Ich möchte lieber nicht

„Suche nach dem Ausgleich“

Selten hat die Lektüre eines Buchs mehr durch ein Wechselbad der Gefühle geführt. Selten hat die Lektüre eines Buchs zwischen Zustimmung und Ablehnung geschwankt. Mit dem Buch „Ich möchte lieber nicht“ hat die Journalistin Juliane Marie Schreiber einen Punkt setzen wollen – gegen den Terror des Positiven, wie sie es schreibt.

Was ist denn eigentlich der Terror des Positiven? Schreiber beschreibt vieles, was den Terror des Positiven ausmacht. Es geht ihr um eine Positionierung gegen die positive Psychologie. Sie wehrt sich gegen die Betonung des Glücks im Alltag. Sie zeigt Widerstand gegen den ständigen Optimismus, den sie wahrnimmt. Positives Denken gehe ihr nicht nur auf den Wecker, „es führt auch dazu, dass wir egoistisch werden und glauben, jeder hat sein Schicksal selbst verdient“ (S. 10).

Dass Schreiber mit dem Buch quasi einen wunden Punkt in der Gesellschaft trifft, davon ist auszugehen. Sie hat sicher recht damit, dem Dauer-Optimismus in der zeitgenössischen Gesellschaft die rote Karte zu zeigen. Doch kommt bei der Lektüre des Buchs der Gedanke auf, ob es nicht ausgereicht hätte, die gelbe Karte zu zeigen. Denn dem Optimismus setzt Schreiber den Pessimismus entgegen, dem Positiven setzt sie das Negative gegenüber. Dabei kommt eher der Gedanke auf, dass die Balance zwischen den Polen das eigentlich Sympathische sein könnte.

Die Zuspitzung kommt an Grenzen, wenn es um seelische Erkrankungen geht. Während Schreiber über depressive und manische Erfahrungen schreibt, so drängt sich der Eindruck in den Vordergrund, dass es eher um theoretische Überlegungen zu schwierigen menschlichen Erfahrungen geht. Wenn Schreiber unterstellt, positive Psychologen wollten alle negativen Gemütszustände eliminieren, dann wird sie diesen Praktiker_innen sicher nicht gerecht. Denn sucht man das Gespräch mit vielen Protagonist_innen der positiven Psychologie, so betonen sie in der Mehrheit, dass sie beispielsweise Humor und Heiterkeit nutzen, um Gesprächsebenen mit Menschen zu eröffnen, die existentielle Erfahrungen im Leben machen. Die positive Grundhaltung fungiert dann als Türöffner zu Gesprächen, die dann unweigerlich zur Auseinandersetzung mit schwierigen Themen führt.

Nachvollziehbar erscheint die Kritik Schreibers unter anderem bei dem Blick auf die Coachifizierung der zeitgenössischen Gesellschaft. Wo Autonomie und Individualität betont werden, dort machen sich Menschen von Coaches und Psychotherapeut_innen geradezu abhängig. Sie scheinen nicht den Mut zu haben, sich auf das eine oder andere Glatteis des Alltags wagen zu wollen. Sicherheitsgriffe statt Stolperfallen scheint eines der Motti der zeitgenössischen Menschen zu lauten. Da macht Schreibers Weckruf auch Sinn, um wieder mehr den Weg zu sich selbst zu finden.

Ein amüsiertes Lächeln ist die folgerichtige Reaktion der Leser_innen auf Schreibers Nachdenken zu „Schöner schimpfen“. Scheinbar aus eigener Erfahrung spitzt sie zu: „Nach einer anständigen Hasstirade fühlt man sich um einiges besser als nach der Lektüre eines esoterischen Selbsthilfebuchs …“ (S. 111). Fluchen und Schimpfen sind in den Augen Schreibers „die Sprache von Leben und Tod“ (S. 112). Wer meckere, zürne und fluche, der rebbeliere gegen den Zwang, sich ständig zu verstellen.

Dem Buch „Ich möchte lieber nicht“ können sich die Leser_innen kaum entziehen. Schreiber schafft es, viel in den Alltag der Menschen zu schauen. Bei der Rigorosität mögen viele nicht mitgehen, allzu sehr sucht sie das Negative. Gut so, umso erfrischender ist die eigene Suche nach dem Ausgleich, nach der Balance.

 

produkt 10007735 webJuliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht – Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven, Piper Verlag, München 2022, ISBN 978-3-492-06284-8, 206 Seiten, 16 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at