I’m on Training

Sinnvolle Beschriftung oder unsinnige Schutzbehauptung

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Wenn für die einen die Urlaubszeit beginnt, ist dies für manch andere oftmals der erste Einstieg in die Arbeitswelt. Sie werden Ferialpraktikanten, studentische Hilfskräfte oder Holiday Worker genannt. Gar nicht so selten stellt ihr Einsatz überhaupt erst sicher, dass mehr arrivierte Mitarbeitende in ihren wohlverdienten Urlaub fahren können, als dies die Ausfallsquote streng genommen erlaubt. Zur Überraschung vieler: Nicht selten auch im Gesundheitswesen.

Eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie wollen ihre ersten beruflichen Erfahrungen sammeln, eintauchen in die Arbeitswelt und sich dabei die Kasse etwas aufbessern. Die Einsatzgebiete sind vielfältig und es sind nicht immer nur einfache Dienstleistungsbereiche auf die sie losgelassen werden. Um den Klienten und ihnen selbst einen ausreichenden Schutz zu bieten, werden sie beschriftet und mit den unterschiedlichsten Buttons markiert. Da prangen dann schon mal bis zu handtellergroße Hinweisschilder auf der Dienstkleidung um … ja um was eigentlich?

Wir alle haben schon unsere Erfahrungen mit ihnen gemacht. Nicht selten sind es gerade diese guten Ferial-Geister, die einen erfrischend anderen und herzlichen Charakter in das beschlagene Dienstleistungsgrau einbringen. Unbedarft geben sie ihr Bestes und zeigen dort Empathie, wo sich außerhalb des Ferienbetriebs schon längst Routinen und zertifizierte Standards den Weg gebahnt haben. Und wären sie nicht mit neongelben und orange leuchtenden Stickern beschriftet, würden wir oftmals gar nicht auf die Idee kommen, einem Beginner gegenüber zu stehen. Da stellt sich einem Dienstleistungsneurotiker wie ich einer bin, schon die Frage nach dem Zweck dieses Kennzeichnungsirrsinns. Bei genauerer Betrachtung muss dieser Markierung nämlich jeder Sinn abgesprochen werden. Den Beweis für diese These trete ich gerne an:

Versetzen wir uns zunächst in die Rolle der Kunden. Das ist leicht und darin sehen wir schnell unsere eigene Expertise. Wie gerne geben wir den kritischen, anspruchsvollen und in die Materie Eingelesenen. Umso mehr stellt sich die Frage, worin für uns als Klient der Vorteil zu sehen ist, dass unser Gegenüber als „Aushilfsjobber“ gekennzeichnet ist? Wenn wir als Kunden schon solche Fachgrößen sind, würde sich dann nicht eher die Möglichkeit eines interessanten Austausches anbieten? Die wenigsten Dienstleistungen rangieren nämlich auf dem Niveau der Raketenwissenschaft. Und dann sogar die Überraschung: Da brillieren nicht selten genau diese Ferial-Jobber mit der Wohltat einschlägigen Wissens und der Fähigkeit dieses verständlich zu transportieren.

Gewiss es ist auch bisweilen so, dass bei Aspiranten und Urlaubs-Aushilfen inhaltliche Lücken bestehen. Die lassen sich aber entweder durch ein gutes Gespräch lösen oder erstaunlich einfach durch den Beistand avancierter Kollegen. Und da wünsche ich uns dann nochmals viel Glück. Denn auf eine echte fachliche Kanone zu treffen, ist im Dienstleistungsmetier schon mal einer homöopathischen Verdünnung gleichzusetzen.

Bleibt die Begegnungsqualität. Da kann ich beruhigen: Die Kulturleistung des wertschätzenden Miteinanders kann getrost unabhängig von Urlaubskalender, Alter und Erfahrung gesehen werden.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass uns langsam die Argumente ausgehen? Oder handelt es sich bei den Ferial-Beschriftungen gar um einen Appell an uns Klienten: „Führe Dich bitte ausnahmsweise nicht wie der Poloch auf der Du sonst bist!“ Eine denkbar traurige Veranlassung, finden Sie nicht?

Bleibt noch der Blickwinkel des Volontärs. Versetzen wir uns doch in die (ferial-)praktizierende Rolle und stellen wir uns ganz kritisch die Frage, ob wir selbst gerne, gekennzeichnet wie tropisches Obst, unserer Aufgabe nachgehen würden. Ich frage mich um alles in der Welt, worin der Sinn einer solchen Maßnahme besteht. Oder ist es gar die subtile Botschaft an uns selbst: „Schont mich bitte denn ich habe keine Ahnung!“ oder „Seid nett zu mir weil mir jegliche Erfahrung fehlt!“, noch schlimmer: „Ich bin neu und deshalb habe ich das Recht darauf keine Ahnung zu haben!“ Dann handelt es sich bei den „Learning-Buttons“ um eine unsinnige Schutzbehauptung und den erbärmlichen Versuch sich mit einer billigen Ausrede aus dem Dienstleistungsstaub zu machen. Aber so einfach wollen wir es uns dann doch nicht machen. So einfach können wir es niemandem machen!

Ich gestehe, ich bin auch kein Freund der Fahrschul-Beschriftung. In einem streitbaren Gespräch hat mir kürzlich mein Gegenüber gestanden, es würde Fahrschulautos mit besonderer Vorsichtig und ungewöhnlich großem Abstand begegnen. Meine Nachfrage, ob es nicht generell sinnvoll wäre, anderen Verkehrsteilnehmern mit der gebotenen Rücksicht zu begegnen, erntete nur verständnisloses Kopfschütteln und blieb unbeantwortet. Und spätestens dann, wenn wir die Beispiele zuspitzen, müssen wir zugeben, dass wir uns ertappt fühlen. Auch ich stelle da keine Ausnahme dar.

Aber was bleibt dann noch übrig an Kriterien? Viel ist es nicht. Möglicherweise der Aspekt des Lernens? Wir beschriften also nicht Newcomer, Ferial-Jobber und Greenhorns sondern Lernende. Ein besonders schönes Bild, denn dann ergäbe sich in Anbetracht der Notwendigkeit des lebenslangen Lernbedarfes, eine ganz andere Sichtweise: Dann wären die Arrivierten und Erfahrenen unter uns eingeladen, immer dann den On-Training-Button anzustecken, wenn sie Gefahr laufen in der Routine zu versinken. Gar kein schlechtes Bild. Stellen wir uns das einmal vor: Erfahrene Dienstleister und Experten stecken sich selbstkritisch den Greenhorn-Sticker an die Dienstkleidung. Zum einen um zu zeigen, dass wir immer Lernende bleiben und zum anderen um die Ferial-Jobber endlich von ihrer Bürde zu befreien. Vielleicht sollten wir dazu sogar einen besonderen Tag ins Leben rufen. Den Tag des lebenslangen Lernens. Nachdem es aber ohnehin schon mehr Anlässe gibt, als das Jahr Tage anzubieten hat und Lernen nicht auf einen Tag beschränkt sein sollte, könnten wir daraus ein Ganzjahresprogramm machen. Oder wir lassen das mit den Buttons überhaupt bleiben.

Christoph Zulehner
Über Christoph Zulehner 8 Artikel
Speaker und Strategieberater, Autor mehrerer Managementfachbücher, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschafter, Diplomkaufmann für Betriebswirtschaftslehre in Gesundheitsunternehmen, Gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Management von Gesundheitseinrichtungen, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger

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