pflege der Menschen stattfinden würde, wäre das eine Barriere weniger“ (Zitat).

„Zauberwort Effizienz“ bedeutet für Hennessey hier Kosten zu sparen und Standardisierung kostensparend umzusetzen. Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird oft diskutiert. Minister Kurz hat, so Hennessey, eine „Effizienzsteigerung im Gesundheitswesen“ gefordert. Dies sei aber überaltert, da sie Taylorismus impliziere und nicht einmal die Industrie arbeitet noch nach Taylorismus lt. Hennessey.  Hauptursache der Kostensteigerung ist die mangelnde Möglichkeit der Produktivitätserhöhung durch standardisierte Qualität. Denn alle Betroffenen sind individuell zu behandeln im Gesundheitswesen. Industrie und Gesundheitswesen hat für Hennessey elementare Unterschiede und die Politik erkennt das nicht. Unterschiedliche Produktivitätsmöglichkeiten sind das Problem.  Das Fazit ist eine  unökonomische Ökonomisierung und der Druck die Arbeit der Pflege zu beschleunigen, erreicht wird aber das Gegenteil. „Vor lauter Effizienz vergisst man die richtigen Dinge zu tun!“ so der Ökonom. Man optimiert zunehmend das Falsche. Denn das Effizienzkonzept bezieht sich nur auf den Output hinsichtlich Pflege. Nicht auf das Outcome. Wobei ein Outcome sich auf die Effektivität nicht auf die Effizienz bezieht, und im Endziel den Impact darstellt. Hennessey beschreibt dies anhand der Sedierungsrate in den Pflegeheimen und macht auf die hohe Sedierungsrate und die damit verbundene „absolut miese Pflegequalität“ in den Heimen aus seiner Sicht aufmerksam.  Er bezieht sich auf die OASIS Studie welche besagt, dass die Unterstützungsmaßnahmen von informeller und formeller Pflege negativ korrelierte mit der Lebensqualität der Betroffenen, weil diese die Selbstständigkeit der Betroffenen nicht verbesserte. Er sieht das als repräsentativ für die derzeitige Situation, meint aber „Die Pflege kann nichts dafür, es sind die schlechten Rahmenbedingungen die es der Pflege nicht erlauben das Richtige zu tun. Denn die Heime finanzieren sich aus den hohen Pflegegeldstufen und diese werden nur erreicht, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner möglichst immobil und hoch-pflegebedürftig sind“.

Seine Beispiele für „das Richtige das zu tun“ wären:

Buurtzorg und Kinaesthetics, zwei tolle Konzepte die diesen ökonomischen Impact abzielen aber leider in Österreich nicht umgesetzt werden. Er verweist in seinem Referat auf seine diversen Veröffentlichungen und dass diese zur Optimierung der Pflegesituation beitragen. Ebenso möchte Hennessey ein „kompetenzorientiertes Pflegegeld“ welches höher ist, wenn die Betroffenen auch gewillt sind aktiv an ihrem Gesundheitsstatus zu arbeiten. „Ebenso braucht es sehr gute Fachleute die abschätzen können was die Leute selbst können und dies dann fordern und fördern. Das Pflegegeld muss anhand der Entwicklungsorientierung der Leute ausgezahlt werden. Vergleichbar mit dem amerikanischen System.“

(Anmerkung der Autorin: Der ethische Aspekt der Kompetenzorientierung wird außer acht gelassen dabei, eine Pflegedienstleitung aus dem Fachpublikum weist auch indirekt darauf hin, dies beantwortet der Referent aber nicht, er verweist abermals auf seine veröffentlichten Artikel.)

Hennessey betont, „Die Heime haben durch die Pflegegeld-herabstufungen einen Verlust im Bereich der Finanzen, aber dafür eine motivierte Belegschaft, die aufgrund der Selbstwirksamkeitserfahrung motiviert werden.“

Die Frage, was sein soll, wenn keine Ressourcenorientierung möglich ist, wie zum Beispiel im Bereich end of life care bleibt offen, er verweist abermals auf seine Werke.

Eine konkrete Antwort auf die Frage aus dem Publikum bzgl. einer Pflegegeldeinstufung nach seiner Idee der Kompentenzorienteriung blieb Hennessey schuldig. Abermals wurde nur auf einen von ihm veröffentlichen Artikel verwiesen.

Frau Mag. Brigitte Juraszovich (GÖG) stellt Prognosen zum Personalbedarf und versucht auf die Frage ob Österreich auf den steigenden Bedarf vorbereitet ist einzugehen. Sie stellt das Modell der Pflegepersonalbedarfsprognose vom GÖG vor.

Derzeit gibt es eher Mangel und kein Überangebot laut Juraszovitch. Die Datenerhebung der letzten 5 Jahre fand statt, wobei die Abwanderung aus dem Beruf nicht mit Zahlen belegt werden konnten. Einige Daten vom letzten Projekt aus Vorarlberg wurden präsentiert: Das Durchschnittsalter der Pflegepersonen war 40Jahre, außer im Langzeitbereich, da ist dies höher. Pflegeassistentinnen und -assistenten sind durchschnittlich älter als der gehobene Dienst. Der Anteil an Frauen ist über 80% à Pflege ist ein Frauenberuf! Eine hohe Fluktuation kann nicht bestätigt werden,  denn die durchschnittliche Organisationszugehörigkeit liegt bei 10 Jahren und mehr.  Das Eintrittsalter in der Pflege zur Pension liegt im österreichischen Durchschnitt. Teilzeitbeschäftigung ist überwiegend. Die Pensionierungen bis 2030 sind eine wichtige Entscheidungsgrundlage. So werden z.B. 2023 mehr Pflegekräfte in Vorarlberg in Pension gehen wie in den Jahren davor und danach. Daher muss auch die Ausbildungsplätze angepasst, erhöht oder geändert werden um dem entgegen wirken zu können! Die Entscheidungsträger sind also gefragt. Lösungsvorschläge wurden von der GÖG entwickelt.

Eine der Grundfragen ist, ob die Pflegequalität mit dem jetzigen Personal ausreichend ist. Laut GÖG ist das der Fall, aber es gibt keine Zahlen dazu, da die Wirksamkeit und die Pflegequalität schwer einheitlich messbar sind und es keinen bundesweiten Indikator gibt. Es muss gemeinsam mit der Praxis eine Entwicklung der Indikatoren stattfinden und diese müssen vergleichbar sein und überall in Österreich anwendbar.

Dies ist laut Referentin immer ein Zusammenspiel aus Rahmenbedingungen und Pflegepersonal und schwer messbar vergleichbar mit der Messung der Messung der Lebensqualität, was auch schwer zu messen sein, bzw. in jedem Setting diese Messung anders gestaltet werden muss. Gerne wurde früher Dekubitusrate oder Sturzraten dazu herangezogen, diese stellen aber keine relialble Aussage für Qualität dar. Sturz kann auf hohe Lebensqualität zum Beispiel hinweisen. Es ist für Österreich nicht bekannt welche Indikatoren bundesweit für die Qualitätsmessung herangezogen werden.

Keine Qualitätseinflüsse sind auf einzelne Berufsgruppen zurück zu führen, dies macht es nicht einfach Pflegeergebnisqualität zu messen. Österreich ist ansatzweise auf den steigenden Bedarf vorbereitet. Grundsätzlich wird die Anzahl junger Menschen weniger,  dadurch können auch weniger gefunden werden, die sich für den Beruf Pflege entscheiden. Aber die GuKG-Novelle hat auf diese Anforderung in gewissem Ausmaß reagiert. Grundsätzlich muss in den Schulen der Organisationen nicht nur für eigenen Bedarf ausgebildet werden, sondern in den Bundesländern muss auch für die privaten Organisationen mit ausgebildet werden in Zukunft. Wir werden aber mehr Personal in der Pflege benötigen, das steht außer Frage. Lösungsansätze laut GÖG sind hier bessere Arbeitsbedingungen, familienfreundliche Arbeitsmodelle, Teilzeitmodelle, Sabatticals, Vordienstzeiten-anrechnung, Fachkarrieren gleich zu behandeln wie andere Karrieren im Pflegeberuf sowie das Gehalt und Lohngefälle anzugleichen. Servicepersonal einzusetzen für administrative Tätigkeiten und Hauswirtschaft, Technik einzusetzen zur Entlastung der Pflegemitarbeiterinnen und Bedeutung der Pflegepersonen als wichtig erkennen. Managerinnen und Manager in der Pflege müssen gestärkt werden und entsprechend entlohnt. Auch in Vorarlberg sei man gut vorbereitet, so Juraszovic.

Hans-Joachim Gruber,  Mag. Herwig Loidl, MBA, MSc berichten über den Einsatz elektronischer Dokumentation für optimierte Pflegeprozesse  – Schwerpunkt Geriatrie Langzeitbereich. Gruber stellt den Sonnenhof Feinberg in Linz und den Sonnenhof Lenaupark vor, wo Carecenter die Software dafür entwickelt hat mit dem Ziel der schlanken elektronischen Pflegedokumentation um eine Optimierung für Pflegende und zu Pflegende zu erreichen, incl. Biografie Erfassung. Der Referent beschreibt die Entwicklung die es benötigte um eine gemeinsame elektronische Pflegedokumentation zu entwickeln und zu schulen sowie zu implementieren. Durch die gemeinsame Entwicklung hat das gesamte Team diese gut angenommen. Hauptziel ist die individualisierte Pflegeplanung zugeschnitten auf die individuelle Person für die geplant ist. Holistische elektronische Pflegeplanung nach Prof. Dr. Klaus Grawe und seinem vier Grundsätzen: Bedürfnis nach Bindung, Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstbestimmung, Selbstwert und Lust/Unlust als Ziel. Der Fokus wurde auf die Biographie gelegt und auf die Anamnestik. Hinterlegt ist bei dem elektronischen System das Modell nach Orem und ein Geriatrie Cluster aus den POP2-Diagnosen.

Prim. Prof. Priv.-Doz. Dr. med. univ. Walter Schippinger, MBA, (Albert Schweizer Klinik, Graz) stellt Maßnahmen zur Optimierung der Schnittstelle Krankenhaus und Pflegeheim dar. Denn gerade diese Schnittstelle stellt für geriatrische Patientinnen und Patienten ein Risiko dar. Schippinger stellt die Charakteristika des typ. geriatr. Patienten vor (hohes Alter, Multimorbidität, geriatrisches Syndrom) und zieht dann die Schleife zur Vulnerabilität für Komplikationen und Chronifizierung vor allem bei akuten Krankheitsereignissen. Dies geht mit hohen Kosten einher. Ziele der palliativen Geriatrie stellt Schippinger vor, wie die Behandlung belastender Beschwerden, Erhaltung der Selbstständigkeit bei alltags Aktivitäten (Remob und Rehab) und die Prävention von Komplikationen und weiteren Funktionsverlusten sowie die Verbesserung der Lebensqualität. In einem klassischen Fallbeispiel stellt Schippinger die Schnittstellenproblematik und die daraus resultierenden Probleme gut dar. Eine gute Risikoerfassung im Vorfeld ist für den Referenten das geriatrische Assessment um auch die Folgerisiken zu minimieren und die Lebensqualität zu verbessern bzw. auch  Pflegheimeinweisung oder Tod als Folgeschaden zu verhindern. Im Grunde gehört für Schippinger bei jedem geriatrischen Patient ein solches geriatrische Assessment gemacht zur systematischen Evaluierung des Funktionszustandes des älteren Menschen. (Link zu Inhalten des geriatr. Assessments hier https://www.geriatrie-online.at/publikationen/)

Schippinger verweist auf folgende Studie: comprehensive geriatric assessment for older adults admitted to hospital (review) Whitehead, O´Neill und Robinson zur Wirksamkeit des Einsatzes vom geriatrischen Assessment als Basis zur weiteren Behandlung mit dem prognost. Vorteil gegenüber zu konventionellem Behandlungsplan. (https://www.jstor.org/stable/41333299)

Er beschreibt das geriatrische Assessment als eigentlich „einfache“ Methode im interdisziplinären Anwendungseinsatz zur Verbesserung des Outcomes langfristig im Sinne der Verbesserung der Prävention zur Vermeidung der Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

Schippinger stellt das Projekt GEKO zur medizinischen und pflegerischen Versorgung älterer Menschen in Graz vor. Vorher beschreibt er ein allgemein auftretendes Problem: Die Anzahl pflegender Angehöriger nimmt ab somit wird der Bedarf an formeller Pflege steigen, sowie der Bedarf an Strukturen zu medizinischen Versorgung, da geriatrische Patientinnen und Patienten multimorbid sind.  Menschen aus Pflegeheimen werden häufig in Krankenhaus eingewiesen, da die Betreuungsstiuation im Pflegeheim dann nicht mehr möglich ist. Dies ist ein weltweites Problem. Der geriatrische Konsiliardienst zur Optimierung der Bewohnersituation im Pflegeheim kurz GEKO wurde daher in Graz als Projektstudie zur Problematik gestartet. Hier soll daher der Geriater mit palliativ und geriatrischer Ausbildung ins Pflegeheim konsiliarisch kommen und das Team gemeinsam mit dem behandelnden Hausarzt unterstützen um die Anzahl der Einweisungen ins Krankenhaus zu reduzieren und somit die Lebenssituation der/des Betroffenen verbessern. GEKO hat ein „Package von Versorgungsangeboten“ ins Pflegeheim gebracht. Das gemessene Outcome kann sich sehen lassen:

Die Anzahl der Aktueinweisungen ins Krankenhaus konnte halbiert werden. Die in der Evaluationsphase befragten DGKPs zeigten – Es brachte erhöhte Behandlungsqualität und Arbeitszufriedenheit der DGKPs! Die Befragung der Hausärzte ergab: Die meisten gaben auch an dass die Versorgung der Bewohner verbessert wurde durch GEKO. Eine Krankenhaus-Entlastung und damit Kostenreduktion konnte auch nachgewiesen werden. (Die Studie wurde peer reviewed veröffentlicht.) 

Sabine Maislinger BScN, Entlassungsmanagement (EM) im KH

Uniklinikum Salzburg Entlassungsmanagement wurde vorgestellt vom der Teamleitung EM des Uniklinikums Salzburg.  Maislinger beschreibt die Problematik der Implementierung des Entlassungsmanagements in allen Häusern der SALK.  So können die Strukturen von großen Häusern nicht 1:1 in kleineren Kliniken implementiert werden aufgrund der Struktur- bzw. Hausgröße und der IT-Strukturen. EM bildet allerdings standardisierte Maßnahmen ab, die institutionsübergreifend implementiert werden. Maislinger stellt einen Fall vor und betont die Wichtigkeit der Standardisierung des EM-Verfahrens. Maislinger erwähnt auch einen Personalmangel in Salzburg, der schon jetzt merkbar ist.

Mag. Simon Bluma, MSc (KWP) geht in seinem Vortrag darauf ein, wie ein Projekt im KWP entsteht, von der Planung bis zur Realisierung. Unternehmen dieser Größe haben als Herausforderung strategische Projekte vorzugeben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch mit tragen können. Ein Projektmanagement mit aktiver Beteiligung muss implementiert werden.  Der Weg vom Projektantrag ist im Unternehmen simpel und ohne Bereichshierarchie einzubringen. Projektmanagement-Tools und Caches werden hier zur Verfügung gestellt von der Organisation. Bottom up und Top Down Projekte entstehen hier im KWP. Um Projektakzeptanz zu erhöhen braucht es diese Unterstützung von einfachem Antrag und Coaching. Vorteil eines großen Trägers wie KWP ist die Möglichkeit der unterschiedlichen Projektansätze und Projektmöglichkeiten in der Umsetzung!

Anhand eines konkreten Beispiels, dem „Projekt BKS&P“ (Bosnien, Kroatien, Serbien und Polen) zur Pflege und Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund wurden die Abläufe vorgestellt und die Wichtigkeit der fixen und klaren sowie möglichst simpel gehaltenen Projekttools unterstrichen.  Die Nachhaltigkeit von Projekten wird betont, sowie auch der Sinn dieser zur Verbesserung der Bewohnersituationen.

2.Kongresstag

Die Moderatorin eröffnet den Tag mit einem kurzen Resümee des gestrigen Tages und stellt fest wir brauchen ein Gesamtkonzept, es wird daran gearbeitet. „Jung und alt können unter einem Dach Leben und Spaß haben. Die richtigen Dinge müssen getan werden. Spätestens 2023 kommt es zum Personalproblem, derzeit in Salzburg ist es schon existent.“ Am zweiten Kongresstag sollen passend zum Thema alternative und moderne Modelle der Langzeitplfege vorgestellt werden.

Dr. Markus Leser, stellt das Wohn- und Pflegemodell 2030 von Curaviva Schweiz vor. Der Wandel zum Dienstleistungsbetrieb kommt laut Leser auf uns zu. Fünf Generationen des Altenwohn- und Pflegeheimbaus stellt der Referent in Bildern vor und verweist darauf, dass die Architektur den Wandel von Verwahrungsanstalten zu Gemeinschaften in der Öffentlichkeit und auch im Denken in der Versorgung erkennen lässt.

Die Gerontologie hat sich auch von Defizitorientierung hin zur Kompetenzorientierung gewandelt parallel dazu. „Durch Kopien der Vergangenheit lässt sich die Zukunft nicht bilden –  wir sind heute auch im Denken im Wandel, wir müssen auf die Veränderungen in der Zukunft und der Zukunft passend reagieren.“ (Zitat Leser)

Mittlerweile geht es um das Wohnen und das Wohnumfeld, die Menschen möchten nicht nur in den eigenen vier Wänden sondern im passenden Wohnumfeld wohnen bleiben im hohen Alter. Beziehung, Netzwerk und Pflege gehören auch dazu. Man baut sogenannte „Quartierskonzepte“ die dies abbilden. Dies bedingt ein Abrücken von den Normierten Wohnangeboten die derzeit vorliegen. Integrierte Versorgung im Zusammenhang mit Wohnkonzepten als Lebenskonzeptabbildung sozusagen.

Dies führt zu folgenden strategischen Kernsätzen laut Leser:

  • Nachfrage wandelt sich, Gestaltung des Lebensraumes ist wichtig.
  • Strukturwandel hat begonnen, Leistungserbringer müssen dem gerecht werden.
  • Angebotsproblem ist bekannt, Fachpersonal fehlt um die nötigen Dienstleistungen bereit zu stellen.
  • Integrierte Lösungen, fördern die interprofessionelle Zusammenarbeit zum bedarfsgerechten Angebot
  • Leistungeserbringer und Gemeinden, können im Strukturwandel förderlich wirken oder hindern.
  • Individualität und Multimorbididtät bedingen spezialisierte Angebote.
  • Es benötigt nebst einem Pflegeverständnis auch ein Serviceverständnis

Änderungen müssen langfristig geplant werden, nicht in ein paar Monaten sondern solche Projekte brauchen realistisch betrachtet bis 12 Monate auf jeden Fall. Das Wohn- und Pflegemodell 2030 braucht also spezialisierte Pflegeangebote (Demenz, Palliative Care, Gerontopsychiatrie, Akutspital). Es braucht Quartierszentren mit Freizeitangeboten (Kultur, Wellness, Fitness, Restaurants, Cafés usw. und Ferienangebote) sowie angepasste Wohnungen „80+“(in verschiedenen Qualitätsstufen der Wohnung von economy bis first class) mit Service und Pflege bis zum Lebensende und die Drehscheibe und das Anlaufszentrum Gesundheitszentrum (Pflegeteams die in die Bereiche als Dienstleister gehen sowie die spezialisierten Pflegeangebote abdecken). Leser bringt abschließend das reale Beispiel Alterszentrum Lindenhof, Oftringen AG.

Erfolgsfaktoren zum Funktionieren sind:

  • Führung unter einem Dach, passende Philosophie,
  • Personal, Strukturen, Finanzierung,
  • Interprofessionalität und Angebot (Kontaktstelle nach außen).

Der Bericht und die Studie dazu sind auf www.curaviva.ch ersichtlich.

Ing. Mag. Andreas Wörndl, MAS (Amt der NÖ Landesregierung) stellt zwei Projekte – von der Innovation bis zur Konkretisierung vor.

Laut Wörndl geht die Architektur auf die Nutzerwünsche in Niederösterreich ein. Er ist Architekt und beschreibt einen Wandel in der Betreuung und Pflege dahingehend, dass Pflege sich zurück nimmt und die nicht mehr sichtbar sein soll. Das heißt für Wörndl, dass die Ausstattung und Wohnung und nicht die Pflege in den Vordergrund geht wenn man in eine Pflegeheimeinrichtung geht.

Dazu wurden acht Handlungsempfehlungen, sogenannte Gestaltungsprinzipien, für Wohnungsentscheidungen entwickelt:

  1. Optimum an Privatheit (Individualität, Autonomie, Selbstbestimmung – bedingt Kontrolle!)
  2. Räumliche Kleinteiligkeit
  3. Klare territoriale Abgrenzung
  4. Entflechtung von Funktionen (Funktionsregulierung als wirkungsvolle Interventionen im verdichteten Pflegealltag)
  5. Angemessene Wohndichte
  6. Konfliktprävention durch räumliche Interventionen (wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Raum zum Vorteil nutzen, d.h. zum Beispiel Raumteiler einsetzen, Kontrollterritorien schaffen oder offenes Gefüge lassen – je nach Bedarf)
  7. Individuelle Gestaltungfreiheit (auch in Pflege- und Betreuungseinrichtung die Gestaltungsebenen schaffen zu Partizipation der Bewohner)
  8. Schwellenräume für Handlungsalternativen (Handlungseinschränkungen wirken sich auf psychischen und physischen Gesundheitszustand aus, dem soll baulich entgegengewirkt werden, Sozialkontakte sollen gefördert werden)

2 Projekte dazu werden von Worndl vorgestellt:

  1. Generationencampus Korneuburg
  2. Pflege- und Betreuungszentrum Himberg

Wichtig ist für den Referenten, dass im Wohnen selbst eine Kleinteiligkeit bestehen bleiben muss, wie man es von zuhause gewohnt ist.

Nach der Frage des Inklusionsgedankens sagt Wörndl, dass die Inklusion vor Ort selbst stattfindet, da die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr in der Lage sind, das Pflege- und Betreuungszentrum zu verlassen.

Dr. Daniela Palk, (Diakoniewerk Gallneukirchen) stellt innovative Wohnprojekte der Diakonie für Menschen im Alter vor. Hierbei ist die Gestaltung der Gesellschaft des langen Lebens das Ziel. Palk spricht von der Sozialraumorientierung als handlungsleitendes Fachkonzept, welches sich aus der Gemeinwesenarbeit entwickelt hat und gut anwendbar ist. Der Wille des Einzelnen muss da sein und das Umfeld muss so verändert werden, dass der Einzelne gut leben kann. Das Konzept hat 5 Prinzipien, die die Referentin vorstellt:

  1. der Wille als Ausgangspunkt
  2. Aktivierung vor Betreuung
  3. Was kann ich selbst dazu beitragen? – eigene Ressourcen
  4. Was können andere dazu beitragen? – Profis und Laien, Ressourcen des Sozialraumes, zielgruppen- und bereichsübergreifend
  5. Kooperationen im Sozialraum

Umwelten zu verändern und Menschen dort unterstützen wo sie wohnen, das ist das Ziel! Kleinräumig und gemeinwesenorientiert. Partizipation ermöglichen und Ressourcen der Gemeinden nutzen. Quartiersentwicklung bedeutet auch für Palk auch Gemeindeentwicklung. Die so entstandenen und entstehenden Modelle sind je nach Sozialraum daher unterschiedlich und bunt. Fr. Palk stellt verschiedene Modellprojekte aus Salzburg, Oberösterreich und Wien vor. „Die aktive Gestaltung des demographischen Wandels ist mehr als ein Pflegeheim zu entwickeln“, sagt Palk.

Univ. Prof. Mag. Dr. Hanna Mayer (Institut für Pflegewissenschaft, Universität Wien), spricht über die notwendige „Innovation“ personenzentrierte Kulturen zu entwickeln in Akut– und Langzeitversorgungseinrichtungen. Aus ihrer Sicht gibt es nichts Innovativeres als sich den in Systemen personenzentriert auszurichten. Einrichtungen sind oft an den Notwendigkeiten der Institution selbst orientiert, das bedingt eine Unterordnung der Patientinnen und Patienten sowie der Bewohnerinnen und Bewohner. Eine solche Unterordnung funktioniert allerdings nicht bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Das merkt man deutlich im Akutbereich. Diese Menschen halten uns laut Mayer den Spiegel radikal vor. Auch für die Pflegepersonen ist die Ablauf- und Institutionsorientierung nicht befriedigend. „Was ist denn mit dem Begriff der Patientenorientierung?“ fragt Mayer. Dies impliziert aber die Reduktion auf das Krankheitsbild wenn man den Begriff „Patient“ verwendet. Aber der Mensch dahinter hat eine Persönlichkeit und nicht nur seine Krankheit oder das Alter das ihn definiert. Es geht hier auch nicht nur um das Individuum selbst, sondern auch um dessen Umfeld. Pflege ist grundsätzlich Interaktion! Diese wird von Fachpersonen als Menschen als Teil des Systems durchgeführt und daher greift „Patientenorientierung“ für Mayer zu kurz. Die sogenannte Personenzentriertheit mit Perspektivensicht muss als Wertesystem in der Organisation integriert werden. Ohne diesen geht es nicht. Dies muss dazu Team und Organisationsübergreifend passieren. Der Ansatz kommt von Rogers und Kitwood. Mayer erklärt: Das „Person-sein“ (englisch: personhood) steht im Mittelpunkt. „Ich kann nur Person sein, wenn ich in Beziehungen stehe. Immer bin ich in einer Form im sozialen Umfeld, das mich beeinflusst, genauso wie das räumliche Umfeld, welches mich ebenso beeinflusst –  genauso wie das „sich selbst sein können“.“

(Definition unter: www.hin-soouthland.com)

Die Personenzentriert ist eine Kombination aus Denkprinzip, Haltung und daraus resultierende Handlungen, so Mayer. Menschen, die unser Gesundheitssystem nutzen sind also gleichberechtigte Partner. Pflege und Betreuung muss daher auch dementsprechend agieren. Dies Bedarf eines Perspektivenwechels, wo der Mensch in den Mittelpunkt gestellt werden muss. Hanna Mayer stellt dazu die Theorie mittlerer Reichweite von McCormac und McCance vor, das model of person centered practice.

Zur Entwicklung und Umsetzung dieses Modells braucht es viele ebenen:

  • personenbezogene Voraussetzungen (professionelle Kompetenz der Pflegepersonen, kommunikative Fähigkeiten und Reflexionsfähigkeiten stehen im Vordergrund, gute Fachausbildung, sowie ethische Sicht und Arbeitsbindung)
  • Umgebungsfaktoren (sukzessive müssen die Strukturen entwickelt werden, skill mix, kollaborative Arbeit, shared decision making, effektive Beziehung im Team, power sharing, potential für Innovation muss vorhanden sein und Kreativität sowie Innovation muss gefördert werden, physische Umgebung muss gegeben sein)
  • personenzentrierte Prozesse (Gestaltung der Pflege, Einbezug von Werten und Überzeugungen der Bewohner à arbeiten mit Erkenntnis dieser!, Partizipative Entscheidungsfindungen, interpersonelle und zwischenmenschliche Verbundenheit, empathisches und achtsames Auftreten sowie holistische Pflege)
  • personenzentrierte Outcomes (Erfahrungen mit Pflege und Betreuung, (Zitat „die albernen Zufriedenheitsmessungen sind nämlich sinnlos!“) einbezogen sein und gesunde Unternehmenskultur herausfinden)

Auswirkungen der Umsetzung von sog. person-centered-practice findet man publiziert aus Ländern wie Großbritannien, Kanada, USA, Skandinavien und Australien. Es bewirkt grundsätzlich eine Änderung in der Art und Weise wie Pflege durchgeführt wird. Prozesse wie zum Beispiel Schmerzmanagement sind optimiert und die Mitarbeiterpartizipation an der Praxisbeteiligung lässt effektivere Zusammenarbeit feststellen. Dies führt dazu, dass die Mitarbeiterzufriedenheit erlebt wird. Patientinnen und Patienten beteiligen sich besser in Situationen und geben an, zufriedener zu sein. Mayer stellt dazu das Projekt Integratives Modell der Personenzentrierung NÖ (IMP-NÖ) vor, aus welchem ein Rahmenkonzept für alle 48 Pflege- und Betreuungszentren (PBZ) in Niederösterreich  entwickelt wurden. Mit der Pflege gemeinsam wurden sechs Grundprinzipien für die Pflege und Betreuung, die derzeit in Umsetzung sind, entwickelt. Dieses Modell hat einen Perspektivenwechsel in der Praxis gebracht und einen Rahmen für Praxisentwicklungsprozesse gestaltet.  Laut Hanna Mayer muss nicht alles in allen Häusern gleich gestaltet sein, sondern die Prinzipien sind handlungsleitend. Eine Evaluierung des Projektes soll auf Ebene der Pflegepersonen, der Bewohner und der Angehörigen stattfinden. In Aus- und Weiterbildung soll zusammen gearbeitet werden um die Schwerpunkte der Curricula zu gestalten. Das kann allerdings nicht im Schnellverfahren entwickelt werden, muss laufend umgesetzt und evaluiert werden. Es braucht Zeit.

Jana Bockholdt, MAS, (Barmherzige Schwestern Pflege GmbH) stellt sog. Betreutes Wohnen in Österreich, die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Fördermöglichkeiten sowie die Anforderungen nach Bedarfssituation vor und macht ausgewählte Bundesvergleiche (Wohnformen für ältere Menschen, 9 Bundesländer und 9 Ansätze).

Rahmenbedingungen für „betreutes Wohnen“:

  • ÖNORM CEN/TS 16118 für betreutes Wohnen als Richtschnur aber nicht verbindlich – kann das als Qualitätssiegel für die Zukunft dienen!? Auch bezüglich Förderungen wäre dies sinnvoll.
  • Es fehlt noch an einem einheitlichen Verständnis für den Begriff „betreutes Wohnen“, je nach Bundesland gibt es andere Inhalte. Wobei hier Transparenz notwendig ist um Investoren und Förderer zu gewinnen und auch für die Bevölkerung Bedarf es eine Aufklärung was „Betreuung“ genau umfasst.
  • Die Frage nach alternativen Wohnformen wird durch den Fall des Pflegeregresses derzeit gelenkt.

Zur Wohnform als eigenständige Anlage sagt Bockholdt, dass Ambient Assited Living (AAL) nicht im marktfähigen Bereich ist und in normaler Kostenstruktur derzeit auch schwer einbaubar ist. Denn: Die Technik ist da aber wer baut es ein? Was wird es kosten? Wer kann sich das leisten?! Für die Referentin stellen Kombinationsmodelle Räume für Konflikte in der Gemeinschaft dar. Mehrgenerationenwohnen braucht daher auch architektonische Abdeckung für Konfliktvermeidung. Dies bedeutet, architektonische Trennung und auch für eine Nachbelegung oder bei Neuzuzügen von Nachmietern. Bewegungsräume für alle Generationen müssen geschaffen werden.

Betreutes Wohnen im Anschluss an ein Pflegeheim bietet Vorteile (wie Sicherheit und Anschluss), das Problem ist, dass die Zielgruppe maximal 75+ ist da jüngere Menschen es nicht als attraktiv erachten direkt am Pflegeheim dran zu wohnen.  „Früher gab es deshalb sogenannte Wohn- und Pflegebetten“ (Zitat). Bockholdt bringt zum Abschluss ihres Referates auch den Vergleich der Bundesländer hinsichtlich betreutem Wohnen und der Förderungen:

  • Wien, NÖ, OÖ (Vorreiter in Österreich gewesen),
  • Burgenland (hat erst 2016 begonnen und evaluiert dieses Jahr, Förderung einkommensabhängig),
  • Steiermark (höchste Förderung und gute Transparenz),
  • Salzburg (fördert nur im gemeinnützigen Wohnbau, sonst nicht),
  • Kärnten (betreubares Wohnen als Ergänzung zum Pflegeheim aber mit eigener Struktur),
  • Tirol und Vorarlberg (330 barrierefreie und noch heimgebundene betreute Wohneinheiten vorhanden, Case Management zur Steuerung von Bedarf und Leistung).

Ihr Ausblick: jedes „betreute Wohnen“ ist anders. Was braucht es für die Zukunft? Trennung von Lebensführung und Betreuung, sowie eine Zusammenführung aller Pflegegeldleistungen zu einem Förderpaket. In der Langzeitpflege wird Lebensführung und Pflege eines Millionärs genauso gefördert wie von einem Mindestrentenbezieher, das muss laut Bockholdt geändert werden. Ebenso muss Autonomie in der Lebensführung möglich sein und je nach Einkommen muss die Lebensführungsleistung adäquat sein und selbst mit finanziert werden.

Mag. Sascha Schier und Dagmar Treitl, BA (Casa Leben im Alter GmbH), stellten Lebensformen für Jung und Alt als Modell der Zukunft vor. Nach einem kurzen Einblick in die Geschichte der Organisation wird Casa Sonnwendviertel vorgestellt. Hier leben 84 SeniorInnen und 85 Kinder. Es gibt einen Begegnungsbereich und Garten, Aktivitäten werden gemeinsam und getrennt je nach Möglichkeit geplant und durchgeführt. Patenschaften und Ausflüge sowie spontane Begegnungen passieren. Ein Fokus wurde auf die architektonische Adaptierung und den Einbau von Sensorik gelegt. Modelle der Zukunft wie eine Studentenwohngruppe sind auch angedacht: Ein gemeinsamer Eingang, gemeinsame Gartenflächen und Barrierefreiheit, gemeinsamer Aufenthaltsraum, Balkone, Türen müssen adaptiert werden damit sie auch von allen benützt werden können. Eine sogenannte „SeniorInnenkoordinatorin“ unterstützt in der Betreuungsorganisation und Organisation der Pflege, sie stellt auch eine Stabstelle zum Kindergarten dar. Herausforderungen sehen die Referenten in einem guten Miteinander. Eltern müssen das Modell für ihre Kinder wollen. Es braucht geistig aktive Seniorinnen, fachliche Fortbildungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowie eine gute Koordination und Kommunikation. Die Rücksichtnahme auf beide Parteien (Alt und Jung) muss gegeben sein.

Derzeit sind Projekte in Planung. So soll beispielsweise Anfang 2020 in Oberlaa eine neue Einrichtung in Betrieb gehen. Das „Casa Sonnwendviertel“ gibt es schon, ist aber derzeit in der Umsetzung in reduzierter Form.

Univ.-Prof. Dr. Christoph Reinprecht, (Soziologie, Universität Wien) Stellt die Studie der Universität Wien zu den Entwicklungen 2030 genauer vor. Er geht auf die ethisch-kulturellen Anforderungen sowie Erwartungen an die Pflegekraft ein. Reinprecht definiert den Begriff der ethisch-kulturell reflektierten Sorge als ideelle Grundlage in Pflege und Betreuung. Dahinter gibt es für ihn eine Reihe von Divergenzen, wie Altersbilder und Werthaltungen. Auch existieren divergierende Vorstellungen eines erfüllten Lebens sowie ein Spannungsverhältnis zwischen Autonomie und Abhängigkeiten in der Gesellschaft. Und es gibt für Reinprecht immer noch eine Persistenz von sog. Defizit-kursen. Die Gesellschaft geht weg von Disengagement-Theorien, Aktivitätsansätze ersetzen diese. Im Kontext Migration und Alter wird allerdings immer noch eine Defizitorientierung assoziiert.

Worum geht es in der Forschung der letzten Jahre?

  • Nachfrageseite
  • Bedarfslagenseite
  • Bedürfnislagen
  • Blinde flecken
  • wachsende Buntheit des Alters
  • Konstantes nicht wissen über Zusammensetzung , Lebenssituationen und Lebensführung von Menschen mit Migrationshintergrund
  • Mythen und Dramatisierung der Andersheit
  • Alltagstheorien dominieren den Diskurs

Die durchgeführte Studie soll die Zahlen und Daten der älteren Bevölkerung ausländischer Herkunft sowie deren Zukunftserwartungen und -sorgen beleuchten sowie die Herausforderungen und Erwartungen an die Pflege.

Studie: Der Einfluss der Migration auf Leistungserbringung und Inanspruchnahme von Pflege und Betreuung in Wien. Fragebogenerhebung in fünf Herkunftsgruppen in Zusammenarbeit der Universität Wien und der Magistratsabteilung 24 im Jahr 2016.

Fazit aus der Studie: Migration prägt Altersbilder und Erwartungen. Unterschiede zw. migrantischen und autochtonen Älteren sind nicht groß. Die pflegebezogenen Vorstellungen und Erwartungen der MigrantInnengruppen untereinander sind allerdings nicht homogen – die Präferenzen sind nicht eindeutig. Es gibt allgemeine professionelle Erwartungen und solche die mit individuellen Präferenzen zusammenhängen. Schlussfolgerungen aus der Studie sind für Reinprecht auch, dass Österreicherinnen und Österreicher ein monokulturelle Settings bevorzugen, während MigrantInnen die binnen-/familienorientierten-Settings bevorzugen. An die Pflege richten sich da spezielle Anforderungen und das Bedarf hoher Fachlichkeit.

Klaus Dittrich (AIT) berichtet über Unterstützungsmodelle im Bereich Assistent Living und stellt die Unterstützung im Alltag im Projekt DayGuide, die Unterstützung beim Training im Projekt CO-TRAIN und die Unterstützung bei der Wegfindung im Projekt FreeWalker vor.

In einer Diskussionsrunde zu DIALOG: individuelle Betreuung – Aber wie? Sprachen Antonia Croy (Alzheimer Austria), Mag. Gabriele Graumann (KWP Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser) und Dagmar Treitl, BA (Casa Leben) über Integration versus Segregation im Fall Demenz. Wie man „dem Menschen“ gerecht werden kann und was der Begriff „individuelle Betreuung“ für Pflegeeinrichtungen bedeutet. Ebenso stellten sie sich der Frage, ob unser Pflegesystem hinkt.

Abschließend gab Mag. Jürgen Holzinger (Verein ChronischKrank Österreich) einen Erfahrungsbericht aus seiner Perspektive zu den Problematiken hinsichtlich 24h-Betreuung. Angehörige bzw. die Betroffenen müssen sich derzeit noch selber darum kümmern, dass sie einen Beleg der 24h-Betreuung erhalten, der nachweist, dass diese den Sozialversicherungsbeitrag einzahlen. Er ging auch im Detail auf das Förderwesen und die damit zusammenhängende Problematik hinsichtlich Organisation, Zuerkennung und Aberkennung ein.

Karin Eder
Über Karin Eder 503 Artikel
Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Advanced Practice Nurse, Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Leitung Bereich Gerontologie und Validation im Ausbildungszentrum des Wiener Rotes Kreuzes GmbH.

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